11. Juni 2012, Gemeinde
Peltzow
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Sie hat es getan.
Draußen vor dem Fenster Windräder. Die gab es damals nicht. Nicht hier.
»Nächste Abfahrt.« Liviu ist aufgewacht und gibt kurze Anweisungen an seinen Schwager, der jetzt fährt. Sie haben sich abgewechselt, in einem Rutsch durch von Zaragoza. Adriana weiß, dass sie wegen ihr einen Umweg von mehreren Stunden machen. Sie hat die Schilder nach Berlin gesehen, heute früh. Jetzt steht die Sonne hoch.
Fast bedauert sie es, als der Wagen auf die schlecht geteerte Abfahrt rumpelt. Die Zeit auf der Autobahn hat ihr gut getan. Das leise Gemurmel der Männer vorn, der Rauch ihrer Zigaretten. Viele Stunden zum Nachdenken.
Liviu glaubt natürlich, Florin wüsste Bescheid. Sie sind im Dunkeln aufgestanden, ihr Mann schlief noch. Keine Ehefrau – ganz sicher nicht Adriana die Stille – läuft einfach fort. Sie riskiert zu viel. Ihre Töchter. Sie will nicht allein sein. Fünfzig Euro hat sie mitgenommen, mehr nicht. Adriana hat Liviu erklärt, sie möchte sich ein eigenes Bild von der Lage in Berlin machen, Möglichkeiten sondieren. Florin wolle noch ein paar Tage länger auf den Vertrag warten. Liviu hat keine Fragen gestellt. Erst als sie schon in Deutschland waren, hat sie ihn gebeten, sie an dem Ort abzusetzen, wo ihr Vater starb.
Plötzlich durchfährt sie ein Ruck. Kein Zweifel. Dasselbe Dorf. Kirche ohne Turm. Es sieht noch genauso aus wie vor zwanzig Jahren.
Liviu dreht sich um. »Bist du sicher, Adriana Voinescu?« Er gibt sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen.
»Ja.« Ihre Stimme klingt fest. In ihr sieht es anders aus.
Er reicht ihr einen Zettel. »Meine deutsche Handynummer. Ruf mich an, wenn du in Berlin bist. Du kannst zu Fuß rüber nach Polen gehen –«
»Und den Zug nach Berlin nehmen. Regionalexpress. Ich habe es mir gemerkt.«
»Man soll die Toten ruhen lassen. Bringt Unglück.« Sie kann sein Gemurmel kaum verstehen, er hat sich wieder nach vorn gedreht.
Da! Die Straße knickt nach rechts ab, die Brücke über die Autobahn. Dieser verfluchte Ort. Sie braucht die Bilder ihres Traums nicht heraufzubeschwören, um ihn zu erkennen. Das Feld links hinter den letzten Häusern. Es steht wieder Getreide darauf. Und Windräder. Hoch ragen sie in den Himmel. Verdunkeln die Sonne. »Hier rechts kannst du halten.«
Der Schwager bremst ab und biegt auf einen Feldweg ein. Der Motor verstummt. Es ist still. Die Männer auf dem Vordersitz haben Bartstoppeln und rote Augen.
»Es ist gut«, sagt Adriana. »Danke, mein Freund.« Sie steigt aus und läuft los, ohne sich umzusehen. Sie geht in das Feld, einfach geradeaus. Das Getreide reicht ihr bis über die Knie. Sie schließt die Augen, berührt die Ähren. Dasselbe Gefühl. Augen auf. Lässt sich von ihrer Erinnerung leiten. Das Geräusch der Windräder treibt sie an. Ffffffft. Fffffft. Plötzlich streift sie der Schatten eines Flügels. Fffffft. Es ist ein Gefühl, als würde sie in der Mitte durchgeschnitten. Ihr Herz setzt aus.
Dann schlägt es wieder.
Fffffft. Ffffft. Sie fühlt sich verletzlich. Schutz suchen. Schnell tritt sie aus der Reichweite des letzten Schattens, den Blick weiter auf den Boden geheftet. Wo war die Stelle? Da drüben?
Alles sieht gleich aus. Was will sie hier? Ihr Mut verlässt sie schlagartig, und sie setzt sich zwischen die Halme. Sie ist wieder vierzehn. Ihr ist nach Weinen zumute, doch sie weiß nicht, wie das geht.
»Ist Ihnen nicht gut?«
Wie elektrisiert springt sie auf. Eine Stimme, nicht laut. Alt, wie Pergamentpapier. Diese Sprache, die sie geschworen hat zu hassen, zu vergessen. Und die doch so viele Jahre in ihr geschlummert hat wie ein unsichtbarer Parasit.
