23. Juni 2012, Gemeinde
Peltzow
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Jimi Hendrix. Gitarren. Rückkopplung.
Nick hockt direkt unter dem Windrad. Entweder es hat mit dem Wetter zu tun oder mit dem Stromnetz: Alle paar Minuten kommt das Ding mit einem von innen nach außen detonierenden Brachialsound zum Stehen. Das Geräusch bringt den ganzen Körper zum Vibrieren. Das gibt einem das Gefühl, mit einem Lebewesen konfrontiert zu sein. Sechzig Meter hoch. Transformers.
Er schaltet das Aufnahmegerät ein und zählt. Eine Sinfonie aus Klängen. Stell dir vor, man könnte das steuern. Komposition für dreizehn Windräder. Ein Requiem für Marius Voinescu und Niculai Lăcătuş, die auf diesem Feld starben.
Wow.
Wenn er den Kopf hebt, sieht er die Flügel durch den blauen Himmel schneiden. Wie Messer. Wie Arme. Mattie und Nick wären vor ein paar Jahren beinahe mit einem Windrad in die Luft geflogen. Der Mann, der sie töten wollte, ist an ihrer Stelle gestorben. Die Explosion war gewaltig. Vielleicht kommen ihm diese Apparate deshalb wie Krieger vor.
Plötzlich vermisst er Mattie, genau jetzt auf dem Feld. Ein Wind geht über die Halme. Das Getreide sieht aus wie ein Meer.
Hinter ihm auf der schmalen Allee fährt ein Wagen vorbei. Nein, er hält an.
»Hallo, Sie!«
Nick möchte weiter auf dieses Meer gucken. Es wechselt die Farbe im Wind.
»Hallo, was machen Sie da?«
Er dreht sich um.
Ein dunkler Allradwagen. Überdimensional auf dieser engen Straße. Ein Mann, kurze graue Haare, Weste.
»Darf ich hier nicht stehen?«
»Es ist mein Feld.«
Nick seufzt und geht ein paar Schritte auf den Wagen zu. »Entschuldigen Sie, ich wollte mich hier nur mal umsehen. War das vor zwanzig Jahren auch schon Ihr Feld?«
»Hab ich mir doch gedacht, dass Sie jetzt wieder anfangen, in der alten Sache rumzustochern. Wie die Geier. Jetzt, wo der Uwe tot ist.«
»Sie kannten Uwe Jahn?« Nick lehnt sich in das offene Fenster, um den Fahrer besser zu sehen. Eine Flinte liegt auf dem Rücksitz. War ja klar. Der Fahrer sieht ihn unfreundlich an. »Mein Name ist Nikolaus Ostrowski.« Er holt seinen Presseausweis aus der Hosentasche und hält ihn dem Mann vor die Nase. »Und Ihr Name?«
»Müller. Klaus Müller«, brummt der Mann. »Natürlich kannte ich Uwe Jahn. Alle hier kannten ihn. Wir fangen heute mit der Ernte der Wintergerste an. Dann müssen Sie da weg sein. Die Maschinen zu stoppen kostet Zeit. Und Zeit ist Geld.«
»Klar.« Nick macht keine Anstalten, das Fenster freizugeben. »Stand hier damals auch Gerste?«
Der Mann überlegt. »Jetzt, wo Sie es sagen. Ja, wir haben ja an dem Morgen angefangen zu dreschen. Der Fahrer hat die Leichen entdeckt. Er wollte Hilfe holen und ist zurückgefahren. Und wie der in den Rückspiegel guckt, da steht das Feld in Flammen.« Klaus Müller sieht auf das Feld, als würde es gleich erneut anfangen zu brennen. »Die ganze Ernte kaputt. Wir haben Anzeige erstattet gegen unbekannt.«
»Da lagen zwei Tote, und Sie haben Anzeige erstattet wegen Ihrer verbrannten Ernte?«
»Mann, Sie haben ja keine Ahnung! Da sind mehr als dreißigtausend Demark auf dem Feld verbrannt. Die Versicherung hat dann auch gezahlt.«
»Ist denn jemals geklärt worden, ob es Brandstiftung war?«
»Nee. Die haben gesagt, es könnte auch ein Funken gewesen sein von dem Mähdrescher. Passiert manchmal, wenn der über einen Stein fährt. War ja sehr trocken, der Sommer.«
Nick hat eine Idee. »Arbeitet der noch bei Ihnen, dieser Fahrer?«
»Helmut? Na klar. Der kommt hier gleich mit der Maschine. Die ist geliehen. Das Feld muss heute runter.« Er drückt auf das Gaspedal, um anzudeuten, dass seine Zeit auch Geld ist. Nick tritt vorsichtshalber einen Schritt zurück. Doch der Mann ist noch nicht fertig. »Soll ich Ihnen mal was sagen? Die Grenzer, die waren uns – also den Jägern im Allgemeinen – die waren uns richtiggehend dankbar. Was glauben Sie denn? Danach war nämlich Ruhe hier. Da kam keiner mehr rüber.«
»Ist ja toll.« Nicks Stimme trieft vor Sarkasmus. Der Mann ist offensichtlich mit dieser Art Humor nicht vertraut.
»Also, dann gucken Sie ruhig weiter. Aber halten Sie mir die Leute nicht auf. Waidmanns Heil wünsche ich.« Der Jeep braust davon.
Nick sieht ihm nach, bis er um die Kurve verschwunden ist. Dann zieht er das Aufnahmegerät aus der Tasche. Es läuft noch.
Er hat auf Volkers Account einen Car-Sharing-Wagen genommen, der auf dem Feldweg hinter der Allee parkt. Nick holt eine Thermoskanne aus dem Handschuhfach und füllt heißen Kaffee in den Becher. Neben ihm auf dem Beifahrersitz liegt der Zwergspitz. Guckt der beleidigt? Nick hat ihn vorhin ins Auto gesperrt, weil er einem Hasen hinterher wollte und gekläfft hat wie ein Irrer.
