Kapitel 29
Furcht weckte ihn. Der Duft extremer Angst, nicht seiner eigenen – doch ganz nah. Arpads Raubtiersinne brauchten nicht einmal einen Sekundenbruchteil, um ihn wach und bereit zu machen. Er erspürte die Welt um sich, analysierte die Situation. Der Duft überwältigender Frucht zeigte die Nähe von Beute an.
Charlotte. Er war eingeschlafen, obgleich er normalerweise nicht viel Schlaf brauchte. Doch die vergangene Nacht hatte ihn Kraft gekostet. Also war er eingeschlummert, und sein Körper hatte automatisch die bequemste Position eingenommen, die er finden konnte. Sein Kopf ruhte auf den großen, weichen Brüsten der jungen Frau, er hatte sich ganz dicht an ihren warmen Körper geschmiegt, seine Männlichkeit war gegen ihre Hüfte gepreßt, ein Bein lag quer über ihren, ein Arm umfaßte sie bäuchlings – und eben war sie erwacht.
Ihr süßer, warmer Körper inspirierte ihn, er spürte sie auf seiner Haut. Ihr ungestümer Herzschlag bot sich seinem Hunger dar. Er hob den Kopf und blickte ihr ins Gesicht. Ihre Augen starrten blind und weit offen mit riesigen schwarzen Pupillen in die Dunkelheit. Sie konnte ihn nicht sehen. Doch sie spürte ihn, seinen Körper, sein Gewicht, seine Nähe. Höchstwahrscheinlich auch seinen Gemütszustand, obgleich sein Zustand weniger mit Gemüt als mit Körper zu tun hatte. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, ihr Atem ging geschwind. Ihr Puls lud ihn ein. Furcht, ermahnte er sich, nicht Verlangen.
Behutsam, mit mehr Standhaftigkeit, als er je zu besitzen geglaubt hatte, entwirrte er ihrer beider Gliedmaßen. Ihr Körper fühlte sich warm und einladend an, und er vermißte sie bereits in dem Augenblick, in dem er sich von ihr entfernte. Ein wundervoller Körper, den er gerne genauer erforscht hätte, mit seinen Händen, mit seiner Zunge, mit allem, was er hatte und was ihn ausmachte. Seine Eckzähne wurden lang. Doch sie waren beileibe nicht sein einziges Problem.
„Keine Angst. Ich tue dir nichts.“
Das hatte einigermaßen normal geklungen, nicht außer Atem, nicht erregt. Zumindest nicht allzu erregt.
Sie antwortete nicht. Sie schrie auch nicht wieder, lag nur da und kämpfte gegen ihre eigene Angst an. Es war ein interessantes Schauspiel, wie sie sich Stück für Stück mit der Situation abfand. Ihr ernstes Gesicht zuckte, ihr Mund zitterte, dann biß sie sich auf diese wunderbaren, weichen, vollen Lippen. Ihre Hände waren in ihren Mantel gekrallt. Ihre wundervollen Brüste hoben und senkten sich mit ihrem Atem.
Furcht, ermahnte er sich noch einmal, nicht Verlangen. Er konnte ihre Angst riechen. Er hielt mitten in der Bewegung inne, als er sich dabei ertappte, ihre Brüste streicheln zu wollen. Sie waren so verlockend, weich und warm. Knapp über ihnen erstarrte seine Hand, schwebte unschlüssig darüber, zitterte vor Beherrschung und Wollen. Sehen konnte sie es nicht. Doch wenn er seinen Gefühlen nachgab, würde sie seine Hände fühlen, und was sie an Vertrauen zu ihm aufgebaut hatte, wäre verloren.
Er brauchte ihr Vertrauen. Die Lage war schon schwierig genug. Wenn sie ihm nicht mehr vertraute, konnte er sie nicht weiterführen. Dann würde ihm nichts übrig bleiben, als sie zu töten.
Früher oder später würde er das ohnehin. Wenn sie nicht bald einen Ausgang fanden, würde er immer heißhungriger und gefährlicher werden und sie immer energieloser. Irgendwann würde sie nicht mehr die Schutzbefohlene sein, sondern ihre Rolle gegen die der Beute eintauschen. Dann würde er ihr Bewußtsein blockieren und ihr Blut trinken, sie entleeren. Er würde sie sanft entschlafen lassen und ihr den Hals brechen, ehe der Schmerz ihres versagenden Herzens sie weckte.
