Kapitel 47

In dem Augenblick, in dem Corrisande das Wasser berührte, begann aus Richtung des Gasthofs eine Frauenstimme gellend um Hilfe zu rufen. Sie schrie teils auf Französisch.

„Marie-Jeannette!“ rief Corrisande alarmiert. Marie-Jeannette hatte eine schrille Stimme. Sie schrie hysterisch und mit außerordentlich vielen Worten. Die Auswahl ihres Vokabulars war dabei ebenso anstößig wie beachtenswert.

„Laßt mich los, ihr Dreckskerle!“ schrie sie. „Laßt mich sofort los! Nehmt eure dreckigen Pfoten von mir! Ich bin kein Feyon! Sehe ich verdammt noch mal aus wie ein Gespenst? Sehe ich aus wie ein verdammter Wassermann? Ich sag‘s der Polizei! So etwas ist verboten! Vier Männer, die ein ehrbares Mädchen angreifen!“

Ihre Schreie waren weit entlang des Ufers zu hören, so auch gut zweihundert Schritte weiter im Buschwerk, wo die drei Damen sich vor den Blicken Fremder verbargen. Alle drei machten Anstalten, dem Mädchen zu Hilfe zu eilen, und taten es dann doch nicht.

Die folgende Diskussion am Gasthof war nicht Wort für Wort zu verstehen, aber im großen und ganzen konnte man ihr folgen. Männer waren gekommen, um einen Gast, der ein Sí sein sollte, gefangenzunehmen. Als einzige Fremde hatte man Marie-Jeannette aus dem Haus gezerrt.

„Sie suchen mich“, flüsterte Corrisande panisch. Sie hatte die furchtbare Nacht nicht vergessen, in der die Bruderschaft sie entführt hatte und in der ihr klar geworden war, daß es Menschen gab, die ihr jeden Wert und jede Berechtigung zu leben absprachen. Sie erinnerte sich noch an den Schmerz und die Angst und ganz besonders an die Demütigung. Sie spürte noch die verquere Freude der Männer darüber, daß sie sie gefangen hatten und mit ihr tun konnten, was sie sollten. Sie war kein Mensch. Sie war weniger als ein Tier. Sie atmete etwas zittrig ein.

„Ich glaube nicht, daß sie in Gefahr ist“, sagte sie. „Auch Sie sind wahrscheinlich nicht in Gefahr. Die Leute suchen einen Sí. Ich werde mich unter Wasser verstecken. Ich hoffe nur …“

Sie beendete den Satz nicht, sondern glitt eilig ins eisige Wasser, dessen Intensität sie schnell einhüllte. Sie hörte ihren eigenen Herzschlag unendlich laut in ihrer Brust, halb aus Angst, von den Männern gefangen zu werden, halb weil sie fürchtete, Beute des Wassers zu werden. Sie konnte nur darüber spekulieren, was furchtbarer sein mochte. Was sie von Feyonhassern zu erwarten hatte, wußte sie. Was ihr in dieser stimmgewaltigen Flutenwelt bevorstand, konnte sie nicht einmal erahnen.

Der Grund fiel rasch ab, man konnte nicht langsam in den See gehen oder sich an die Temperatur gewöhnen. Eine eiskalte Welt schloß sie ein. Sie zögerte nicht, sondern tauchte tief in die schwarzen, harschen Gewässer. Das Dunkel schlug über ihrem Kopf zusammen.

Die Absenz menschlicher Stimmen war das erste, was ihr auffiel. Der Streit vor Ladners Gasthof war verschwunden. Ihre Ohren dröhnten. Sie versuchte, die Luft anzuhalten, wollte gar nicht erst probieren, unter Wasser zu atmen. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie das getan, und das war unfreiwillig gewesen. Sie war nicht ertrunken, zumindest nicht durch Wasser in der Lunge, allerdings sehr wohl durch die Übermacht der Fluten; sie hatte ihr Selbstverständnis verloren, ihre Erinnerung, ihre Hoffnung.

Davor fürchtete sie sich am meisten. Wenn sie sich im Wasser verlor, würde sie nicht mehr zurückfinden. Diesmal war kein Philip in der Nähe, der sie aus den Fluten ziehen und wiederbeleben würde. Wahrscheinlich war keine der beiden Damen scharf auf ein Bad im eiskalten Naß. Auch war dies kein kleiner Zierteich wie in München, sondern ein großer, tiefer See voller Leben, Macht und Energie.

