11. Juni 2012, Hansestadt
Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Gesine Matthiesen tritt auf den leeren Schulhof. Eine kräftige Bö fährt ihr ins Haar und bläst ihr ein paar Strähnen ins Gesicht. Von Jahr zu Jahr schimmern sie silberner. Ungeduldig wischt sie die Haare und den Gedanken beiseite. Eitelkeit ist überflüssig, der Lauf der Zeit lässt sich nicht aufhalten. Dunkle Wolken haben sich vor die Sonne geschoben, von der Seeseite her grollt es dumpf. Der rote Tartan des Basketballfeldes leuchtet im Gewitterlicht.
»Tschüs, Frau Matthiesen!«
Sie sieht noch einmal zurück. Kristin und Beata winken ihr zu. Die Mädchen gehören zu der Projektgruppe, die sie an der Hannah-Arendt-Europaschule leitet. Seit Jahren macht sie mit Freiwilligen aus der Zehnten jeden Sommer nach den Ferien die Ausstellung Minderheiten in der Region Kollwitz. Besonderer Anreiz ist natürlich die anschließende Exkursion in ein anderes EU-Land, finanziert mit Projektmitteln aus Brüssel. Dieses Jahr hat sie gemeinsam mit dem Lehrerkollegium entschieden, die Ausstellung über Sinti und Roma zu machen. Im Herbst geht es für eine Woche nach Bukarest. »Denkt ihr bitte an den Grundriss der Aula zum nächsten Mittwoch?«, ruft sie den Mädchen zu.
»Ależ tak!!«
Gesine lächelt. Die Schüler lernen hier zweisprachig, Deutsch und Polnisch. Mitte der Neunziger stand die Oberschule in Kollwitz-Fichtenberg vor der Schließung, weil es zu wenig Schüler gab. Gesine war Vorsitzende des Elternbeirats, Felicitas ging damals in die achte Klasse. Die Lösung lag auf der Hand, auch wenn sie sich damit hier keine Freunde machte. Nur mit Pendlern aus dem nahe gelegenen Szczecin konnte man die Mindestzahlen aufbringen. Von Haus zu Haus hat sie Überzeugungsarbeit geleistet. Am Ende mussten selbst ihre schärfsten Gegner einsehen, dass sie recht hatte.
Es fängt an zu regnen. Gesine zieht die Kapuze ihrer roten Outdoorjacke über den Kopf. Heute gehört Polen zur EU, die Grenze ist offen. Die Szczeciner kaufen auf der deutschen Seite Wohnungen, weil es billiger ist. Man muss das pragmatisch betrachten. Letztlich kommt es den Kollwitzer Steuereinnahmen zugute. Sie läuft weiter im Schutz des neu gebauten Deichs, an den Ostseeterrassen vorbei. Wie ausgestorben der Kinderspielplatz. Nur ein paar Graugänse lagern vor dem kürzlich angelegten Biotop. Zu viele sind es geworden in den letzten Jahren. Umweltschutz sollte in vernünftigen Maßen passieren. Sie sind naiv gewesen, damals nach der Wende. Sind den Grünen ja quasi blindlings hinterhergelaufen. Eigentlich schade, dass das Neue Forum wie so vieles nicht überlebt hat.
Als sie am überdachten Kiosk vorbeihastet, sieht sie die üblichen Verdächtigen vor Bier und Korn hocken. »Schönen Tag auch, Frau Pastorin«, ruft einer.
Gesine hebt grüßend die Hand, zögert einen Moment. Nein, sie werden nicht erwarten, dass sie bei diesem Wetter stehen bleibt und Klönschnack hält. Ist das nicht Uwe Jahn da in der Ecke? Dem bekommt das Rentnerdasein nicht, der Mann ist einsam. Immer öfter sieht sie ihn in letzter Zeit da herumsitzen. Er scheint keine engen Freunde zu haben, seine Frau ist vor zwei Jahren an Magenkrebs gestorben, die Kinder oder Enkelkinder hat sie nie getroffen.