Er mochte den Gedanken nicht, doch er war realistisch genug, sich einzugestehen, daß es so kommen mochte. Sie konnte nicht unendlich lange ohne Nahrung überleben, und er konnte nicht lange mit so wenig auskommen, nicht nach dem gewaltigen Blutverlust des Vorabends.
Doch nicht jetzt. Auf keinen Fall.
„Guten Morgen. Verzeih, daß ich dir zu nahe gekommen bin. Ich bin eingeschlafen. Ich habe mich unabsichtlich an dich geschmiegt, weil wir alle im Schlaf die bequemste Stellung einnehmen, und du bist äußerst – gemütlich.“
Sie versuchte zu lächeln.
„Gemütlich?“
Ja, gemütlich, verführerisch, erotisch und verlockend.
„Nun ja. Gemütlich und bequem. Du mußt dich nicht fürchten.“
Sie hatte allen Grund, sich zu fürchten. Doch es hatte ihn viel Überzeugungskunst gekostet, sie zu beruhigen. Als sie sich am Abend zuvor auf den harten Höhlenboden gelegt hatten, hatte sie versucht, ruhig zu sein. Er hatte einen Arm um sie gelegt und sie beide in ihren Umhang eingewickelt. Sie hatte nicht schlafen können. Er war zu nah, zu beängstigend gewesen. Die Erinnerung an die vorangegangenen Ereignisse hatte sie fest im Griff gehabt. Ein wenig hatten sie sich unterhalten, doch sie war immer wieder vor Ermüdung eingenickt, um Minuten später voller Panik wieder zu erwachen. Zu guter Letzt hatte er ihr ein Schlaflied gesungen. Ein wenig dumm war er sich dabei vorgekommen, doch es hatte geholfen.
Dieses Schlaflied hatte zuletzt seinem Sohn vorgesungen. Er kannte nicht viele Schlaflieder.
„Sterne singen dir Gedichte
In stiller Nacht
Lächeln hell in ihrem Lichte
In stiller Nacht
Dunkelheit hält uns umschlungen;
Lieder werden sanft gesungen,
Sphären sind von Klang durchdrungen
In stiller Nacht.“
Wie ein Kind war sie dabei eingeschlafen, und so hatte auch er schließlich schlafen können. Doch sie war kein Kind, sie war eine erwachsene Frau. Geschlechtsreif.
Ihr Magen knurrte, und sie sah peinlich berührt zur Seite. In gesitteten Kreisen ignorierte man so etwas. In einer Höhle nicht.
„Hast du Hunger?“
„Ja.“
Es gab nichts zu essen.
„Ich auch“, antwortete er, und sie zuckte zusammen. Dann legte sie den Kopf zurück, bot ihm stumm den Hals.
Gottverdammt. Sie hatte keine Vorstellung davon, was sie in ihm auslöste. So ein schöner Hals. Er spürte ihre Adern, hörte ihr Blut eine Einladung trommeln. Sie lag auf dem Rücken. Er würde über sie kommen, ihren Leib ergreifen, ihre Kehle küssen, mit den Zähnen in die Privatsphäre ihres Körpers eindringen, und sie war bereit, seine Berührung zu akzeptieren. Eventuell würde sie lernen, diese Berührung zu mögen. Frauen mochten es, von ihm liebkost zu werden. Er war ein guter Liebhaber. Er würde sanft mit ihr umgehen. Er würde diese delikaten Brüste küssen, sie aus ihren Kleidern schälen. Noch spürte er den Nachhall ihres warmen Körpers an seinem. Er sog ihren Duft ein.
Furcht. Sie roch nach Furcht.
„Wir werden es anders machen. Setz dich auf.“
Er half ihr nicht, faßte sie nicht an, hielt die Hände gefaltet. Sie rappelte sich auf, lehnte sich gegen die scharfkantige Höhlenwand. Er setzte sich neben sie, seine Gedanken rasten. Gleich würde er trinken. Sein Verstand war allein darauf fokussiert, leer für alles andere. Er mußte sich zusammennehmen, daran denken aufzuhören, ehe er satt war. Er mußte sich daran erinnern, den schmalen Grat zwischen seinem Wohlergehen und ihrem zu finden. Das hieß von ihr abzulassen, bevor er auch nur irgendeine Art von Erfüllung gefunden hatte, und das in dem Wissen, daß es keine andere Nahrungsquelle geben würde.