»Hier bin ich. Kommen Sie doch näher!«
Orientierung. Vor ihr das Feld, die Windräder. Die Straße, jetzt rechts. Langsam dreht sie sich um. Auf der Flucht vor den Schatten ist sie viel zu nah an die Häuser des Dorfes gekommen. Ein Zaun, dahinter eine Gestalt, ganz dünn und krumm. Und ein Hund, der ruhig neben ihr steht. Zögernd setzt sich Adriana in Bewegung.
Es ist eine Frau. Ihre Haare sind silbern und kurz geschnitten. Sie trägt Hemd und Hose, wie ein Mann. Ihr Kopf liegt schräg, wie bei einem Vogel. Ihre hellen Augen frei von Angst, neugierig.
»Möchten Sie ein Glas Wasser? Kommen Sie herein, da ist eine Pforte.«
Adriana folgt dem mit Mühe ausgestreckten Arm den Zaun entlang. Warum traut sie der Frau? Sie traut niemandem in diesem verfluchten Land!
Als sie die Tür durchschritten hat, geht die Alte schon über ihren winzigen Hof. Ganz langsam geht sie. Der Hund beschnüffelt Adrianas Rock, sein Gesicht ist weiß vom Alter. Er wedelt kurz mit dem Schwanz und folgt seiner Herrin. Sie steigt ein paar Treppen zur überdachten Veranda hinauf. Schritt für Schritt.
Dann sitzen sie in einem Vorbau mit großen Fenstern. Ein alter Tisch mit einer Holzbank rundherum, darauf Kissen, mit einem dunkelgrünen, schimmernden Stoff bezogen. Alles wirkt alt und zerbrechlich, die Frau, die Möbel, sogar der Hund. Nur der Blick aus den hellen Augen ist fest. Wieder muss sie an einen Vogel denken.
»Verstehen Sie mich?«
Adriana nickt. Die Sprache kommt an, doch es formt sich keine Antwort in ihrem trockenen Mund. Sie trinkt von dem Wasser.
Die Vogelfrau sieht ihr zu. »Ich möchte Ihnen etwas erzählen.« Sie spricht leise und deutlich. »Als junges Mädchen habe ich nicht hier gewohnt, sondern im heutigen Polen.« Sie deutet über das Feld. »Meinen Eltern gehörte ein großer Hof. Eines Tages kamen die Zigeuner. Sie lagerten direkt hinter unserem Haus. Ich habe mich jeden Tag hingeschlichen. Ich wollte nicht stören. Nur zusehen. Eines Tages hat mich eine alte Zigeunerin erwischt. Sie hat mich verflucht. Glauben Sie an Flüche?«
Adriana weiß nicht genau, was dieses Wort bedeutet. Sie nickt wieder.
»Ich auch. Könnten Sie den Fluch vielleicht aufheben? Wissen Sie, ich leide an Parkinson. Vielleicht sterbe ich bald.«
Sie möchte antworten, doch die Worte bleiben ihr im Hals stecken. Sie hustet.
Die Frau schenkt ihr Wasser nach und spricht weiter. »Ich wusste, dass eines Tages einer von ihnen hierher zurückkommen würde. Niemand erschießt ungestraft einen Zigeuner, nicht wahr?«
Es fühlt sich an, als würde Strom durch ihren Körper jagen. »Kennst du ihn? Den Polizisten?« Ist das wirklich ihre Stimme? Sie klingt fremd und hart. »Bist du hier, damals?« Irgendetwas stimmt noch nicht, doch jetzt will diese andere Sprache schneller aus ihrem Mund, als ihr lieb ist.
»Natürlich war ich hier. Ich lebe in diesem Haus seit neunzehnhunderteinundfünfzig. Mit meinem Mann. Er war auch hier, aber vor drei Jahren ist er gestorben.«
»Mein Vater. Er ist erschossen. Hier.«
Die Vogelaugen werden weich. »Ihr Vater?« Eine Hand auf ihrer. Sie zuckt zurück, dann tut es ihr leid. Flecken auf der alten Hand. Die Haut ist warm und trocken.
»Kennst du ihn? Den Polizisten?«, fragt sie noch einmal. Sie weiß jetzt, dass diese Begegnung kein Zufall ist. Ebenso wenig wie ihr Traum.
Der Blick der Vogelfrau kehrt sich nach innen, als suche sie etwas. »Zwei Jäger waren das doch. Einer aus dem Westen und unser ehemaliger ABV, der Jahn. Der war früher eine Art Polizist, ja.«
»Du siehst ihn?« Adriana macht eine Bewegung, als hielte sie ein Gewehr und würde schießen.
