Kapitel 16

Die junge Frau hatte keine Ahnung, wie nah sie dem Tod gekommen war. Beinahe hätte er sie getötet. Es hatte ihn außerordentlich viel Energie gekostet, sie nicht zu leeren, aufzuhören, ehe er satt war. Ihre Arme zu spüren, während sie ihm ihr Leben darbot, hatte seine Beherrschung gestärkt. Auch das Entsetzen, das er in ihr fühlte. Um ihm zu helfen hatte sie die Angst bekämpft, die sie durchdrang, mit außerordentlicher Entschlossenheit und mit einem durch und durch disziplinierten Geist. Ihr Mut hatte ihn so gerührt, daß er in der Lage gewesen war, sie vor ihm selbst zu retten.

Er war verhungert und ausgedörrt gewesen. Schwach und fast irrsinnig vor Schmerz und Wut. Was er noch an Kraft übrig gehabt hatte, hatte er in die Aufrechterhaltung des eigenen Trugbildes gesteckt, das ihn normal und zuverlässig erscheinen ließ, obschon er in jenem Moment nichts davon gewesen war. Als sie vor seinem Käfig aufgetaucht war und ihre Worte durch eine brennende Hölle der Agonie zu ihm gedrungen waren, hatte er gewußt, sie war die einzige Chance, die er bekommen würde. Er war nicht unsterblich, nur schwer umzubringen.

Die Lage, in der er sich befunden hatte, war eine der schlimmsten gewesen, in die er je geraten war. Kugeln konnten ihn nicht töten, doch man konnte ihn damit verletzen, selbst wenn seine Selbstheilungskräfte unendlich viel größer waren als die von Menschen. Man mußte ihn nur lange genug außer Gefecht setzen, bis man ihn in Kalteisen bannen konnte, und schon hatte man ihn erjagt wie Beute auf einer Hatz.

Sie hatten ihn lebend haben wollen, sonst wäre er schon tot. Sie hatten nicht ausgesehen, als gehörten sie der Bruderschaft des Lichts an. Doch wer sonst würde einen lebenden Sí einfangen wollen? Warum? Aus akademischem Interesse? Wie Wissenschaftler hatten sie auch nicht ausgesehen.

Sie hatten gewirkt wie Soldaten in Zivil. Entschlossen, engstirnig, konsequent und brutal. Sein Erstaunen über das, was er in dem Speisezimmer vorgefunden hatte, hatte ihn zu langsam reagieren lassen. Er hatte von Sandling erwartet, nicht eine Herrengesellschaft. Er hatte die starke Ausstrahlung mehrerer Schutzamulette gefühlt. Daraufhin hätte er sofort reagieren müssen. Amulette, die einen gegen Fey-Zauber oder andere arkane Manipulationen schützten, waren kostbar und sehr selten. Eine ganze Gruppe mit solchen Amuletten ausgestattet zu finden konnte nur Gefahr bedeuten.

Leutnant Asko von Orven unter ihnen zu entdecken hatte ihn verwirrt. Er hatte den Gedanken, was das bedeuten mochte, noch nicht beendet gehabt, als die ersten beiden Schüsse ihn trafen. Fast hätte er den Schützen erreicht und zerrissen, doch der dritte Schuß traf ihn ins Herz. Der Schmerz war unerträglich gewesen.

Ein Mensch wäre daran gestorben. Ein Mensch hätte auch nicht den Kampf aufnehmen können, nachdem man ihm zweimal in die Lunge geschossen hatte. Doch er war kein Mensch, und das Herz war ein Muskel, und Muskeln konnten heilen.

Von Orven hatte das gewußt. Arpad hatte ihm genau das gesagt, als sie ein halbes Jahr zuvor auf der gleichen Seite gestanden hatten, im Kampf gegen eine Gefahr, die die Welt zu zerstören drohte. Damals hatte er dem Leutnant das Leben gerettet.

Das hätte er lassen sollen. Im Fallen hatte er sich umgedreht, und von Orven hatte eine Schußwaffe in der Hand gehalten. Es mußte seine Kugel gewesen sein, die ihn ins Herz getroffen hatte. Sicher war er nicht, aber doch sicher genug.

Das nächste Mal würde er das Leben des Mannes nicht schonen. Er würde sein Blut trinken und nicht damit aufhören, bis sein Verräterherz aufhörte zu schlagen.

Er wußte, wie wenig der Mann die Fey mochte. Nein, nicht mögen war kein ausreichend starkes Wort. Er haßte sie, verabscheute sie. Der Vampir erinnerte sich noch genau, wie der Mann schon damals seine Pistole gegen ihn gerichtet hatte. Es war die hübsche Corrisande gewesen, die sich in die Schußlinie gestellt hatte.

