1. Juli 2012, B 109
südlich von Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Nick ist wieder dabei.
Nach der Rückfahrt aus Frankfurt hat er sie am Bus abgesetzt und ist sofort weitergefahren. »Ich muss nachdenken«, lautete die Erklärung.
Wenn sie ehrlich ist, war sie enttäuscht. Die Nähe zwischen ihnen ist nicht echt. Nichts, worauf sie sich einlassen kann. Nick ist so wenig greifbar wie eine Windbö. Warum fällst du immer wieder darauf rein, Mattie? In dieser Nacht auf dem Parkplatz war sie froh, dass Quincy bei ihr war.
Allein in Kollwitz, die einzelnen Teile fügten sich nicht zu einem Bild. Sie flogen förmlich aufeinander zu. Der Jeep von Nordhaus Immobilien. Uwe Jahn. Jochen Wedemeier. Bei ihm laufen alle Spuren zusammen. Mattie hat ihn kurz auf der Beerdigung gesehen. Jedenfalls ist sie überzeugt, dass er es war. Ein Mann, der glaubt, immer auf der Gewinnerseite zu stehen. Es braucht eine Menge Druck, um so einen kleinzukriegen.
Nick trommelt auf dem Armaturenbrett.
Der Besuch bei Adriana. Begegnung mit Liviu auf dem Parkplatz. Immerhin sprechen sie wieder miteinander.
Zurück nach Berlin. Krisensitzung mit Bettina und Volker.
Und mit Nick. Plötzlich stand er in der Tür der Kanzlei.
In dieser Nacht musste Quincy auf dem Boden schlafen.
Könntest du die Zeit zurückdrehen, Mattie – würdest du anders entscheiden? Würdest du nicht.
»Kannst du nicht mal damit aufhören? Du machst mich ganz nervös!«
Er hört auf. »Und wenn dein Plan nicht funktioniert, Mattie?«
Sie fühlt, wie die Wut auf Nick sich ihren Weg bahnt. »Warum bist du zurückgekommen? Weil du mir helfen willst oder weil du zugucken willst, wie alles schiefläuft?«
»Ich wollte – ich will bei dir sein. Mehr nicht.«
»Und was sagt Jasmin dazu?«
»Ist das jetzt wichtig?« Er sieht sie mit diesem Nick-Blick an. Verdammt. Pass auf, Mattie.
»Ich dachte, du willst eine letzte Story schreiben, bevor ihr nach Mexiko entschwindet.«
»Ja, das auch.« Er fängt wieder an zu trommeln.
Mattie biegt von der Bundesstraße ab und versucht sich auf die enge Landstraße zu konzentrieren. Die Landschaft ist hügelig, Morgenlicht fällt schräg auf die Felder. In den Senken liegt weißer Nebel. Sie fahren durch ein verlassenes Dorf, folgen dem Wegweiser zum Gutshaus Tannenhöhe.
Das Gut liegt auf einem Hügel. Es hat zwei Türmchen und einen frischen dunkelroten Anstrich. Im ersten Moment erinnert es Mattie an die Roma-Paläste in Turnu Severin. Das Haus ist alt, doch man hat ihm keine Patina gelassen.
»Und du bist sicher, dass er da ist?«
»Ich habe einen Termin für uns gemacht. Diesmal schreibst du für den Spiegel.«
»Wie nett von dir. Willst du mich diskreditieren?«
Ist der empfindlich heute. Nick, die Diva. »Mir ist auf die Schnelle nichts anderes eingefallen. Porträt eines überzeugten Kommunalpolitikers.«
»Der will doch nur ein Sprungbrett nach Berlin!«
»Ich weiß, aber es ging ja darum, einen Termin zu bekommen.« Langsam reicht es ihr mit Nicks Haarspaltereien. Sie biegt in eine kiesbestreute Auffahrt ein. Sie ist zu knapp bemessen für antike Reisebusse mit übergroßem Wendekreis. Mattie setzt ein Stück zurück und macht den Motor aus. »Hast du dein Aufnahmezeugs?«
Nick ist schon halb aus dem Bus. »Ich kann meinen Job, Mattie. Fragt sich nur, ob dein Plan funktioniert. Der ist ganz schön wackelig, wenn du mich fragst.«
»Pläne, die funktionieren, gibt es nur im Fernsehen. Dann improvisieren wir eben.« Sie holt ihr Handy aus der Tasche. »Warte noch. Ich muss erst die SMS schreiben.«
Bei so einem Haus erwartet man, dass einem ein Bediensteter die Tür öffnet. Stattdessen erscheint eine Frau im Reitdress, vielleicht fünfunddreißig, blonder Zopf, braune Haut. »Hallo, ich bin Ilka Wedemeier. Sie müssen die Spiegel-Journalisten sein?«
»Ja, sind wir.« Nick hat offenbar in seine Rolle gefunden. Umso besser.
