29. Juni 1992, Gemeinde Peltzow
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Es kam ihm vor, als stolperten sie seit Stunden durch völlige Finsternis. Bei seiner letzten Einreise hatte der Mond hoch über den Feldern gestanden, und die Pflanzen waren schon bis auf die Stoppel abgeerntet. Das erhöhte die Gefahr, entdeckt zu werden. Doch der Fußmarsch war weniger schwierig und erheblich kürzer. Jetzt stand der Mais so hoch, dass er das Gefühl hatte, bis zur Hüfte durch dichten Dschungel zu laufen.

Marius fühlte, wie das Gelände unter ihm wieder anzusteigen begann. Zu allem Überfluss wehte auch noch ein starker Wind, der jedoch keinerlei Abkühlung brachte. Die Erde war so trocken, dass sie schon bald nach dem Abmarsch von den Bahnschienen Halt machen mussten, um sich Tücher, T-Shirts, irgendwelche Lumpen vor Mund und Nase zu binden. Damit ließ es sich zwar schlechter atmen, doch wenigstens hustete nicht dauernd jemand.

Endlich kam er auf die Kuppe des Hügels, wo der Mais etwas niedriger stand. Neben ihm ging der Vater des polnischen Duos und zischte leise: »Los! Beeilung! Weitergehen! Nicht stehen bleiben!«

Marius achtete nicht auf ihn, drehte sich um und starrte ins Dunkel. Die Gruppe lief weit auseinandergezogen, so viel konnte er hören. Wenn er schon so ausgelaugt war, mochte er sich kaum vorstellen, wie es erst den beiden Frauen ging, die ihre kleinen Kinder trugen. »Wir müssen warten«, flüsterte er dem Alten zu. »Sonst verlieren wir jemanden.«

Der schien ihn zu verstehen, denn er begann aufgeregt zu gestikulieren. »Weitergehen! Los!«, wiederholte er auf Rumänisch und schickte noch ein paar polnische Flüche hinterher.

»Wir brauchen Wasser!«

Marius streckte eine Hand in Richtung der weiblichen Stimme aus, ertastete einen kleinen Körper und hob das leise wimmernde Kind zu sich auf die Anhöhe. Wie von einem Magneten angezogen scharten sich weitere Menschen um ihn.

»Wie weit ist es noch?« Eine andere Stimme, so heiser, dass er nicht sagen konnte, ob von einem Mann oder einer Frau.

Marius sah auf das Leuchtziffernblatt seiner Armbanduhr. Halb drei. Die Autos aus dem Heim würden um vier auf der Straße am Feldrand warten, gleich hinter der Autobahnbrücke. Der übliche Treffpunkt. Marius wusste das, weil er selbst in Kollwitz angerufen hatte. Die beiden Polen mussten sie nur bis zur Straße bringen, danach endete ihr Auftrag. Für den Weitertransport hatten sie selbst zu sorgen.

Die meisten Leute aus der Gruppe wollten sowieso nach Kollwitz-Fichtenberg, wo neben dem Heim auch gleich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber war. Als Marius vor einem Jahr ankam, endete für seine Familie dort die Reise. Sie stellten ihren Asylantrag und zogen einfach einen Block weiter ins Asylbewerberheim. Heute wurden die Neuankömmlinge registriert und weitergeschickt in andere Heime. Immer mehr Leute kamen durch dieses letzte Schlupfloch nach Deutschland. Es gab Tage, an denen sie vor der Aufnahmestelle übernachten mussten, weil die Sachbearbeiter nicht alle Anträge bearbeiten konnten.

Ein paar von den jungen Männern im Heim hatten schnell begriffen, dass man sich mit den nächtlichen Touren ein gutes Taschengeld verdienen konnte. Einer von ihnen, Liviu, hatte den Gewinn angelegt und sich gebraucht einen großen VW-Transporter gekauft. Seine Nummer wurde unter denen, die über die Grenze kamen, gehandelt wie Gold. Liviu hing meistens neben dem Telefon auf dem Flur herum. Diese Nummer hatte Marius am Nachmittag gewählt, bevor sie losgingen. Doch nicht Liviu war am Telefon gewesen, sondern Adriana.