»Nein, Kind.« Die Alte schüttelt bedauernd den Kopf. »Wir lagen doch in unseren Betten. Ich habe den Schuss gehört, aber das war nichts Besonderes. Erst als das Feld brannte, am nächsten Morgen, da haben wir begriffen, was los war. Und der Jahn, der stand da drüben an der Straße mit den anderen, in aller Seelenruhe. Hat einfach zugesehen. Der war sicher, er kommt davon. Bis sie ihn abgeholt haben.«
»Jahn? Ist Name? Wo ist Jahn?« Sie sucht nach dem Wort, dann fällt es ihr wieder ein. Ein Wort, das im Heim jedes Kind kannte. »Gefängnis?«
»Der war keine Woche im Gefängnis.« Die Vogelaugen wenden sich ab, streifen durch den kleinen Raum. »Da drüben, geben Sie mir mal die Papiere, bitte!« Adriana dreht sich um. Ein Bündel Papier, verschnürt, bereit zum Mitnehmen neben der Tür. Sie gibt es der Alten.
Mit zitternden Fingern beginnt sie den Knoten zu lösen. Es dauert lange. Stille breitet sich aus. Endlich hat sie das Band abgewickelt. Ein Papier nach dem anderen wird betrachtet, zur Seite gelegt, betrachtet, zur Seite gelegt.
Adriana fällt das Warten nicht schwer. Sie hat in ihrem Leben gelernt zu warten. Darauf, dass der Morgen anbricht und die Mutter noch lebt. Auf die Verträge in Zaragoza. Auf die Abwasserrohre in Turnu Severin. Auf bessere Zeiten.
»Da ist es ja! Hier, sehen Sie mal!« Ein Papier wandert langsam über den Tisch zu ihr. »Der konnte sich hier im Dorf nicht mehr blicken lassen. Die Leute haben gedacht, der hat seine alten Seilschaften aktiviert, deswegen muss er nicht in Haft. Nach Kollwitz gezogen ist er angeblich, um für diese Firma hier zu arbeiten. Nordhaus Immobilien.«
Ratlos betrachtet Adriana das Foto auf dem Prospekt. Eine Familie, am Strand, dahinter Häuser. »Immobi-lien?« Das Wort bedeutet nichts in ihrem Kopf.
»Die verkaufen Wohnungen. Direkt am Meer. Jede Woche habe ich diese Prospekte im Kasten. Als könnte sich eine alte Frau so was leisten.« Ihr Blick schweift aus dem Fenster, über den Hof, zum Stall. Hühner laufen herum und picken im kurzen Gras. »Ich möchte hier sterben«, sagt sie leise.
Adriana spürt ihre Trauer und steht auf.
»Nein, warten Sie!« Die Augen leuchten wieder hell und freundlich. »Ich habe doch noch etwas. Haben Sie noch Geduld, mein Kind?«
Während Adriana sich wieder hinsetzt, geht die Vogelfrau nach hinten ins Dunkel ihrer Wohnung. Zeit vergeht. Ab und zu rumpelt es. Adriana wird schläfrig. Der Hund beobachtet sie. Eine Fliege summt.
»Sehen Sie mal!« Adriana schreckt hoch. Die Frau steht direkt neben ihr und hält ihr ein Bündel hin, ebenso verschnürt mit grauem Band wie das andere. Doch dies ist kein bedrucktes Papier. Es sind einzelne Blätter, weiß und an den Rändern dunkel. Sie riechen nach Feuchtigkeit und –
Zögernd greift Adriana nach dem Packen.
»Der Wind hat sie damals gegen unseren Zaun geweht. Da habe ich sie nach dem Brand gefunden. Ich konnte die Schrift nicht lesen, also habe ich sie weggelegt, falls die Polizei sie sehen will. Aber es kam ja nie jemand. Ich hatte sie ganz vergessen. Bis ich sie neulich zwischen meinen Büchern gefunden habe.«
Die Schrift. Sie kennt diese Schrift! Er hat sie immer seine Fahrtenbücher genannt. »Meine liebe Adriana, das Haus ist leer ohne euch hier in Turnu Severin«, der Text verschwimmt vor ihren Augen. Weg, schnell weg von hier.
»Ist schon gut, mein Kind.« Die Vogelfrau steht immer noch da, den Kopf schräg. Sie reicht Adriana gerade bis zur Schulter. »Nimm sie mit, sie sind ja dein.«
Adriana kann nicht sprechen. Also folgt sie ihrem Gefühl, nimmt den Kopf der Frau in ihre Hände, ganz vorsichtig, und küsst sie auf die Stirn.
Dann verlässt sie das Haus. Ihre Stiefel gehen wie von selbst die Stufen hinab. An der Gartentür dreht sie sich noch einmal um. Die Frau und ihr Hund stehen im Eingang und sehen ihr nach. Die Frau lächelt. Adriana hebt die linke Hand zum Gruß. In der Rechten hält sie den Prospekt und die losen Seiten aus dem letzten Fahrtenbuch ihres Vaters.
»Meine liebe Adriana.«
Jedes seiner Worte gehört ihr. Ihr ganz allein.