»Kommst du, Michelle?« Hinter der Frau taucht ein etwa zehnjähriges Mädchen auf. »Sie entschuldigen uns? Wir wollen ausreiten. Jochen sitzt hinten in der Bibliothek.«
Sie treten aus dem Weg und lassen Mutter und Tochter vorbei. »Die ist mindestens zwanzig Jahre jünger als er. Der hat doch schon diesen erwachsenen Sohn da unten in Nordhausen«, flüstert Nick, während sie durch die Halle in einen Flur gehen.
Mattie kann sich nicht zurückhalten. »Männer können das, Nick. Du bist das beste Beispiel.«
Bist du noch bei Verstand, Mattie? Nick ist dein Verbündeter. Der Feind sitzt hinter dieser Tür.
Sie klopft.
Der Mann sitzt tatsächlich in einem Raum voller Bücherregale, englische Ledersessel in Dunkelgrün, Blick über den weitläufigen Park. Er sieht aus dem Fenster. Merkwürdigerweise muss sie an Emma denken. Als er sich umdreht, ist es vorbei. Hellwacher, arroganter Blick. Keine Spur von Depression.
Wedemeier steht auf, man begrüßt sich. Auf einer Anrichte funkelt eine Espressomaschine, an der er selbst den Kaffee zubereitet. »Niemand außer mir darf diese Maschine bedienen. Direktimport aus Italien.« Sein Lächeln ist kalt. Mattie beneidet die Frau mit der Tochter und den Pferden mit jeder Minute weniger. Was nützt einem ein perfektes Leben, wenn man es mit König Blaubart verbringt?
Der Kaffee ist natürlich hervorragend. Mattie stellt die Tasse nach dem ersten Schluck ab.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Nikolaus Ostrowski sind. Der Name ist mir ein Begriff.« Er sieht zu Mattie. »Und Sie sind die Fotografin? Haben Sie Ihre Kamera vergessen?«
Manchmal bringt es nichts, den Gegner zu umkreisen, ihn in Sicherheit zu wiegen. Mattie entscheidet sich dafür, in die Vollen zu gehen. »Er ist Nikolaus Ostrowski, Herr Wedemeier. Alles andere war ein Vorwand, um möglichst schnell einen Termin bei Ihnen zu bekommen. Und weil gerade Wahlkampf ist – hat ja funktioniert.«
Er zeigt keine Reaktion, noch nicht.
»Ich arbeite für die Kanzlei Meerbach & Wiese in Berlin. Wir vertreten Adriana Ciurar.«
Sie holt tief Luft. Lass ihn nicht zu Wort kommen, Mattie. Kurzer Blick zu Nick. Anscheinend läuft sein verstecktes Mikro.
»Herr Wedemeier, wir gehen von der Annahme aus, dass Sie oder jemand in Ihrem Auftrag Uwe Jahn umgebracht und es unserer Mandantin in die Schuhe geschoben hat.«
»Das ist ja lächerlich.« Er lacht sogar ein bisschen. »Sie fantasieren.«
Nick grinst. Weiter, Mattie. »Wir haben recherchiert, dass Jahn in Ihrem Auftrag am 2. August 1992 die Leute bezahlt hat, die angeblich spontan das Asylbewerberheim in Kollwitz-Fichtenberg mit Brandsätzen beworfen haben. Als Makler haben Sie zwei und zwei zusammengezählt und sich die Stimmung unter den Anwohnern zunutze gemacht.«
»So etwas habe ich nicht nötig. Aber sprechen Sie nur weiter. Ich kenne die Märchen, die über mich verbreitet werden, lieber vor ihrer Veröffentlichung.« Er lehnt sich zurück. Ein Schluck Kaffee. Ein Blick aus dem Fenster. Der weiß, wie man taktisch agiert.
