14. Juni 2012,
Kreuzberg
Berlin, Deutschland
Die Kanzlei ist eine Fabriketage am Ufer des Landwehrkanals. Mattie steigt die Treppen hoch, den Latte Macchiato im Pappbecher in der Hand. Sie wird langsamer. Warum dieses flaue Gefühl im Bauch? Ist das wirklich nötig? In ihrem Alter?
Wenn es wenigstens das Kino wäre. In der Durchfahrt zum Hof hat sie den Eingang gesehen. Eigenwilliges Programm, zwei Säle. Davon könnte sie vielleicht leben, wenn sie Emma nach Berlin holt und sie zwingt, wieder in der Wagenburg auf Selbstversorgung umzusteigen und vielleicht noch Karten abzureißen. Aber Emma macht jetzt auf Pilcher’sche Gräfin, also gibt es kein Kino für Mattie.
Die schwere Eisentür ist angelehnt. Die Etage dahinter ist durch Glaswände unterteilt. Sofort schlägt ihr ein lautes Gewirr aus menschlichen Stimmen, Kopierern, Faxgeräten und Computergebläsen entgegen. Leute laufen mit Telefonen am Ohr und Papieren in der Hand von einem Raum zum anderen. Weiter hinten in dem wabenförmigen Eingangsbereich steht ein nicht sehr großer Mann an einem Wasserspender. Er sucht offensichtlich einen Knopf.
»Wo geht denn das hier –«
»Einfach drücken.« Mattie ist neben ihn getreten. Er hält einen wiederverwendbaren Plastikbecher in der Hand.
»Wie denn? Ich seh hier nichts zum Drücken!«
»Darf ich?« Sie nimmt ihm den Becher aus der Hand und drückt ihn vorsichtig gegen den winzigen Plastikhebel unten über der Stellfläche. Wasser läuft hinein.
Der Mann kichert. Er trägt T-Shirt und Jeans, dazu Flipflops. Kurze Haare, Schnurrbart – nicht altmodisch, sondern mit einer Lässigkeit, die man nur noch selten sieht. Einer, der sich nicht mit halben Wahrheiten zufrieden gibt. Irritiert sieht er sie an. »Arbeitest du hier?«
»Ja.« Mattie nickt. Mal gucken, was er sagt.
Er sieht sie an, durchforstet sein Gedächtnis. »Warum kenn ich dich dann nicht?«
Sie lacht und streckt ihm ihre Hand hin. »Ich bin neu. Mattie Junghans. Kannst du mir sagen, wo ich Volker und Bettina finde?«
»Bettina. Ich weiß nicht. Auf einer Anhörung im Bundestag zu Datenbanken mit Genmaterial, denke ich. Volker ist da.«
Sie dreht sich um. »Wo?«
Er lächelt. »Wie du mir, so ich dir.«
Oh. Sie hat als Erstes den Chef verarscht. Klasse, Mattie.
Fünf Minuten später sitzen sie einander gegenüber in einem Glaskasten. Kniehoch türmen sich Aktenstapel, die nur noch schmale Wege zwischen Tür, Fenster und Schreibtisch freigeben. »Du siehst, wir haben ein Problem.«
Na toll, sie darf Akten sortieren. Was hast du denn erwartet, Mattie? Du bist schließlich keine Juristin.
Volker hat sie beim Denken beobachtet. »Du brauchst kein Fachwissen. Dafür haben wir zig Referendare. Was du brauchst, ist Eigeninitiative und Engagement.«
»Ja.« Sie klingt wahrscheinlich nicht sehr engagiert. »Habt ihr denn ein Ablagesystem?«
Volker lacht. »Okay, Einstellungstest bestanden. Du musst keine Akten sortieren. Das machen wir alle zusammen einmal im Monat, immer am letzten Freitag. Genauso bist du alle« – er rechnet mit beiden Händen nach – »siebzehn Tage einmal mit Kochen dran. Wenn Fleisch, dann bitte aus artgerechter Haltung. Wir leben im Vorderhaus, es gibt einen Gemüsegarten auf dem Dach. Da kannst du dich bedienen.«
Schon wieder ein Kleingartenverein. Nein. Mattie muss sich korrigieren. Das klingt nach einem funktionierenden Lebensmodell. Der ist völlig entspannt. Nur kein Neid, altes Mädchen.
»Woher kennst du Jasmin?«, fragt Volker. Mattie berichtet, wie sie sich kennengelernt haben. Eine tragische Geschichte, die mit dem Tod der Staatssekretärin Frederike von Westenhagen endet.
