Kapitel 34

Arpad war überall, in ihren Gedanken, an ihrer Seite, er half ihr hoch, er half ihr nach unten. Charly spürte seinen warmen Körper an ihrem, wenn er sie beim Klettern festhielt, wenn sie auf dem holprigen, feuchten Fels ausrutschte. Seine Gegenwart machte sie nervös. Es gab keine Privatsphäre. Manchmal verlor sie seine geistige Führung, um dann wieder seine berauschende Gedankenpräsenz in sich eindringen zu spüren, fremd, gebieterisch, und allzu nah. Er war in ihr.

Sie bekämpfte ihre Ängste mit jeder Faser ihres Mutes, mit ihrer ganzen Entschlossenheit und einem guten Stück schwarzen Humors, wann immer sie ihn aufbringen konnte. Sie befürchtete nicht, er würde sie alsbald anfallen und verletzen. Vielmehr verspürte sie eine unterdrückte, stumpfe Angst. Seine ständige körperliche Nähe nagte an ihrer Beherrschung und drängte ihr immer wieder Parallelen auf zu jenem anderen Körper, dem des Mannes, der sie auf den Rücken geworfen; der ihre Hilflosigkeit mit der gleichen Freude genossen hatte wie er die Privatsphäre ihres Körper hatte genießen wollen.

Ihr war klar, daß der Vampir sorgsam und sanft mit ihr umging. Sie mochte und achtete ihn dafür. Manchmal spürte sie seine außergewöhnliche Körperkraft, wenn sie ausrutschte, fiel und er sie mit einer Leichtigkeit fing und hielt, als sei sie ein kleines Kind. Dabei war sie weder klein noch zierlich. Wann immer das geschah, meldete sich das Wissen in ihr, wie wehrlos ausgeliefert und völlig in seiner Hand sie war. Sie mußte die Dinge nehmen, wie sie kamen. Sie war nicht in der Lage, ihr Schicksal zu beeinflussen, es aktiv in die Hand zu nehmen oder etwas zu verändern.

Er zähmte sie, hatte er gesagt – wie Rosa. Der Vergleich war nicht angenehm. Sie wehrte sich gegen den Gedanken. Sie war nicht zahm. Ein Großteil ihrer Probleme hatte seinen Grund eben darin. Nicht einmal St. Teresas konsequente Erzieherinnen hatten das bewirken können. Sie war unfügsam und unabhängig, hatte stets darauf gebaut, daß sie einen eigenen Willen hatte, einen freien Geist und ein ungebundenes Herz – und daß man ihr das nicht nehmen konnte.

Gib nach, gib dich mir, hatte er ihr gesagt, und das tat sie, jedes Mal neu, wenn sie ihm den Zugang zu ihren Gedanken ebnete, ihm die Eroberung gestattete und die Führung zugestand. Sie gab nach – gegen jedes Fünkchen aufsässiger Seele, und sie fühlte sich wie ein geschlagener General nach einer verlorenen Schlacht.

Sie mochte ihn ja durchaus. Es war leicht, ihn zu mögen. Sie erinnerte sich nur dunkel an sein Gesicht. Im Speisezimmer hatte sie es kurz gesehen, im schlecht erleuchteten Keller hatte sie nicht viel erkennen können, und während ihrer wilden Flucht hatte sie keine Muße gehabt, auf sein Aussehen zu achten. Jetzt konnte sie nichts sehen, nur fühlen. Trotzdem blieb der erste Eindruck, daß er fast zu gut aussah. Sie hätte gerne die Hand an sein Gesicht gehoben, um mit ihren Fingern seine edlen Züge zu ergründen und sein Haar zu berühren – nur um mit seiner Miene besser vertraut zu werden. Doch sie gestattete es sich nicht. Es wäre eine viel zu intime Geste gewesen. Wenn sie ihn berührte, würde er sich ihr nähern. Ihn anzufassen hieß ihn einzuladen.

Er meinte vielleicht, sie bemerke seine mühsam beherrschte Leidenschaft nicht, doch dem war nicht so. Sie hatte sie nicht gleich bemerkt, doch jetzt hatten sie schon so viele Stunden zusammen verbracht, und sein Verlangen und seinen Hunger empfand sie wie seine unnachgiebige Beherrschung nur allzu klar. Wenn er sie berührte, wußte sie, daß er es genoß und es ihm schwer fiel, sie wieder loszulassen. Eventuell machte die geistige Verbindung sie so klarsichtig oder auch ihre Angst. Sie wußte es nicht und wollte es auch nicht wissen.

