Kapitel 27
McMullen hatte während der Klettertour zum Kammersee nicht das Bewußtsein wiedererlangt, und Leutnant von Görenczy war stur und unverwüstlich vorwärtsgeschritten, hatte nur ein Mal nach Delacroix gegriffen, als er auf schlüpfrigem Untergrund rutschte. Der Lichtkreis schloß sie die ganze Zeit ein. Sie waren hervorragend erleuchtete Zielscheiben für ihre unsichtbaren Feinde. So gab es kein Entkommen. Wäre Delacroix allein gewesen, hätte er versucht, in die Dunkelheit abzutauchen. Doch mit McMullen und Udolf zusammen konnte er keine Experimente wagen.
Der Pfad war steil und uneben, und einen ausgewachsenen Mann Huckepack zu tragen war anstrengend. Es war schwierig, gleichzeitig noch einen klaren Gedanken zu fassen. Er fragte sich, was die Männer mit ihnen vorhatten. Im Augenblick wollten sie Antworten. Solange sie die noch nicht hatten, würden seine Freunde und er vermutlich am Leben bleiben.
Darüber hinaus sank diese Wahrscheinlichkeit rasch. Er hoffte, McMullen würde bald aufwachen und etwas gegen den anderen Magier unternehmen. Es gab ihm zu denken, daß hier mitten in der Wildnis ein Meister des Arkanen zugange war, dessen Macht McMullens übertraf.
Wie viele Bewaffnete ihn bewachten, konnte er nicht ausmachen. Vermutlich nicht mehr als vier.
Als sie den Kammersee erreichten, wurde ihr Fortkommen noch schwieriger. Es gab keinen Fußweg um den kleinen See, und er balancierte unter seiner Last unsicher über die schlüpfrigen Felsen. Hinter sich hörte er Udolf schnaufen. Den Bayern beflügelte die Aussicht, beseitigt zu werden, wenn er zurückblieb, mindestens genauso wie Stolz und Sturheit eines Königlich-Bayerischen Chevaulegers.
Die Berge um sie herum ragten steil in die Dunkelheit. Delacroix fühlte, wie seine Kraft ihn verließ. Hoffentlich dauerte es nicht mehr allzu lange. Der Gedanke, erschossen zu werden, während er erschöpft am Boden lag, ohne auch nur einen einzigen seiner Angreifer je zu Gesicht bekommen zu haben, behagte ihm nicht. Grundsätzlich hatte er wenig Lust zu sterben. Verdammt sollten die Burschen sein.
Das hätte nicht passieren dürfen. Nachlässig und lasch war er geworden. Er hatte den Dienst quittiert, das mußte ihn weich gemacht haben, obgleich er sich fit hielt und viel ausritt, manchmal zusammen mit Corrisande.
Sie war immer in seinen Gedanken, ihr Lächeln, ihre schönen Augen, die Art, wie ihr Gesichtsausdruck zu schmelzen schien, während er sie liebte, wenn ihre porzellanene Distanziertheit in Leidenschaft zerbrach. Er vergötterte diese Augenblicke. Es faszinierte ihn, wie jemand, der so jung und unschuldig aussah, sich mit einem ungeschlachten Kerl wie ihm so vollständig in Lust und Begierde verlieren konnte. Er hatte die Pflicht, am Leben zu bleiben, schon allein für sie.
Seine Muskeln brannten wie Feuer, und durch den flammenden Schmerz hindurch fühlte er sich ihr auf einmal sehr nah, konnte fast ihren Duft riechen. Jeder seiner Schritte wurde zur Herausforderung, dann zur Quälerei, schließlich eine schwelende Hölle überlasteter Gliedmaßen. Er kletterte stur weiter.
Eine Felswand ragte vor ihm auf. Links von ihm waren Bäume. Der Lichtkreis hatte sie ans Ende des Tales gebracht. Nicht allzu weit vor sich hörte er einen Wasserfall. Sie hatten den See hinter sich gelassen, waren aber nicht weit von ihm entfernt.
