28. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz

»28/06/1992.« Ihre Augen fliegen über die Seite. Welcher Tag ist heute?

Die Frau kommt mit dem Frühstück.

»Welcher Tag ist heute?« Adrianas Stimme ist rau. Wie lange hat sie nicht gesprochen?

Die Frau erschrickt. Die Tasse klappert, als sie das Tablett abstellt.

Angst.

»Donnerstag.«

Adriana greift nach ihrem Arm. Ungeduldig. »Nicht Tag der Woche. Tag im Monat!«

Der Arm zuckt zurück, als hätte sie Feuer in den Händen. »Nicht anfassen! Das ist verboten!«

Sie nimmt die Hand weg, hält beide Arme hoch.

»Der 28. Juni.« Die Frau geht raus. Tür zu.

Adriana guckt wieder auf die Handschrift ihres Vaters. Heute vor zwanzig Jahren.

»Meine Tochter.« Hat sie das schon einmal gelesen? Wann hat sie das gelesen? Hat sie geträumt, dass sie es gelesen hätte?

Vater in dem Feld. An der Grenze. Die Polizei kommt.

Adriana springt auf. Der Stuhl kippt um.

Heute Nacht.

Heute werden sie kommen und sie töten.

Sie läuft zum Fenster. Der Hof.

Sie läuft zur Tür. Metall.

Sie läuft zum Fenster.

Sie läuft zur Tür.

Sie geht zum Bett. Legt sich hin. Schließt die Augen.

»Vater!« Sie keucht.

Wer hat den Stuhl umgeworfen? Sie steht auf und stellt den Stuhl wieder an den Tisch.

Sie kommen.

»Frau Ciurar, Sie haben Besuch.«

Laufen. Der Raum. Wo ist Liviu? Wer ist das?

Adriana setzt sich hin.

»Hallo, ich bin Mattie.«

Florin hat gesagt, sie soll mit dieser Frau sprechen. Meti.

Adriana spricht. »Heute kommen sie, um mich zu töten.«

»Wer kommt?« Glaubt sie ihr? Tut sie nur so?

Adriana beugt sich vor. »Die Polizei. Sie haben die Großmutter getötet. Und Vater.«

Die Frau mit Namen Meti muss näher kommen, um sie zu verstehen. Der Polizist steht daneben. Er darf sie nicht hören. »Ich habe das Auto gesehen. Mit dem Mörder.«

»Ein Polizeiauto? Sind Sie sicher?«

Die Wut kommt zurück. Sie glaubt ihr nicht. Adriana greift nach ihrem Arm. Hält ihn fest. »Natürlich bin ich sicher. Nur Polizei tut so etwas. Alle wissen. Kein Gefängnis. Alle hassen uns. Zigeuner. Kein Problem. Wir töten die Zigeuner. Wir brennen die Zigeuner.«

Der Arm zuckt. Meti zieht ihn nicht weg. Adriana hält fest.

»Adriana. Haben Sie den Mörder vom Balkon gestoßen?«

Sie lässt den Arm los. Der Balkon. Der Mörder, klein. Tot. Stiefel. Adriana schüttelt den Kopf. »Ich nicht, nein.« Schritte im Treppenhaus. »Geld auf dem Tisch.« Viel Geld.

Die Frau, Meti, versteht nicht. »Er hat Ihnen Geld versprochen?«

Geld für ein Jahr ohne Vater. Zwei Jahre ohne Vater. Drei Jahre. Zwanzig Jahre. Adriana greift in ihre Bluse.

Angst. Meti hat Angst. Was soll denn da sein, in der Bluse?

Sie zieht das letzte Blatt heraus. Faltet es auseinander. »Vater schreibt. Meine Tochter. Hier, er schreibt letzten Satz. Meine Tochter, heute Nachmittag habe ich dir goldene Ohrringe gekauft. Drei Ringe für jedes Ohr. Ein großer, ein mittlerer, ein kleiner. Sie klingen, wenn du läufst. Das Geräusch ist ein besonderes. Es sagt dir, Tochter, wie ich dich liebe.«

Adriana greift wieder den Arm. Meti soll lesen.

»Vater ist tot. Keine Ohrringe. Nichts.«

Der Polizist kommt, nimmt das Blatt von Meti.

»Nein!« Adriana muss es zurückhaben. »Es gehört mir!«

Nicht wegbringen. Arme kommen von hinten. Metis Augen. Schmerz.

»Hilf mir!«

Der Gang.

Das Meer.

Vier verliert.

Heute kommen sie.

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