30. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Just gonna stand there –

Immer wenn die Kirchentür aufgeht, hört Nadina durch das offene Fenster die Orgel. Sie hat die Fotos vor sich ausgebreitet.

Kann sich nicht konzentrieren.

Hält sich die Ohren zu.

Love the way it hurts.

Wieder die Orgel. Feierlich. Hundert Meter weiter wird der Mörder ihres Vaters beerdigt. Etwas zieht sie dorthin, in die Kirche. Sie sieht sich selbst. Sie trägt Schwarz. Geht an ihnen vorbei. Seinen Kindern. Seinen Enkeln. Sieh mich an. Ertrage meinen Blick.

Watch me burn.

Die Haustür reißt sie aus ihren Gedanken. Gestern waren die Faschisten hier. Ganz nah. Während sie gerade mit Raluca geskypt hat. Nadina steht auf und greift nach dem nächstbesten Gegenstand. Ein Metalllineal. Nein, lieber den Bleistift. Er ist spitz.

Schritte in der Diele.

»Hallo?« Bevor sie den Bleistift weglegen kann, steht Mattie in der Tür. »Nadina!«

Matties Hund rennt zu ihr und springt kläffend an ihrem Bein hoch. Sie tritt zu. Reflex. Jaulend rutscht er übers Parkett zu seiner Besitzerin.

»Spinnst du!« Mattie nimmt das zitternde Bündel Fell auf den Arm.

»Tut mir leid.« Nadina versucht sich zu entspannen.

Mattie wirft ihr einen skeptischen Blick zu. Dann sieht sie sich um. »Wo ist die Pastorin?«

»Drüben bei der Trauerfeier.« Sie deutet zur Kirche. Die Orgel spielt wieder. »Der Mann wird heute beerdigt.«

»Ich weiß.«

Sie starrt Mattie an. Hat die etwa Mitleid mit dem Typen? »Mama sagt, es ist gut, dass er tot ist.«

Mattie starrt zurück. Setzt den Hund ab. Macht zwei Schritte auf sie zu. Ey, was soll das denn werden? Nimmt sie in den Arm. Mattie riecht gut. Nicht so gut wie Mama. Aber es geht.

»Ich dachte schon, die kommen wieder.« Die Geschichte mit dem Müll bricht aus ihr heraus. Sie zerrt Mattie nach draußen, zeigt ihr den Container und das Schild, das noch in der Karre liegt. »Gesine sagt, sie bewahrt es auf, falls noch mal was ist.«

»Die Polizei war nicht da?«

Nadina schüttelt den Kopf. »Ist doch nichts passiert.«

»Lass uns hier verschwinden.« Mattie schiebt sie zurück zum Haus. »Hast du schon mit der Arbeit angefangen?«

Sie gehen wieder ins Büro. Nadina zeigt ihr die Fotos in der Reihenfolge, die sie sich für die Ausstellung überlegt hat. »Hier, Adriana steigt in den Bus. Als letztes Foto will ich zeigen, was sie sieht. Diese Typen mit den brennenden Flaschen.«

Ohne ein Wort geht Mattie die ganze Fotoserie noch mal durch. »Kann ich die ausleihen? Sind ja nur die Kontaktabzüge.«

»Keine Ahnung. Muss Gesine entscheiden.«

Was haben die bloß alle mit den Fotos? Mattie wirkt plötzlich so nervös. »Okay, komm, wir fragen sie. Die Trauerfeier müsste jetzt vorbei sein.«

Richtig, die Orgel spielt nicht mehr. Mattie stapelt die Fotos auf, ohne die Reihenfolge durcheinanderzubringen, und nimmt sie mit.

Nadina folgt ihr zum Bus, wo der Hund eingesperrt wird. Sie gehen über den Vorplatz zur Kirche. Die Tür ist offen. Noch bevor sie dort sind, kommt Gesine raus. Sie trägt ein schwarzes Priestergewand. Hinter ihr gehen zwei Männer in dunklen Anzügen, die die Urne in einem Metallgerüst tragen. Nadina bleibt stehen und zählt. Zehn Menschen folgen dem Zug auf den Friedhof. Sieben Erwachsene und drei Kinder.

Mattie zieht sie am Arm. Sie kann sich nicht losreißen von dem Anblick. Flüstern an ihrem rechten Ohr: »Nadina, ich rufe die Pastorin von unterwegs an. Ich fahre zu Adriana. Willst du mitkommen?«

Nadina schüttelt den Kopf. Sie bleibt hier.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, ja.«

Mattie wirft ihr einen skeptischen Blick zu, dann verschwindet sie in Richtung Parkplatz. Nadina geht langsam um die Ecke. Der Trauerzug ist auf dem Friedhof angekommen. Sie folgt ihm bis an die Eingangstür. Die Pforte lässt sich aufdrücken. Sie will die Gesichter der Leute sehen. Dafür muss sie näher ran. Hinter den halbhohen Busch. Nah genug am offenen Grab. Gesine spricht auf Deutsch.

Nadina prägt sich das Bild ein. Auf der Beerdigung von Niculai Lăcătuş waren zweihundert Leute. Aus der Fabrik, aus der Siedlung, sogar aus dem Heimatdorf seiner Großeltern. Sie haben geweint und Musik gemacht. Wie oft musste sie die Fotos angucken. Schwarzweiß. Mama hat ihr wieder und wieder die Geschichte erzählt. »Dein Papa war ein so schöner, wunderbarer Mann. Hätte ich euch nicht gehabt, ich hätte mich mit ihm ins Grab gestürzt.«

Niemand da drüben wird sich für Papas Mörder ins Grab werfen. Die Leute weinen nicht. Sie gehen weg. Ein paar Blumensträuße bleiben zurück. Zwei Männer schaufeln Erde auf das frische Grab.

Klick. Ein Foto im Kopf. Für Mama.

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