Kapitel 50
Unterdessen war Charly oft gestürzt, hatte sich aufgekratzt und blutig geschnitten. Keine der Blessuren war gefährlich gewesen, keine unbeachtet oder ungeheilt geblieben. Nichts an Privatsphäre war ihr geblieben, nicht einmal der Ausweg des stillen Leidens. Der Mann neben ihr las all ihre Empfindungen. Er war ihr immer nah, hielt sie, half ihr, griff nach ihr. Wenn ein Felsabsatz zu hoch für sie war, schob er sie Steigungen an ihrem Hinterteil hinauf.
Er tat ihr nicht weh. Das würde er nicht tun. Daran glaubte sie – oder versuchte es immerhin. Doch fühlte sie dauernd seine Macht, und ihre eigene Machtlosigkeit war im Vergleich zutiefst beängstigend. Es war nicht so sehr die Tatsache, daß er physisch viel stärker war – die meisten Männer waren das. Er war stärker im Beharren und stärker im Festhalten an der Hoffnung. Er weigerte sich zu glauben, daß er hier sterben würde, während sie selbst große Zweifel hatte, ob sie das Tageslicht jemals wieder erblicken würde.
Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren, wußte nur, daß es immer weiter ging, sie lief, stieg, kletterte hinab, kroch steile Wände hoch oder hinunter, quetschte sich durch Durchgänge, die kaum groß genug waren, um ihren Körper durchzulassen. Ihre Haut war mit blauen Flecken übersät. Sie spürte sie, sehen konnte sie sie nicht. Er war dünner und schmaler als sie, viel beweglicher und graziler, und es war ihr unendlich peinlich gewesen, als er sie ein- oder zweimal mit ziemlicher Gewalt aus einem Spalt gezogen hatte, in dem sie steckengeblieben war. Ihre Hüften waren breiter als seine, ihr Hintern um einiges runder, und selbst ihre Brüste waren für diese Art von Abenteuer nicht geschaffen. Sie waren zu groß und schienen dauernd im Weg zu sein. Einmal hatte ihr Gefährte sie tatsächlich mit den Händen niedergedrückt, um sie durch eine schmale Öffnung zu bugsieren. Sie war vor Scham fast gestorben.
Er sagte ihr, sie gingen nie länger als drei Stunden am Stück, doch ihr kam es um ein Vielfaches länger vor. Wenn sie Pause machten, schlief sie meist aus Erschöpfung ein. Sie merkte zusehends, wieviel Kraft es sie kostete, ihn zu nähren, und ihr wurde immer deutlicher, daß sie sehr bald einen Ausgang würden finden müssen.
Blind zu sein machte alles noch schwerer, auch wenn sie wußte, wohin sie ihre Füße setzen mußte und sogar eine gewisse nichtvisuelle Wahrnehmungsfähigkeit durch die Verbindung mit ihm hatte. Manchmal war sie froh, nichts sehen zu können, sich nicht damit beschäftigen zu müssen, wie sie in ihren zerfetzen Kleidern aussah.
Ein großer Riß klaffte über ihrer linken Brust in ihrem Kleid. Kalkstein war scharf und zackig. Sie hatte vor Schmerz geschrien, als ein Felsvorsprung ihr in den Busen geschnitten hatte, und sich eisern zusammengenommen, als er sie heilte. Sein Gesicht hatte sich auf ihre Brust gesenkt, während seine Hände sie an den Armen festhielten. Dabei hielt er sie so, daß sie sich nicht bewegen konnte, und schloß die Wunde mit dem Mund. Nicht schreien, hatte sie sich gesagt. Dann hatte sie zu ihrer eigenen Überraschung festgestellt, daß ihr nicht nach Aufschreien war. Die Schreie, die sich in ihrem Sinn angestaut hatten und ihr seit dem Überfall das Denken erschwerten, hatten keine Macht mehr über sie. Seine Nähe hatte aufgehört, die extreme Panik auszulösen, die ihr den Verstand vernebelte. Sie stand still, wehrte sich nicht, akzeptierte, was geschah, mit einer besorgten, doch gefaßten Distanz. Er heilte sie. Das war alles. Sie konnte das annehmen, sie mußte sich nur konzentrieren.
