28. Juni 1992, Szczecin
Den ganzen Nachmittag hatte er darauf gewartet, dass sein Bruder wieder auftauchen würde. Nicu fühlte sich im Stich gelassen, warum hatte Ion nicht aufgepasst? Er selbst war hinter einen Pfeiler geflüchtet, als die Miliz kam, und hatte sich so unauffällig wie möglich verhalten. War einfach in einer Gruppe von Polen mitgelaufen, die lachend aus dem Zug stiegen. Ion dagegen hatte rumgebrüllt und versucht, durch die Polizeikette zu brechen. Sie warfen ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an. Nicu hatte keine Ahnung, wie er allein nach Wüstenrot kommen sollte, wenn er überhaupt bis Deutschland kam. Und er musste dahin! Er wollte, dass alles wieder so war wie im letzten Jahr. Silvia würde endlich einsehen, dass es keinen anderen Weg gab.
Die Dämmerung schien schon Stunden zu dauern. Sie wanderten an einer schnurgeraden Landstraße entlang. Die Sonne stand ihnen zuletzt rechts im Rücken, also liefen sie wohl nach Süden. Die Gruppe hatte sich aufgefächert, manche gingen allein, andere zu zweit. Nur nicht auffallen. Dennoch spürte Nicu die Blicke der Polen, die am Straßenrand ihre Stände abbauten. Misstrauisch versuchte er, in ihren Gesichtern zu lesen. Wie viele solcher Gruppen hatten sie schon gesehen? Kamen sie jede Nacht? Jede zweite?
Es gab noch ein Problem. Auf dem Bahnhof hatte Ion ihm eröffnet, dass er sich als jemand anders ausgeben müsse, sobald sie die Grenze überschritten. Nicu war davon ausgegangen, er könnte da anfangen, wo er aufgehört hatte. Der Antrag auf Asyl interessierte ihn nicht, er wollte seine Arbeit in der Fensterfabrik und einen Schlafplatz. Doch ohne Asyl ging es nicht. Er brauchte einen neuen Namen, einen, den er sich im Schlaf merken konnte. Ihm wurde jetzt schon übel bei dem Gedanken an die endlosen Verhöre, die ihn erwarteten.
Vor ihm lief Marius Voinescu. Selbst von hinten wirkte er entspannt, und das half Nicu, seine Angst im Griff zu behalten. Marius machte einen leichten Ausfallschritt nach links, um einer toten Taube auszuweichen, die am Straßenrand lag. Nicu hörte das Auto, bevor er einen Gedanken fassen konnte. Intuitiv sprang er nach vorne und zog Marius zurück, als der Geländewagen auch schon laut hupend vorbeidonnerte. Er war dunkelgrün. Wieder spielte sein Magen verrückt. »Miliz!«, rief er.
Marius legte ihm schnell die Hand auf den Mund. »Sieh doch hin!«, rief er leise.
Jetzt erst achtete Nicu auf den weißen Schriftzug hinten auf dem Auto. NORDHAUS.
Marius’ harte Züge wurden freundlich. »Danke, Bruder«, sagte er schlicht.
Nicu lächelte. Die Buchstaben »H-A-U-S« hatten sich in sein Bewusstsein eingebrannt, obwohl der Wagen längst außer Sicht war. Es war ein Wort, das er auf Deutsch gelernt hatte. Er wollte es wegblinzeln, und gleichzeitig wollte er es behalten. Sein geheimer Plan. Eines Tages würde er keine Häuser mehr für Winfried oder dessen Nachbarn bauen. Er würde sein eigenes Haus bauen. Er würde mit Silvia in seinem eigenen Garten stehen und Würste grillen.
Nicu war es nicht so wichtig, ob seine Nachbarn Ţigani, Rumänen oder Deutsche waren. Seine Familie hatte keinen Einfluss unter den Clans in Braşov. Der Großvater war Landarbeiter gewesen, dann musste die Familie wie viele andere vom Land in die Stadt ziehen. Sein Vater hatte Steine geklopft und Straßen über das Gebirge gebaut, ein mieser Job. Nicu konnte noch immer den trockenen Husten hören, dessen Klang seine Kindheit durchzogen hatte, bis sein Vater starb, mit nicht mal fünfzig.
»Hilf dir selbst!«, hatte er zu Nicu gesagt. »Von unseren Leuten brauchst du keine Hilfe erwarten. Wir kennen keine der wichtigen Familien, für die sind wir Käfer. Wir haben kein Geld, um ihnen teure Geschenke zu machen. Geh und lerne was, in Rumänien braucht man sich nicht schämen, ein Arbeiter zu sein. Vor dem Gesetz sind wir alle gleich. Und danke Gott für deine helle Haut, mein Sohn.«
In der Schule mischte er sich unauffällig unter die Rumänen. Kassierte auf dem Weg nach Hause regelmäßig Prügel von den Kindern aus seiner Siedlung. Bis Ion eine eigene Bande gründete und drohte, jeden umzubringen, der seinen Bruder anfasste. Ion ging nicht mehr zur Schule und baute Scheiße. Er landete im Knast, kam zurück, heiratete und zog weg. Nicu ging mit seinen rumänischen Freunden zur Metallfabrik und bewarb sich um einen Job. Den Bossen schien es egal zu sein, woher er kam. Sein Vater hatte recht gehabt.