In dieser Nacht hatte sie in dieser Funktion gefehlt, und von Orven hatte endlich tun können, worauf er schon so lange wartete.

Was nun? Wer waren diese Männer? Es war Nacht, und die Nacht war seine Heimat. Er sah im Dunkeln so gut wie ein Mensch bei hellem Tageslicht. Er war ein Nachtwesen. Licht blendete ihn. Er zerfiel zwar nicht zu Staub, wenn er Sonnenlicht ausgesetzt war, aber er wurde blind, fühlte sich energielos, und seine Haut erlitt Verbrennungen.

Doch noch war Nacht. Er bezweifelte nicht, daß er die Jäger bezwingen konnte, wenn sie seine Flucht bemerkten und ihn suchten. Sie konnten nicht genug sehen, um eine Gefahr darzustellen. Wenn nicht einer von ihnen ein wirklich guter Meister des Arkanen war, würden sie Schwierigkeiten haben, ihn auszumachen oder ihn zu verfolgen. Das erste Mal hatten sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gehabt. Nun nicht mehr.

Es gab keinen Grund, überstürzt zu flüchten, und er hatte auch nicht vor, ihnen sein Pferd zu überlassen, das er so akribisch auf seine Bedürfnisse trainiert hatte. Pferde sahen bei Nacht besser als Menschen, aber nicht gut genug. Die Stute hatte gelernt, sich seiner Führung zu unterwerfen. Sie nutzte seine Wahrnehmung, um ihre Schritte zu setzen. Dafür hatte er ihr absolutes Vertrauen erringen müssen, doch nun bewegte sie sich, als könne sie so gut sehen wie er. Er wollte sie nicht zurücklassen.

Vielleicht war der Stall bewacht. Dann würde er sich einen Nachtisch genehmigen. Der Kellerposten hatte ihm viel Kraft wiedergegeben. Doch nach dem enormen Blutverlust war er immer noch heißhungrig. Dennoch war er für den Bewußtlosen dankbar. Sein Blut hatte seinem hungergetriebenen Gemüt wieder Vernunft und Verstand gegeben. Doch daß er vernünftig war, hieß nicht, daß er satt war. Dennoch war der Bewußtlose ein Geschenk gewesen. Vor dem Genuß seines Blutes war er nicht sicher gewesen, ob er das Mädchen in seiner raubgierigen Not nicht doch noch anfallen würde. Ihr Blut schmeckte frisch und jung, ihre Haut war zart und weich. Sein Körper sehnte sich danach, zu ihr zurückzukehren, um ihre Süße zur Gänze zu kosten. Seine Erregung und sein Trieb konnten ihn weit jenseits jeder Vernunft katapultieren, wenn sie zu stark und somit unbeherrschbar wurden.

Das hatte sie nicht gewußt, sonst hätte sie dies nicht für ihn getan. Eine eindrucksvolle Geste, ihn in die Arme zu nehmen und zu ihrem Hals zu führen in dem Wissen, daß er ihr Blut trinken würde und sie ihn nicht aufhalten konnte. Er war so schwach gewesen, daß er sie nicht einmal mit seinem Zauber länger als einige Sekunden hätte völlig dominieren können. Nur ihren Schmerz hatte er weitgehend lindern können, und nach einiger Zeit hatte er versucht, ihr sinnlichen Genuß zu vermitteln. Nur war es ihm nicht gelungen. Normalerweise gelang es ihm immer. Er mochte es, Frauen Genuß zu bereiten. Er war gut darin. Doch die Frauen, die er sonst mit seinen Gedanken liebkoste, während er von ihnen trank, merkten nie, wie er mit ihrem Geist ihren Körper manipulierte. Sie fühlten nur das Sehnen und das Wollen und erinnerten sich nicht, was er mit ihnen oder was sie mit ihm getan hatten. Dieses Mädchen hatte sein Wirken bemerkt, und erinnern würde sie sich auch.

Sie hatte es nicht für ihn getan. Das wußte er. Sie hatte es für ihr eigenes Ehrgefühl getan und für den Dryas, der ihr Freund gewesen war. Egal –sie hatte es getan. Sie hatte ihn genährt und war wundervoll gewesen. Schön war sie nicht, doch ihr Gesicht wäre attraktiv gewesen, hätte es nicht der Bluterguß verunstaltet. Sie hatte ernste Augen und einen weichen, kußfreundlichen Mund. Sie brauchte eine bessere Kammerzofe. Ihr Hauskleid stand ihr nicht, und die Reste ihrer Frisur waren unmodern. Doch ihre Figur war bewundernswert, anschmiegsam und einladend. Er hatte ihren Leib unter seinem beben gespürt. Ihre Brüste waren groß und weich, ihre Muskeln fest und straff. Zu einer anderen Zeit hätte sie ihn sehr stimuliert.