Sein Griff lockerte sich. Erstmals konnte sie die Behandlung wirklich mit ihrem Verstand begreifen, analysieren, was er mit seiner Zunge und seinen Lippen auf ihrer Haut tat. Der Schmerz verschwand schnell, wie immer, wenn er sie heilte, und sie verstand, daß seine Gabe nicht nur seine Opfer schützte, sondern auch eine Liebkosung war. Kein Angriff. Es war ihr Problem, daß sie es nicht entsprechend genießen konnte.
Er hob das Gesicht und stand bewegungslos. Da wurde ihr klar, daß der Terror, den sie bislang immer gefühlt hatte, sie zu einem gewissen Maß geschützt hatte. Er hatte die Angst riechen können. Nun roch er, daß sie nicht mehr da war. Ihr Schutz war zerstört. Er war ein Mann, sie war eine Frau und kein verängstigtes Kind.
„Charly“, sagte er, und in seiner Stimme schwang eine besondere Intensität. Er wollte mehr sagen, suchte nach den richtigen Worten. Ihre Haut prickelte, wo seine Zunge an ihr entlanggeglitten war. Seine Hände hielten sie immer noch fest, sehr fest, sie konnte seine intensive Kraft spüren.
Sie standen stumm voreinander. Sie spürte seinen Odem auf ihrem Antlitz, und dann kam sie zurück, die Angst, wie ein geschlagener Feind kroch sie durch ein Hintertürchen wieder in ihren Geist, bekämpfbar aber noch nicht besiegt, und nistete sich in ihrem Herzen ein.
„Nein“, flüsterte sie. Ihre Stimme bebte. „Nein!“
Seine Hände ließen sie nur widerwillig los, Finger für Finger, ganz langsam. Ein Finger fuhr ihr sacht über die Wange, dann über ihr Kinn, erforschte ihren Hals, verweilte am Schlüsselbein. Eine nicht endenwollende Sekunde lang war sie sich sicher, daß seine Beherrschung jetzt brechen würde, und sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, schloß ihre Seele um sich herum, wie man seine liebsten Besitztümer in Sicherheit brachte vor einem Sturm. Dann verschwand die Berührung.
„Ich komme zurück“, sagte er. Seine Stimme klang rauh und belegt vor unterdrückter Emotion. Sie wußte um sein Verlangen und seinen inneren Kampf, und plötzlich war sie allein im Dunkel, zitternd, schutzlos und verunsichert und versagte sich die Tränen, zu denen sie gerne Zuflucht gesucht hätte.
Sie rang sich zu einem Entschluß durch. Sie würde sich nicht mehr wehren. Sie würde nicht gegen ihn kämpfen, wenn er einmal nicht mehr im Dunkel verschwand, um sich zusammenzureißen. Sie würde es zulassen. Es zuzulassen würde einfacher sein. Es würde leichter werden, wenn sie sich darauf einstellte, sich mit ihrer Furcht arrangierte und mit ihrem Schicksal abfand. Er war ein zärtlicher Mann. Sie wußte, wie sehr sie sich auf ihn verließ und wie selbstverständlich ihr das geworden war. Seine Berührung löste nicht mehr den gleichen Abscheu aus wie der Angriff, den sie erlitten hatte und der sich in ihrem Geist festgefressen hatte. Es war nicht dasselbe – und doch …
Sie ließ sich nieder, unsicher und kläglich. Panik war schlimm gewesen, doch auf gewisse Weise hatte sie ihren Verstand angenehm blockiert. Die unbewußte Furcht vor dem, was ihr geschehen mochte, während ihr wacher Geist von einer Möglichkeit zur nächsten flog, war anders, doch nicht notwendigerweise besser. Ihre Situation mit dem distanzierten Verstand eines Schachspielers zu analysieren, war alles andere als aufmunternd.