Sie tauchte tiefer, und das Wasser drückte sie nieder wie ein Mühlstein. Noch hielt sie den Atem an, das letzte bißchen Luft, an dem sie ihr Menschsein festmachte. Ihre Lunge brannte, und sie mußte dringend einatmen. Doch sie wußte mit absoluter Sicherheit, daß es unerläßlich war, außer Sichtweite zu bleiben. Wer immer da versuchte, sie zu fangen, war vermutlich per Boot gekommen. Von einem Boot aus war es leicht, sie zu jagen oder auf sie zu feuern, wenn sie sich über Wasser zeigte.

Sie begann still zu beten, dann öffnete sie den Mund, gab den letzten Rest Atemluft frei und öffnete dem Wasser den Weg in ihre Lunge. Das eiskalte Naß unterwarf sie brutal, durchbohrte ihren Brustkorb wie eine Lanze. Sie konnte noch nicht einmal schreien, als es sich in ihrer Lunge ausbreitete, in die letzten Gefäße ihrer Bronchien schoß. Vor Schmerz war sie wehrlos.

Sie blieb reglos, trieb im Wasser, sank, kaum bei Bewußtsein. Der Lärm in ihren Ohren hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, die sie geschlossen hatte, um das Furchtbare nicht mit ansehen zu müssen. Ein riesiger silberner Fisch glitt an ihr vorbei. Sie spürte seinen abschätzenden gelben Blick. Er sah sie verlangend aus großen, hungrigen Augen an. Er wartete auf ihren Tod.

Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Empfindungen türmten sich zu Schuldbergen. Sie hatte die Gefahr unterschätzt. Sie hatte ihre Fähigkeiten überschätzt, sich auf ein Talent verlassen, das sie vielleicht gar nicht mehr besaß. Sie war dabei zu ertrinken, starb, erstickte, und der Schmerz zerriß sie. Sie hatte Philip im Stich gelassen, als er sie brauchte. Sie hatte ihr Kind zum Tode verurteilt. Tiefe Zerknirschung überfiel sie. Dann verblaßte die Welt und sie mit ihr.

Sie weinte und glaubte es nicht. Unter Wasser weinen? Unmöglich. Doch sie tat es, seufzte, jammerte und bemerkte, daß die Welt plötzlich grau und blau und grün war. Auch schien es ihr nicht mehr dunkel, höchstens etwas düster. Sie konnte klar alles um sich erkennen und blinzelte einen Augenblick lang den seltsamen Visionen entgegen. Ihre Wirklichkeit schien weit fortgetrieben zu sein. Sie befand sich in einer Landschaft, die an ein Aquarell gemahnte, und sie war nicht mehr allein. Sie hatten sie gefunden.

Du bist gekommen, sagte eine vielfältige Stimme, die klang wie ein Chor, mal mehrstimmig, mal einstimmig. Sie mußte sie schon vorher gehört haben, doch nicht bewußt. Du bist gekommen, sagten sie wieder. Du wirst bleiben. Du gehörst zu uns. Laß los. Laß alles los!

Sie ließ nicht los, sondern hielt mit verzweifelter Beharrlichkeit an ihren Erinnerungen fest. Philip, murmelte sie ins Wasser, ich verspreche, ich werde dich nie vergessen. Ich schwöre es.

Wer ist Philip? neckten die Stimme, jagten um sie herum, liebkosten sie. Nichts als ein Sterblicher, gaben andere Stimmen zur Antwort. Nur ein Mensch.

Ich bin auch sterblich, sagte Corrisande dem Wasser, sah sich dabei um, beobachtete, wie die letzten Luftblasen aus ihrem Mund strömten und wie Perlen nach oben entkamen, hinauf zur Nacht, die sich nutzlos darüber erstreckte. Ich bin nur ein Mensch. Laßt mich gehen. Ich will hier nur etwas warten. Seid barmherzig, wer immer ihr seid.

Sie war auf den Seegrund gesunken, wo fedrige grünliche Wasserpflanzen in einem fremdartigen Takt hin und her wogten, als tanzten sie zu einer lautlosen Musik. Sie nahm Platz auf einem seegrün bezogenen Fels, drapierte ihr Badekostüm ordentlich um sich herum. Ganz deutlich konnte sie jetzt sehen, ihre Augen hatten sich an die neue Umwelt gewöhnt. Es war bezaubernd hier, ganz anders.

