Kapitel 9

Bisher war die Reise anstrengend gewesen. Bald würde es dunkel werden. Der Kutscher hatte die Pferde den ganzen Tag mit gleichbleibender Geschwindigkeit dem Ziel entgegengelenkt, so schnell, wie es durch die Berge eben ging. Sehr langsam manchmal, wenn die holprigen Straßen selbst für vier Zugtiere allzu steil wurden. Immerhin mußten sie fünf Menschen mit viel zuviel Gepäck transportieren. Das meiste davon gehörte der Sängerin, die es offenbar für nötig befunden hatte, den halben Haushalt einzupacken. Corrisande musterte ihre Reisegefährtinnen aus halbgeschlossenen Augen.

Marie-Jeannette, ihre Zofe, wirkte teilnahmslos und übellaunig. Sie konnte nicht verstehen, warum sie Ischl verlassen mußten, um noch weiter in die Berge vorzudringen und dort noch unkomfortabler abzusteigen als in Ischl, und der Gedanke, sich nun um drei Damen kümmern zu müssen anstatt um eine, bereitete ihr auch keine Freude. Zudem fühlte sie sich ausgegrenzt, denn man hatte ihr wenig erklärt, auch wußte sie nicht so recht, was geschah. Corrisande war ihr mehr als nur Arbeitgeberin, fast so etwas wie eine Freundin. Dennoch gab es Dinge, die Corrisande niemandem – auch nicht ihrer Zofe – erzählte, und das waren alles Dinge, die mit dem Fey-Element in ihrem Leben und dem der anderen Damen zu tun hatten.

Cérise sah verunsichert und verärgert aus. Sie war für eine Reise in die Berge zu elegant gekleidet, und ihr festgefrorenes Lächeln verriet, daß sie eisern bemüht war, mit einer Situation umzugehen, die ihr nicht behagte. Sie wirkte in der Tat, als sei sie nur einen Herzschlag von einer lauten, hysterischen Szene entfernt, doch zu stolz, um ihrem Bedürfnis danach nachzugeben. Ab und zu warf sie der vierten Reisenden einen verstohlenen Blick zu, der voller Fragen war, die sie dann aber doch nicht stellte.

Die vierte Reisende hatte Corrisande zunächst beunruhigt. Als Corrisande und Cérise von ihrem Frühstück aufstanden, war sie noch mit keinem Wort erwähnt gewesen, und es hatte keinesfalls den Anschein, daß die Dame eine enge Vertraute der Sängerin war. Warum war sie mitgekommen? Corrisande hatte sich gegen ihr Beisein nicht gewehrt, hatte sich darauf verlassen, daß Cérise wußte, was sie tat, doch sie hatte eine Weile gebraucht, um die losen Gedanken in ihrem Kopf zu einem logischen Ganzen zusammenzuspinnen. Die mögliche Erklärung war interessant.

Die Ähnlichkeit der beiden Frauen in Ausstrahlung und Aussehen war zu groß, um übersehen zu werden. Frau Treynstern war um die fünfundzwanzig Jahre älter als Cérise, doch wie die Sängerin besaß auch sie ebenmäßige, klassische Züge und eine Ausdrucksstärke, die sie sehr gewinnend machte. Sie schien auch eine intelligente, unabhängige Frau zu sein. Cérise hatte sie als Freundin vorgestellt, die bei der Suche nach Graf Arpad helfen würde.

Der Feyon war vermutlich sehr viel älter, als er aussah. Warum sollte er nicht irgendwann der Freund und Geliebte Frau Sophie Treynsterns gewesen sein? Wahrscheinlich hatte er fünfundzwanzig Jahre zuvor ebensogut ausgesehen und unwiderstehlich gewirkt wie heute: charmant, verführerisch, berauschend und voller Geheimnisse. Corrisande begriff die grüblerischen Blicke, die die Sängerin ihrer Reisebegleitung zuwarf. In ihr sah sie nicht nur die Vergangenheit ihres Liebsten, sondern auch ihre eigene Zukunft. Es mußte eine verunsichernde Erfahrung sein.

Corrisande mochte den Grafen. Sie verstand seine Anziehungskraft, und obgleich sie nicht ihr Herz an ihn verlor, weil sie es längst und ausschließlich Philip geschenkt hatte, spürte sie doch, daß es schwierig sein mußte, ihm zu widerstehen, wenn er wünschte, daß man ihn liebte. Er konnte auf subtile, charmante Weise schlichtweg überwältigend sein, vermutlich in jedem Wortsinne.