Sie verbarg das Gesicht in den Händen und kämpfte gegen die Melancholie an, die aus dem allgegenwärtigen Dunkel auf sie einstürmte. Ihr freier Wille war eine Illusion, ihre Unfreiheit drückte sie nieder.
Nach einiger Zeit war er wieder da. Sie sprachen nicht, gingen weiter, als sei nichts geschehen. Beide hatten sie an ihrer Fassung festgehalten. Nur das zählte.
„Spürst du es? Die Luft wird frischer. Hier gibt es einen Durchzug.“
Sie hielten sich bei den Händen wie verirrte Kinder im Wald. Nur waren sie keine Kinder, und es war weder ein Knusperhäuschen in Aussicht noch eine Knusperhexe, die sie mit freundlichen Worten und unfreundlichen Eßgewohnheiten einladen würde. Er war die einzige Bedrohung, wie er die einzige Hoffnung war, und sie war so hungrig, daß sie das ganze Knusperhäuschen samt Hexe hätte essen können.
„Vielleicht kommen wir an einen Ausgang?“ sagte sie und versuchte, zuversichtlich und furchtlos zu klingen. Genauso sollte sie sich jetzt fühlen, doch sie war zu zerschlagen und erschöpft, um auf einmal enthusiastisch zu werden. Was kam, würde kommen, und dann würde sie es akzeptieren, denn etwas anderes blieb ihr ohnehin nicht übrig. Akzeptieren oder kämpfen und verlieren.
„Es kann nicht mehr weit sein“, sagte er und drückte ihr die Hand, lotste sie eine weitere schwierige Erhebung empor. „Kannst du noch weitergehen?“
Sie nickte.
„Charly“, sagte er plötzlich, blieb stehen, nahm ihre Hände in seine. „Sei nicht so hoffnungslos. Ich spüre deine Verzweiflung. Du hast keinen Grund zu verzagen. Wir werden hier herauskommen. Du mußt daran glauben. Das ist wichtig. Sicherheit bewirkt Wirklichkeit.“
Sie antwortete nicht, traute ihrer Stimme nicht. Sie wollte nicht weinen oder klagen, und Selbstbeherrschung kostete Kraft. Es war aufreibend im Wissen um die Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen weiter zu funktionieren. Er strich ihr übers Haar.
„Setz dich“, sagte er. „Du bist zu entkräftet, um weiterzugehen. Warum hast du nichts gesagt?“
„Ich kann weitergehen!“ widersprach sie, doch er führte sie ein paar Schritte weit und ließ sie sich dann niedersetzen. Er setzte sich neben sie, hielt immer noch ihre Hand.
„Habe ich dir so viel Angst gemacht?“
„Ich sollte keine Angst haben“, erwiderte sie nach einer Weile. „Ich arbeite wirklich hart daran. Ich versuche, mutig zu sein. Ich weiß, du wirst mir nicht wehtun.“ Was immer sonst du tun wirst, wollte sie hinzufügen, tat es aber nicht.
„Du bist sehr mutig, mein Herz. Aber vielleicht solltest du ein bißchen weniger mutig und ein bißchen gelöster sein. Laß deine Gefühle zu. Wenn du weinen willst, dann weine. Vielleicht wird es dir helfen. Wenn du vor Frustration schreien willst, dann schreie! Nichts geht über schönes hysterisches Geschrei, um sich Dinge von der Seele zu schaffen. Die Akustik ist hier gewiß ausgezeichnet.“
Sie lächelte.
„Ich kann mir kaum vorstellen, daß du mit einer Frau durch die Berge steigen willst, die an jeder Ecke hysterische Anfälle bekommt.“
„Wenn man die vielen Ecken bedenkt, mit der dieser Berg ausgestattet ist, möchte ich dir Recht geben. Doch ich finde es nicht leichter, mit einer Frau durch die Berge zu steigen, die die Niederlage wie einen Umhang um sich trägt. Wir kommen hier heraus. Gewiß. Ich weiß es.“
Sie seufzte.