Er war ein Vampir. Er trank ihr Blut, doch er war auch gütig, und selbst wenn er es nicht sein sollte, so war er dennoch ihre einzige Hoffnung. Sie fragte sich, wie lange er seine gefesselte Leidenschaft, sein Sehnen und seinen Hunger würde beherrschen können und wie schmerzhaft und entsetzlich es sein würde, wenn sein wirkliches Wesen den Damm freundlicher Güte durchbrach.

„Charly? Wo sind deine Gedanken?“ Fast hatte sie die dünne geistige Verbindung verloren. Furcht löste sofort Abwehr aus.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich war unkonzentriert.“

„Ich kann deine Angst riechen. Was ist?“

Sie konnte es ihm nicht sagen. Wie auch? Er hielt den schönen Schein aufrecht, sie sei für immer und ewig sicher in seinen Händen, und sie vergalt dies, indem sie vorgab, ihm bedingungslos zu glauben.

Sie hätte es gerne geglaubt. Es hätte alles so viel einfacher gemacht. Doch sie war nicht einfältig genug, um nicht zu wissen, daß sie mit jemandem durch die endlose Nacht ging, der schließlich doch tun würde, was er wollte. Es war nur eine Frage der Zeit. Was würde zuerst kommen, ein Ausweg aus dem Gebirge oder das Ende seines Durchhaltevermögens?

„Tut mir leid“, sagte sie noch einmal. „Ich sollte meine Gedanken zusammenhalten.“

„Ja“, tadelte er gutmütig, und sie spürte seine Hand auf ihrem Antlitz. Er streichelte ihre Wange mit der Rückseite seiner Finger. Kühle Fingernägel glitten über ihre Haut. Er liebte es, sie zu berühren. Er konnte es sich nicht verkneifen, und ihr war klar, daß sie, wären die Dinge nur anders gewesen, es vielleicht gemocht hätte. Seine Berührung war liebevoll und sanft.

Sie riß ihre Gedanken fort von dem Thema. Aufgeben. Sie mußte sich aufgeben. Dann war es wieder da, das unheimliche Wissen darüber, wohin sie ihre Füße setzen sollte und wohin sie ging, ganz ohne etwas zu sehen.

„Erzähl mir von Sevyo“, forderte er sie auf. Er versuchte, sie von ihrer Furcht und den nervösen Grübeleien abzubringen.

Eine Weile schwieg sie. Sie wollte nicht über den Kindheitsfreund sprechen. Sie wollte die Erinnerung an ihre Freundschaft, und an die Unschuld dieser Freundschaft nicht zerreden. Sie wußte, daß er ihren Dryas anders sah als sie.

„Er kannte wunderbare Spiele, als wir Kinder waren. Wir haben im Wald gespielt, ganz nah an seinem Baum. Wir haben uns Geschichten ausgedacht, haben sie gespielt, und sie waren immer so wirklich. Meist war er so alt wie ich, und er war so schön. Schön genug für uns beide – ich habe mich nie ungenügend gefühlt, wenn er in der Nähe war. Es war nie wichtig, wie ich aussah, ob ich mich brav und sittsam aufführte oder meine Erscheinung den Erwartungen der Welt gerecht wurde. Es war nichts, worüber ich bei ihm nachdachte. Meine Erzieherinnen, Kinderfrauen und vor allem natürlich meine Eltern, wenn sie denn mal zu Hause waren, waren ganz anders. Ich habe es nie geschafft, ihre Erwartungen zu erfüllen.“

„Was haben sie denn von dir erwartet?“

„Sie hätten gerne gehabt, daß ich wäre wie andere Mädchen unserer Kreise, wohlerzogen, folgsam, fleißig, brav, respektvoll, süß und niedlich und vieles mehr. Doch ich war nur ein Wildfang, der zum Spielen in den Wald davonlief und nicht hörte, was man ihm sagte, und ich war auch kein hübsches Kind. Genau wie ich eben auch keine hübsche Frau bin.“

Er drückte ihre Hand und half ihr über einen Felsvorsprung. Im Augenblick kamen sie recht einfach voran, doch das Gelände konnte jeden Moment wieder schwieriger werden.