„Ich werde Sie alle jetzt blenden. Das ist nur vorübergehend, also ersparen Sie mir hysterische Anfälle.“
Die verdammte Stimme machte ihn wütend. Im nächsten Moment war das Dunkel allumfassend. Es gab keine Berge mehr, kein Mondlicht, keine Schatten. Finsternis hüllte ihn ein, und ohne Warnung hätte ihn das tatsächlich panisch werden lassen.
Er spürte von Görenczys Hand nach seinem Arm tasten.
„Ich sehe nichts“, murmelte der Offizier.
„Ich weiß. Eine vorübergehende Maßnahme. Sie haben‘s gehört.“
Blind unter Feinden. Gab es etwas Schlimmeres? Bald würde der Morgen grauen, doch die Welt war dunkel. Jede Orientierung verschwunden. Es machte ihn nervös, so hilflos zu sein.
Sein Gedächtnis malte Bilder. Nacht, Wasserfall, See, himmelblaue Augen und ein Lächeln. Er blockierte die Erinnerung an seine Frau. Nicht jetzt.
„Gehen Sie einfach weiter, Fairchild. Einer meiner Freunde wird Ihnen entsprechende Anweisungen geben.“
Eine österreichische Stimme leitete ihn weiter. Er ging, wie man ihm das sagte, geradeaus, spürte einen kalten Luftzug auf der Haut, dann glitt eine seltsame Macht wie Fangarme über sein Gesicht. Gottverdammte Magie.
Der Boden unter seinen Füßen war kein Waldboden mehr. Fels. Seine Schritte hallten von unsichtbaren Wänden wider. Wo immer er auch sein mochte, das Tal mit dem See hatten sie hinter sich gelassen. Es klang, als bewegten sie sich jetzt durch einen Gang oder Tunnel. Seine Schritte hörte er, auch die des Bayern, doch obwohl er weiter Richtungsanweisungen bekam, hörte er sonst niemanden gehen.
Nach einiger Zeit änderte sich der Klang. Das Echo wurde weicher, und nun hörte er auch noch mehr, Schritte, Menschen in seiner Nähe. In einer ausgedehnten Halle mochte es ähnlich klingen. Doch seine Füße standen noch auf rissigem Felsgrund.
Eine neue Stimme drang an sein Ohr. Sie klang überreizt.
„Mußten Sie sie hierher bringen?“
„Wir sollten doch herausfinden, wer sie sind und was sie wollen.“
„Was, wenn sie entkommen? Sie werden verraten, was sie gesehen haben.“
„Meine Gefangenen entkommen nicht, und im Augenblick sind sie blind.“
„Das sind Sie auch, und es behindert Sie nicht besonders, und was das ‚nicht entkommen‘ angeht, da erinnere ich Sie gerne an diese Kreatur ...“
„Sie erinnern mich an gar nichts. Oder soll ich die Herren auch taub machen? Wenn wir sie befragen wollen, sollten sie wenigstens die Fragen hören können.“
„Dann befragen Sie sie. Vielleicht erzählen sie Ihnen ja gerne alles.“
„Das werden sie. Sie werden mir alles erzählen. Seien Sie versichert, Professor, was Verhöre angeht, habe ich meine Taktik von den Meistern der Disziplin gelernt.“
Delacroix hörte, wie jemand zu ihm trat. Beinahe konnte er dessen Blick spüren.
„Ist das ein Feyon?“ fragte die Stimme des Professors.
„Nein“, antwortete der Magier. „Wie kommen Sie darauf?“
„Er sieht bizarr aus, nicht?“
„Sie fragen mich doch nicht allen Ernstes, wie jemand aussieht, Professor?“
„Natürlich nicht. Verzeihung. Ich dachte nur, sein Äußeres fällt ein wenig aus dem Rahmen, das dunkle Haar, die hellen Augen und dann diese ungeheure Größe. Seine Stärke muß überdurchschnittlich sein. Ich hatte gehofft, wir könnten ihn verwenden.“
Der andere schnaubte verächtlich.
„Nein, wir können ihn nicht verwenden. Er ist ein Mensch. Seine Aura hat etwas von einem großen Raubtier, doch ein Sí ist er nicht.“
Ein Raubtier! Delacroix merkte, wie sein Zorn anschwoll. Er haßte es, erörtert zu werden wie Vieh auf dem Markt.