»Ich erinnere mich. Und Nick kennst du auch?«
»Mein Ex.«
»Interessant.« Er lehnt sich zurück und holt ein silbernes Kännchen aus einer Schublade. Mit einem Röhrchen saugt er eine Flüssigkeit daraus. »Mate. Eine Angewohnheit aus Argentinien. Ich hab da eine Weile gearbeitet.«
Mattie hat gelesen, dass sie für Familien von während der Diktatur verschwundenen Gewerkschaftern Entschädigungsforderungen gegen einen deutschen Automobilkonzern vertreten.
»Ich kenne Jasmin seit ihrer Studienzeit. Damals hat sie mit uns gegen Abschiebungen gekämpft. Heute bin ich mir etwas unsicher über ihren Standpunkt. Aber das wird sich zeigen.« Er guckt aus dem Fenster. Wie viele Leute hat er wohl von ihrem Weg abkommen sehen? Und wer kann schon sagen, was richtig ist für Jasmin oder falsch? »Nick recherchiert gründlich. Er hat ein paar gute Geschichten über Fälle geschrieben, an denen wir hier arbeiten. Leider ist das eine Weile her.«
»Kein Wunder.« Ist ihr so rausgerutscht.
Ein schneller Blick aus wachen Augen, dann süffelt er wieder seine Mate. »Es ist gut, dass du einen kurzen Draht zu ihm hast. Wir möchten nämlich, dass du hier die Öffentlichkeitsarbeit koordinierst. Wir haben durchaus Probleme mit unserer – visibility, wie man so schön sagt. Linke Themen zu lancieren ist kein Spaß in Krisenzeiten.«
»Damit habe ich kein Problem.« Mattie steht auf. »Wo kann ich mich hinsetzen, und wer kann mir die aktuellen Fälle zeigen?«
Volker bedeutet ihr, sich wieder zu setzen. »Immer schön sutje.«
»Kommst du aus dem Norden?«
»Hamburg.«
»Harmsdorf.«
»Am See. Da war ich früher immer mit meinen Eltern im Urlaub.«
»Das war jeder mal.«
Sie lächeln sich an. Ein schönes, warmes Verbündetenlächeln.
»Hier ist dein Arbeitsvertrag. Lies ihn dir gut durch, bevor du unterschreibst. Drei Monate Probezeit, nicht nur für uns, auch für dich. Vielleicht gefällt es dir hier nicht.«
Mattie liest. »Einheitslohn? Du verdienst genauso viel wie ich?«
»Warum nicht?« Er zieht an seinem Silberhalm. Offensichtlich kommt nichts mehr raus. Vorsichtig stellt er das Kännchen ab. »Weißt du, mein Alter hat dreißig Jahre lang malocht wie ein Blöder. Bauunternehmer, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, das ganze Programm. Meine Mutter ist mit einem Gemeinschaftskundelehrer abgehauen. Mit sechzig dann der Herzinfarkt. Aus. Und plötzlich hatte ich das ganze Geld. Ich hab das Haus hier gekauft, als der Senat es verscherbeln wollte. Es gehört jetzt dem Mietersyndikat. Mit dem Rest habe ich eine Stiftung gegründet, die Juristen aus dem Süden Stipendien bezahlt. Verstehst du? Ich mache die Arbeit, die ich will. Ich lebe in einer Hausgemeinschaft mit Leuten, die mir nahestehen. Wenn ich freihabe, gehe ich segeln. Das ist der totale Luxus. Mehr brauch ich nicht.«
Mattie, die Lebensmodellforscherin, betrachtet den Anwalt wie das letzte Exemplar einer seltenen Spezies, von der man lange glaubte, sie sei ausgestorben. Höchst interessant.
Draußen macht jemand Musik.
»Wie auf dem Rummel ist das hier in letzter Zeit.« Volker schließt das Fenster. Mattie geht zu ihm, den unterschriebenen Vertrag in der Hand. Ein Mann mit einer Trompete, ein Junge mit einem Akkordeon. Könnte der Schwager von Liviu sein. Vielleicht auch nicht.
»Gibt es eigentlich viele, äh …« Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Zigani? Liviu hat das Wort benutzt, aber ihr will es nicht über die Lippen. Zu besetzt auf Deutsch.
Volker ist ihrem Blick gefolgt. »Roma?«
Sie nickt.
Volker überlegt. Mattie gefallen diese langen Pausen, die er macht. Kein Gelaber. »Für den Kosovo besteht ein Beschluss zur Abschiebung. Aber es kommen immer mehr Familien aus Tschechien und Rumänien, auch aus Ungarn. Dort herrschen die Faschisten. Es gibt wieder Pogrome.«
»Ach komm.« Warum hat sie davon noch nichts gehört?
»Warum du davon nichts weißt?« Er deutet nach draußen. »Das sind Leute, die keine Lobby haben. Kein Nachrichten-Material. Dein Job, Mattie Junghans.«