Er unterdrückte ein Knurren. Hunger und Erregung waren keine leichten Meister. Er lebte gern in der Illusion, er sei ein Liebender, kein Räuber, ein Wesen, das zivilisiert genug war, Leben zu respektieren, Kunst zu schätzen, Gerechtigkeit zu begreifen, all die Dinge, die die Menschenwelt bot. Doch in Momenten wie diesem wurde ihm klar, daß er vor allem ein Jäger war und eine Gefahr. Ein Raubtier. Schuldig fühlte er sich nicht. Es war nun einmal so, und er war schon immer so gewesen. Er hatte sich dieses Schicksal nicht ausgesucht, es war schlichtweg Realität. Hätte er eine Wahl gehabt, so hätte er nicht tauschen wollen, hätte weder Mensch noch eine andere Art von Fey sein wollen.
Ekstase und Erfüllung waren, was sein Leben bestimmte. Er war kein gedankenloser Mörder. Er war zu alt, um das Leben nicht zu achten. Wenn er nur Zeit und Gelegenheit hatte, konnte er seine Bedürfnisse befriedigen, ohne zu töten. Doch wenn er heißhungrig war, änderte sich die Welt. Trieb und Durst wurden zu den treibenden Kräften in seinem Universum, gaben ihm Macht und machten ihn doch machtlos gegen sich selbst.
„Gib mir die Hand. Die andere. Mutiges Mädchen.“
Er nahm ihren Arm. Ihre Hand war schmutzig, so schmutzig wie seine sein sollte. Auf einem Höhlenboden zu schlafen war beileibe nicht distinguiert. Vor Jahrhunderten hatte er dauernd in Höhlen gelebt, hatte auf diese Weise die Sonne gemieden. Doch der Fortschritt hatte ihn verändert. Er zog ihre Hand an seinen Mund.
„Keine Angst. Der Zauber, den du spüren wirst, ist nur dazu da, dir den Schmerz zu nehmen.“
Er griff nach ihrem Sinn. Sie schloß die Augen, als sei die Invasion dann leichter zu ertragen. Er hielt ihren Arm mit einer Hand so fest, daß sie ihn ihm nicht entziehen konnte, streichelte ihre Finger mit der anderen. Dann zog er ihre Hand an den Mund und küßte ihre Handfläche. Halb erwartete er, daß sie sich wehren würde, doch das tat sie nicht. Sie hatten eine Abmachung, und sie versuchte, ihren Teil einzuhalten. Seine Lippen glitten von ihrer Handfläche zum Handgelenk. Er sog ihren Duft ein, hielt sich zurück, um die Vorfreude auf jenen Augenblick komplett auskosten zu können, da er ihre Haut durchdrang. Schon liebkoste seine Zunge zärtlich ihre Pulsader, leckte an salziger Haut. Die fiebrige Erwartung zerriß ihn fast. Er war froh, daß sie ihn nicht sehen konnte, nicht seine Miene, nicht seine veränderten Zähne, von anderen Teilen der Physis ganz zu schweigen.
Er wollte sie mit aller Kraft. Seine Zähne bohrten in ihr Fleisch, und sie seufzte ein erschrecktes „Oh!“
Es war kein Schmerzenslaut. Ihr Blut floß in seinen Mund, und er trank gierig, sog die warme Flüssigkeit aus ihrem zerrissenen Handgelenk. Delikates Blut. Es war süß und jugendfrisch, obgleich er ihre Angst darin schmecken konnte. Menschen waren chemische Kreaturen. Ihr Körper- und Geisteszustand manifestierte sich in ihrem Blut. Er sog ihr salziges Leben in sich ein, nahm es ohne Rücksicht, stahl es wie der Räuber, der er war. Er fühlte seine Zähne in ihrem Arm und sehnte sich danach, weiter in ihren Körper vorzustoßen, ihn zu ergründen, zu erobern, zu befriedigen.
Nicht daran denken. Schwierig. Er versuchte aufzuhören. Eine aussichtslose Aufgabe. Qualvoll. Beschwerlich. Es kostete ihn allzu große Überwindung. Er zog die Zähne aus ihrem zarten Fleisch, schloß ihre Wunden mit einer Liebkosung seiner Zunge. Dann ließ er sie los, lehnte sich zurück, versuchte, zu Atem zu kommen. Doch klang sein Schnaufen seinem eigenen sensiblen Gehör viel zu laut. Er hoffte, sie würde es nicht hören. Er bekämpfte seine Lust mit aller Vernunft, die ihm noch geblieben war, versuchte, an ein langweiliges Buch zu denken, an eine endlose, politische Debatte, an eiskalte Bergquellen. Er haßte eiskaltes Bergwasser. Darauf wollte er sich konzentrieren. Sie sagte nichts.
„Ich habe dir doch nicht weh getan?“ fragte er schließlich, als er sich auf seine Stimme wieder verlassen konnte.
