29. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

»Du kannst mich hier rauslassen.«

Liviu bremst an der großen Kreuzung.

Nadina öffnet die Beifahrertür. »Danke, dass du mich rumgefahren hast.«

»Keine Ursache, Schwester.« Er hupt und fährt los. Sie sieht dem VW-Bus nach und steckt sich ’ne Kippe an. Liviu ist cool, der lässt sich von niemandem rumkommandieren. Und trotzdem ist er irgendwie … Wie soll man das sagen? Extrem entspannt. Ihre Brüder, die ganze Familie, alle sind ständig unter Hochdruck, wie diese Kochtöpfe. Kurz vor der Explosion. Einer hat garantiert immer ein Drama zu laufen. Und alle anderen werden mit reingezogen in diesen Strudel. Wie in Fluch der Karibik 3.

Aber zurück zu Liviu. Die Pastorin lässt ihn nicht beim Pfarrhaus stehen. Auf dem Platz am Meer waren die Faschisten. Was würde Jack Sparrow machen? Genau. Das macht Liviu. Er stellt seine beiden Busse auf den Parkplatz vor dem Gefängnis. Zum Arbeiten gehen seine Leute nach Kollwitz oder an den Strand. Ihren Müll schmeißen sie auch woandershin. Die Polizisten glauben, dass Liviu Adrianas Cousin ist. Die wollen keinen Ärger, die Schisser. Lassen sie sogar aufs Klo gehen im Knast. Und bewachen sie schön, wenn es dunkel ist. Nadina hat bei Liviu übernachtet. Sie haben was gekocht, Livius Frau hat eine Schüssel ans Gefängnistor gebracht. Adriana wird kapieren, dass ihre Leute in der Nähe sind.

Nadina wäre lieber dageblieben. Sie ist gern in Livius Nähe. Nicht nur, weil er so entspannt ist. Er war der Letzte, der Papa lebend gesehen hat. Na ja, so halb jedenfalls. Besser als gar nicht. So wie sie. Sie tritt die Kippe aus und macht sich auf den Weg in Richtung Pfarrhaus. Arbeiten für die Frau Pastorin. Irgendwelche Texte übersetzen für eine Ausstellung. Ein echter Fortschritt, wenn man bedenkt, dass sie vor einer Woche noch die Kotze im Fußballstadion weggemacht hat. Keine Ahnung, was sie hier noch alles erwartet. Aber was sie zu Hause erwartet, ist klar. Nein, danke.

Ein paar junge Typen in Trikots der deutschen Nationalmannschaft. Schlechte Vibes. Nadina geht vorbei, ohne hinzusehen. Liviu hat gestern Abend im Auto Radio gehört. Deutschland ist raus.

Die Tür zum Pfarrhaus ist nicht abgeschlossen. Kann man einfach so reingehen. Das Büro, gleich rechts. Die Pastorin sitzt mit einer Brille auf der Nase vor dem Computer.

»Hi. Da bin ich.« Sie bleibt erst mal stehen.

Ein vorwurfsvoller Blick über den Rand der Brille. »Wo warst du?«

»Bei Freunden.« Ey, Frau, ich bin erwachsen, verstehst du? Volljährig.

»Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Beim nächsten Mal sag bitte Bescheid, wenn du nachts wegbleibst. Das ist hier so üblich.«

Dieser Akzent. Echt krass. Besser, sie verhält sich wie auf dem Internat. Stehen bleiben. Auf Durchzug schalten.

»Du kannst dich da rüber an den Schreibtisch setzen. Meine Mitarbeiterin hat Urlaub. Ich schicke dir die Dokumente, für die ich deine Hilfe brauche.«

Nadina setzt sich. Der Stuhl gibt dem Druck ihres Rückens nach.

»Du kannst ihn feststellen. Der Hebel ist rechts unten.«

Okay. Sie streicht über den Flachbildschirm. Er ist neu und sauber. Sie drückt den Knopf am Rechner. Der Computer erwacht sofort zum Leben. Die Tastatur sieht anders aus als zu Hause im Internetcafé. Auf dem Desktop erscheint ein PDF. Es enthält Scans von irgendwelchen Zetteln.