Jetzt ist sie doch stehen geblieben. Ein Pott Kaffee kann nicht schaden angesichts der Bürokratie, die sie im Pfarrhaus erwartet. Das heiße Porzellan wärmt ihre klammen Finger. »Guten Tag, Herr Jahn, darf ich mich setzen?«
Er sieht sie erstaunt an, nickt. »Gibt’s wieder ein Problem mit dem Boiler?« Als er noch Hausmeister in den Ostseeterrassen war, hat er sich nie geziert, auch in der Kirche oder im Pfarrhaus mal Hand anzulegen. Jetzt ruft sie wohl oder übel einen Handwerker an, schließlich kann sie den Mann ja nicht schwarz beschäftigen.
»Alles in Ordnung. Und selbst?« Sie weiß aus Erfahrung, dass es keinen Sinn hat, überflüssige Worte zu verschwenden. Ihre Gemeinde liegt schließlich in Vorpommern.
»Bestens.« Sein unsteter Blick verrät das Gegenteil.
»Sagen Sie, Herr Jahn, Ihre Frau erwähnte mal, dass Sie einen Sohn haben, der bei der Bundeswehr dient. Man hört ja so einiges über den Einsatz in Afghanistan.«
Er schweigt. Nimmt einen Schluck Bier. »Mein Sohn ist bei den Pionieren. In Süddeutschland.«
Gesine ist erfreut über den Ansatzpunkt. »Ach, wo denn genau? Wissen Sie, meine Tochter lebt in Freiburg, und da bin ich in den letzten Jahren öfter –«
»Hab ich vergessen.« Er nimmt noch einen Schluck Bier.
Gesine beobachtet ihn. Er sucht nach einem Ausweg, will nicht unhöflich sein. Immerhin hat sie seine Frau in den letzten Monaten ihres Lebens fast täglich besucht. Gesine weiß einiges über Agnes Jahn, die ihr Leben als Verschwendung angesehen hat. Wenigstens hat sie in Frieden sterben können, im Vertrauen zu Gott.
»Denen ist es doch egal, wer ihre Eltern sind. Seitdem, also seit damals –«
Die anderen sehen herüber. Seine Stimme ist lauter geworden als beabsichtigt. Er will alles, nur nicht auffallen, der Jahn. »Entschuldigen Sie, ich habe noch Wild abzukochen.« Er steht auf. Draußen gießt es. Nicht einmal das kann ihn abhalten von seiner überstürzten Flucht.
Mit drei Schritten ist Gesine wieder an seiner Seite. »Dann haben wir ja denselben Weg!«, ruft sie gegen den Sturm an.
Schweigend stapfen sie durch die plötzliche Dämmerung. Ein Blitz erhellt die Szenerie. Links die schimmernden Ostseeterrassen, rechts wie ein beabsichtigter Störfaktor in der Siedlung die Backsteinkirche und das Pfarrhaus, mehr ist nicht übrig vom Zentrum des einstigen Fischerdorfs.
»Wollen Sie Ihren Sohn nicht mal anrufen? Ich könnte mir vorstellen, dass …«
Heftiges Kopfschütteln. Der Mann läuft so schnell, dass sie kaum Schritt halten kann. Die Kinder haben den Kontakt abgebrochen, als der sogenannte Wildschwein-Prozess durch die Presse ging. Die sterbende Agnes Jahn konnte Gesine nicht erklären, warum der Sohn und die Tochter so heftig reagierten. In dieser Familie war sicherlich schon vorher etwas aus dem Lot geraten.
Gesine seufzt. Wen hat die Wende damals nicht erschüttert? Sie kennt Uwe Jahn seit der Umbauphase in den Ostseeterrassen. Da war der Prozess schon in vollem Gange. Die ersten Meldungen hat sie aus einem anderen Grund verfolgt. Eines der Opfer, Marius Voinescu, lebte hier im Heim. Seine Mutter starb unter tragischen Umständen, dann passierten die Grabschändungen und zu guter Letzt dieser furchtbare Jagdunfall.
»Ich muss dann mal.« Bei seinem Tempo haben sie schon die Garagen erreicht.
Gesine reicht ihm die Hand. »Herr Jahn, ich bin für Sie da. Wenn Sie Trost suchen oder Hilfe …«
»Wat mutt, dat mutt.« Er drückt kurz ihre Hand. »Auf Wiedersehen, Frau Pastorin.«
Was für ein deprimierender Satz, bei aller Liebe zur plattdeutschen Sprache! Sie blickt ihm nach. Es ist doch schicksalhaft: Erst hat das Opfer hier gelebt und nun der Täter.