Barmherzig? fragten die Stimmen neben ihr. Wasser ist nicht barmherzig. Wir sind, was wir sind, der Kreislauf des Lebens, die Macht des Regens, sind Schnee und Fluß und Meer. Du gehörst zu uns. Wir können dich zu einer von uns machen, und du wirst allzeit mit uns singen.

Nein, herzlichen Dank, antwortete sie höflich. Ihr meint es sicher gut, doch ich bin nur ein Mensch, und ich muß zurück in meine Welt.

Diese Welt wird dich ermorden, sangen sie, bald schon. Du gehörst dort nicht hin. Dein Element ist das Wasser. Du mußt mitkommen. Du kannst deine Vorfahren in der Pracht des Meeres wiederfinden. Du kannst über den Gebirgen regnen.

Lieber nicht, gab sie zur Antwort. Es gibt nur eins, was ich will: daß Philip in Sicherheit ist. Wasser lockt mich nicht. Ihr lockt mich nicht. Ich bin ein Mensch. Ich liebe Philip.

An diesem Gedanken versuchte sie sich festzuhalten. Doch die Liebe, die eben noch eine bleibende Gewißheit gewesen war, verschwamm, und schon konnte sie sich nicht mehr an sein Antlitz erinnern. Er hat gelbliche Augen, flehte sie, gelb wie heller Bernstein. Sie funkeln, wenn er lacht. Ich trage sein Kind in mir.

Das Wasser gluckste. Du wirst das alles vergessen, sagte es. Du hast es schon beinahe vergessen. Menschliches Leben ist bedeutungslos, eine vorübergehende Randerscheinung. Vergiß deine Hemmnisse, lege die menschliche Bedeutungslosigkeit ab. Ein Menschenleben ist kurz und vergeblich, voller Verzweiflung und Gewalt, und endet immer mit dem Tod. Menschen sind nur Staub. Warum willst du Staub sein? Warum willst du, daß dein Kind nichts ist als Staub?

Sie war nun sehr durcheinander, fühlte, wie ihre Gedanken sich auflösten, davonschwammen, sie alleine ließen ohne Identität. Panik stieg in ihr auf; sie wußte nicht weshalb. Eine ganze Zeit saß sie nur bewegungslos da. Eine fremdartige Ruhe schien zum Greifen nah, wenn sie nur losließ.

Doch sie ließ nicht los, sie kämpfte, wehrte sich. Noch wußte sie seinen Namen.

Philip, schrie sie, und ihr Schrei gellte laut durch das Wasser. Philip! Sie erhielt keine Antwort.

Du magst also gelbe Augen, sagte eine neue Stimme, eine Solostimme, ein Klang, der zu mehr gehörte als nur zu einem Bewußtsein der Fluten. Ein junger Mann blickte sie an, schlank, blaß, spitzohrig, auf Feyonart betörend. Sein Lachen war süß und einladend, seine Zähne sahen scharf aus. Er erinnerte sie an … jemanden. Sie wußte nicht mehr, an wen, und ahnte doch, daß sie das nicht vergessen sollte. Es gab etwas, das zu bedenken war, das mit diesem Geschöpf zu tun hatte, etwas Wichtiges, etwas, das man keinesfalls je vergessen durfte.

Sie blickte in seine schönen Augen und versuchte, das flüchtige Wissen, das am Rande ihres ertrinkenden Geistes schwebte, festzuhalten. Er sah ungemein gut aus. Jeder Teil seiner Physis sprach ihr Herz an. Sein hüllenloser Leib war eindrucksvoll, athletisch und stark. Seine Männlichkeit war ansehnlich, sein Lachen hoffnungsvoll, seine Haut zum Teil mit grünsilbernen Schuppen bedeckt. Wie es eben sein sollte. Er hatte gelbe Augen.

Phi… im Moment konnte sie sich nicht mehr an den Namen erinnern. Dann erkämpfte ihr Gedächtnis ihn sich zurück, hielt ihn einen Atemzug lang fest, und sie sank auf die Knie. Philip, flehte sie, hilf mir. Bitte!