»Die Scheidung war sicher nicht billig. Und das hier zu sanieren …« Nick spricht leise, fast sanft.
Mattie nimmt den Faden auf. Ruhig jetzt. »Jahn war immer ein unsicherer Kandidat. Die Geister der Vergangenheit ließen ihn nicht los. Und jetzt taucht plötzlich Adriana Ciurar auf, zwanzig Jahre später.«
Keine Reaktion, nur interessierte Aufmerksamkeit.
»Ist er in Panik geraten, als sie plötzlich vor ihm stand? Wollte er reinen Tisch machen?«
»Schuld und Sühne. Große Themen der klassischen Literatur.« Plötzlich spannt er sich an und beugt sich vor. »Sie haben keinen Beweis, junge Frau.« Und schon sitzt er wieder bequem. Zurückgelehnt, die Augen geschlossen. »Lassen Sie mich Ihren Faden mal weiterspinnen. Selbst wenn Uwe Jahn die Leute bezahlt hätte und man mir den Auftrag nachweisen könnte – die Sache mit dem Brandanschlag ist doch längst verjährt. Und es ist nicht einmal jemand dabei zu Schaden gekommen. Eine Lappalie.«
Mattie fährt auf. Nick macht eine kleine Bewegung mit der Hand. Okay, dein Ball, Nick. Mach was draus.
Wieder diese sanfte Stimme. »Für die Lappalie gibt es Augenzeugen. Und selbst wenn wir die Justiz nicht überzeugen können, wird es uns ein Leichtes sein, mit einer Doppelseite in einer überregionalen Tageszeitung Ihre Wahl zum Bürgermeister zu verhindern.«
Wedemeier lacht. Der ganze Körper bebt. Nur die Augen lachen nicht. »Eine Zigeunerin? Eine Mörderin? Selbst ein tendenziöser Schmierer wie Sie braucht ja wohl etwas verlässlichere Zeugen für seine linke Propaganda.«
Gut. Er wird beleidigend. Nick bleibt ruhig. Er guckt scheinbar gelangweilt aus dem Fenster. Das Zeichen für Mattie.
Unauffällig drückt sie die mittlere Taste auf ihrem Handy. Senden.
»Ich spreche nicht von Adriana Ciurar.« Nick zieht die Kontaktabzüge aus der Mappe, die vor ihm auf dem Couchtisch liegt. Er blättert langsam durch, hält ab und zu eine der Porträtaufnahmen hoch, so dass Wedemeier sie sehen kann. »Das Heim war damals, wie Sie wissen, voll besetzt. Die meisten Roma wurden in den Monaten nach dem Brand abgeschoben oder sind untergetaucht. Heute aber, Herr Wedemeier, ob es Ihnen passt oder nicht, sind diese Leute Bürger der EU und können sich dementsprechend frei bewegen.«
»Interessanter Gedanke.« Er sagt das in einem Ton, als säßen sie gemütlich bei einem abendlichen Debattierzirkel. »Sie bluffen, Ostrowski.«
Das Fenster befindet sich rechts von Wedemeier. Eigentlich sind es Balkontüren. Er hat sich zu Nick gewandt, der dem Fenster gegenübersitzt. Mattie hat den Balkon zu ihrer Linken. Auch sie beobachtet Nick.
Lässig hebt er die rechte Hand wie zum Gruß. Ein ironisches Lächeln folgt.
Wedemeiers Blick schnellt herum. Mattie steht auf und tritt zurück, um die Szene besser erfassen zu können. Der Park ist nicht mehr menschenleer.
Ein Mann beugt sich über die Brüstung des Balkons. Einer lehnt an einem Baum, kämmt sich die Haare zurück. Drei Frauen in langen Röcken sitzen im Gras und putzen Gemüse. Kinder laufen zwischen den alten Bäumen umher. Fetzen einer Akkordeonmelodie dringen in die Bibliothek.
Wie ein Gemälde, schießt es ihr durch den Kopf. Schindlers Vision eines paradiesischen Roma-Staates.
Wedemeier steht ebenfalls auf und geht zum Fenster. Zum ersten Mal wirkt er unschlüssig. Er macht eine Handbewegung, als wolle er die Balkontür aufreißen.