Uwe Jahn schließt seine Garage auf. Gesine sieht das Licht der Neonröhre aufflackern. Der Mann tut ihr leid, er hat eine Menge durchgemacht. Doch dass er weiter zur Jagd geht, findet sie widerwärtig, geschmacklos. Keine drei Tage nach dem Freispruch stand er im Ordnungsamt auf der Matte und hat seinen Jagdschein beantragt, das weiß sie aus erster Hand. Bis heute übt er sein blutiges Handwerk aus, gleich hier, in einer modernen Wohnanlage wie den Ostseeterrassen. Sie nimmt sich vor, dieser Tage mit Wedemeier darüber zu sprechen, wenn der nicht gerade damit beschäftigt ist, Bürgermeister zu werden.
Gesine schließt die Haustür des Pfarrhauses auf, betritt den Flur und zieht die nasse Jacke aus. Sie streift die Schuhe ab, schlüpft in die Filzpantoffeln und drückt die Wiedergabetaste des Anrufbeantworters. Felicitas mit ihrem wöchentlichen Pflichtanruf, sie meldet sich immer dann, wenn sie sicher sein kann, dass Gesine in der Schule ist. Dem Kleinen geht es gut, und selbst kann man auch nicht klagen.
Gesine gähnt. Dann geht sie in die Küche und schaltet den Wasserkocher ein. Was unterscheidet sie denn schon von Uwe Jahn? Ihre Tochter wird ihr immer fremder, seit sie mit einem Mann verheiratet ist, der sich ausschließlich für Solarenergie interessiert. Felicitas geht es gut, sie hat alles, was sie braucht. Wenn sie ehrlich ist, findet Gesine ihre Tochter und deren Leben langweilig. Ohne jede Herausforderung. Ohne ein Ziel jenseits der eigenen Bedürfnisse.
Sie öffnet den Küchenschrank und nimmt die Dose Darjeeling First Flush heraus, die sie im letzten Jahr von einer Himalaya-Tour mit dem deutschen Alpenverein mitgebracht hat. Der schlichte Glaube der buddhistischen Mönche in den Klöstern dort hat sie tief beeindruckt. Vielleicht zum ersten Mal verspürte sie den Wunsch, alles hinter sich zu lassen: ihre Gemeinde, die Aufgaben als Seelsorgerin, ihre irdischen Besitztümer. Ist es das Alter? Hat das Abschiednehmen schon begonnen? Das Wasser kocht. Der Tee wird ihr helfen, die düsteren Gedanken und das düstere Wetter zu vertreiben.
In vier Jahren soll sie ebenfalls in Rente gehen. Die Einsamkeit wird ihr sicher mehr zusetzen als heute, so mitten im Leben. Doch allein ist sie nie. Gott wird immer ihr Begleiter sein. Ein Privileg, das sie nur zu gern mit ihren Mitmenschen teilen würde. Aber nicht jeder ist bereit, Gott in sein Herz zu lassen. Arno war es nicht.
Mit dem dampfenden Becher in der Hand geht sie durch die Diele hinüber ins Büro. Im Vorübergehen streift sie mit der Linken das glatte Holz der Stele. »Ein Totempfahl«, hat Arno gesagt, als er ihr stolz die schlanke Säule mit den geschnitzten Gesichtern zeigte. Arno war fasziniert von den Roma im Heim, er bewunderte ihre Haltung und ihre Schönheit weitgehend kritiklos. Als sie gehen mussten, verschwand er nach Südfrankreich. Verzweifelt an den Realitäten der Nachwendezeit. Ein Künstler, der nur seinen eigenen Träumen und Visionen folgte. Dafür hat er ohne Zögern ihr gemeinsames Leben geopfert. Natürlich wäre sie ihm nie gefolgt und hätte dafür ihr Pastorat aufgegeben. Das Problem ist nur: Er hat sie nicht einmal gefragt. Eines Morgens war er einfach nicht mehr da. Bald zwanzig Jahre ist das her. Herrje, wie die Zeit vergeht.