Eine Zeitlang lief alles gut. Er arbeitete an der Stanzmaschine, heiratete Silvia und zog in die Strada Bucureşti, in die Wohnung neben Bogdan. Zwei Männer, zwei Familien. Keine Unterschiede. Dann kam die Revolution. Bewaffnete Truppen marschierten unter ihren Fenstern vorbei und fielen in seine alte Siedlung ein. Hütten brannten nieder, Leute wurden verprügelt. Die Fabrik wurde geschlossen. Verkauft. Und wieder geschlossen. Wieder verkauft. Auch wenn Nicu selbst schon fast vergessen hatte, wo er herkam, jemand anders hatte es nicht vergessen. Sie holten ihn direkt von der Maschine und gaben ihm seine Entlassungspapiere. Die Fortbildungen, die Überstunden, die er geschoben hatte – am Ende galten sie nichts. Er war wie alle hier auf der staubigen Landstraße gelandet.
Marius drehte sich um und nickte ihm kurz zu. Nicu war nicht entgangen, dass die anderen Männer ihn mit Respekt behandelten. Wahrscheinlich stammte er aus einer wichtigen Familie. Viele hier kamen aus dem Süden. Nicu hatte sich instinktiv an Marius gewandt, als er sich plötzlich allein auf dem Bahnhof wiederfand. Aber konnte er ihm trauen? Würde er als Gegenleistung für seine Freundlichkeit später teure Geschenke erwarten? Er beschloss, vorsichtig zu sein.
Das Gelände rechts von der Straße öffnete sich. Der Wald war durchbrochen von Sandpisten, die sich durch die Hügel zogen. Die Gruppe bog, den beiden Polen folgend, auf einen Waldweg ein, der durch einen Schlagbaum für Fahrzeuge gesperrt war. Nicu atmete schneller. »Ist das schon die Grenze?«, flüsterte er in den Rücken von Marius.
»Nein«, lautete die Antwort. Der Rest ging in ohrenbetäubendem Lärm unter. Ein Scheinwerfer schnitt durch die Dämmerung. Die Leute vor Nicu sprangen wie aufgeschrecktes Wild in die Böschung am Wegrand. Jetzt konnte er sehen, was da auf ihn zukam. Motorräder, eins, zwei, drei – mindestens fünf waren es! Die Fahrer trugen dunkle Kleidung und Helme. Schlamm spritzte unter den Rädern hervor. Nicu stand wie angewurzelt auf dem Weg. Er fühlte einen Schlag, dann nichts mehr.
Als er wieder denken konnte, lag er im Gestrüpp. Neben sich hörte er den Atem eines Mannes. »Wach auf, Mann!«, drang es heiser an sein Ohr. Marius hockte neben ihm. »Nicu, komm zu dir, es ist gut.«
»Was war das?«, keuchte Nicu in Richtung der Stimme. Kurze Stille, dann ein Glucksen. Lachte Marius etwa?
»Junge, wo lebst du denn? Hast du noch nie eine Motocross-Bahn gesehen?« Nicu befreite sich von den dornigen Ranken. Marius reichte ihm die Hand. »Hier fallen wir am wenigsten auf«, sagte er und half ihm zurück auf den Weg. Dann ging er weiter. Nicu folgte ihm, dankbar, dass er mit seiner Blamage alleine bleiben konnte. Eine Weile liefen sie schweigend den dunklen Pfad entlang. Dann war der Wald zu Ende. Vor ihnen führte ein Schienenstrang quer durch die Landschaft. Der helle Schotter leuchtete schwach im letzten Abendlicht. Hinter den Schienen ging es einen Steilhang hoch. Die Mitglieder der Gruppe rückten auf und standen dicht beieinander, wie eine Herde Schafe. Nicu konnte im etwas helleren Licht jetzt auch die beiden Polen ausmachen. Der Sohn zeigte auf das hohe Gras jenseits der Schienen. Dazwischen standen zwei Pfosten aus Holz. Nicu starrte ins Gegenlicht, bis seine Augen sich daran gewöhnt hatten. Der eine Pfosten war abwechselnd rot und weiß gestrichen, der andere rot, gelb und – schwarz! Sie hatten die Grenze erreicht.
»Hier warten wir!«, ging die Nachricht flüsternd durch die Gruppe. Die Leute entspannten sich. Nicu sah Marius etwas abseits auf einem Baumstumpf sitzen. Er hatte ein Notizbuch auf den Knien, hielt es geschickt so, dass das letzte Licht darauf fiel, und schien zu zeichnen oder zu schreiben. Als hätte er Nicus Blick gespürt, sah er hoch, lächelte und winkte ihn zu sich.