„Wenn du so hellsichtig bist, Arpad, dann, muß ich sagen, wundert es mich, daß du die Einladung meines Onkels nicht von vornherein abgelehnt hast.“
Er lachte.
„Du bist entschieden zu gewitzt.“
„Nicht, daß es mir etwas nützt.“
„Natürlich nützt es. Es heißt, daß du überlegen kannst, was du willst, und deine Entscheidungen auf gescheiten Schlußfolgerungen gründen. Viele Menschen können das nicht.“
„Welche Entscheidungen bleiben mir denn noch? Kaum welche“, gab sie unfreundlich zurück.
„Du bist so jung. Du darfst nicht einfach aufgeben. Wir sind noch nicht besiegt. Du lebst und bist gesund – nur zerschlagen, und du hast im Moment ein Abenteuer, von dem du später mal deinen Enkelkindern erzählen wirst. Nun ja, vielleicht nicht alle schrecklichen Details. Vielleicht nur eine tugendhafte Kurzversion. Die Dinge, die von Mut handeln, von Vertrauen und Freundschaft und Durchhaltevermögen. Das wird deinen Enkeln gut tun und hübsch moralisch erbaulich sein, und sie werden immer wieder zu dir kommen, sich um deinen Lehnstuhl drapieren und betteln ‚Oma, kannst du uns noch mal von der Höhle erzählen und von dem lustigen Mann mit den spitzen Ohren?‘“
Sie kicherte, dann kippte ihr Kichern mit einmal um und wandelte sich zu Tränen. Er zog sie in seine Arme, und sie weinte in seine Schulter.
„So ist‘s gut“, sagte er und hielt sie fest. „Viel besser. Es passiert nicht oft, daß sich Menschen bei mir ausweinen. Natürlich würde ich dich lieber lächeln sehen. Du hast ein so charmantes Lächeln. Doch weinen ist ein Anfang.“
Sie weinte nicht lange, aber es half, den Krampf in ihrem Herzen zu lösen.
„Besser?“ fragte er, als sie ihre Tränen trocknete.
„Besser“, versicherte sie und grinste. „Du bist ein großartiger Mann. Wenn ich schon in einer Höhle eingeschlossen sein muß, sollte ich dankbar sein, daß gerade du bei mir bist. Einen rücksichtsvolleren Gefährten hätte ich nicht finden können.“
Seine Lippen streiften ihre Braue in einem flüchtigen Kuß.
„Weißt du“, sagte er, „vielleicht solltest du davon Abstand nehmen, ein solches Höhlenabenteuer zu wiederholen. Einmal im Leben sollte reichen.“
„Da magst du Recht haben“, pflichtete sie ihm bei, „und wenn ich doch noch mal ein Höhlenabenteuer erleben möchte, dann nicht ohne Picknickkorb voller Proviant und viele gute Laternen.“
„Nicht zu vergessen einen Führer mit anderen Eßgewohnheiten“, fügte er beschämt hinzu.
„Das auch“, gab sie zurück, wurde rot. „Bist du … willst du …?“
„Noch nicht. Gehen wir erst noch ein Stück.“
Er half ihr auf. Dann hielt er sie plötzlich in Walzerpose, wirbelte sie herum, hob sie dabei von ihren Füßen, damit sie nicht stolpern konnte.
„Weißt du“, sagte er, „ich bin ein guter Tänzer. Wenn das hier vorbei ist, will ich mit dir tanzen gehen. Du wirst ein herrliches Ballkleid mit einem absolut skandalösen Dekolleté tragen und ich meinen besten Frack und eine weiße Nelke im Knopfloch. Was meinst du?“
„Das klingt fabelhaft, Arpad. Soll ich die schönste Frau der Welt vorher in punkto Ballkleid konsultieren? Oder nehmen wir sie mit?“
Er lachte.