Aber nein, sagte er, kniete sich ihr gegenüber hin, streckte die schwimmhäutigen Finger nach ihr aus. Die Schuppen waren nicht echt, nur ein Muster auf seiner Haut. Es sah so schön aus.

Ich bin besser als Philip, sagte er und schenkte ihr ein Lächeln wie starker Wein. Er berührte ihre Schulter. Sie lächelte ihn durch ihre Tränen hindurch an, die durchs Wasser davonflossen.

Dann strich er ihr durchs im Wasser treibende Haar, koste ihre Lippen, fuhr an ihren Ohren entlang. Seine Beine umfaßten sie und zogen sie näher.

Ich werde dir meinen Namen schenken, damit du seinen vergißt. Ich bin Iascyn – behalte das. Ich werde dir meine Liebe schenken, dann brauchst du seine nicht mehr. Ich werde gut zu dir sein, mein Nereidenmädchen. Hör nicht auf das Wasser. Du würdest dich darin verirren. Ich werde dir helfen, dich dagegen zu wehren, damit du deinen Sinn, deine Seele und dein Sein nicht verlierst. Doch du mußt mir gehören. Dies ist mein Reich. Ist es nicht wundervoll?

Die Farben wirbelten in immer neuen Blau- und Grüntönen um sie herum. Sternenlicht von oben stach herunter ins Naß. All das war schöner als alles, was sie je gesehen hatte. Sie besah sich lange die Myriaden lebender Farben. Er drängte sie nicht, doch sie wußte, daß sie ihm eine Antwort schuldete.

Ich kann dir nicht gehören, sagte sie. Ich liebe … doch der Name war ihr entglitten, so wie zuvor schon das Gesicht, und sie begann entsetzt, sich zu wehren, zu schreien und zu toben. Er fing sie in ihrer fliegenden Bewegung und ließ den Schwung zum Tanz werden. Wie in einem Walzer wirbelten sie durch die perlenden Fluten, als hätten sie die Schwerkraft ihrer Macht beraubt. Sie hörte auf zu schreien, zu jammern und zu trauern. Es gab keinen Grund dafür. Sie jagten durch die Wellen, immer weiter tanzten sie, spielten, tollten herum wie übermütige Halbwüchsige.

Sie gab sich einem anheimelnden Schwindelgefühl hin, hörte Musik, die sie nicht klar erkennen konnte. Von weit her schien sie zu kommen, wie Walzer auf einem Ball, den man gerade verließ.

Ihr Sinn wiederholte „Walzer“, denn sie kannte das Wort nicht. Er nahm sie in die Arme, legte sie sacht auf eine weiche Bettstatt aus Wasserpflanzen. Wie schön er war! Seine Zähne waren wie umgekehrte Tropfen geformt, wie spitz zulaufende Perlen. Sein Lächeln war wie Sonnenschein.

Sonnenschein, flüsterte sie und erinnerte sich an blauen Himmel, Wind und ein fremdes Lächeln in einem kantigen, sonnengebräunten Antlitz. Ich muß ihm helfen, sagte sie, wußte aber nicht genau, warum sie das sagte. Wem?

Wirst du mir helfen, ihn zu finden? Ihn zu erretten? fragte sie und fühlte seine sanften Hände, die ihren Leib liebkosten wie warmes Wasser.

Was gibst du mir dafür? fragte er schäkernd.

Das wundervolle Gesicht war direkt über ihrem. Zärtliche Lippen bereisten die Haut ihrer Wangen. Ihr fiel auf, daß er sie irgendwann ausgezogen hatte, sie hatte es nicht bemerkt. Doch es mußte eine Weile her sein, denn sie konnte sich nicht entsinnen, wann sie es zuletzt angehabt hatte, das … was immer es gewesen war. Sie war splitternackt, und das Gefühl irritierte sie. Durch ihren Sinn lief eine Barriere, und ihre Gedanken prallten daran ab. Etwas fühlte sich falsch an. Jäh durchschoß sie Scham, heiß und beunruhigend. Es gab Regeln, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte. Es gab Gründe, dies nicht zu tun, doch die wußte sie nicht mehr.