„Bitte verzeihen Sie die Einmischung“, unterbrach er giftig. „Wenn Sie mit Ihrem Plausch fertig sind, möchte ich mir erlauben darauf hinzuweisen, daß meine Aura und ich langsam müde werden. Ich würde, Ihr Einverständnis voraussetzend, meine ‚Last‘ gerne ablegen. Meine Stärke mag überdurchschnittlich sein, aber sie ist nicht unendlich. Auch bin ich kein Spuk. Im Gegensatz zu einem solchen existiere ich nämlich.“
Der Schmerz, der ihm durch den Leib schoß, warf ihn zu Boden und mit ihm McMullen und selbst Udolf, der dicht bei ihm gestanden hatte. Verflucht! Die Strafaktionen des Meisters waren schnell und einschneidend. Er brannte. Flammen züngelten zwischen Fleisch und Haut, und einen Herzschlag lang war er unfähig, sich zu bewegen, schien sich im Nichts zu drehen, ohne einen Angelpunkt in der Realität. Zugleich spürte er die Kälte des Steinbodens und wußte, daß seine Sinne ihn trogen.
„Fairchild, hören Sie zu“, sagte der Meister in sein Ohr. „Verschonen Sie mich mit Gerede. Ich bin nicht daran interessiert, Entschuldigungen zu hören, Betteln und Flehen langweilen mich, und Klagen werde ich bestrafen. Jetzt stehen Sie auf und nehmen Sie Ihre Begleiter mit.“
Kalter Schweiß brach auf Delacroix‘ Stirn aus. Er kannte diese Sätze. Er hatte sie schon früher gehört. Es waren die phrasenhaften Befehle, die die Bruderschaft des Lichts gefangenen Fey gab. Großer Gott! Die Bruderschaft hatte sie gefangen.
Doch das schien unwahrscheinlich. Die Bruderschaft machte nie gemeinsame Sache mit Laien und befaßte sich nur dann mit Politik, wenn es darum ging, ihr Hauptziel voranzubringen, die Vernichtung der Fey, damit die Welt allein den Gotteskindern – den Menschen – vorbehalten war. Menschen gefangenzunehmen war nur selten ihr Ziel. Was sie tat, tat sie, wie sie meinte, schließlich für die Menschheit.
Doch jene Sätze kannte er zu gut. Der Geheimorden hatte ihn als Kind einige Jahre erzogen und ausgebildet. Er hatte seine Brutalität gesehen und verabscheute die Grausamkeit, mit der er gegen die Fey vorging. Er brachte sie um. Vorher allerdings holte er unter Folter möglichst viele Informationen aus ihnen heraus, um ihr Wissen über die seltenen Wesen und ihre ungewöhnlichen Kräfte zu erweitern und machte auch vor Halbwesen nicht halt, vor Menschen mit auch nur einer Spur Fey-Erbe. Er sah sie nur als seelenlose Monster.
Beinahe hatte er Corrisande getötet.
Der Gedanke, daß sie ihm, wenn er hier nicht entkommen konnte, folgen mochte, um ihn zu finden, machte Delacroix rasend. Die Bruderschaft würde sie töten, obgleich sie kaum Fey-Charakteristika hatte. Sie konnte unter Wasser atmen, das war alles.
Er tastete nach seinen Freunden. McMullen war neben ihn gefallen, und von Görenczy faßte nach seiner Hand, um sich zu versichern, daß er auch noch da war.
Er stand auf, zog McMullen hoch. Seine Gelenke schrieen unter der erneuten Belastung. Seine Haut brannte noch von dem magischen Angriff.
In eine verflucht üble Lage hatte er sich gebracht. Er hatte keine Ahnung, wo er war, hatte zwei angeschlagene Freunde bei sich und die nicht unerhebliche Macht der Bruderschaft gegen sich. Dazu war er blind. Sie waren so gut wie tot.
„Bringt sie in die Zelle“, befahl der Meister, „und sperrt sie ein. Ich muß ruhen. Ich befrage sie später.“