Kapitel 48

 

Krank vor Sorge sass Susanna auf dem ihr zugewiesenen Stuhl und wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Immer und immer wieder warf ihr der Polizist, der das Verhör zu leiten schien, die gleichen Fragen und Vorwürfe an den Kopf. Susanna hörte ihm eigentlich schon nicht mehr zu. Ihre Gedanken waren bei ihrem Mann und bei ihrer Tochter. Inständig hoffte sie, dass Beth trotz dem, was sie am Telefon noch gehört haben musste, in dem Kloster geblieben war und ausharrte, bis sie neue Informationen bekam. Aber eigentlich glaubte Susanna nicht eine Sekunde daran. Sie kannte ihre Tochter zu gut, weshalb sie sich ganz sicher war, dass Beth früher oder später das Kloster auf der Suche nach Antworten verlassen würde, wenn sie es nicht schon getan hatte. Dieses Wissen bereitete nur noch mehr Kopfzerbrechen. Was Jake anging, glaubte sie fest daran, dass er sich dieselben Gedanken machte wie sie selbst, obwohl auch er sich zu diesem Zeitpunkt mit grösster Wahrscheinlichkeit einem sinnlosen Verhör stellen musste.

„Was wollten Sie mit diesen Tabletten? Wollten Sie unter dem Deckmantel der Sorge um Ihre Tochter die neuen Absatzmöglichkeiten für Ihren illegalen Handel auskundschaften, oder was hat Sie sonst nach Frankreich getrieben? Wollten Sie sich selbst davon überzeugen, dass Ihr Hauptkurier tot war und nicht einfach mit dem Geld verschwinden wollte?“

Langsam drang die Stimme des Polizisten wieder zu Susanna durch. Wie oft sollte sie ihm denn noch sagen, dass die Vorwürfe absolut absurd waren? „Hören Sie, ich habe keine Ahnung wovon Sie sprechen! Sagen Sie mir doch, wer Sie überhaupt auf solche Ideen gebracht hat? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass wir hier schon wieder einsitzen?“

„Lady, das tut hier nichts zur Sache. Tatsache ist, dass diese netten Pillchen vom Schwarzmarkt kommen und es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie das nicht gewusst haben wollen. Seien Sie endlich geständig, dann können wir alle in Ruhe Feierabend machen. Ich kann aber auch noch die ganze Nacht hier mit Ihnen sitzen, wenn es sein muss.“

„Hören Sie, zum einhundertsten Mal, es gibt nichts zu gestehen. Ich weiss nicht, was ihre Schwarzmarktgeschichte soll. Ich habe dieses Zeug jeweils legal bei unserem Arzt erworben, weil mein Mann diese Tabletten brauchte. Inzwischen bekommt er aber kein Rezept mehr dafür. Dies aber auf eigenen Wunsch, denn es stellten sich Anzeichen für ein Suchtverhalten ein, was er mit dem Absetzen des Valiums erfolgreich zu unterbinden suchte.“

„Natürlich. Und warum führten Sie diese Menge an Tabletten dennoch mit, wenn er sie doch überhaupt nicht mehr braucht?“

„Für den Fall der Fälle. Die Reise nach Nizza wäre lange und beschwerlich gewesen, weshalb ich für den Notfall vorsorgte.“

„Und das soll ich Ihnen glauben?“

„Das wäre die Idee, ja.“ Bevor der Polizist noch etwas einwenden konnte, klopfte es an der Tür.

Verärgert über die Unterbrechung signalisierte er ungeduldig der Person an der Tür, dass sie eintreten konnte.