„Nein“, gab sie zurück, „aber es war …“ Sie hielt inne und lief rot an. Als ihre Wangen sich von dieser Regung erholten, sah er, wie blaß sie nun war. Er mußte lernen, sich zu zügeln.
Ein illusorischer Vorsatz. Seine Entschlossenheit würde in den nächsten Tagen ab-, nicht zunehmen.
„War es schlimm?“
Ein Lächeln formte sich auf seinen Lippen. Ein fremder Ausdruck lag in den sanften, braunen Augen.
„Nein. Ich glaube, ich fange an, mich an das Eindringen deines Willens in meinem Geist zu gewöhnen, und das Eindringen deiner Zähne ist …“ Sie hielt erneut inne und fuhr schließlich fort, nachdem sie die Worte, die sie eigentlich hatte sagen wollen, hinter ihrer Fassade von sachlicher Analyse verstaut hatte: „… in der Tat nicht schmerzhaft.“
Er grinste.
„Gut“, sagte er. „Deine Angst nimmt ab.“
„Nun“, gab sie zurück, „ich habe keinen Grund, Angst vor dir zu haben. Du hast gesagt, ich müsse dir vertrauen. Das tue ich.“ Sie machte eine Pause und senkte den Blick. „Es tut mir leid, daß ich heute Morgen beim Aufwachen fast wieder in Panik ausgebrochen bin. Ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, daß ich dir nicht traue. Es ist nur, du bist …“ Sie sprach nicht weiter, es war ihr zu peinlich.
„Ich bin ein Mann“, vervollkommnete er ihren Satz.
„Ja“, flüsterte sie beschämt. „Sehr sogar.“
Er begann zu lachen, erst leise, dann prustete er los. Das half seiner Gemütslage. Das Gefühl unerfüllter Leidenschaft klang ab. Die Erregung verebbte.
„Du bist wundervoll, und danke für das Kompliment.“
„Gern geschehen.“
Gern geschehen hätte er etwas anderes lassen wollen.
„Natürlich weiß ich nicht viel“, fuhr sie fort und nahm somit das Lob quasi wieder zurück, „über Männer, und was ich gestern an Wissen hinzugewonnen habe, ist nicht dazu angetan, mein Verlangen nach praktischer Vertiefung des Erlernten zu steigern. Wissen aus Büchern ist allemal vorzuziehen. Sie greifen einen in den seltensten Fällen an.“
Er kicherte. Bisher hatte er nicht bemerkt, daß sie Sinn für Humor hatte. Doch in der vergangenen Nacht Humor zu erwarten wäre wohl auch unrealistisch gewesen.
„Liest du viel?“ fragte er.
„O ja“, antwortete sie. „Onkel Traugott hat eine interessante Sammlung an Schriften. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Mann und könnte an die Universität gehen und all die phantastischen Fächer studieren. Ich bin ein furchtbarer Blaustrumpf, mußt du wissen.“
„Abscheulich“, pflichtete er ihr bei. „Das muß ich mir merken. Die Dame erstrebt unmädchenhaftes Wissen. Am besten rede ich nicht mehr mit dir.“
Sie kicherte. Ihre Augen blitzten auf und ließen ihr Gesicht in unerwarteter Anmut erstrahlen. Dann lehnte sie sich plötzlich zurück auf den Boden.
„Alles in Ordnung?“
Sie atmete behutsam ein.
„Ich fühle mich schwindlig.“
Der Blutverlust. Eine normale Reaktion.
„Lieg einfach eine Weile still. Das geht vorbei. Entspann dich. Denk an etwas Schönes, vielleicht an dein Lieblingsbuch.“
„Ich werde an das Lied denken, das du gestern gesungen hast. Du hast eine fabelhafte Stimme.“
„Danke. Als Vampir kommt man nicht oft in den Genuß, Schlaflieder zu singen.“
„Du hast es trotzdem gut gemacht, und ich danke dir dafür. Leider kann ich mich an das Ende nicht mehr entsinnen.“
„Das heißt wahrscheinlich, daß es ein gutes Schlaflied war.“
„Sehr wirksam“, stimmte sie bei. Dann wurde sie ernst. „Ich wüßte gern, was diese Männer mit Onkel Traugott und den Dienern gemacht haben. Ich mache mir Sorgen.“
„Mein liebes Kind, deinem Onkel und deiner Dienerschaft geht es sicher besser als dir. Was sollen sie ihnen schon getan haben? Sie können kaum einen ganzen Haushalt ausrotten. Sie wollten mich. Hättest du nicht beschlossen, mir zu helfen, wärst du jetzt wahrscheinlich zu Hause und in Sicherheit.“
Sie lachte.