„Das wäre keine so gute Idee. Wir werden es ihr nicht sagen. Wir werden einfach zum Ball gehen und tanzen, und dann werde ich dich nach Hause zu deinem Onkel bringen, ganz tugendsam und wohlanständig.“
„Wohl kaum. Für ein unverheiratetes Mädchen wäre es weder tugendsam noch wohlanständig, zum Ball zu gehen mit einem Mann, der eine Affäre mit einer anderen Frau hat. Es wäre gänzlich unmoralisch, aber zugegeben sehr aufregend.“
Sie ließ ihn wieder in ihren Geist ein und lief, durch ihn geleitet. Jedes Mal, wenn sie sich zusammenschlossen, wurde es einfacher. Ihre Barriere wurde schwächer, ihr Ekel davor, manipuliert zu werden war zu dumpfem Nichtmögen zusammengeschmolzen und verschwand, sobald sie unterwegs waren.
Manchmal sah sie noch Sevyos Gesicht vor sich, und manchmal war es das Herrn Meyers. Dann schmolzen seine strengen Gesichtszüge zum einzig fröhlichen Lächeln, das sie in ihrer Erinnerung an ihn finden konnte. Sie erinnerte sich an ihren Traum und das Wesen im Kilt, das sein Herz mit ihrem verbunden hatte. Sie fühlte sich ihm nah, dem Mann, den sie nur so kurze Zeit gekannt hatte und der zu einer Mörderbande gehörte. Wieder erreichten sie ein Felssims, und sie wußte durch seine Wahrnehmung, daß bald einfacheres Gelände kommen würde.
„Arpad, du lebst schon sehr lange, nicht?“
„Im Vergleich zu einem Menschenleben ja.“
„Wie lange?“
„Ich kenne diese Berge noch aus der Zeit, als die Römer hier Salz abbauten.“
„Die Römer waren hier?“
„Ja. Salz war immer schon bedeutsam, und diese Gebirge waren immer schon mächtig. Das zieht Menschen an, obgleich die Winter hier hart sind und man nicht viel anpflanzen kann.“
„Wie waren die Römer?“
„Die Menschen haben sich in den letzten zweitausend Jahren kaum verändert, Charly. Der Glaube hat sich verändert, die Weltanschauung auch. Aber Leute sind Leute, Dampfzeitalter hin oder her.“ Er hielt inne. „Für meinesgleichen wird das Leben in einer unübersichtlichen, modernen Gesellschaft immer schwieriger. Nachrichten verbreiten sich zu schnell. Die Forschung versucht, der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen. Man muß dankbar sein, daß die meisten Leute nicht an die Existenz meiner Rasse glauben, sonst würde es schwierig für mich.“
„Gibt es viele wie dich?“
„Sí? Oder Sí, die Blut trinken?“
„Beides …“
„Oh. Schwer zu sagen. Es ist schwierig, das Natürliche vom Übernatürlichen zu unterscheiden. Für uns besteht da kein Gegensatz. Für euch erscheint die Differenz atemberaubend. Wir sind viele, wenn du jede Idee zu uns zählst, die ein Eigenleben entwickelt, jedes nichtmenschliche Sein mit eigenem Denken. Wir sind wenige, wenn du nur die meinst, die eine körperliche Existenz haben und sich innerhalb eines linearen Zeitablaufes bewegen.“
„Was ist ein linearer Zeitablauf?“
„Das heißt, Zeit fließt in nur eine Richtung und mit dem gleichen Tempo für alle.“
„Willst du damit sagen, Zeit könnte rückwärts fließen?“
„Nicht für Menschen, und für mich auch nicht. Doch Zeit kann gedehnt oder zusammengezogen werden. Hast du nie von Tir na nOg gehört? Von den Erzählungen über Personen, die mit der Feenkönigin auf einen Ball gingen und erst fünfzig Jahre später zurückkamen, als all ihre Verwandten und Freunde schon alt waren?“
„Aber das ist ein Märchen!“ rief Charly.
„Ja, und ich bin eine Schauergeschichte, und dennoch bin ich hier und halte deine Hand.“
„Bist du unsterblich?“ fragte sie.