So war die Stimmung in der Kutsche leicht explosiv. Das wilde Hin- und Herruckeln auf den rauhen Bergstraßen, die sie mit größtmöglicher Geschwindigkeit bereisten, machte die Fahrt für alle unbequem und verhinderte gemütliche Gespräche. Doch die Stille hatte noch einen anderen Grund. Marie-Jeannette wußte nicht, daß Arpad ein Feyon war. Er hatte dem Mädchen die Erinnerung daran genommen, so wie er das fast immer und bei fast jedem tat, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Also konnte man über ihn nicht sprechen. Corrisande war mit Cérises einstigem Liebhaber verheiratet, und Cérise saß neben der einstigen Liebsten ihres jetzigen Geliebten. Corrisande mußte ein Kichern unterdrücken, als ihr die kuriose, gänzlich unmögliche Ereigniskette klar wurde, die sie alle zusammengeführt hatte.

Doch das war das einzige Mal gewesen, daß sie sich nach Lachen gefühlt hatte. Die schlingernde Kutsche ließ Übelkeit in ihr aufsteigen, und sie hatte Angst, daß ihr gegenwärtiger Zustand sie tatsächlich bei der wichtigen Aufgabe behindern würde, die sie sich vorgenommen hatten.

Sie war erschöpft, doch sie wollte nicht daran schuld sein, wenn die Reise aufgrund ihrer Schwäche länger dauern würde als gewünscht. Bald würden sie in Aussee sein. Wahrscheinlich würden sie es nicht weiter bis nach Grundlsee schaffen, hatte der Kutscher gesagt. Sie würden ihn sehr gut bezahlen müssen, damit er durch die Dunkelheit fuhr.

„Fühlen Sie sich nicht gut?“ fragte Frau Treynstern und sah sie besorgt an. „Mrs. Fairchild, Sie sind außerordentlich bleich.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Es geht mir gut, Frau Treynstern. Gut genug, um weiterzureisen. Ich bin nur etwas reisekrank, doch ich würde dennoch lieber weiterfahren, anstatt Rast zu machen. Noch eine Pause würde uns einen Tag kosten.“

Cérise sah sie zweifelnd an.

„Corrisande, Sie müssen auch Ihren Zustand bedenken. Wenn es aufgrund einer zu beschwerlichen Reise zu üblen Folgen käme, würde Delacroix vermutlich jeden von uns eigenhändig erwürgen, weil wir zugelassen haben, daß Sie sich überanstrengen, und mit mir würde er anfangen.“

Frau Treynsterns Brauen zuckten nach oben. Offenbar hatte sie sofort verstanden, welches „Leiden“ Corrisande behinderte, und Marie-Jeannette wußte es ohnehin. Einer Zofe entging so etwas nicht.

Alle drei Frauen blickten sie an, und Corrisande fühlte sich etwas unwohl ob soviel Aufmerksamkeit. Sie wollte nicht, daß man auf ihre Schwangerschaft hinwies. Wenn möglich, wollte sie nicht einmal selbst daran denken, und im Moment gab es wichtigere Dinge.

Trotzdem konnte sie es nicht ignorieren, und sei es nur, weil sie in ihrem ganzen Leben noch nicht reisekrank gewesen war. Auf diese Erweiterung ihres Erfahrungshorizontes hätte sie gern verzichtet.

„Wer ist Delacroix?“ fragte Frau Treynstern. „Oder ist das ein Geheimnis?“

Cérise sah Corrisande an, ihre Blicke trafen sich, und beide erröteten. Corrisande erläuterte: „Delacroix war das Pseudonym meines Mannes, Philip Fairchild. Unter diesem Namen ist er früher gereist. Mlle. Denglot kannte ihn damals.“

Cérise lächelte.

„Ich habe ihn nie anders genannt. Für mich wird er immer Delacroix sein, der Draufgänger.“

Sophie Treynstern blickte nun ihrerseits von einer Dame zur nächsten, und ihre Mundwinkel zuckten verräterisch.

„Ah“, sagte sie, und diese Silbe verriet, daß sie eventuell mehr verstanden hatte, als gesagt worden war. „Doch nun ist er nicht mehr Delacroix, der Draufgänger, sondern Philip, der Ehemann und demnächst Vater?“

Corrisande errötete noch tiefer. Es klang fremd in ihren Ohren. Philip, der Vater. Sie fragte sich, was für einen Vater ihr leidenschaftlicher Mann wohl abgeben würde. Höchstwahrscheinlich einen guten. Er war aufmerksam und entschlossen, und er war jemand, der seine Pflichten ernst nahm. Was er in seiner eigenen Kindheit vermißt hatte, würde er versuchen, ihrem Kind zu geben.

„Ja“, antwortete sie. „Er wird ein guter Vater sein. Er ist ein außergewöhnlicher Mann.“

Cérise ließ sich zu einem undamenhaften Zischen hinreißen. Ein Mundwinkel zeigte nach oben, der andere zog sich herab.