»Jetzt sei du nicht auch noch sauer auf mich.« Der Hund sieht ihn an und stößt einen tiefen Seufzer aus. Nick trinkt Kaffee und blickt über die Felder. Dramatische Wolkenformationen ziehen über den Himmel. Das Licht wechselt, und mit ihm die Farbe des Feldes. Durch das offene Fenster klingt die Sinfonie der Windräder.
Er hat Jasmin immer noch nicht gesagt, dass er an dem Fall arbeitet. Zum einen, weil sie geplant hatten, die letzten zwei Wochen vor der Abreise gemeinsam zu verbringen. In Berlin oder woanders, Jasmin muss nicht mehr ins AA.
Doch es ist nicht nur das. Nick hat Angst. Der letzte Artikel liegt unvollendet auf der Festplatte. Was, wenn er es wieder nicht schafft? Irgendwann wird sie den Respekt vor ihm verlieren. Im besten Fall wird sie ihn dann mit sich durch die Welt schleppen wie er diesen Hund. Ein Mann ohne Namen. Azim wird größer werden und sich fragen, wer eigentlich dieser nutzlose Typ ist, der immer bei ihnen rumhängt. Finstere Aussichten.
Wie um diese Gedanken zu vertreiben, fährt in dem Moment von links ein gelber Mähdrescher in den Panoramaausschnitt seiner Frontscheibe ein, gefolgt von zwei Treckern mit Anhänger. Es geht los.
Nick stellt sich an den Straßenrand und verfolgt gebannt die Choreografie der Ernte. Reihe für Reihe wird das Getreide gekappt und aus einem Rohr des Mähdreschers direkt auf die Anhänger geblasen. Ist eine der beiden Pritschen voll, zieht der Trecker an, macht Platz für den anderen und fährt über die Allee zum Silo. Fünf Minuten später ist er wieder da, bereit zu übernehmen. Zeit ist Geld.
Er wartet über eine Stunde, bis sich irgendetwas in den Klingen des Mähdreschers verfängt und das Ballett zum Stillstand bringt. Ein stämmiger Mann mit Halbglatze in einer schwarzen Latzhose steigt aus der Steuerkapsel des Monstrums wie aus einer mobilen Kampfmaschine auf die Erde.
Nick nähert sich vorsichtig von der Seite. »Entschuldigung, sind Sie Helmut?«
Der Mann guckt kurz hoch, nickt und wendet sich wieder seinem Gerät zu. Erst als er einen Stock herausgezogen hat, dreht er sich um und mustert Nick ausgiebig. »Sie stehen ja hier schon ’ne ganze Weile rum.«
»Ich interessiere mich für den Fall damals, die beiden toten Flüchtlinge. Erinnern Sie sich daran?«
Der Mann winkt ab. »Dreimal musste ich deswegen vor Gericht. Am Anfang habe ich noch geredet, aber die haben mir ja sowieso nicht geglaubt. Da hab ich lieber meine Klappe gehalten.« Er wird unruhig, guckt demonstrativ zu seiner Tür hoch. »Ich muss dann mal.«
Nick folgt seinem Blick. »Und wenn ich –«
Helmut grinst. »Sie wollen mitfahren? Ist aber ganz schön laut.«
»Macht nichts.« Nick deutet auf das noch stehende Getreide. »Sieht doch bestimmt klasse aus von da oben.«
Der Fahrer nickt, überrascht von so viel Interesse. »Na denn kommen Sie mal mit. Der Chef ist ja momentan auf dem Hof.«
Vor Nicks Augen läuft ein Experimentalfilm. Sein Blickfeld ist mit Halmen ausgefüllt, die auf ihn zurasen, nur um dann in einen unsichtbaren Schlund gesogen zu werden. Kaum sind sie weg, ist die nächste Reihe dran. In seiner Vorstellung unterlegt Nick den Film mit der Windrad-Komposition. Ein Meisterwerk abstrakter Filmkunst.
»Was hat man Ihnen denn damals nicht geglaubt vor Gericht?« Er muss gegen den Lärm anbrüllen. Helmut nickt zum Zeichen, dass er ihn verstanden hat.
»Na ja«, brüllt er zurück, »die haben mir gesagt, das wäre eine Täuschung. Aber ich bin ja runter vom Bock und rüber zu den beiden. Da hat es noch nicht gebrannt. Der eine war hin, da fehlte der halbe Kopf, hab ich gleich gesehen. Aber der andere, der hat so geröchelt. Ich dachte, der lebt noch.«
»Wer hat gesagt, das wäre eine Täuschung?« Nick ist jetzt ganz bei der Sache.
»Einer dieser Gutachter, so ein Professor. Den hat die Verteidigung angefordert. Meinte, das wären nur noch Gase gewesen, die aus dem Toten kamen.«
Der Mähdrescher fährt die letzte Reihe Getreide ab, die auf diesem Teil des Feldes steht. Dadurch entsteht zwischen der Straße und den hinteren Feldabschnitten eine Art Innenraum, ungefähr von der Größe eines Fußballfeldes. Meter für Meter öffnet sich der Blick darauf vor Nicks Augen.
Noch zehn Meter. Aus der letzten Insel stehenden Getreides stürzen zwei Rehe hervor. Sie können nur auf die offene Fläche entkommen. An der Allee stehen mehrere Allradwagen. Männer legen ihre Flinten an.
Schüsse.
Nick zuckt zusammen.
Helmut grinst. Dann stellt er den Motor ab.
In der folgenden Stille schweigen selbst die Windräder.