„Ich würde es wieder tun“, sagte sie und rümpfte ihre Nase, „was mit ziemlicher Sicherheit bedeutet, daß meine geistigen Fähigkeiten durchweg überschätzt werden.“
Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn, und sie zuckte kaum zusammen.
„Geht es dir besser?“
„Ein bißchen.“
„Gut. Dann werde ich deinen Mut wieder herausfordern. Soweit ich sehe, hört der Stollen weiter vorne auf und geht in ein Höhlensystem über. Du wirst klettern müssen. Dafür müssen wir deinen Rock kürzen.“
Sie biß sich auf die Lippen.
„Das ist doch sicher nicht notwendig?“ fragte sie und klang dabei so empört wie eine Pfarrersköchin.
„Doch. Das ist absolut notwendig. Du kannst unmöglich im knöchellangen Kleid blind durch den Berg klettern.“
„Aber …“ Sie hielt inne. „Das bedeutet …“
„Daß ich deine Beine sehen kann. Bis zu den Knien. Ich bin sicher, es sind sehr anmutige Beine.“ Das waren sie allerdings. Er spürte fast noch, wie sie sich angefühlt hatten, als er bei ihr aufgewacht war. Lange, schlanke Beine, bis oben hin. „Ich werde sie geflissentlich ignorieren.“ Das sollte er wirklich. „Ich werde auch deinen Mantel nehmen. Solange wir unterwegs sind, wirst du ihn nicht brauchen, er wird dich nur behindern. Ich gebe ihn dir zurück, wenn es Zeit für das nächste Schlaflied wird.“
Sie seufzte.
„Tu, was du tun mußt. Nur laß mir ein wenig Würde.“
„Von allen Dingen, die du jetzt brauchst, steht Würde recht weit unten auf der Liste.“
„Ich sehe höchstwahrscheinlich ohnehin völlig unzivilisiert aus.“
„Ein wenig. Ich aber auch. Wir sind beide staubig und dreckig. Deine Frisur hängt herunter. Deine Locken wirken ein wenig … freiheitsliebend.“
„Ich fürchte, die hatten schon immer ihren eigenen Willen.“
Er kniete neben ihr nieder. Er brauchte kein Messer. Wie seine Zähne konnten seine schmalen Nägel sich rasch verwandeln und zu rasiermesserscharfen Krallen wachsen, wenn er sie brauchte. Er hakte sie in den Stoff des Kleides und riß. Das Geräusch zerreißender Kleidung ließ sie ängstlich zusammenzucken. Wahrscheinlich erinnerte es sie an ihren Angreifer.
Es war immer wieder unbegreiflich, wie viele Schichten Kleidung Frauen trugen. Er schnitt durch Petticoats und Unterkleidung, riß sie in Kniehöhe ab. Sie trug knöchellange Unerwähnbare, deren weiße Spitze winzige Einblicke auf ihre Unterschenkel und Knie zuließen. Hübsche Knie und Beine, glatt und schlank, aber auch muskulös. Er widerstand dem plötzlichen Drang, sie mit den Händen zu erkunden, sie zu küssen, mit seinen Lippen auf ihrer Innenseite entlangzureisen.
Statt dessen faltete er den abgerissenen Stoff und stopfte ihn in sein Jackett. Als Kissen mochte das Material taugen, wenn sie wieder rasteten.
„Also denn“, sagte er. „Gehen wir!“
Sie rappelte sich unelegant auf und stand vor ihm. Ihr weiter Blick ging unfokussiert ins Nichts. Aufsässige Locken fielen ihr ins Gesicht. Er griff danach, fand eine Haarnadel in ihrem Haar und klemmte die Strähnen fest.
„Konzentriere dich!“
Sie brauchte immer eine Weile, bis sie seinen Zauber ertragen konnte. Er versuchte, ihr nicht ins Gesicht zu blicken, konnte sich aber doch nicht davon abhalten. Es veränderte sich, nahm einen Ausdruck von Hingebung und Sehnsucht an. Nur in diesem Zustand konnte sie sein Eindringen in ihren Geist ertragen.
Er sagte sich, daß die Sehnsucht, die Liebe, die sie in sich wachrief, nicht ihm galt. Das war mehr als bedauerlich. Vielleicht würde es ihm gelingen, ihre Einstellung mit der Zeit zu ändern.
Nicht, daß sie viel Zeit hatten.
„Mutiges Mädchen. Auf!“