Kapitel 7

Cérise sah ihrer Zofe beim Packen zu. Sie würde ihre eleganten, raffinierten Kleider, die ihre Schönheit bei Konzerten oder anderen hochkarätigen Funktionen so gekonnt unterstrichen, nicht brauchen. Sie wünschte, sie hätte auch einige praktische und widerstandsfähige Sachen. Es mangelte ihrer Garderobe an passender Kleidung für einen Ausflug ins Gebirge. Sie war gekommen, um einige Konzerte zu singen und nicht um Gipfel zu ersteigen.

Sie haßte Berge. De vrai, sie sahen nett aus und natürlich auch beeindruckend und all das. Zudem waren sie in Mode, besonders bei der Wiener Hofgesellschaft. Doch sie waren schrecklich, was ihre Auswirkungen auf Stil und Grazie anging. Niemand konnte einen steilen Berg erklimmen und dabei graziös aussehen. Die weißen Kleider, die Cérise im Sommer gern trug, verschmutzten zusehends bei soviel Kontakt mit ach so freier Natur, und bergauf zu laufen brachte einen ins Schwitzen. Göttinnen schwitzten nicht, und als solche wurde sie von der Presse hochgelobt, als unerreichbar talentiert und schön. Sie ging mit diesem Nimbus sehr sorgsam um. Hügel zu erklimmen, in unpassender Kleidung und mit glühendem Gesicht, vermittelte kaum den richtigen Eindruck.

„Ich hätte eines dieser Bergbesteigungskleider kaufen sollen. Sie tragen sie hier alle, als vermittle das bloße Anziehen eines solchen Gewandes schon eine Aura von Sportlichkeit. Aber die Grau- und Grüntöne sind allzu jägerlich grob. Unweiblich, und es ist mir völlig einerlei, ob Ihre Majestät die Kaiserin von Österreich so etwas auch trägt oder nicht“, erklärte sie ihrer Zofe, deren Lächeln ein wenig eingefroren war, da die Aufgabe, eine passende Garderobe für eine Reise in die Berge zusammenzustellen, so gut wie unlösbar war in Anbetracht der Kleidungsstücke, die ihre Arbeitgeberin mit nach Bad Ischl gebracht hatte.

„Ich könnte wetten“, fuhr Cérise fort, „daß Corrisande kein Aufhebens um ihre Kleidung macht. Höchstwahrscheinlich kommt sie in Loden und einem praktischen, kurzen Rock.“

Sie blickte wieder auf die Gewänder und dann auf ihre Zofe, wie diese ein- und wieder umpackte. „Beeil dich, Madeleine. Ich will auf keinen Fall zu spät kommen. Wir müssen uns sputen, wenn wir Bad Aussee heute noch erreichen wollen. Also bitte trödle nicht.“

Madeleine sagte ihrer Arbeitgeberin nicht, daß sie längst mit dem Packen fertiggewesen wäre, wenn diese sich nicht ständig wieder anders entschieden hätte. Sie nickte nur und packte weiter. Wenn Mlle. Denglot wirklich wandern wollte, dann hätte sie sich zumindest die richtigen Stiefel dafür besorgen sollen. Die zierlichen, hochhackigen Knopfstiefeletten und entzückenden, wenngleich auch ein wenig skandalösen offenen römischen Sandalen würden sie nicht weit bringen.

„Mrs. Fairchild wird mich abholen. Sie hat sich bereit erklärt, einen Vierspänner mit Kutscher aufzutreiben. Die Postkutsche ist zu langsam. Mit unserem eigenen Wagen werden wir hoffentlich schneller sein. Sie wird auch ihre Zofe mitnehmen, die uns beide bedienen muß. Du bleibst hier, nur für den Fall, daß die Herren zurückkommen sollten. Bitte sieh täglich auch bei Mrs. Fairchilds Gasthaus nach. Es wäre zu ärgerlich, wenn Graf Arpad oder Mr. Fairchild einträfen, und wir wären ohne Nachricht verschwunden. Allerdings könnte ich ihren Groll mit Gleichmut ertragen, wenn ich sie nur in Sicherheit wüßte.“

Cérise merkte, daß ihre Zofe ihren Entschluß, wegen nichts als einem bösen Traum aus heiterem Himmel weiter in die Berge zu reisen, gar nicht erst kommentierte. Doch Madeleine sagte nie viel. Sie war eine schweigsame Frau und an die plötzlichen Launen und jähen Entscheidungen ihrer Arbeitgeberin gewöhnt. Wenn sie dachte, die Konstellation einer ehemaligen Geliebten und der jetzigen Frau desselben Mannes sei geschmacklos, so sagte sie das nicht.