Ich darf das nicht, sagte sie, aber sie kannte das Warum nicht mehr. Seine Hände liebkosten sie, streichelten ihre Schenkel, ihre Brüste, suchten und fanden ihre Geheimnisse. Sie merkte, wie sie sich ihm entgegenstreckte, sich danach sehnte, sich in seine Hände und seine Macht zu begeben. Sie bebte vor Erwartung. Seine schwimmhäutigen Finger fühlten sich anders an, doch sie wußte nicht, womit sie sie verglich. Sie wußte nur, daß er sie erweckte, daß ihr Körper darauf reagierte und daß all das auf seltsame Weise unpassend war. Doch wie auch immer, er wußte, wie er sie anzufassen hatte und wo.

Sie durfte dies nicht zulassen, aber ihr Geist war wie in einem Netz gefangen, und sie kämpfte erfolglos nicht gegen ihn, sondern gegen die Gelüste ihres eigenen Leibes. Falsch. Das alles war falsch.

Wenn sie sich nur an den Namen entsinnen könnte! Gelbe Augen. Der Mann, der sie koste, hatte gelbe Augen. Das stimmte dann wohl? Gelbe Augen waren richtig. Später würde sie sich an mehr erinnern, doch jetzt verging sie unter seiner Berührung, war mit Wollen und Sehnen beschäftigt. Ihre Gedanken kreisten nur noch um die Küsse, die er ihr schenkte, und die Lust, die sie auslösten. In der geringen Schwerkraft des Wassers spielte er mit ihr, trieb mit ihr dahin, tauchte zwischen ihren Beinen hindurch, wechselte Ziel und Richtung so schnell wie eine Forelle. Seine langes Haar liebkoste ihren Körper wie Seide, und sie wurde mutiger, schlug Purzelbäume wie ein Seehund, umschwamm ihn, wand ihren Körper um ihn und ließ sich dann zurück auf das grüne Bett sinken. Es war erregend, und sie war erregt.

Sein Haar, das in einem weiten Kreis um sein Haupt schwebte, hatte die gleiche grünliche Farbe wie das Bett, auf dem sie lagen. Sie öffnete den Mund, mochte seinen Kuß und streichelte seinen glatten, haarlosen Körper, seine Satinhaut.

Oh, seufzte sie, und hatte nur noch zwei Dinge in ihren Gedanken, ihr Verlangen und den irritierenden Eindruck, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Sie würde sich später erinnern, später, wenn sie beide befriedigt waren. Jetzt loderte sie für ihn, begehrte ihn und ergab sich seiner Eroberung.

Sie schrie, als sie die jähe Kühle in sich spürte. Wie anders! Anders als ... doch es gab keinen Vergleich. Er bewegte sich, und sie verlor jeden anderen Gedanken in dem Genuß, dem Entzücken, der Wonne, die sie durchdrangen. Sie krallte sich in seinen Rücken. Ihr Rhythmus ließ sie über den Seegrund gleiten. Er hielt sie fest, während sie durch das Wasser zuckten und sie sich in ihm verlor.

Dann sanken sie ermattet auf die Bettstatt aus Wasserpflanzen, und sie küßte ihn. Dort lagen sie und hielten einander.

Meine kleine Nereide, sagte er. Du gehörst jetzt mir.

Eine neue Stimme erklang, eine Frauenstimme, fürsorglich und doch ungehalten. Das hättest du nicht tun dürfen, sagte sie.

Ich habe sie nicht gezwungen, gab der junge Mann starrköpfig zurück. Dann war er fort.

Sie hatte keine Wahl, keine Kraft, deiner Magie zu widerstehen. Sie ist eine Menschenfrau, sagte die Frauenstimme.

Sie ist eine Nereide, und sie gehört jetzt mir. Für immer, sagte die Männerstimme neben ihrem Ohr. Sie ist nicht ertrunken. Also kann sie meine Gefährtin sein.

Nein, entgegnete die Mutter. Sie gehört mir. Sie kann nicht dir gehören. Ich brauche sie. Deine Magie war stärker als ihre Widerstandskraft, und sie wird dafür leiden müssen, auch wenn sie keine Schuld trifft.

Verschone mich mit menschlichen Moralvorstellungen! sagte das Wasserwesen neben ihr und klang ein wenig beleidigt.

Corrisandes Verstand begann langsam wieder, etwas zu begreifen. Es war ein zeitaufwendiger, schmerzhafter Prozeß.