„Du unterschätzt dich“, sagte er. „Du bist kein graziöses Fräuleinchen und auch keine klassische Schönheit, aber du bist trotzdem attraktiv und hast viele positive Eigenschaften, die dich liebenswert machen.“

„Danke“, sagte sie und hoffte, damit sei das Thema abgeschlossen.

„Das war kein leeres Kompliment. Ich mag Frauen. Ich habe über die Jahrhunderte außerordentlich viele Frauen gekannt. Es gab immer welche, die ich aufrichtig geliebt habe, und ich habe mehr Frauen genossen, als ich mich jemals erinnern könnte. Ich bin Experte auf dem Gebiet. Möchtest du vielleicht das Urteil eines Experten einholen?“

Sie war sich recht sicher, daß sie nicht noch mehr über ihr Aussehen hören wollte, und sie wollte auch nicht, daß er sie allzu intensiv musterte. Er konnte sie sehen, und sie wußte nicht einmal, wann er sie ansah. Auf keinen Fall wollte sie ein Gutachten über diese Begutachtung. Doch sie wußte nicht, wie sie ihn davon abhalten sollte.

„Du bist groß“, sagte er schlicht. „Das mag gerade nicht modern sein, aber es ist doch beeindruckend. Du hast nette braune Augen und ein liebenswertes Lächeln, von dem ich nicht genug gesehen habe. Dein Mund ist anmutig. Dein Antlitz ist nicht schön, aber sehr ausdrucksvoll, und wenn du nicht gerade vor Angst völlig außer dir bist, hast du einen natürlichen Charme. Dein Haar ist ein bißchen widerspenstig, und du trägst eine Frisur, die dir nicht steht und zudem vollkommen unmodern ist. Ich habe dich nur in Hauskleidern gesehen. Die mögen bequem sein und sind wahrscheinlich einfach zu handhaben, ohne Korsett, vorne zu knöpfen. Doch sie sehen zu sehr aus wie die Bauerndirndl deiner Mägde, und außerdem stehen sie dir nicht und sind ebenfalls völlig unmodisch. Du hast eine attraktive, anheimelnde Figur – einen gut entwickelten Körper, soweit ich das feststellen könnte. Daraus solltest du mehr machen.“

Sie schluckte. Niemand hatte jemals ein so erschreckend vertrauliches Urteil über sie abgegeben wie dieser Mann. Wenn sie ihn nicht daran hinderte, würde er ihr noch sagen, welche Wäsche sie zu tragen hätte und wie eng sie ihr Korsett schnüren mußte. Es war unendlich unangenehm. Ihre erzwungene Nähe hatte allzu viele Benimmschranken hinweggefegt und ihre Geheimnisse preisgegeben. Es schien ihr, als sähe sie zum ersten Mal den Sinn in der Erziehung zur Distanz. Abstand gab Sicherheit. Sie schämte sich, wußte nicht, was sie sagen sollte. Dann wußte sie, daß er ihre Betretenheit spürte und sie ihn amüsierte.

„Außerdem hast du sehr hübsche Beine“, fügte er hinzu, und sie konnte sein Grinsen beinahe spüren.

„Ich dachte, du wolltest sie ignorieren?“

Er lachte.

„Ich ignoriere sie – fast immer.“

„Oh“, flüsterte sie.

Dann nahm sie ihren Mut zusammen und versuchte, objektiv zu sein. Er war Experte, hatte er gesagt. Warum also nicht sein Sachverständigengutachten einholen, und sei es nur, um andere Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen, Gedanken, die ihr einflüsterten, daß es gänzlich nebensächlich war, wie sie aussah, wenn sie doch bald in der Dunkelheit umkommen würde?