Es klopfte.

„Mon Dieu, jetzt ist sie da, und wir sind noch nicht fertig. Das ist zu peinlich. Du mußt dich etwas beeilen, Madeleine. Dies ist ein Notfall. Bitte öffne die Tür.“

Madeleine trat vom Koffer zurück, wurde jedoch sofort wieder aufgehalten.

„Nein, besser, du packst weiter. Ich werde aufmachen.“

Cérise ging zur Tür und öffnete sie. Doch es war nicht Mrs. Fairchild, die vor ihr stand, sondern eine weit ältere Dame von Anfang Fünfzig. Die Frau stand korrekt und kerzengerade da, wirkte angespannt und lächelte nervös. Sie trug ein elegantes Wollkostüm, das ausgezeichnet zu den grauen Strähnen in ihrem kastanienroten Haar und zu ihren grauen Augen paßte. Der einzige Schmuck, den sie trug, war eine wunderschöne Kamee, die das Reliefbild eines Kindergesichts zeigte.

„Guten Morgen, Mlle. Denglot. Es tut mir leid, daß ich schon so früh störe, aber ich muß Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Mein Name ist Sophie Treynstern.“

Lieber Himmel. Eine Bewunderin. Nicht, daß Cérise etwas gegen Bewunderer hatte – sie hatte sie sogar gern, auch wenn sie junge Männer alten Damen dabei vorzog. Doch so kurz nach dem Frühstück wollte sie keine sehen. Sie hatte ohnehin keine Zeit, sich mit ihnen zu befassen.

„Guten Morgen. Es tut mir auch leid, aber Sie kommen gerade heute etwas ungelegen. Sie müssen entschuldigen, ich bin im Moment sehr beschäftigt. Ich fürchte, ich muß die … Freude, Sie kennenzulernen, auf später verschieben.“

Sie nickte und versuchte dann, die Tür wieder zu schließen, doch die graue Dame hielt die Klinke fest und sah ganz ungeheuer entschlossen aus. Cérise staunte über soviel Ungezogenheit. Eine solche Beharrlichkeit ging über das Maß guter Sitten hinaus. Empörend. Natürlich waren ihre Bewunderer mitunter recht insistent, doch selbst den attraktivsten jungen männlichen Bewunderern hätte sie ein solches Benehmen nicht durchgehen lassen.

Sie holte tief Luft, doch die Dame in ihrer Tür unterbrach sie.

„Bitte, Mlle. Denglot. Es ist absolut wichtig. Es geht um ...“ Sie nahm ihre Stimme zurück und flüsterte: „... Torlyn.“

Cérise blieb der Mund offen stehen. Torlyn verriet seinen wahren Namen nie jemandem. Er war Graf Arpad für den Rest der Welt und einfach nur Arpad, wenn sie von ihm sprach, was sie im Grunde nie tat. Als unverheiratete Frau einen Liebhaber zu haben würde schon schlimm genug sein, wenn es jemals aufkam; einen Liebsten zu haben, der kein Mensch war, würde sie nicht nur in Schande, sondern auch in Gefahr bringen, und ihn ebenso.

„Was wissen Sie über ...“, begann sie, und dann verstand sie mit einem Mal. Die Dame war vielleicht nicht mehr jung, doch es war selbst jetzt noch deutlich zu sehen, daß sie einmal eine ganz außergewöhnliche Schönheit gewesen sein mußte. Ihre Gesichtszüge waren von klassischer Perfektion, ihre ausdrucksvollen Augen von langen dunklen Wimpern gesäumt, ihr Blick war voller freundlicher, mitfühlender Emotion.