»Vater! Wo bist du?«

»Ganz in der Nähe. Morgen bin ich bei euch.«

»Endlich!« Er konnte die Freude in ihrer Stimme sprudeln hören. Er bat sie, Liviu auszurichten, dass er um vier Uhr morgens am Treffpunkt sein solle.

»Ja, Vater, ich merke es mir. Vier Uhr.« Auf einmal sah er sie vor sich, wie sie allein auf dem Flur stand, unter der flackernden Lampe.

»Adriana?«

»Ja?«

»Wie lange wartest du da schon neben dem Telefon?«

Er dachte erst, die Verbindung wäre abgebrochen, als ihre Stimme wieder erklang.

»Seit einer Woche. Aber nur wenn ich Zeit habe. Ich mache alles, so wie du es mir aufgetragen hast.«

Marius musste sich räuspern, um den Kloß im Hals loszuwerden. »Wie geht es den Jungen? Machen sie Ärger?«

»Nein, Vater. Es geht schon.«

Sie würde sich nie beklagen.

»Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich, Tochter.«

Dann hatte er schnell aufgelegt. Unwillkürlich tasteten seine Finger nach dem kleinen Samtkästchen in seiner Jackentasche, um sich zu vergewissern, dass die Ohrringe noch an ihrem Platz waren.

Trotz der Finsternis merkte Marius, wie seine Augen langsam anfingen, die Umgebung nach Kontrasten im Schwarz zu sortieren. Er stand immer noch auf dem Hügel, immer noch kamen erschöpfte Nachzügler an. Keiner ging mehr weiter. Der junge Pole kam als Letzter und redete flüsternd mit seinem Vater in ihrer Sprache.

»Marius! Da unten! Siehst du?« Das war Nicu. Er sah es auch. In der Senke unter ihnen zeichnete sich dichter Baumbestand ab.

»Ein Wasserloch.« Er spürte, wie schon das Wort in der Gruppe Bewegung auslöste. »Wir möchten dort gerne Wasser holen«, sagte er laut, in höflichem Ton.

»Nein!«, schimpfte der alte Pole sofort. »Weiter! Geht weiter!«

Keiner ging.

Für einen Moment hörten sie nur den Wind, dann den Ruf eines Raubvogels. Und dann das tiefe Geräusch eines Motors, zwei Scheinwerfer. Marius kannte es nur zu gut, wie viele Nächte hatte er auf Parkplätzen verbracht, mit diesem Geräusch als Kulisse! Rechts neben ihnen donnerte in einiger Entfernung ein Lkw vorbei.

»Die Autobahn!«, flüsterte Marius. »Dann ist es nicht mehr weit. Das Auto kommt erst um vier. Wer möchte, kann mit mir kommen, und wir holen Wasser für die, die es brauchen.«

Der jüngere Pole sprach ein paar Brocken Rumänisch. »Ihr müsst gehen. Keine Pause. Keine Zeit für Wasser suchen.«

»Nein«, antwortete Marius. Es ging dem Jungen nicht um ihre Sicherheit. Es ging um die Ehre, vielleicht wollte er auch einfach schnell wieder zu Hause sein. »Du gehst. Ihr könnt gehen. Wir kommen ohne euch zurecht. Euer Geld habt ihr ja.«

Man hörte, wie die beiden sich flüsternd besprachen. Dann ein Rascheln im Getreide. Sie waren gegangen, ohne ein weiteres Wort. Marius sah schemenhaft, wie sich die Gesichter der Umstehenden ihm zuwandten. Da wusste er, wer nun die Gruppe anführte.

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