„Entschuldigen Sie die Störung, aber ein Herr ist hier, der sich als Anwalt der Ehegatten Clement auswies.“

„Verdammt, das hat mir gerade noch gefehlt, fluchte der Beamte leise. „Schicken Sie ihn rein.“

„In Ordnung.“ Die Dame drehte sich um und wechselte einige Worte mit der Person hinter sich. Im nächsten Moment betrat ein gut aussehender, hochgewachsener Mann, dessen Haare ein stolzes silbergrau zur Schau trugen, den Raum. Die Krawatte zu dem massgeschneiderten Anzug war so perfekt gebunden, dass sogar der Erfinder persönlich noch etwas hätte lernen können. Nur das leise Grinsen in Susannas Richtung liess erahnen, dass eine gewisse Vertrautheit bestehen musste. „Guten Tag. Ich bin Monsieur Le Croix, der Anwalt der Ehegatten Clement.“ Formvollendet stellte er seinen teueren Aktenkoffer aus echtem Krokodilleder neben einen freien Stuhl und reichte dem Polizisten höflich die Hand. Dieser war allerdings alles andere als begeistert.

„Ja, ich habe gehört, wer sie sind.“

„Gut! Dann schreiten wir doch gleich zur Tat. Das Verhör ist beendet und ich bitte Sie, den Raum zu verlassen, damit ich alleine eine kurze Unterredung mit meiner Mandantin führen kann. Vielen Dank.“ Damit war alles gesagt und Daniel Le Croix nahm direkt gegenüber von Susanna am Tisch Platz, verschränkte die Hände ineinander und blickte erwartungsvoll zu dem langsam rot anlaufenden Polizisten hoch. Dieser schluckte seine Wut hinunter und dachte bei sich, was für ein boniertes Arschloch dieser Typ war. Dann verliess er wie geheissen den Raum.

Als die beiden alleine waren, legte Daniel seine Hände über diejenigen von Susanna. „Kindchen, es tut mir Leid, dass ich nicht schon bei der ersten Verhaftung da war. Aber ich konnte nicht weg. Ist alles in Ordnung?“

„Onkel Daniel, ich bin froh, dass du jetzt endlich hier sein kannst! Es tut so gut, dich zu sehen!“ Susanna hatte ihren Onkel bereits bei den ersten Schwierigkeiten kontaktiert, doch er war nicht erreichbar gewesen. Als sie und Jake dann damals aus dem Gefängnis gekommen waren, hatte sie ihn erneut angerufen und schliesslich bis ins kleinste Detail über die Vorfälle informiert. Natürlich hatte er seine Hilfe zugesagt, konnte aber wegen einer laufenden Gerichtsverhandlung nach wir vor nicht gleich abreisen. „Eigentlich geht es uns gut. Wir machen uns nur unglaubliche Sorgen um Beth. Hast du schon mit Jake gesprochen?“

„Nein, ich bin direkt zu dir gekommen. Aber ich habe schon veranlasst, dass auch dieses Verhör unterbrochen wird. Zumindest bis ich mit ihm gesprochen habe.“

„Gut. Sag mal, du weißt nicht zufällig, was hier wieder gespielt wird? Was haben diese Kerle in der Hand, damit sie uns erneut wegen angeblichen Drogenhandels einbuchten können?“

„Ich weiss noch nicht alles, aber scheinbar erhielt die hiesige Polizei einen Anruf aus Nizza.“

„Aus Nizza? Das verstehe ich nicht. Dort hat doch niemand einen Grund, uns hinter Gitter zu bringen.“ Doch noch während Susanna das sagte, breitete sich ein ungutes Kribbeln in jeder Faser ihres Körpers aus. Sie konnte kaum mehr still sitzen, weshalb sie anfing mit ihren Füssen zu zappeln. Dennoch traf sie die folgende Gewissheit unerwartet.

„Offensichtlich irrst du dich. Ein gewisser Inspecteur Jérémie Russeau hat die auslösende Rolle gespielt.“

Susanna war zu fassungslos um auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können. Sie sperrte den Mund auf, doch sprechen konnte sie nicht.

„Alles in Ordnung?“ Besorgt lehnte sich Daniel zu ihr hinüber. Als er ein knappes Nicken wahrnahm, fuhr er fort. „Wie mir gesagt wurde, stützte sich dieser Inspecteur auf eure vorhergehende Verhaftung wegen Drogenbesitzes ab.“ Daniel erklärte kurz die Zusammenhänge. „Es scheint, als wäre alles eine Verknüpfung von äusserst unglücklichen Zufällen.“ Seufzend schloss er seine Ausführungen.

