29. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Was für ein Kuddelmuddel. Es gibt Zeiten im Leben, die würde man irgendwann gerne hinter sich lassen. Dieser schwarze August 1992 gehört in der Hinsicht sicherlich zu ihren Favoriten.
Im ersten Moment denkt sie: Bundesgrenzschutz. Die fuhren damals diese dunkelgrünen Jeeps. Sie nimmt noch mal die Lupe zur Hand, trotz des vergrößerten Fotos. Das ist doch der weiße Stern von Nordhaus Immobilien. Ein Gedanke entsteht in ihrem Hinterkopf. Er lässt sich noch nicht fassen.
Wo waren sie stehengeblieben? Die Ausstellung, ja richtig.
»Eigentlich wollte der Fotograf eine Serie über Roma in Deutschland machen. Lass uns mal den Anfang suchen, da sind vielleicht Porträtaufnahmen, die wir brauchen können.«
Nadina zieht geschickt die Bilder nach unten weg, bis sie an den Anfang der gescannten Kontaktbögen kommt. Ach, wie schön. Da sind sie ja – ihre Zigeuner! Ausdrucksvolle Gesichter. Mit der Erinnerung kommen die Stimmen, die Namen zurück. Wie mag es ihnen ergangen sein? Gesine notiert die Nummern eine nach der anderen.
Ein Kind, vielleicht acht Jahre alt, mit einer Zigarette in der Hand. Wird nicht notiert.
Nadina lacht. »Das musst du nehmen, Gesine!«
Das Mädchen ist gewiss intelligent, doch es gibt keinen Moralkodex, in den dieses Wissen eingebunden ist. »Man kann keine rauchenden Kinder zeigen.«
»Warum nicht?«
Gesine seufzt. »Weil so ein Bild die Menschen hier abstößt. Rauchen ist ungesund. Besonders für Kinder.«
»Bei uns rauchen alle.« Nadina interessiert sich nicht weiter für die Gesichter ihrer Ethnie. Die Fotos fliegen über den Bildschirm. Nun, die kann man ja später in Ruhe durchsehen. »Hier ist er nach draußen gegangen.«
Sie hat recht. Auf diesen Bildern ist es noch hell. Der Fotograf hat am Kiosk weitergemacht.
Kinder spielen auf dem Spielplatz. Wird notiert.
Männer trinken Bier. Wird nicht notiert. Die Bilder wirken seltsam künstlich auf Gesine. Gestellt. »Mach das doch bitte auch mal größer.« Etwas fehlt. Dem Licht nach müsste das Foto am späten Nachmittag aufgenommen worden sein.
Aber natürlich! Der Kiosk ist ja fast leer. Normalerweise traf man dort um diese Zeit die Arbeitslosen aus dem Viertel, und es waren so viele arbeitslos. Sie standen nie direkt bei den Roma, doch sie hätten da sein müssen. Irgendwo im Hintergrund. »Weiter.«
Das Mädchen wirft ihr einen fragenden Blick zu. Gesine lächelt sie aufmunternd an. »Du machst das super.«
Nummer 143. Die Roma sind jetzt fort. Im Heim hatten die Frauen sicher das Essen zubereitet. Und hier die anderen, die noch auf ihren Termin bei der ZAST warten. Autos und Busse auf dem Parkplatz, zwischen denen Leute auf Decken um Gaskocher herumsitzen. Stimmungsvolle Bilder im Abendlicht. Gesine notiert die Nummern.
Nummer 150. Ah, da ist ja der Nordhaus-Jeep. Ein Mann steigt gerade ein.
»Weiter.«
Nummer 176. Er steigt wieder aus, mit Baseballkappe und Sonnenbrille.
»Das hatten wir schon.« Nadina hat recht. Und da ist wieder derselbe Mann. Mit der brennenden Flasche in der Hand.
»Weiter. Hat er noch mehr Bilder in diese Richtung geschossen?« Gesine versucht nicht mehr, ihre Aufregung zu verbergen.
Er ist ausgestiegen, um besser sehen zu können. Das ist Uwe Jahn, zwar jünger, doch eindeutig zu erkennen. Er steht ein paar Meter entfernt von dem Jeep, zwischen anderen Zuschauern.
»Alles okay?« Nadina rutscht ungeduldig auf dem Stuhl herum. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist wahrscheinlich längst erschöpft.
»Ich weiß es nicht.« Gesine starrt auf das Foto. Es ergibt keinen Sinn. Uwe Jahn kam als Hausmeister von Nordhaus Immobilien erst viel später nach Kollwitz-Fichtenberg. Was also hat er auf diesen Fotos zu suchen?