28. Juni 2012, Kreuzberg
Berlin, Deutschland

»Ich musste Volker anrufen, der musste beim zuständigen Staatsanwalt anrufen. Dann musste ein amtlich zertifizierter Übersetzer gefunden werden. Und das alles für eine halbe Seite aus dem Tagebuch ihres Vaters.« Mattie deutet auf das zerknitterte Blatt Papier, das zwischen den Aktenordnern auf dem Tisch in der Kanzlei liegt.

»Ich würde es gern lesen.« Nick nimmt das Papier noch mal in die Hand, betrachtet die Handschrift, als könnte er dadurch die Worte verstehen, die ihm nichts sagen. »Hat sie noch mehr davon?«

»Ich weiß nicht.« Die Wut, diese ohnmächtige Wut. Sie haben sie beide gespürt. Adriana, und Mattie auch. »Ich konnte sie ja nicht mehr fragen. Sie haben sie weggeschleppt wie ein Tier, Nick.«

»Ich möchte das Tagebuch für meine Story benutzen. Ihn selber erzählen lassen.« Nick legt das Blatt wieder hin. »Ich hab in Kiel ein bisschen recherchiert. Alle Welt hat irgendwas zu sagen. Total gruseliges Zeug über Musik und Tanz im Blut, fahrendes Volk und Zigeunerromantik. Moderne Anthropologie, begeistertes Erforschen einer geschlossenen Gesellschaft und so. Und dann der ganze NGO-Sermon über Empowerment und Integration durch Bildung. Diese Stereotypen werden wieder und wieder reproduziert. Von anderen. Manchmal sogar von den eigenen Leuten, die sich durch Bildung empowert haben und kapiert haben, wie der Hase läuft.«

Mattie kichert. »Liviu sagt, alle erwarten von ihnen, dass sie Musik machen.«

»Das meine ich.«

Es ist schön, mit Nick hier zu sitzen. Ein warmer Sommerabend, die Fenster sind auf. Alle anderen aus der Kanzlei sind lange weg. Quincy schläft in seinem Korb in einer Ecke und träumt vom Jagen. Seine Pfoten rasen durch die Luft.

»Hat Liviu sich bei dir gemeldet?«

Mattie wirft einen Blick auf ihr Handy. Hat er nicht. Sie sind aus Kollwitz direkt zum Parkplatz am Plänterwald gefahren. Keine VW-Busse, keine Menschen. »Wenn ich ihn anrufe, geht er nicht ran. Er ist sauer auf mich, weil ich nicht dafür gesorgt habe, dass sie dableiben können.« Sie legt das Handy weg. »Und er hat recht.«

»Sei nicht immer so streng mit dir.« Nick lächelt. Er kann das wirklich gut. »Wenn es eskaliert wäre, hättest du dir auch Vorwürfe gemacht.«

»So haben diese Typen gewonnen.« Mattie zieht einen Aktenordner zu sich heran. »Die Akten sind heute gekommen. Vielleicht bringt es ja was, wenn wir uns da mal durchwühlen.«

Sie arbeiten schweigend. Ab und zu macht Nick eine Bemerkung, oder Mattie liest einen Absatz vor.

Auf den Tag genau vor zwanzig Jahren wurden Marius Voinescu und Niculai Lăcătuş auf dem Feld bei Peltzow erschossen, weil man sie angeblich für Wildschweine hielt. Vier Jahre lang dauerte es, bis der Prozess begann. Vier Jahre, in denen sämtliche rumänischen Tatzeugen entweder untertauchen mussten oder abgeschoben wurden. Am Ende gab es nur drei Prozesstage, verteilt über fast ein Jahrzehnt. Gutachten. Gegengutachten. Die Täter schwiegen. Den deutschen Zeugen ging die Erinnerung verloren. Der Freispruch war nur die letzte Konsequenz. Zwei Schützen. Zwei Schüsse. Ein Geschoss. Zwei Tote.

Es ist ein Uhr morgens. Draußen ist es still, nur ab und zu eine Stimme. Ein Vogel. Ein Hund. Quincy wacht auf und knurrt leise.

Nick reibt sich die Augen. »Sieht wirklich so aus, als hätten die gute Anwälte gehabt.« Er blättert in den Akten, um den Namen der Kanzlei zu finden.

Mattie trinkt einen Schluck von ihrem gefühlt hundertsten Kaffee. Bah. Kalt. »Ich frage mich, wer einen Grund hätte, diesen Uwe Jahn da runterzustoßen und es Adriana in die Schuhe zu schieben.«

Nick sieht sie an. »Du glaubst echt, sie war es nicht? Ich meine ehrlich – nicht, weil wir das sagen müssen, weil du für ihren Anwalt arbeitest oder so. Weil es einfach besser wäre.«

Ja, es wäre gut. Mattie lenkt ihre Gedanken zurück in den tristen Besuchsraum. Adriana, mit der aufgestauten Wut eines Atomreaktors. »Sie hat mir Angst gemacht. Diese Kraft, diese zerstörerische Energie, sie versteckt sie nicht.« Das ist es. Sie nagt an ihrer Unterlippe. »Ich glaube nicht, dass sie es leugnen würde.«

Schweigen. Nick blättert weiter. »Hier.« Er tippt einen Namen in seinen Laptop. »Hey, die sitzen tatsächlich in Frankfurt am Main. Und wie es aussieht, ziemlich weit oben.«

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