Inzwischen hatte Susanna teilweise ihre Sprache wieder gefunden. „Inspecteur Russeau? Der nette Polizist, dem meine Tochter vertraut? Verknüpfung von Zufällen? Unglaublich!“ Die Worte entwichen nur langsam und in einzelnen Fetzen, wie Seifenblasen aus Susannas Mund. Dann herrschte nachdenkliche Stille. Als Susanna erneut das Wort ergriff, war nichts mehr von der vorgängigen Zerstreutheit zu spüren. Im Gegenteil. Sie war einer besorgniserregend entschlossenen Ruhe gewichen. „Onkel Daniel? Ich muss hier raus und zwar so schnell wie nur irgend möglich.“

„Susanna, du wirst doch hoffentlich nichts Unüberlegtes tun?“

„Nein. Ich mache mir diese Gedanken schon, seit alles angefangen hat. Jetzt wird es Zeit sie auch umzusetzen.“

Ich ahne was du vorhast und ich muss dir als Onkel und als Anwalt dringend davon abraten.“

„Gut. Das hast du jetzt auch getan und ich nehme es zur Kenntnis.“

Daniel schaute ihr genau in die Augen und er erkannte, dass er sich weitere gute Ratschläge sparen konnte. „Na dann. Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.“ Daniel stand auf und wandte sich zum gehen. Kurz bevor er an der Tür ankam, drehte er sich noch einmal um. „Was ist mit Jake?“

„Es wäre gut, ihn an meiner Seite zu haben. Sollte das aber nicht möglich sein, wird er es verstehen.“ Mit der Sicherheit, die nur eine Ehefrau haben kann, schaute sie fest entschlossen zu Daniel hoch. Dieser hielt einen kurzen Moment forschend Susannas Blick stand. Dann nickte er nur, drehte sich um und ohne sich noch einmal umzusehen verliess er den Verhörraum durch die bereits von aussen geöffnete Tür.

 

 

Wenn nichts mehr ist, wie es war
titlepage.xhtml
part0000_split_000.html
part0000_split_001.html
part0000_split_002.html
part0000_split_003.html
part0000_split_004.html
part0000_split_005.html
part0000_split_006.html
part0000_split_007.html
part0000_split_008.html
part0000_split_009.html
part0000_split_010.html
part0000_split_011.html
part0000_split_012.html
part0000_split_013.html
part0000_split_014.html
part0000_split_015.html
part0000_split_016.html
part0000_split_017.html
part0000_split_018.html
part0000_split_019.html
part0000_split_020.html
part0000_split_021.html
part0000_split_022.html
part0000_split_023.html
part0000_split_024.html
part0000_split_025.html
part0000_split_026.html
part0000_split_027.html
part0000_split_028.html
part0000_split_029.html
part0000_split_030.html
part0000_split_031.html
part0000_split_032.html
part0000_split_033.html
part0000_split_034.html
part0000_split_035.html
part0000_split_036.html
part0000_split_037.html
part0000_split_038.html
part0000_split_039.html
part0000_split_040.html
part0000_split_041.html
part0000_split_042.html
part0000_split_043.html
part0000_split_044.html
part0000_split_045.html
part0000_split_046.html
part0000_split_047.html
part0000_split_048.html
part0000_split_049.html
part0000_split_050.html
part0000_split_051.html
part0000_split_052.html
part0000_split_053.html
part0000_split_054.html
part0000_split_055.html
part0000_split_056.html
part0000_split_057.html
part0000_split_058.html
part0000_split_059.html
part0000_split_060.html
part0000_split_061.html
part0000_split_062.html
part0000_split_063.html
part0000_split_064.html
part0000_split_065.html
part0000_split_066.html
part0000_split_067.html