„Nein, aber schwer zu töten. Ich habe Übung im Überleben.“
„Das habe ich gesehen. Sie hatten dir ins Herz geschossen.“
„Glaube mir, es hat abscheulich wehgetan.“
„Armer Arpad.“
„Süße Charly.“
Sie gingen eine Weile stumm nebeneinander her.
„Was ist mit Dryaden? Warum ist es einfacher, sie zu ermorden?“
„Nun, zum einen ist ‚warum‘ keine Frage, die man einem Sí stellt. Die Dinge sind, wie sie sind. Ein Weshalb oder Warum ist müßig. Dogma ist eine Menschenerfindung, eine ungenügende Hilfskonstruktion, das Wundersame in begreifbare Einheiten zu fassen und festzuschreiben, und – um darauf zurückzukommen – Dryaden sind schwer umzubringen.“
„Aber Sevyo starb, als sie seinen Baum verbrannten.“
„Was haben sie denn getan, außer seinen Baum verbrannt?“
„Wie meinst du das? Sie haben seinen Baum verbrannt, ich habe seinen Todesschrei durchs Gebirge hallen hören. Es hat mir das Herz zerrissen, und dann war er fort.“
„Nein. Wenn sie nichts weiter getan haben, als seinen Baum zu verbrennen, dann ist er nicht tot, er schläft nur tief. Seine Essenz ist noch da, wo sein Baum war, tief in der Erde. Wenn man ihm einen neuen Baum gibt, kann er wieder leben.“
Sie blieb wie angewurzelt stehen, verlor die Verbindung zu ihm.
„Du meinst, er hat all die Jahre über gelebt? Du willst sagen, ich habe um ihn getrauert, und dabei hätte ich nur einen Baum pflanzen müssen?“
„Bist du denn je wieder zu seinem Ort gegangen?“
„Wann immer es möglich war. Ich habe zu ihm gesprochen, auch wenn er nicht da war. Ich fühlte mich immer …“
„Was du fühltest, war seine Präsenz.“
„Er hat nie geantwortet.“
„Er ruht. Er kann seine Umgebung beeinflussen, doch sich nicht als menschlich aussehendes Wesen materialisieren. Er ist Teil der Natur. So kann er lange aushalten.“
„Also muß ich nur einen Baum pflanzen? Ist das alles?“
„So einfach ist es nicht. Der Baum muß lange wachsen. Du müßtest schon etwas besonders Schnellwüchsiges pflanzen, um ihn in deinem Leben noch sehen zu können. Doch er wäre gewiß glücklicher mit einer Zirbelkiefer oder einer Eiche – etwas, das Jahrhunderte lebt. Du mußt den Baum an der Stelle pflanzen, an der der alte war, und dann schenke ihm deine Empfindungen – Liebe, Mitgefühl, Vertrauen, was auch immer, und Wasser –, und vermutlich würde er sich auch über etwas Blut von dir freuen. Blut transportiert Leben. Das wird er verstehen.“
Sein Geist faßte wieder nach ihrem, und sie gingen weiter. Dann konnte Charly plötzlich ein zartes Grau in all dem Schwarz erkennen. Ein berauschendes Gefühl von Erleichterung durchschoß sie, und sie jubelte vor Freude.
„Arpad. Sieh! Licht!“
„Ja. Hinter der nächsten Krümmung muß eine Öffnung nach draußen liegen.“
Sie sehnte sich nach dem Tag, nach der Fähigkeit zu sehen. Fast begann sie zu rennen, doch er hielt sie zurück.
„Langsam. Es wäre mehr als ärgerlich, wenn du dir auf den letzten Schritten noch etwas brichst.“
Sie eilte weiter, Ermattung und Schwäche fielen von ihr ab, ein girrendes Lachen formte sich in ihrer Kehle, wartete nur darauf, ans Tageslicht zu dürfen. Gleich waren sie frei. Sie würde heimgehen. Sie würde etwas sehen, ihre Umgebung erkennen, sich orientieren können. Sie würde im Sonnenschein stehen und der Sonne Tribut zollen.