Ich spreche nicht von Moral, sagte die sachliche Stimme. Ich spreche von wahrer, selbstloser Liebe. Laß sie gehen. Hier geht es um viel mehr als deine Instinkte. Wir brauchen sie.

Ich liebe sie, beharrte er. Ich bin der Herr dieser Wasser – und ich war lange allein. Er küßte Corrisande auf die Stirn und zog sie zurück in seine Arme.

Wir aber sind die Herrinnen des Lebens, lautete die Antwort, und wenn du sie liebtest, hättest du ihr dies erspart. Laß sie los. Komm, Corrisande.

Der Name brachte ihre Erinnerungen auf einen Schlag zurück, und sie schrie und wehrte sich gegen die Hände, die sie noch hielten. Der wundervolle, bleiche Feyon ließ sie los und war im nächsten Augenblick verschwunden, schoß davon wie ein Fisch, ein silberner Fisch mit hungrigen Augen.

Oh Gott, jammerte Corrisande und sank auf den Grund. Das wollte ich nicht! Oh Gott.

Du darfst mich Mutter nennen, lautete die Antwort, und du hast keine Zeit, um dich im Selbstmitleid und in menschlichen Schuldgefühlen zu aalen. Bedeutende Dinge geschehen. Wider die Welt vergeht man sich. Menschen tun das – deine Art. Du hast eine Aufgabe, du und deine Freundinnen. Also vergiß das Vergnügen, das er dir bereitet hat.

Corrisande vergrub vor Scham ihr Gesicht in den Händen. Ich habe ihn betrogen, flüsterte sie, verraten und betrogen.

Ja, sagte die Mutter. Du warst zu schwach, um zu widerstehen. Wirst du stark genug sein, um zu tun, was zu tun ist? Oder wirst du hier im Wasser hocken bleiben und eine Träne nach der anderen weinen, bis nichts von dir übrig ist als Tränen, die durch Flüsse zum Ozean treiben und Teil des großen Kreises werden?

Ich bin gekommen, um Philip zu helfen, und nun habe ich ihn verraten! schrie sie der unsichtbaren Stimme entgegen.

Dein Philip ist nicht die einzige Kreatur, die in diesem Gebirgen in Gefahr ist, gab die sachliche Stimme zurück.

Corrisande sah auf, blickte sich im Wasser um nach der Herkunft der Stimme.

Du kennst Philip? fragte sie. Ist er in Gefahr? Wirst du ihm helfen?

Wenn du ihm hilfst, entgegnete die Mutter. Morgen wirst du mit deinen Freundinnen einen Spaziergang machen, vom Grundlsee zum Toplitzsee. Du wirst einen kleinen Schrein finden, einen Wegaltar für drei Heilige, Margarete, Katharina und Barbara. Drei Stunden vor Sonnenuntergang müßt ihr dort sein. Wir werden eure Tapferkeit und die Stärke eurer Liebe prüfen. Diese Prüfung müßt ihr bestehen.

Wer bist du? fragte Corrisande.

Wir haben viele Namen, und nun mußt du den Menschen retten, der im See versinkt. Wir haben ihn bisher beschützt und geben sein Leben nun in deine Hand. Du bist für sein Überleben verantwortlich.

Was ist mit Philip? Wird er mir verzeihen?

Wer weiß schon um die Gefühle von Männern? antwortete die mütterliche Stimme bekümmert. Wenn er dich genug liebt, vielleicht. Du mußt dich beeilen.

Die Präsenz war verschwunden, und Corrisande blickte sich um, erwartete ängstlich, daß der Wassermann wiederkommen würde. Doch sie war völlig allein – bis auf den Schemen eines Mannes, der über ihr nahe der Wasseroberfläche trieb und seine letzten schwachen Schwimmbewegungen machte, während sie noch zu ihm aufsah.

Mit zwei, drei kräftigen Beinbewegungen stieß sie zu ihm, hob seinen Körper an, trug ihn an die Oberfläche. Er hustete und rang nach Luft. Sie hielt ihn in ihren Armen und schwamm mit ihm zurück ans nachtschwarze Ufer. Er wehrte sich nicht, ließ sich vertrauensvoll durchs Wasser ziehen. Es war leicht.

Weitaus schwieriger würde es sein, zu erklären, warum sie all das tat und dabei absolut nichts anhatte.