28. Juni 1992,
Szczecin
Westpommern, Polen
Auf den ersten Blick herrschte am Bahnsteig Normalbetrieb. Marius sah sich um, er hatte ein paar Stunden auf der Bank im Halbschlaf verbracht. Ein Regionalzug hielt. Junge Frauen eilten auf hohen Absätzen an ihm vorbei. Ihre verächtlichen Blicke prallten auf die Gestalten, die in Gruppen herumstanden oder -saßen. Grell geschminkte Münder wurden zu schmalen Strichen. Ein Trupp Schüler oder Studenten stieg aus und fing sofort an, die Umstehenden zu beschimpfen.
Marius steckte sich eine Zigarette an und stand auf. »Lasst euch nicht provozieren, dann passiert nichts«, sagte er zu den Männern und schob sich zwischen sie und die Polen. Er kannte nur zwei aus der Gruppe, sie machten ohne zu zögern einen Platz für ihn in der Runde frei. Die Polen zogen ab, Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Marius genoss die Wärme der Morgensonne auf der Haut. So standen sie eine Weile herum, rauchten schweigend und warteten.
Plötzlich kam Bewegung in die Menge. Und da waren sie, Vater und Sohn, heute früher als sonst. Marius war schon einmal mit ihnen ins Geschäft gekommen. Sie kannten sich gut aus im Gelände. Aber ihr Preis war zu hoch. Gestern hatte er den ganzen Nachmittag vergeblich gewartet, keiner der anderen Reiseführer war aufgetaucht. Er hatte wertvolle Zeit verloren. Jetzt wollte er die Gelegenheit auf keinen Fall verpassen.
Marius ging den beiden Polen mit energischen Schritten entgegen, nutzte seine Autorität, die anderen Wartenden machten ihm Platz. Er probierte die üblichen Handzeichen, auch die Antwort wurde mit den Händen gegeben. Der Preis ließ ihn zögern, er hörte die anderen hinter seinem Rücken fluchen. Kaum jemand war bereit, so viel zu zahlen. Marius hatte noch genug Geld übrig. Zwar waren die Ohrringe für Adriana nicht billig gewesen, aber Fußbälle waren ausverkauft, wegen der Europameisterschaft. Er schlug ein, der Treffpunkt wurde geflüstert, immer noch derselbe, ein kleines Hotel an der Ausfallstraße Richtung Südwesten.
Und weiter schoben sich die beiden durch die Gruppen, der Sohn zeigte mit den Fingern ein V: Zwei können noch mit. Den meisten war es zu teuer, sie konnten sich nicht entscheiden, rechneten, berieten sich leise. Aus dem Dunkel der Bahnhofshalle kamen zwei Neue geschlendert, unverkennbar Brüder, mit heller Haut und Sommersprossen, vielleicht aus dem Norden. Der Ältere erfasste die Situation mit einem Blick, ging auf die Polen zu, begann zu verhandeln. Der andere stand daneben und sagte kein Wort. Wieder ein Handschlag.
Dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Sekunden brach Panik aus. »Miliz!«
Wie von Geisterhand waren die beiden Polen verschwunden, alle anderen rannten durcheinander. Marius zwang sich zu langsamen Bewegungen. Zielstrebig und ohne hinzusehen ging er an den herausstürmenden Polizisten vorbei ins Bahnhofsgebäude, weiter in die Männertoilette und schloss sich in einer Kabine ein. Er sah auf die Armbanduhr. Dann zog er sein Notizbuch aus der Tasche, nahm Papier von der Rolle, wischte damit den geschlossenen Klodeckel ab und setzte sich hin.
Eine Stunde später schloss er wieder auf, wusch sich die Hände, zog seinen Kamm aus der Tasche, machte ihn nass und kämmte sich ausgiebig die Haare und den Schnurrbart. Dann ging er durch die Halle nach draußen. Als Erstes traf er den jüngeren der beiden Brüder, er stand herum wie eine Straßenlaterne. Ein Wunder, dass er den Polizisten entkommen war. Er wirkte orientierungslos.
»Was ist passiert?«, fragte Marius auf Rumänisch.
Der junge Mann zuckte zusammen. »Mein Bruder Ion. Er ist verhaftet worden.«
Marius legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Mach dir keine Sorgen. Er wird sich zu helfen wissen. In ein paar Tagen ist er wieder draußen. Aber du solltest hier nicht lange so rumstehen.«
Unsicherer Blick, rote Flecken auf den Wangen. »Ich kann doch nicht …«
Marius deutete auf die anderen Männer, die wieder in der Sonne standen und rauchten, als hätte es nie eine Razzia gegeben. »Es gibt Leute, die deinen Platz gerne übernehmen würden. Ich sage dir, du kannst genauso gut drüben auf ihn warten, wo du ein Bett und jeden Tag eine warme Mahlzeit hast. Ich weiß, wovon ich rede.« Der hatte Angst zu gehen und Angst zu bleiben. Nun, das musste er mit sich alleine ausmachen. Marius drückte noch einmal die schmale Schulter und schlenderte weiter zu den Männern aus Turnu Severin.
Ein alter Mann, der Vater einer Cousine seiner Frau, nahm ihn am Arm und zog ihn beiseite. »Heute ist keine gute Nacht, um über die Grenze zu gehen!«, flüsterte er eindringlich.
Marius schob die Hand des Alten sanft von seinem Arm. »Warum nicht?«, fragte er.
Der Alte schüttelte den Kopf. »Nicht gut, du wirst sehen. Warte lieber und geh morgen mit uns.«
Marius ließ sich die Sache kurz durch den Kopf gehen. Dachte an Adriana, die jeden Tag aufstand mit dem Wunsch, er möge bald zurückkehren. Dachte an seine Frau, die gar nicht mehr aufstand. An Ştefan und Claudiu, die eine starke Hand brauchten. Und dann dachte er an das Kreuz auf dem Grab seiner Mutter, umgeworfen, mit Farbe beschmiert. Für Ammenmärchen hatte er keine Zeit. »Ich gehe heute«, sagte er mit fester Stimme und ließ den jammernden Alten stehen.
Natürlich war es ein Risiko, sich für so viel Geld zwei Fremden auszuliefern, die ihn über die Grenze führten. Doch ihm blieb keine andere Wahl. Marius hatte fest vor, sich dieses Mal Notizen zu machen und in Zukunft einen eigenen Grenztransfer für seine Leute aus Turnu Severin zu organisieren. Nicht ungefährlich, aber machbar für einen, der schon ein Bleiberecht in Deutschland hatte. Er war sicher, dass er für den richtigen Preis jemand Passenden finden würde.
Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und fuhr herum, dachte kurz, es wäre noch mal der Alte, da stand der Träumer mit den Sommersprossen.
»Hast du was dagegen, wenn wir zusammen gehen?«, fragte er und hielt ihm die Hand hin. »Ich heiße Nicu. Nicu Lăcătuş.«
Marius sah ihm kurz in die Augen, dann schlug er ein.