30. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Der Raum für Besucher. Heute geht es ihr besser.
Noch ist sie am Leben. Adriana weiß, dass Liviu da ist. Um sie zu schützen. Er muss nicht selbst kommen. Die Frau mit dem Tablett bringt ihr sein Essen.
Meti ist da. Sie hat Papiere dabei.
»Das Fahrtenbuch?«
Sie schüttelt den Kopf. »Das ist in Sicherheit. Es liegt beim Anwalt im Safe. Tresor, verstehst du?«
»Vaters Fahrtenbuch. Eine alte Frau hat es gefunden. Zwanzig Jahre hat sie gewartet.«
»Hast du noch mehr davon?«
»Vom letzten Buch fünfzehn Seiten. Von Vater viele Fahrtenbücher zu Hause in Turnu Severin.«
»Er hat regelmäßig geschrieben?«
»Jedes Jahr. Für mich. Immer für mich.«
»Worüber hat er geschrieben?«
Niemand hat die Bücher angefasst, seit Vater gestorben ist. Das bringt Unglück. Bringt es Unglück? Kommt das Unglück, weil Adriana das letzte Buch gelesen hat? Oder war das Unglück zuerst da? Es war immer da. Immer bei ihnen. Adriana versucht sich an die Seiten zu erinnern, die sie in den letzten Tagen gelesen hat. »Er schreibt über sein Leben. Unser Leben.«
Meti schiebt ihr die Papiere über den Tisch. Keine Schrift. Fotos. »Erinnerst du dich an den Tag, als das Heim gebrannt hat?«
Natürlich erinnert Adriana sich. Sie nickt.
»War da auch so ein Polizeiauto wie an dem Morgen, als du mit Liviu zu dem Feld gefahren bist?« Endlich kapiert Meti. »Sieh dir das Foto genau an. Ist es dieser Wagen hier?«
Adriana muss nicht hinschauen. Sie erinnert sich genau, was sie gesehen hat, bevor sie in den Bus eingestiegen ist. Die Polizei will, dass die Ţigani verschwinden. Sie erschießen ihren Vater. Sie zünden das Heim an. »Verstehst du jetzt, Meti? Keine von uns sollen mehr kommen. Alle gehen fort. Wenn das Wasser bis zum Hals steht, geht man zurück zum Ufer, auch wenn da nur Hunger wartet.«
»Dieses Auto, Adriana? Bist du sicher?«
»Sicher.«
Meti ist aufgeregt. Sie weiß etwas. Sie sagt nichts, nimmt die Fotos weg. »Ich komme bald wieder, Adriana. Sehr bald.«
Ist gut, Meti. Adriana stellt keine Fragen. Das macht sie nie.