Torlyn lebte schon lange. Sie hatte immer gewußt, daß er vor ihr auch schon geliebt hatte – wie sie auch wußte, daß es auch nach ihr Frauen in seinem Leben geben würde. Sie hatte nie darüber nachdenken wollen. Sie wollte die Zeit, die sie mit ihm teilte, genießen, und zu denken, daß sie alt werden würde, während er jung blieb und weiterzog, brach ihr das Herz. Sie wollte auch nicht über jene nachdenken, die dies bereits erlebt hatten.

Nun stand sie diesem Schicksal gegenüber.

Frau Treynstern stand reglos vor ihr. Cérise glaubte, einen Hauch von Wehmut in ihren Augen zu erkennen.

„Sie kommen wohl besser herein“, sagte sie, trat beiseite und lud ihren Gast ein einzutreten. „Madeleine, wenn du fertig bist, laß uns allein.“

Madeleine war fertig. Packen war kein Problem, wenn keine unentschlossene Primadonna andauernd störte. Sie nickte und ging.

„Nehmen Sie Platz“, lud Cérise ihren Gast ein und hatte keine Ahnung, wie sie mit der Frau ein Gespräch in Gang bringen sollte. Sie wollte nicht mit ihr reden. Doch vielleicht wußte die Frau ja etwas über Torlyns Verbleib.

Sie blickte ihren Gast an und stellte fest, daß die Dame in Grau genauso peinlich berührt war wie sie. Auch sie genoß die Situation keineswegs.

Eine Weile herrschte emotionsgeladenes Schweigen.

Dann begann Frau Treynstern zu sprechen.

„Es tut mir wirklich leid, daß ich Sie störe, ganz besonders so früh am Morgen, und ich hätte Sie auch ganz bestimmt nie angesprochen ...“ Sie hielt inne, wußte nicht, wie sie den Satz beenden sollte. Nervös suchte sie einen neuen Anfang. „Bitte verzeihen Sie, doch ich glaube, daß wir in Torlyn einen gemeinsamen Freund haben. Seinen Briefen habe ich entnommen, daß er Sie sehr schätzt. Er hat natürlich nie gesagt, daß er ... daß Sie ... was ich meine, mit keinem Wort hat er ...“

Dieser Satz blieb auch unvollendet. Doch Cérise verstand trotzdem.

„Wir stehen einander nahe“, sagte sie und fragte sich, wo das alles hinführen sollte.

„Das dachte ich mir. Sie sind so schön und talentiert. Ich bin eigens von Salzburg angereist, um Ihre Konzerte zu hören. Ich lebe dort. Ich wollte Sie nur hören und sehen – ich gestehe, meine Neugier ist unverzeihlich. Gewiß wollte ich mich nicht aufdrängen. Bitte glauben Sie mir, ich bin nicht eifersüchtig. Torlyn und ich hatten unsere Zeit. Wir sind jetzt Freunde. Wir schreiben einander, doch wir treffen uns nie.“

Sie hielt erneut inne, schien ihren eigenen wirren Worten nachzulauschen. Dann holte sie tief Luft und sprach weiter.

„Was ich Sie fragen wollte – und ich weiß, daß ich dazu überhaupt kein Recht habe – ist, ob Sie in letzter Zeit von ihm gehört haben. Ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen erklären soll, aber ich mache mir ganz außerordentliche Sorgen um ihn. Ich hatte gehofft, Sie hätten vielleicht eine Nachricht ...“

Cérises Mut sank. Aus dieser Ecke war keine Entwarnung zu erwarten. Dies klang eher nach dem Gegenteil.

„Frau Treynstern, er hätte eigentlich nach Ischl kommen sollen, doch bislang ist er noch nicht eingetroffen. Ich würde mir normalerweise noch keine Sorgen um ihn machen, doch letzte Nacht ...“

Nun war es Cérise, der es nicht gelang, ihren Satz zu vollenden. Die beiden Frauen sahen einander eine Weile schweigend an.