„Also, Arpad, sag mir“, begann sie mit erzwungener Sicherheit und wenig Ironie in der Stimme, „was sollte ich deiner Meinung nach tragen? Welche Frisur würde dir an mir gefallen?“

„Ich würde an deiner Stelle eine wirklich gute französische Zofe zu Rate ziehen, was deine Haare angeht, und in punkto Kleider: Dunkle Rot-Töne und Moosgrün würden dir stehen, kräftige Farben. Keine Pastelltöne, und du solltest unbedingt weit ausgeschnittene Kleider tragen, denn ich bin mir sicher, daß dein Dekolleté sehr entzückend ist.“

Sie schluckte, verlor aus lauter Schock darüber, daß er so viel über sie wußte die Verbindung zu ihm, und schon rutsche ihr Fuß, sie verlor das Gleichgewicht und fiel, stürzte schnell, rutschte auf dem Bauch einen abschüssigen, kantigen Fels hinab. Ihr Rock stülpte sich nach oben, und sie riß sich an scharfen Steinkanten, die ihr in Haut und Fleisch schnitten. Sie jammerte nicht. Sie hatte sich hysterisches Kreischen verboten, nur einmal schrie sie kurz aus Schmerz auf.

Ihr Sturz schien sich ewig zu ziehen, gab ihr Zeit genug, darüber nachzugrübeln, wie und wo sie aufschlagen würde. Sie konnte den Schmerz schon vorausfühlen und wußte, was geschehen würde, wenn sie sich die Knochen brach oder zu sehr verletzte, um weiter zu können. Er würde sie ermorden. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß es so bald geschehen würde. Sie wollte nicht sterben. Sicher mußte jeder Mensch sterben, doch im Augenblick wollte sie überleben, wollte es mit mehr Willenskraft als noch eine Minute zuvor, als sie noch sicher gestanden hatte.

Dann war er da, fing sie, hielt sie, zog sie zu sich herüber, und einen Moment später fühlte sie wieder Boden unter sich.

„Arpad …“ rief sie.

Er hielt sie fest.

„Alles in Ordnung. Ich habe dich sicher. Pst ... es ist vorüber. Du fällst nicht mehr.“

Sie fühlte, wie Blut an ihrem Bein entlanglief. Weiteres Blut rann aus einer Wunde am linken Arm. Der Vampir ließ sie sich setzen.

„Du mußt jetzt still halten. Ich werde dich heilen. Das wirst du wahrscheinlich nicht mögen, doch ich kann nicht zulassen, daß du blutest. Wir brauchen beide dein Blut, und du wirst dich besser fühlen, wenn die Wunden geschlossen sind. Wehr dich nicht!“

Sie atmete erschrocken ein, als sein Mund an ihrem Arm entlangglitt, seine Lippen ihre klaffende Haut berührten, seine Zunge ihre Wunde streichelte. Er riß ein Stück Ärmel ab, es war wohl im Weg gewesen.

„Nicht!“ keuchte sie, begann, sich zu wehren, doch sein Griff hielt sie eisern fest. Dann tat der Arm plötzlich nicht mehr weh, und der Vampir änderte seine Position, wandte sich ihren Beinen zu. Er zwang sie nieder, hielt sie fest, ohne ihr wehzutun, doch auch ohne ihr eine Bewegung zu erlauben.

„Arpad! Nicht!“ Ihre Stimme klang hysterisch. Sie wollte davonlaufen. Was tat er? War dies der Augenblick, in dem er seinen Instinkten nachgab? Sie krallte sich an den Boden, versuchte, ihre Fingernägel in den Fels zu schlagen, sich aus seinem Griff zu winden, seine Hände von ihr zu stoßen.

„Sei tapfer. Es ist gleich vorbei.“ Vielschichtige Worte. So viele Interpretationen waren möglich. Was meinte er mit „gleich vorbei“?

„Bitte nicht, Arpad.“ Sie kämpfte und zappelte. Diesmal war er nicht sanft. Von einem Moment zum nächsten hatte er sie bewegungsunfähig gemacht. Ihr Wille war paralysiert. Sie war außer Gefecht, ihm schutzlos ausgeliefert. Sie fühlte, wie er ihr den Strumpf herunterzog, seinen Mund an ihrem Bein, seine Lippen, seine liebkosende Zunge. Er fuhr mit dem Gesicht an ihrem Unterschenkel entlang und trank ihr Blut. Er schob ihre Unterkleidung über ihr Knie und höher. Er drehte sie, küßte ihre Kniekehle.

Ihr Bewußtsein floh, als könne es sich Leid und Erniedrigung ersparen, wenn es von ihr wich. Ihre angespannten Muskeln gaben nach, und es fühlte sich an, als fiele sie wieder, versinke schutzlos im Dunkel. Sie wußte nicht, wie lange sie ohnmächtig war.

