12. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Der Bus hält an der großen Kreuzung. Wieder kommt ihre Erinnerung nicht langsam, sondern wie ein Schlag. Ein paar Leute steigen aus, Adriana folgt ihnen. Sie ist müde, sehr müde.

Nachdem sie gestern bei der alten Frau war, ist sie nach Peltzow gelaufen. Im Ort gibt es eine Bushaltestelle. Dort hat sie gewartet. Gegenüber saßen Männer in einer Art Garage und tranken Bier. Sie haben sie angestarrt und Bemerkungen gemacht, die sie nicht verstand. Es kam kein Bus, also ist sie losgegangen, dem Schild nach, auf dem Kollwitz stand.

Stunde um Stunde an der Landstraße entlang, ihre Stiefel auf dem heißen Asphalt. Sie fand ein Feld mit Sonnenblumen. Die Kerne sind gut, sie geben Kraft. Gegen Abend fing es an zu regnen. Blitz und Donner. Sie versteckte sich in einem Holzhaus, wo man auf den Bus wartet. Dort hat sie die Nacht verbracht.

Adriana erinnert sich. Wenn sie jetzt über die Ampel geht, den anderen Leuten nach, geradeaus über die Eisenbahnbrücke und dann rechts, steht sie vor dem Heim. Die Stiefel gehen, ihre Augen sehen, trotzdem ist ihr so, als ob sie träumt. Der kleine Kiosk, wo Vater immer sein Bier getrunken hat. Früher war es bloß ein Wohnwagen, jetzt ist es ein gläsernes Haus mit einem Garten, wo Familien sitzen und essen. Dahinter der Kaufmarkt. Alles neu. Eine Supermarktkette, die es auch in Turnu Severin gibt. Zu teuer für Adriana und ihre Familie. Weiter. Was ist das denn? Schon sind die Stiefel in das neue Einkaufszentrum getreten.

Schimmernde Fliesen. Ein Springbrunnen. Hier ist es schön kühl. Adriana setzt sich vorsichtig auf den Rand des Springbrunnens. Sie schöpft mit der Hand ein bisschen Wasser heraus und trinkt. Dann sieht sie die Uniform. Der Mann ist schon auf dem Weg vom Eingang des Mediamarkt zu ihr herüber. Adriana steht auf. Der Mann geht schneller. Adriana auch.

»Hallo! Junge Frau!«

Sie dreht sich nicht um. Wo ist der Ausgang? Dahinten.

Sie hört seine Schritte hinter sich. Endlich. Die Tür.

Die Stiefel halten erst an, als sie eine Straßenecke weiter ist. Adriana dreht sich um und holt Luft. Es ist niemand da. Sie ist allein. Vor ihr liegt ein großer Parkplatz. Auf einmal erkennt sie das Heim. Es sieht genauso aus wie auf dem Prospekt, den ihr die alte Frau gegeben hat. Sie geht am Rand des Parkplatzes entlang, hält sich nah bei den Büschen. Man muss aufpassen. Sie ist zu müde, deswegen hat sie den Mann zu spät bemerkt.

Die Gitter vor den Fenstern sind weg. Ein Durchgang in den Hof. Alles ist grün, wie ein Park. Ein kleiner Teich mit einer Brücke. Ein Kinderspielplatz. Der vordere Block, in dem sie damals gewohnt haben, fehlt. Der, in dem das Feuer angefangen hat.

Sie dreht sich um. Der hintere Teil steht noch, die beiden Seitenflügel werden zum Meer hin immer niedriger, so dass es auf jeder Etage Terrassen gibt.

Adrianas Stiefel wollen mitten durch den schönen Park laufen, auf die Brücke, über das grüne Gras. Doch ihre Vorsicht ist stärker. Sie hält sich im Schatten der Hauseingänge außer Sichtweite der Balkone. Am Rand gibt es mehrere Reihen mit Garagen, an die sie sich erinnert. Der Weg führt direkt zum Strand. Verwundert steht sie vor dem meterhohen Wall aus Sand, auf dem grüne Pflanzen wachsen. Eine Holztreppe führt hinauf.

Das Meer! Der Wind zerrt an ihren Haaren. Stundenlang hat sie hier mit den Brüdern Steine ins Wasser geworfen. Manchmal hat das Meer Sachen angespült. Heute gibt es keine Steine mehr. Der Sand ist weißer. Überall stehen Kästen aus Korb, in denen Leute in Badehosen liegen. Weiter links, wo das Zentrum von Kollwitz liegt, kann sie eine Brücke erkennen, die weit ins Meer hinausragt.

