16. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Es ist fünf Minuten vor elf. Adriana steht unten im Haus Kormoran vor dem Aufzug. Jetzt, wo es so weit ist, ist sie plötzlich ruhig. Den ganzen Tag hat sie schlecht gearbeitet, ist bei jedem Geräusch zusammengefahren. Hat zu nass gewischt. Die Zeit wollte nicht vergehen. Nach der Arbeit war sie auf dem Friedhof, um mit der Großmutter zu reden. Sie ist die Reihen abgelaufen, doch sie konnte das Grab nicht finden. Kann ein Grab einfach verschwinden? Sie hätte gern die Pastorin gefragt, hat dann aber lieber nicht am Pfarrhaus geklingelt. Nur kein Aufsehen so kurz vor dem Ziel.

Einer spontanen Idee folgend, ist sie noch mal zu den Garagen gegangen und hat sich den Kittel angezogen, das Kopftuch umgebunden, Eimer und Wischmopp mitgenommen. Die Putzfrau, die er schon kennt. Adriana die Stille, die morgen in den Zug nach Berlin steigen wird, kennt er nicht.

Sind das Schritte im Treppenhaus? Endlich kommt der Fahrstuhl. Die Kabine ist leer. Adriana geht hinein, die hintere Wand ist verspiegelt. Sie betrachtet sich. Wie sie da steht, in ihren Stiefeln, langer Rock, Kittel und Kopftuch, auf den Wischmopp gestützt, der in dem Sieb des Eimers steckt. Warum erkennt sie plötzlich das Mädchen Adriana wieder? Vielleicht nur, weil sie hier an diesem Ort gelebt hat. Adriana die Stille. Als sie noch nicht still war.

Der Fahrstuhl hält. Die Tür öffnet sich, doch sie bleibt noch einen Moment stehen. Dann dreht sie sich um und tritt hinaus auf den Treppenabsatz. Das Licht geht aus. Sie tastet sich zu dem orange leuchtenden Punkt und macht es wieder an. Horcht in die Stille. Was, wenn er ihr hinter der Tür auflauert? Vielleicht hat er seine Familie zu Hilfe geholt? Und sie hat nichts weiter als einen Wischmopp in der Hand und ein Messer im Stiefel. Keine guten Gedanken. Adriana schließt die Augen und denkt für einen Moment an Vater. Wie er die Arme ausbreitet in ihrem Traum. Lass mich jetzt nicht im Stich, Vater.

Sie klingelt.

Nichts passiert.

Sie wartet.

Das Licht geht wieder aus.

Vorsichtig drückt sie gegen die Tür. Sie gibt nach. Adriana stellt Wischmopp und Eimer in der Ecke ab, damit niemand darüber fällt. Sie schiebt die Tür auf, bis ein wenig Licht in den Flur scheint. Mondlicht. Es brennt keine Lampe in der Wohnung. Der Griff nach dem Messer im Stiefel, zum zweiten Mal in drei Tagen. Langsam geht sie hinein, Schritt für Schritt. Der Flur, dahinter das Zimmer mit dem großen Fenster, das sie schon kennt. Der Mond steht über dem Meer. Ein Bild wie aus einem Traum. Der Raum sieht genauso aus wie beim letzten Mal. Nein, doch nicht. Auf dem flachen Tisch zwischen Sofa und Sessel liegt ein rechteckiges Päckchen. Geldnoten. Adriana nimmt sie in die Hand. Es sind grüne Hunderteuroscheine, mit einer Banderole. Wo ist der Mörder? Versteckt er sich hier irgendwo?

Es ist kühl. Die Tür zum Balkon ist offen. Vorsichtig, in alle Richtungen witternd, bewegt sich Adriana darauf zu. Das Wasser schimmert im Mondlicht wie flüssiges Metall. Ist da jemand? Der Balkon ist leer. Niemand kann sich hier verstecken. Sie geht hinaus, stellt sich jedoch so, dass sie die Tür im Auge behält. Von hinten wird er sie nicht erwischen.

Plötzlich dringen Stimmen an ihr Ohr, weit unten im Hof. Was ist da los? Motorengeräusch. Flackerndes Licht, bläulich. Sie hat so ein Licht schon einmal gesehen. Damals, als sie die Großmutter abgeholt haben.

Adriana nimmt ihren Mut zusammen und beugt sich über das Geländer, das Messer in der Hand. Unten, ganz klein, liegt der Mörder. Wie ein erlegtes Tier. Keuchend stützt sich Adriana am Geländer ab.

Geräusche. Schritte. Stimmen. In der Wohnung.

Der Umriss eines Mannes in der Tür zum Balkon.

»Vorsicht, sie ist bewaffnet!«

Adriana starrt auf das Messer in ihrer Hand.

»Polizei! Lassen Sie das Messer fallen! Sofort!«

Sie weiß, was kommt. Sie kennt das Gefühl aus dem Traum. Der Boden gibt unter ihr nach. Adriana lässt das Messer fallen und sinkt auf den kalten Beton. Um sie herum trampeln schwarze Stiefel.

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