Sie erwachte, als er neben ihr sang. Eine Hand streichelte sanft ihr Haar. All ihre Erinnerungen flammten im gleichen Moment wieder auf. Panik durchzuckte sie und verebbte, als sie den weichen Bariton erkannte. Er sang wieder sein Wiegenlied. Er hatte eine schöne Stimme. Ihre Angst löste sich allmählich auf. Sie fühlte sich schwindlig.

„Ah. Da bist du ja wieder“, sagte er, und sie wünschte, er hätte einfach weitergesungen. Statt dessen streichelte er weiter ihren Kopf. Doch davor hatte sie keine Angst. Oder wenigstens kaum.

„Tut mir leid, daß ich dir solche Angst eingejagt habe, aber ich mußte dich heilen. Wenn du dich wieder verletzt, werde ich es wieder tun. Tut dir noch etwas weh?“

Es tat nicht weh. Sie tastete mit der rechten Hand ihren linken Arm entlang. Glatte Haut. Kein Schmerz. Sie spürte nicht einmal eine Narbe.

„Nein. Du bist ein guter Arzt. Tut mir leid, daß ich in Panik ausgebrochen bin. Wirklich. Ich … entschuldige mich.“

„Das macht nichts. Ich verstehe es. Wenn ich daran denke, was dieser Kerl dir angetan hat, würde ich ihn gerne gleich noch einmal töten.“ Er klang eiskalt. Es war keine leere Drohung. Er wünschte sich wirklich, er könnte den Mann noch einmal morden. Diesmal würde er ihm das Blut nehmen, bis er tot war. Für sie und für sich selbst.

„Trotzdem, ich hätte dir vertrauen müssen. Ich …“

„… entschuldige mich. Ich weiß, aber du mußt dich nicht entschuldigen. Es ist in Ordnung. Ich bin, was ich bin: ein furchteinflößender Mann.“

„Nein. Du bist höflich und hilfsbereit – und ich bin eine Idiotin.“ Sie klang bedrückt.

Seine Hand hielt inne. Dann spürte sie einen Finger, der über ihre Stirn strich und die Nase entlang. Er tippte sanft auf ihre Nasenspitze.

„Du bist keine Idiotin, und wir werden über etwas so Nervenaufreibendes wie Damenmode nicht mehr sprechen. Wenn wir erst wieder draußen sind, dann werde ich Cé… die Frau, die ich liebe, bitten, dich zu beraten. Sie hat ein sicheres Gespür für Stil und Eleganz.“

Er liebte eine Frau. Es gab jemanden in seinem Leben. Sie war verblüfft. Doch warum eigentlich? Er sah gut aus und war freundlich. Er mußte Frauen gefallen. Sie fanden ihn wahrscheinlich alle begehrenswert. Gewöhnliche Frauen, die keine Idiotinnen waren.

„Wie ist sie?“ fragte sie interessiert. Es ging sie gar nichts an.

Es schwieg einen Moment lang.

„Sie ist großartig. Begabt, schön, temperamentvoll und lebenslustig. Ich liebe sie. Sie macht sich sicher schon Sorgen.“

„Wie sieht sie aus?“ Es gab keine Entschuldigung für ihr unglaubliches Verhalten. Ihre Wißbegier war unhöflich.

„Sie hat goldblondes Haar und grünliche Augen, die glitzern. Sie ist die schönste Frau auf der Welt.“

„Denkst du wirklich, sie würde mich in Punkto Stil beraten wollen? Vielleicht möchte sie gar nichts mit einem Mädchen zu tun haben, mit dem du durchs Dunkel gezogen bist. Ist sie nicht eifersüchtig?“

„Sie versucht, es nicht zu sein. Vampire sind nicht monogam. Ich muß von vielen kosten, um es sicher für alle zu machen. Cérise ist meine Liebe, nicht mein Mittagessen.“

„Bin ich dein Mittagessen?“

„Du bist mein süßes Herz.“

„Du willst deine Liebe bitten, Stilberatung für dein süßes Herz zu leisten?“ Sie begann zu lachen. Das Lachen, das aus ihr hervorbrach, war nur zum Teil Belustigung, zum Teil war es ein Loslassen hysterischer Spannung. Doch nun lachte auch er, und der Klang seiner Freude rührte sie zutiefst. Sie lachten, bis sie nach Luft schnappten. Seine schmale Hand lag auf ihrer Stirn, und das machte ihr nichts mehr aus, gar nichts.

