1. Juli 2012, Banyuls
Languedoc-Roussillon, Frankreich

Sie schlägt die Augen auf. Das Meer. Blau. Türkisblau. Ihr ist schwindelig. Braune Felsen. Falsche Landschaft. Ihre Hand tastet nach dem Griff. Festhalten.

»Mir wird schlecht.« Das Auto bremst, biegt ab. Ein Parkplatz. Ein Strand. Gesine reißt die Tür auf und übergibt sich. Es kommt nur Galle.

Sie lässt sich in den Sitz fallen und schließt die Augen.

»Wo bin ich?« Die Frage bohrt sich in ihr Bewusstsein. Wo ist sie? Der Fahrersitz ist leer.

Sie hat geträumt. Ein Gesicht, verschwommen. »Gesche, alles ist gut. Schlaf weiter.« Gesche? Kann nicht sein. Das kann nicht sein. Sie reißt die Tür wieder auf, sie muss raus aus dem Auto. Wo steckt er? Das ist doch nicht –

»Arno!«

Er dreht sich um. Längere Haare hat er, einen Dreitagebart, viel Grau darin. Lachfältchen um die Augen. Braungebrannt.

»Hallo, Gesche.« Er lächelt sie an. »Geht’s dir besser?«

Ihr wird wieder schwindelig. Sie muss sich am Autodach festhalten. Ihre Gedanken rasen. Rückwärts.

Die Trauerfeier. Eine triste Angelegenheit. Die Kinder mit ihren Familien. Ungesagtes zwischen sich wie bleierne Luft. Wedemeier, die Lüthje und der neue Hausmeister. Ein, zwei Saufkumpane von Uwe Jahn. Danach ist sie allein zurück in die Kirche gegangen. Hat den Talar abgelegt. Die Kerzen gelöscht. Noch einen Augenblick an den Verstorbenen gedacht. Den Plan gefasst, beim Pfarrhaus vorbeizugehen, um Nadina abzuholen. Die Angehörigen im Restaurant. Gesines Wunsch, diesen traurigen Tag mit einer Geste der Versöhnung abzuschließen.

Sie wandte sich um. Da saß er. In der ersten Reihe. Als wäre er niemals verschwunden, über Nacht. Zwanzig Jahre. Gesine blieb die Luft weg. Gefühle stiegen hoch, von deren Existenz sie nichts wusste. Hoffnung? Zwanzig Jahre Hoffnung, er würde eines Tages zurückkommen.

Der Parkplatz. Das Meer, türkisblau. Dies ist nicht die Ostsee.

»Komm«, sagt Arno. »Ich möchte dir etwas zeigen. Das wollte ich schon lange tun.«

Sie steigt wieder ein. Wo ist ihre Tasche? Ihr Handy?

Ausgeliefert. Sie fühlt sich ausgeliefert. Arno startet den Wagen. »Es ist nicht mehr weit.«

Berge. Meer. Berge. Meer. Ein Ortsschild. Französisch. Langsam fängt ihr Gehirn wieder an zu funktionieren.

»Was soll das werden, Arno? Eine Entführung?«

Er sieht sie an. Besorgt. Liebevoll. »Ich will dich nur davor bewahren, dir eine Menge Ärger einzuhandeln, Gesche.« Seine Aussprache ist weicher als früher. Ein Akzent. Zwanzig Jahre. Gesine versucht, die aufgescheuchten Gedanken zu sortieren.

Arno war immer stiller geworden, nachdem das Heim gebrannt hatte. Gesine vermutete eine Depression, die schreckliche Einsicht, auch in einem freiheitlichen System nichts ausrichten zu können. Sie hat immer gedacht, Arno musste sie und ihre Tochter verlassen, um zu überleben. Jede andere Erklärung wäre ihr banal erschienen.

Jetzt dämmert ihr eine andere Wahrheit. Wedemeier, der sein Handy aus der Tasche zieht und sie ansieht, mit diesem merkwürdigen Blick.

»Du hast damals Geld genommen.« Sie muss es aussprechen. Arno fährt die Serpentinen konzentriert und schnell. »Du warst im Stadtrat. Du konntest mit einem Anruf dafür sorgen, dass die Polizei nicht erscheint, bevor das Feuer nicht wirklichen Schaden angerichtet hat.«

»Es war besser so. Für alle.« Er bewegt kaum die Lippen beim Sprechen. »Es wäre doch niemals gut gegangen, Gesche. Unsere Zigeuner mussten weg. Zu ihrem eigenen Besten.«

So hat er sich das also zurechtgedacht. Schweigegeld von Jochen Wedemeier. Genug, um ein altes Weingut in Südfrankreich zu kaufen, wovon er seit langem träumte. Geld, von dem Arno wusste, dass Gesine es niemals akzeptiert hätte.

»Arno, was soll das? Bin ich jetzt deine Gefangene?«

Er lächelt. Wieder diese Fältchen um die Augen. Darunter tiefe Schatten. Er muss die Nacht durchgefahren sein. »Nenn es doch einfach eine zweite Chance, Gesche. Ohne Jochens Anruf hätte ich den Mut bestimmt nicht aufgebracht, dich endlich hierher zu holen.« Er deutet auf das Meer. »Sieh dich doch um! Diese Farben.« Er öffnet das Fenster. »Riechst du den Thymian?«

Führe mich nicht in Versuchung.

Gesine sieht aus dem Fenster. Arno fährt schnell. Zu schnell, um aus dem Wagen zu springen. »Halt bitte sofort an und lass mich raus.«

Er schaltet einen Gang höher und beschleunigt. »Gleich sind wir da, meine Liebe. Du wirst sehen, es ist wunderschön. Und sehr einsam. Wir haben alle Zeit der Welt.«

Wieder eine Haarnadelkurve. Meer. Berge.

Erlöse mich von dem Bösen.

»Halt!« Gesine schlägt die Hände vors Gesicht.

Bremsen quietschen.

Stille.

Vor ihnen ist ein Lkw umgekippt. Melonen liegen auf der Straße. Zwei Männer in Unterhemden stehen herum und diskutieren. Einer zeigt auf das Auto.

»Was wollen die denn, verdammt?«, flüstert Arno.

Wie im Traum beobachtet Gesine, wie die Männer sich nähern. Einer bleibt stehen und lehnt sich in Arnos offenes Fenster. Der andere öffnet ihre Tür.

»Are you friend of Nadina?« Breites Grinsen. Zahnlücken.

»Nadina?« Gesine versteht nicht. »Of course I know her –«

Starke Arme ziehen sie nach draußen. Arno greift nach ihr, fällt zurück in den Sitz. »You stay here, my friend.«

Gesine lässt sich führen. An den Melonen vorbei. Rotes Fruchtfleisch auf der Straße. Wie ein nachgestellter Verkehrsunfall. Hinter dem Lkw steht ein Kleinbus.

»Madame.« Eine Schiebetür öffnet sich.

Ein Motor springt an.

Meer.

Berge.

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