Sie will nicht zwischen die Badenden gehen mit ihrem langen Rock und den Stiefeln. Doch sie kann ihren Blick auch nicht vom Meer losreißen. Also folgt sie dem Weg auf dem Deich, bis sie zu einer weißen Bank kommt. Sitzen. Adriana stellt ihre Stofftasche auf den Boden und holt das zusammengeschnürte Fahrtenbuch heraus. Sie hat noch nicht darin gelesen, sie schiebt es hinaus. Ihr kostbarster Besitz. Sie will es Stück für Stück genießen. Langsam und mit Vorsicht löst sie die Schnur und ordnet die Seiten. Bei jedem Eintrag hat Vater ein Datum in die erste Zeile einer neuen Seite geschrieben. Eine Seite wird sie lesen. Mehr nicht.

»30/04/1992. Geliebte Tochter. Heute hast du dein erstes Brot gebacken. Es war ein bisschen zu salzig, aber ich habe mir nichts anmerken lassen. Du wirst einmal eine gute Frau und eine wunderbare Köchin werden, das sagt mir mein Gefühl. Es ist ein warmer Sommerabend, und ich sitze draußen und trinke mein Bier im Hof. Ein paar von uns haben ihre Instrumente ausgepackt und spielen alte Lieder aus der Heimat. Mein Herz könnte leicht sein, und dennoch ist es schwer vor Sorge. Wann hat deine Mutter das letzte Mal hier neben mir gesessen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube, sie wird langsam krank vor Traurigkeit. Sie ist nicht die Einzige hier, es hat einige erwischt, vor allem Frauen, aber auch ein paar Männer. Manche trinken zu viel Alkohol.

Letzte Woche hat es wieder Ärger gegeben im Kaufmarkt. Deutsche Jugendliche haben ein paar Frauen von uns angegriffen. Sie sollten ihre Röcke hochheben, um zu beweisen, dass sie nichts gestohlen haben. Liviu und Dan sind zufällig vorbeigekommen. Es gab eine Schlägerei. Die Polizei griff ein. Ich kam dazu und habe versucht zu vermitteln, aber was kann ich tun, wenn ich ihre Sprache nicht spreche? Wie ein Kind musste ich zu Arno laufen und um Hilfe bitten. Er konnte wenigstens verhindern, dass die beiden im Gefängnis landeten.«

Plong. Adriana schreckt hoch. Ein älteres Paar mit Hund ist an ihr vorbeigegangen. Haben sie – Adriana nimmt ihre Tasche hoch, wühlt darin herum. Tatsächlich! Es liegt ein Fünfzigcentstück darin. Die Frau dreht sich um und lächelt sie an. Adriana starrt ihr nach. Sie stammt doch nicht aus einer Familie von Bettlern! Noch nie hat sie um Geld gebettelt, selbst wenn sie nichts mehr zu essen hatten. Vater hätte es nicht gutgeheißen. Vater.

»Übrigens hatten die Frauen nichts gestohlen. Die Polizisten haben über Funk eine weibliche Polizistin gerufen, die musste sie durchsuchen, eine nach der anderen, im Polizeiwagen. Natürlich gibt es Ţigani, die stehlen. Genauso gibt es Polen, Rumänen, Deutsche, die stehlen. Sind sie deswegen alle Verbrecher?

Die Alten haben aufgehört zu spielen. Mein Bier ist alle. Es ist still, ganz still. Ich werde jetzt auch zu Bett gehen. Aber ich habe ein ungutes Gefühl. Es liegt etwas in der Luft.«

Nun hat sie doch mehr als eine Seite gelesen. Fast glaubte sie, seine Stimme zu hören. Es tut gut. Sie fühlt sich weniger allein.

»Ordnungsamt. Guten Tag. Dürfte ich Sie bitten, hier aufzustehen?« Ein hochgewachsener Mann in Uniform. Sie hat wieder nicht aufgepasst.

»Polizei?«, fragt sie vorsichtig. Das Gesicht kommt ihr bekannt vor. Die Augen.

»Nein, aber ich kann gern die Polizei rufen, wenn Sie hier nicht verschwinden.«

Nils! Sie hebt die Hand, um nur seine Augen zu sehen. Er ist es. Die alte Wut kriecht in ihr hoch. »Warum darf ich hier nicht sitzen? Ist verboten?«

Nils erkennt sie nicht. Er sieht ihr sowieso nicht in die Augen, sondern fixiert einen Punkt über ihrem Kopf. »Sie haben hier gebettelt. Ich habe das beobachtet. Von dort aus.« Er zeigt in Richtung Kollwitz. »Sie können es gerne woanders versuchen. In Kollwitz ist es nicht erlaubt, die Badegäste anzubetteln oder Scheiben zu putzen. Ich befolge nur meine Anordnungen. Bitte gehen Sie jetzt.«

Adriana weiß, dass es keinen Zweck hat, mit ihm zu streiten. Sie legt die Papiere vorsichtig zurück in ihre Tasche und steht langsam auf. Wie gerne würde sie ihm noch mal ihr Messer zeigen. Doch sie darf nicht auffallen. Noch nicht.

Er wippt in seinen Schuhen auf und ab, sieht ihr nach, wie sie den Weg entlang und die Holztreppe hinuntergeht. Sie fühlt seinen Blick im Rücken.

Lange.

Sehr lange.

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