„Sie muß wunderbar sein, wenn du sie liebst“, sagte sie schließlich, als sie beide wieder zu Atem gekommen waren. Es war ein zu intimes Kompliment. Die Grenzen des Abstands zwischen ihnen bröckelten weiter, und sie versuchte doch, den Abstand aufrecht zu erhalten. Sie merkte, wie sie knallrot anlief.

„Danke“, erwiderte er und klang tief beeindruckt.

„Es tut mir leid, wenn ich etwas gesagt habe, das …“

„Hör schon auf, dich andauernd zu entschuldigen, Charly. Ich achte deine Direktheit. Ich bin froh, daß man sie dir nicht aberzogen hat.“

„Du bist wahrscheinlich der einzige Mann, der darin je einen Vorteil und nicht einen Makel sah. Nicht, daß ich allzu viele Männer kenne. Die kurze Zeit, die ich in Ischl war, um der richtigen Klasse ehetauglicher Kavaliere vorgeführt zu werden, hat mir keine Gelegenheit gegeben, den einen oder anderen Gentleman besser kennenzulernen.“

„Tatsache ist, du weißt im Grunde nichts über meine Geschlechtsgenossen.“

Sie errötete erneut.

„Ganz so ist es nicht. Ich kenne meinen Onkel und seine sporadischen gelehrten Besucher, und dann natürlich unsere Landarbeiter. Ich lese außerdem viel.“

„Liebesromane sind keine Basis, um sich aufs Leben vorzubereiten. Die meisten Männer taugen nicht zum Helden.“

„Das weiß ich, und ich lese auch nur wenige Liebesromane. Ich lese unterschiedliche Dinge. Ich habe sogar ein Biologiebuch gelesen über …“ Sie hielt inne, und ihre Gesichtsfarbe wurde noch etwas röter. „ … über … ah … Biologie.“

Er kicherte.

„Das sollte mich wahrscheinlich tief schockieren. Was hat dir das Biologiebuch denn für Aufschlüsse über die Herren der Schöpfung gegeben?“ flachste er.

Sie antwortete nicht sofort, war nicht sicher, ob sie nicht besser daran täte zu schweigen.

„Ihr seid anders.“

„Auf vielerlei Weise.“

Sie seufzte.

„Ich habe nicht über die Gattung ‚Mann‘ recherchiert. Ich wollte mehr Wissen zu bestimmten Themen sammeln. Traugott sollte zu Besuch kommen, und ich dachte, er würde um meine Hand anhalten. Mein Wissensstand bestimmte Aspekte des Ehelebens betreffend war … defizitär. Also mußte ich mich … bilden. Es war ein Buch für Medizinstudenten.“

„Lieber Himmel! Was für eine Weise, Dinge über die Liebe zu lernen.“

„Das hatte mit Liebe nichts zu tun. Es handelte mehr von …“ Sie hielt inne und schloß die Lippen. Das war wirklich zu weit gegangen, viel zu weit. Sie war in vielen Dingen offener als andere Menschen, doch dies hier war mehr als auch ihre Wohlanständigkeit zuließ. Sie sagte nichts mehr, doch er beendete ihren Satz.

„… von ehelichen Pflichten und der Zeugung von Nachkommen, nehme ich mal an – wenn es ein Biologiebuch war. Wie leidenschaftslos.“ Er lachte wieder, und es war ihr zutiefst unangenehm. Langsam wurde sie auch etwas ärgerlich.

„Ja“, brummte sie ungehalten.

„Warst du je verliebt?“

„Ich habe Sevyo geliebt …“

„Da warst du noch ein Kind.“

„Ich wäre nicht immer ein Kind geblieben.“

Er war ein paar Augenblicke lang still, dann sagte er, ohne je damit aufzuhören, ihr sanft die Stirn zu streicheln: „Du bist kein Kind mehr, mein Herz. Doch ich meinte menschliche Männer. Deine Art, nicht meine. Hast du nie einen jungen Mann angeblickt und gefühlt, daß du ihn besser kennenlernen wolltest? Daß du mit ihm allein sein, etwas ganz Besonderes mit ihm machen wolltest?“

Sie dachte einen Moment nach.