Die Pastorin hat sich wieder beruhigt. »Es sind Transkripte von Liedern, die wir damals für unsere Musikabende angefertigt haben.«

Nadina scrollt über die Papiere. Was soll das denn? »Ich spreche kein Romanes, Frau Pastorin.«

Wieder ein Blick über die Brille. »Du kannst mich Gesine nennen. Warum nicht? Lernt man das nicht bei euch?«

Was denkt die? In der Schule gibt’s für Romanes aufs Maul. »Mama spricht Rumänisch mit uns. Sie sagt, Papa wollte das so. Meine Brüder haben Romanes auf der Straße gelernt, als sie schon erwachsen waren. Ich nicht.«

So ein Mist. Jetzt hängt sie hier rum und wieder nichts mit Arbeit.

Gesine findet das lustig. »Nun guck nicht so, Nadina. Wir lassen die Texte weg. Es gibt Videos von den Vorführungen, das muss reichen. Du kannst mir trotzdem helfen. Komm mal her. Bring deinen Stuhl mit.«

Sie rollt hinüber. Auf dem Bildschirm der Pastorin sind Streifen mit Fotos zu sehen.

»Die nennt man Kontaktabzüge. Siehst du hier? Dieses Foto wurde später in einem Magazin veröffentlicht. Die anderen kennt nur der Fotograf. Er war hier in Kollwitz, um Interviews zu machen an dem Tag, als das Heim brannte. Wir können uns aussuchen, welche Fotos wir für die Ausstellung benutzen möchten.«

Liviu hat Nadina erzählt, dass damals alle hier in dem Heim gewohnt haben. Man gab ihnen Betten und zu essen, und sie warteten auf Papiere, um in Deutschland ein neues Leben anzufangen. Später hat man sie dann wieder rausgeschmissen. Ganz toll.

»Wer ist das?« Nadina zeigt auf das Foto, das der Fotograf mit einem Kreuz markiert hat. Das Mädchen vor der Bustür sieht aus, als würde sie den Fotografen am liebsten an die Gurgel gehen.

»Adriana. Am Tag ihrer Abreise. Man hat sie weggebracht. An einen sicheren Ort.«

Das ist also Adriana. Krasses Foto. Hinter ihr schlagen Flammen aus einem Fenster im Haus. »Wer hat das Feuer gelegt?«

Gesine nimmt die Brille ab. »Man weiß es nicht genau. Die Leute waren sehr aufgebracht. Es war eine Zeit der Unsicherheit. Und es kamen immer mehr Roma.«

»Was haben sie getan?«

»Sie haben hier draußen geschlafen. Es gab nicht genug Toiletten. Im Kaufmarkt passierten ein paar Diebstähle. Die Menschen hatten Angst vor den Fremden.«

Nadina deutet auf das Foto. »Adriana hat aber auch Angst. Und sie ist sauer.«

Just gonna stand there, watch me burn.

»Darf ich mal?«

Gesine rollt zur Seite. Nadina setzt sich vor die Tastatur. Mit dem Cursor geht sie die Fotos durch. Der Fotograf schießt in die andere Richtung. Männer mit Sonnenbrillen und Kappen oder mit Tüchern vor den Gesichtern. Einige halten brennende Flaschen in der Hand. Andere grölen mit ausgestrecktem Arm in die Kamera.

»Das musst du nehmen.« Sie haben im Internat öfter Fotostorys gemacht. Im Kunstunterricht. Raluca fand das cool. Nadina nicht so. Lieber zeichnen. »Siehst du? Adriana sieht diese Leute, als sie in den Bus einsteigt.«

Gesine macht ein unglückliches Gesicht. »Das ist kein schönes Foto.« Nee, schön ist das nicht. Nadina sieht sie an. Seufzend schreibt sie die Nummer auf.

»Hinter den Leuten da. Ist das ein Polizeiwagen?«

Die holt doch tatsächlich aus einer Schublade eine Lupe und hält sie vor den Computerbildschirm.

»Wir können das auch auf dem Bildschirm vergrößern.« Nadina drückt die Tasten und das Foto wird groß.

Gesine guckt und guckt.

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