„Das kann man wohl sagen.“

Sophie Treynsterns Lächeln vertiefte sich.

„Dann freue ich mich darauf, ihn kennenzulernen.“

Cérises und ihr Blick trafen sich, und nun lächelten beide.

„Sie werden ihn mögen, Frau Treynstern“, sagte Cérise. „Ich bin sicher, Sie mögen das Ungewöhnliche, und wenn er etwas ist, dann ist es ungewöhnlich.“

Schweigen senkte sich über die Reisenden, und der Wagen rumpelte weiter, schwankte mal in die eine, mal in die andere Richtung. Eine Weile sagte niemand etwas; alle konzentrierten sich darauf, nicht allzusehr hin und her geworfen zu werden.

Corrisande schloß die Augen. Sie würde dies aushalten. Sie würde ihrer Übelkeit nicht nachgeben. Wenn sie nur ein wenig schlafen könnte, hier in der Kutsche. Sie war so müde. Ihre Abgespanntheit laugte sie aus. Ihre Lider waren wie aus Stein. Selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie sie nicht öffnen können. Das Gewicht ihrer Erschöpfung drückte sie nieder. Es war ihr, als flösse selbst ihr Blut langsamer durch ihre Adern, summe in ihren Ohren und überdecke nach und nach alle anderen Geräusche.

Sie spürte geradezu, wie der Schlaf sie durch das Rumpeln der Kutsche übermannte. Sie wehrte sich nicht, hieß ihn willkommen wie einen Freund. Der Schlummer der Erschöpfung fiel über ihre Augen, sank in sie hinein, und Momente später verschwand das Wackeln und Schlingern der Kutsche hinter einem schwarzen Vorhang von traumgebundenem Chaos.

Die Geräusche, die ihre Ohren erreichten, verwandelten sich in andere Laute, und die unregelmäßigen Bewegungen ließen sie einen finsteren Gang entlanglaufen. Sie war wieder im Berg und suchte Philip. Sie sah ihn gerade noch, wie er hinunterkletterte, tiefer und tiefer, eine große, dunkle Gestalt zwischen den unruhigen Schatten von Salz und Stein. Sie lief, versuchte, ihn zu erreichen, doch sie konnte mit seinen langen Beinen und seiner überlegenen Kraft und Ausdauer nicht mithalten. Da stolperte er und fiel, glitt ganz langsam in den schwarzen Abgrund, aus dem er nie wiederkommen würde. So langsam fiel er, fiel und fiel immer noch und war doch noch beinahe greifbar nah, daß sie ihn sinken sehen konnte; ihr Blick hielt ihn noch immer, während ihr Arm ihn nicht mehr erreichte. Sie hastete, huschte und jagte über den unebenen Höhlenboden, und mit einem Mal war ein See zwischen ihm und ihr, ein schimmerndes, unterirdisches Gewässer, in das Wasserfälle aus dem Nichts stürzten. Sie hörte das Brausen des Wassers, das Tröpfeln von Tropfen, das Gurgeln von eiligen Sturzbächen.

Sie tauchte ins Wasser und hörte ihr Kind in ihr schreien vor Kälte. Wie ein Schwert aus Eis durchbohrte sie die Kälte, zerriß sie und attackierte ihr Kind, und es gab nichts, das sie tun konnte. Sie verging, verrann, zerlief in der finsteren Gischt, verlor nach und nach alles, was an ihr menschlich war und war zuletzt nichts als Wasser. Sie hörte Philip rufen. Er schrie ihren Namen.

„Corrisande? Corrisande!“

Cérise schüttelte sie am Arm.

„Wachen Sie auf! Geht es Ihnen gut? Sie haben im Schlaf gejammert.“

Sie schreckte hoch, versuchte, sich zu sammeln. In ihren Ohren gellte noch sein Ruf, ihr Name, den dann doch Cérise gesagt hatte.

„Ich hatte einen Alptraum“, murmelte sie. „Ich war wieder in der Höhle. Oh du lieber Gott ...“

Sie merkte, daß ihr Tränen die Wangen herabrannen. Sie hatte im Schlaf geweint wie ein Kind.

„Was haben Sie geträumt? Kann es uns helfen?“ fragte Frau Treynstern.

Corrisande angelte ein Taschentuch aus ihrem Pompadour und wischte sich das Gesicht ab. Wie unangenehm.

„Ich weiß nicht. Wir waren beide in der Höhle. Ich versuchte, ihn zu erreichen. Doch er fiel, und ich mußte ihm hinterherschwimmen und ... habe mich im Wasser aufgelöst. Ich hörte ihn nach mir rufen.“

Sie rang um Fassung und spürte, daß Frau Treynstern ihr die Hand hielt.