„Als Leopold zu Besuch kam, da war ein Mann, der sehr charmant zu sein schien. Nicht Leopold.“ Sie seufzte. „Das heißt wahrscheinlich, daß meine Menschenkenntnis nicht existent ist, wenn ich einen potentiellen Meuchelmörder sympathisch finde.“

„Einer der Jäger?“

„Der, mit dem du dich gestritten hast, Herr Meyer.“

„Meyer? Sein Name ist Asko von Orven.“

„Tatsächlich? Mir hat man ihn als Herrn Meyer vorgestellt.“

„Spannend. Ich frage mich … aber das ist belanglos. Zurück zu meiner Frage. Wolltest du mit ihm allein sein?“

Sie wollte die Frage abwehren, begann dann aber, ehrlich darüber nachzudenken.

„Ja. Die Dinnerparty war verkrampft und langweilig – nichts als oberflächlichste Konversation. Er war der Einzige, der mich weder von oben herab behandelte noch versuchte, mich zu ignorieren oder den Eindruck erweckte, er wolle nichts mit mir zu tun haben. Er hat ein ausgesprochen nettes Lächeln, und seine Augen sind wie zwei Aquamarine.“ Sie fühlte sich plötzlich dumm dabei, so etwas zu sagen, fuhr aber dennoch fort: „Ich wäre gerne mit ihm allein gewesen.“

„Wozu?“ fragte der Sí gespannt.

„Um mit ihm Schach zu spielen. Ich hätte ihn gerne beim Schach geschlagen.“

Einen Moment lang war er überrascht. Dann lachte er wieder. Anscheinend hatte er etwas anderes erwartet.

„Ich könnte mir vorstellen, er ist ein verhältnismäßig guter Schachspieler. Du hättest Mühe gehabt, ihn zu schlagen.“

„Um so besser. Eine richtige Herausforderung. Aber wozu drüber nachdenken? Er gehört zu einer Mörderbande.“

„Als ich ihn das erst Mal traf, arbeitete er als Spezialagent. Vielleicht gehört er nicht wirklich zu dieser Gruppe. Allerdings hat er die Na Daoine-maithe schon immer gehaßt und verschmäht. Eventuell hat er sich der Gruppe angeschlossen, um ein paar von uns ausrotten zu können. Wer weiß?“

„Er versuchte, mir zu helfen. Er hat mich nach der Schießerei in mein Zimmer gebracht. Er war nicht charmant, eher auf der schroffen Seite guten Benehmens, doch ich hatte ihm schließlich auch gegen das Bein getreten und ihm den Ellbogen in die Seite gestoßen. Das hat er nicht gemocht. Höchstwahrscheinlich ist ihm das noch nie passiert. Er hält mich vermutlich für unerzogen und unmädchenhaft. So etwas hat er verlauten lassen. Ich glaube kaum, daß er mich mag. Vermutlich haßt er mich.“

„Aber er hat versucht, dich zu retten.“

„Ja, doch ich könnte mir vorstellen, daß er einfach so ist. Er hätte das für jede Frau in Bedrängnis getan.“

„Denkbar. Dennoch werde ich froh sein, wenn wir ihm und seinen heiteren Gesellen nicht mehr in die Arme laufen.“

„Das ist gewiß besser.“ Sie seufzte und wünschte dann, sie hätte es nicht getan, denn er kicherte wieder in sich hinein. Dann stand er auf und zog sie hoch.

„Laß uns weitergehen. Hast du dich erholt?“

Sie seufzte erneut.

„Ich denke schon. Ich bin müde, aber ich kann sicher noch weiter.“

„Hast du noch Angst?“

„Ich habe zu jeder Sekunde Angst. Es ist schon in Ordnung.“

„Arme Charly. Konzentriere dich!“

Sie schloß die Augen und griff nach ihren Erinnerungen. Doch diesmal kam ihr nicht Sevyo in den Sinn. Blaue Augen sahen sie kritisch und sachlich an. Sie erinnerte sich an Details, eine durchtrainierte Figur, blondes Haar, brav seitengescheitelt, einen zutiefst verärgerten Gesichtsausdruck. Sie sehnte sich danach, eine liebenswürdigere Miene zu sehen.

Sie fühlte die Verbindung zu dem Vampir entstehen und marschierte los. Dann sah sie Herrn Meyer in ihrem Gedächtnis lächeln. Durch das Dunkel lächelte sie zurück.