„Ich hatte letzte Nacht einen Traum“, berichtete Frau Treynstern. „Ich leide nicht oft an Alpträumen, und gewiß hatte ich noch nie einen wie diesen. Er erschien so bedrohlich. So real. Ich weiß, es klingt absurd, und ich versichere Ihnen, daß ich üblicherweise nicht zu hysterischen Ausbrüchen neige. Mein Leben verlief in recht ungewöhnlichen Bahnen, und ich gerate nicht schnell in Panik ...“

„Sie haben geträumt, daß er stirbt“, unterbrach Cérise.

Frau Treynstern nickte.

„Ich auch“, fuhr Cérise fort und hielt sich die Hände vor den Mund. „Ich auch.“

Wieder teilten sie ein betroffenes Schweigen.

„Es ist mir nicht entgangen, daß Sie packen, Mlle. Denglot. Wenn Sie eine Ahnung haben, wo er zu finden ist ... ich wäre wirklich dankbar ...“

„Ich verlasse Ischl für einen Abstecher in die Berge, an einen Ort namens Aussee. Mrs. Fairchild, eine Freundin von mir, hatte heute nacht auch einen beängstigenden Traum, der ihren Gatten betraf. Ihr Mann war unterwegs nach Aussee. Wir haben beschlossen, ihm zu folgen, um den Grund für unsere Träume zu finden.“ Sie blickte direkt in die grauen Augen ihres Gastes, der ehemaligen Geliebten, der Freundin Torlyns. Der Frau, die mit ihm korrespondierte. Der Frau, die über sie Bescheid gewußt hatte, während sie noch nie von ihr gehört hatte. „Mir ist klar, daß es ein wenig verrückt erscheint, nur aufgrund eines Traums zu packen und loszufahren. Zweier Träume.“

„Dreier Träume“, fügte Frau Treynstern hinzu. „Waren die Herren gemeinsam unterwegs?“

„Das nehme ich nicht an. Doch unsere Träume zeigten sie in der gleichen Umgebung und in der gleichen Todesgefahr.“

„Eine Höhle oder Mine?“

„Genau.“

Abermals Schweigen.

„Mlle. Denglot, ich verstehe, daß Sie mich wahrscheinlich auf den Mond wünschen. Glauben Sie mir. Ich verstehe Ihre Situation. Doch ich bitte Sie, mich mitzunehmen. Vielleicht kann ich helfen. Ich bin eine Einheimische. Die Leute in den Bergen werden mir möglicherweise mehr anvertrauen als Ihnen. Ich kenne die Berge, und durch meinen Gatten – Gott hab ihn selig – habe ich vielleicht sogar ein wenig Zugang zu den Behörden. Ich könnte von Nutzen sein. Ich habe im Nu gepackt. Ich wollte ohnehin abreisen. Ich weiß, daß Sie mich vermutlich lieber nie getroffen hätten, doch vielleicht verstehen Sie ja, daß ich jetzt nicht einfach nach Hause fahren kann, um auf einen Brief zu warten, der möglicherweise nie kommt. Bitte glauben Sie ...“

„Kommen Sie mit“, hörte sich Cérise sagen. „Mrs. Fairchild mietet gerade einen Wagen. Sie wird gleich dasein. Ihre Zofe wird uns begleiten, doch wir werden sicher Platz für eine weitere Person haben. Wir werden unsere Männer zurückbekommen, und wenn wir sie aus diesen abscheulichen Gebirgen herauskratzen müssen.“

Frau Treynstern stand auf.

„Danke“, sagte sie. „Ich gehe packen. Ich rate Ihnen, warme Bekleidung mitzunehmen. Ende September ist Spätsommer in manchen Teilen Europas, doch hier in den Bergen kann es plötzlich zu Wintereinbrüchen kommen. Ich warte in der Halle auf Sie.“

Cérise öffnete ihr die Tür.

„Ich bin froh, daß Sie gekommen sind“, sagte sie zu der Frau.

„Ich bin froh, daß ich den Mut dazu gefunden habe“, entgegnete Frau Treynstern, „und daß Torlyn eine Liebe gefunden hat, die sich durch soviel Mut und Entschlossenheit auszeichnet.“

„Offensichtlich bevorzugt er einen solchen Typ Frau, Frau Treynstern.“

Die beiden Frauen lächelten einander an.