Sie umrundeten einen Felsvorsprung und fanden sich in einer kolossalen, hohen Höhle wieder. Wie eine Säule aus Licht brach der helle Mondschein durch einen Spalt in der Decke und beschien ein Oval von etwa zwei Metern. Charly blieb unvermittelt stehen.
„Oh nein!“ wisperte sie. „Nein. Bitte nicht!“
Es waren fünfzehn Fuß bis zur Höhlendecke. Unerreichbar. Sie lief vor, trat in den Lichtfleck aus Mondschein, der ihr nach ihrer langen Blindheit so unendlich hell vorgekommen war.
„Oh nein“, flüsterte sie nochmals. „Lieber Gott, nein.“
Der Feyon kam ihr schweigend nach. Sie spürte seinen Blick und drehte sich zu ihm um. Er stand im Schatten, doch zum ersten Mal seit langem konnte sie seine ebenmäßigen Züge ausmachen.
Er sah sehr besorgt aus. Eine Sekunde lang zeigte sein Gesicht Bestürzung, dann bemerkte er ihren Blick und lächelte sie an.
„Wir finden einen anderen Ausgang“, sagte er, während er von ihr zum Mondstrahl blickte. „Keine Angst – und sei nicht traurig. Wo es eine Öffnung gibt, wird es auch andere geben. Wir müssen nur ein bißchen suchen.“
Charly sank auf die Knie, sah empor, als könne die Helligkeit ihr etwas von ihrer Kraft und ihrem Lebensmut zurückgeben. Sie starrte auf die Öffnung im Berg, die so unzugänglich war. Sie fand keine Worte.
„Komm“, sagte er. „Bleib nicht sitzen. Wir müssen weiter. Schau, da drüben gibt es einen Gang.“
„Oh nein“, flüsterte sie und blickte unverwandt auf den kleinen Ausschnitt merkwürdig hellen Nachthimmels über ihr. Ihre Fassungslosigkeit saß wie ein Messer in der Kehle.
„Warum?“ fragte sie schließlich. „Bitte! Warum? Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient?“
„Was meinst du damit?“ Der Mann im Schatten klang besorgt.
„Womit habe ich das verdient?“ Ihre Stimme wurde höher, bekam einen beißenden Klang. „Was habe ich getan? Was ist meine Schuld?“
Er trat ins Licht und griff nach ihr. Ehe sie es verhindern konnte, hatte er sie hochgehoben und trug sie ins Dunkel.
Sie wehrte sich. Ein zweckloses Unterfangen. Er gab acht, ihr nicht wehzutun, doch er ließ sie nicht los. Nach einer Weile gab sie auf, und er stellte sie auf die Füße. Jetzt hätte es einen Grund zum Weinen gegeben, doch sie fand keine Tränen mehr, fühlte sich nur noch ausgehöhlt und leer.
Selbst im dunkleren Teil der Höhle konnte sie noch etwas erkennen. Sie blickte in das wundervolle, wohlgeformte Gesicht vor ihr; es war so unglaublich attraktiv, aristokratisch und nobel, das Gesicht des Mannes, der sie umbringen würde. Er machte sich Sorgen. Die Sorgen galten ihr.
„Es hat nichts mit ‚verdient‘ oder ‚nicht verdient‘ zu tun, mein Herz. Es ist einfach, wie es ist.“
Sie schluckte und gestattete sich einen letzten Blick auf den Lichtstrahl. Dann drehte sie sich um und machte sich ohne ein weiteres Wort auf den Weg. Noch ehe die Welt wieder nachtschwarz wurde, war er schon in ihren Gedanken, und sie unterdrückte ein Seufzen. Seine Hand strich in einer winzigen Liebkosung über ihre Wange. Seine Stimme ertönte direkt an ihrem Ohr.
„Mein tapferes Herz.“
Noch schlug es.