Müßige Gedanken. Wie weiter? Er mußte in Sicherheit sein, ehe der Tag anbrach. Er konnte losreiten und sich Logis auf dem Weg suchen, in der Hoffnung, die Männer würden ihn nicht verfolgen, um ihn zu fangen, wenn er empfindlich und wehrlos war. Oder er konnte sich im Gebirge verstecken. Es war voller Höhlen und Salzbergwerke. Vom Toten Gebirge bis zum Dachstein-Massiv mit seinem Gletscher alles löchriger Kalkstein. Ausreichend Verstecke für einen Mann, der im Dunkeln sah.

Von Sandlings Schlößchen lag hoch am Berg, der dieses Tal vom nächsten See, dem Grundlsee, trennte. Je schneller er verschwand, desto besser. Er konnte sogar nach Norden reiten, und wenn er sich beeilte, würde er am nächsten oder übernächsten Tag Ischl erreichen. Cérise wartete auf ihn. Seine wunderbare, geliebte Cérise.

Doch er fand es schwierig zu gehen. Sie würden seine Abwesenheit bemerken. Dann würden sie den Schuldigen suchen. Er bezweifelte nicht, daß Charlottes Rolle bei seinem Verschwinden rasch entdeckt werden würde. Vielleicht würden sie sie für den Tod ihres Mitstreiters verantwortlich machen.

Sie hatte ihr Leben riskiert. Sein Verantwortungsgefühl war nicht außerordentlich ausgeprägt, doch er fühlte, daß er ihr etwas schuldig war. Konnte er verschwinden und sie ihrem Schicksal überlassen? Sie würden ihr wehtun. Jäger, denen man die Beute vor der Nase wegschnappte, würden ihren primitiven Instinkten freien Lauf lassen. Er kannte die Männer. Jahrhundertelang hatte er sie studiert, in verschiedenen Kulturen, unter verschiedenen Bedingungen und als Angehörige der verschiedensten Glaubensrichtungen. Der kultivierte Ehrenmann, der sich einem strikten Benimmkodex unterwarf, besaß nur eine dünne Lackschicht. Kratzte man daran, fand man wieder den prähistorischen Höhlenmenschen, der das Recht des Siegers für sich in Anspruch nahm jedem Weibchen gegenüber, das er für sich haben wollte oder das sich seinem Willen widersetzte.

Sie hatte Angst gehabt, doch Bleiben und mit ihm Gehen hatten sie gleichermaßen erschreckt. Sie war kein zartes Blümlein, das jedem Streit aus dem Wege ging. Sie würde kämpfen und verlieren. Nur was? Vielleicht nicht ihr Leben. Eventuell aber ihre Unschuld.

Doch letztere wurde überschätzt. Er zog erfahrene Liebhaberinnen vor, die wußten, was sie taten. Allerdings hatte Notzucht mit Spaß nichts gemein. Doch wer war er, Angriffe auf hilflose Frauen zu verurteilen? Er verging sich laufend an Frauen wie an Männern. Dessen ungeachtet war das nicht das Gleiche. Er mußte sie nur mit seinem Zauber stimulieren. Dann fielen Normen, Skrupel und Ängste von ihnen ab. Seine Opfer waren erbötige Mittäter. Sie gaben sich ihm in gewisser Weise aus eigenem Antrieb und freudig. Sie mochten, was er tat, auch wenn sie einer formellen Einladung kaum Folge geleistet hätten. Gewalt war unschön – und überflüssig.

Er hatte die Stallung erreicht. Kein Wachmann. Sie fühlten sich sicher, glaubten nicht, daß jemand sie stören würde.

Sein Pferd stand noch da, wo der Stallknecht es untergebracht hatte. Der Sattel lag über der Bank. Er würde sein Pferd satteln und davonreiten. Er war Gast in diesem Haus gewesen, und man hatte ihn verraten. Er schuldete Verrätern nichts.

Oder doch? Cérise würde sich Sorgen machen, wenn er noch länger ausblieb. Er vermißte sie. Er vergötterte sie. Sie wartete.

Er sattelte die Stute und führte sie aus dem Stall. Die Huftritte hallten durch die Nacht. Das menschliche Gehör mochte seinem nicht gleichkommen, doch es war möglich, daß sie ihn hörten. Er mußte sich beeilen. Er stieg auf und ritt zum Tor.

Bald würde er in Cérises Armen liegen. Vorfreude glomm durch seinen Körper.