„Beruhigen Sie sich doch. Wir können die Träume nicht deuten. Aber Sie können sich nicht in Wasser auflösen.“

Doch. Es war nicht viel von einer Nixe in ihr, doch es reichte, sie in eine Wasserkreatur zu verwandeln. Das wußte sie, seit sie in München durch einen nahezu gefrorenen Bach geschwommen war. Sie hatte überlebt, weil sie Wasser geatmet hatte. Sie hatte nicht gewußt, daß sie das konnte, doch seither war ihr klar, daß sie sich im Wasser verlieren, all die Erinnerungen an eine trockene Welt außerhalb des Wassers einbüßen konnte. Das Wasser aber bot ihr nichts, was sie wollte, denn sie würde allein sein. Ohne Philip.

„Wer weiß“, sagte sie nur, wollte nicht über ihre Andersartigkeit sprechen, wollte nicht einmal selbst darüber nachdenken.

„Wissen Sie“, Cérise Denglot versuchte eine Erklärung, ohne ihr Geheimnis preiszugeben, „Mrs. Fairchild ist vor einem halben Jahr fast ertrunken. Delacroix hat sie gerettet. Doch sie hat sich außerordentlich schnell davon erholt, nicht wahr, Corrisande?“

Cérises Lächeln war voller geheimer Andeutungen und süßer Bosheit. Corrisande wußte, worauf sie anspielte. Im Morgengrauen hatte Philip sie mehr tot als lebendig in ihr Zimmer getragen. Sie war in seinen Armen wieder zum Leben erwacht, und noch ehe die Sonne ganz aufgegangen war – und bevor ein Priester ihren Eheschwur gesegnet hatte –, hatte sie sich ihm gegeben, ganz und gar und ohne einen Zweifel.

Cérise wußte zuviel, und Marie-Jeannette auch, denn sie grinste ebenso anzüglich in sich hinein, dankenswerterweise ohne etwas zur Unterhaltung beizusteuern.

„Im Traum habe ich ihn verloren“, fuhr Corrisande fort und lenkte das Gespräch zurück auf den Alptraum. „Zum zweiten Mal, und ich habe seinen ganzen Schmerz gefühlt, als er mich verlor.“ Hastig wischte sie sich eine neue Träne aus den Augen. „So viel Schmerz.“

Sie war dankbar, daß ihr die ältere Reisegefährtin die Hand streichelte.

„Versuchen Sie, sich nicht aufzuregen. Wenn man in anderen Umständen ist, träumt und fühlt man manches schon mal besonders intensiv. Als ich mein Kind erwartete, war ich empfindlich und sehr besorgt.“

Cérise blickte die Frau überrascht an.

„Sie haben ein ...“

„Ich habe einen Sohn, Thorolf Maximilian. Er ist Anfang zwanzig. Derzeit studiert er Jus in Wien. Ich fürchte indes, daß er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten wird. Mein Mann war Jurist. Beamter. Unser Sohn ist eher ein Künstler. Er findet das Alltagsleben im Moment sehr langweilig.“ Frau Treynstern lächelte. „Ich hätte ihn strenger erziehen müssen. Doch es ist schwierig, einen Jungen ohne Vater aufzuziehen. Herr Treynstern ist leider viel zu früh verstorben.“

„Das tut mir leid“, erwiderte Corrisande und merkte, daß Cérise plötzlich sehr unruhig war. Sie fragte sich, warum die Familiengeschichte ihrer Freundin die Sängerin so berührt hatte.

Doch es war egal, und es gab keine Zeit mehr, darüber nachzugrübeln. Die Kutsche hielt.

Corrisande sah aus dem Fenster. Im schwindenden Abendlicht konnte sie die gewundene Hauptstraße eines kleinen, doch keineswegs ärmlichen Ortes erkennen. Das Städtchen hatte nicht ganz die Eleganz Bad Ischls. Dennoch atmete es einen gewissen Wohlstand. Es war nett hier. Doch sie waren hier nicht richtig. Ian McMullens Brief war aus dem nächsten Tal gekommen.

„Fahren Sie weiter nach Grundlsee!“ befahl Corrisande durchs Kutschenfenster. „Es ist noch nicht dunkel. Meinen Sie, wir schaffen das noch?“

Der Mann brummte etwas. Es klang weder nett noch zustimmend. Doch die Kutsche wackelte und fuhr los.

„Sind Sie sicher, daß wir das Richtige tun?“ fragte Cérise.

„Nein“, entgegnete Corrisande. „Keineswegs.“