In diesem Moment dreht sich der Mann draußen um – und lächelt ihn an. Goldzähne blitzen in der Sonne. Wedemeier weicht zurück. Setzt sich wieder in den Sessel. Sieht Nick an. Lange.
»Also gut. Stellen Sie sich vor, es meldet sich morgen bei der Polizei ein Augenzeuge, der gesehen hat, dass Ihre Mandantin das Haus erst betreten hat, als Uwe Jahn schon im Hof lag.« Er lauscht dem Klang seiner Stimme. »Aus dem achten Stock gesprungen, weil ihn Schuldgefühle erdrückten, seit die Zigeunerin aufgetaucht war.«
»Der Mann hatte Druckstellen an den Schultern.« Nick, schärfer jetzt. »Die wissen, dass er nicht selbst gesprungen ist.«
Wedemeier pariert sofort. »Die Behörden lassen Sie mal meine Sorge sein.«
Mattie könnte kotzen.
Nick wirft ihr einen kurzen Blick zu. »Akzeptabel?«
Sie nickt. So oder ähnlich hat sie sich vorgestellt, dass einer wie Wedemeier tickt. Fehlen nur noch seine Bedingungen.
»Dafür will ich von Ihnen«, er zeigt mit dem Finger auf Nick, »hier und heute eine schriftliche Unterlassungserklärung, dass Sie weder über den Jagdunfall noch über den aktuellen Fall berichten und niemand anders dazu anstiften. Andernfalls«, er hat sich wieder unter Kontrolle, das kann sie spüren, »nun, Aussagen lassen sich jederzeit widerrufen. Zeugen können verschwinden.« Er steht auf und nimmt ein Netbook von der Anrichte. »Geben Sie mir fünf Minuten.«
Sobald er aus dem Zimmer ist, läuft Mattie zum Fenster.
Liviu wirft ihr einen fragenden Blick zu. Thumbs up. Er grinst. Mattie gestikuliert. Sie sollen abfahren, nur für den Fall, dass Wedemeier auf die Idee verfällt, die Polizei zu rufen. Landfriedensbruch ist kein Bagatelldelikt. Liviu nickt.
Ein lauter Pfiff, und kurz darauf ist der Park so leer wie zu Beginn ihres Besuches.
Matties Anspannung lässt schlagartig nach. Statt Euphorie folgt nur Erschöpfung. Für Adriana haben sie erreicht, was möglich ist. Und Wedemeier kann ungestört weiter Morde und Brände in Auftrag geben. Über die Ermittlungsbereitschaft der Behörden macht sie sich keinerlei Illusionen.
Nick sitzt vornübergebeugt, das Gesicht in den Händen vergraben.
»Tut mir leid, Nick.« Sie berührt seine Hand. »Ich finde diesen Deal genauso unerträglich wie du.«
Er winkt ab. »Was bedeutet schon ein Artikel mehr oder weniger?«
Artikel? Nick denkt in diesem Moment an seinen Artikel? Der kreist ja nur noch um sich selbst.
Wedemeier kommt zurück. Wortlos legt er ein Papier und einen Stift vor Nick auf den Tisch. Kein Wort fällt, während er die Erklärung durchliest und unterschreibt.
Der Makler steht am Fenster und betrachtet seinen Park. Er dreht sich nicht um, also verlassen sie den Raum, ohne sich zu verabschieden. Gute Wünsche sind auch unangebracht.
Ihre Schritte knirschen auf dem Kies. Mattie schließt den Bus auf, öffnet die Tür für Nick und startet den Motor. Langsam lässt sie den Bus rückwärts rollen, bis sie wenden und durch das Tor zurück auf die Straßen fahren kann.
»Nick –«
»Sag jetzt nichts, bitte.« Er stellt die Beine auf das Armaturenbrett, wie sie es sonst immer macht. »Ich komm schon klar.«
Sie fährt durch das Dorf. Lässt den Blick auf der Straße. Beide Hände am Steuer. Bringt nichts, einen Streit vom Zaun zu brechen. Nick ist, wie er ist. Überleg dir lieber, wie du Wedemeier drankriegst, Mattie Junghans.
Zehn Minuten später. »Am Ende gewinnen immer die Guten, schon vergessen?«
Er lacht auf und zieht die Nase hoch. Nick wird’s auch diesmal überleben.