29. Juni 2012, Hansestadt Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Herrje, was für ein Unwetter. Gesine legt einen Tritt zu. Den heftigen Teil des Gewitters hat sie in Kollwitz nach der Sitzung des Kirchgemeinderates abgewartet. Diese ganze Bürokratie ist ohnehin nicht ihrs, aber heute wollte die Sitzung einfach kein Ende nehmen. Wenn es so weiterging, würde sie bald gar nicht mehr für ihre Gemeinde da sein, sondern bloß noch Zettel ausfüllen. Den anderen ist ihre Ungeduld nicht entgangen. Der Uwe Jahn auf den Fotos will ihr nicht aus dem Sinn. Morgen wird er auf dem Fichtenberger Friedhof beigesetzt. Höchste Zeit, sich um die Rede für die Trauerfeier zu kümmern. Das Bestattungsinstitut hat sie kontaktiert. Die Angehörigen werden erst am Tag der Feier anreisen und wünschen kein Vorgespräch. Das ist ungewöhnlich, kommt aber in letzter Zeit häufiger vor. Dabei helfen diese Gespräche den Lebenden, Abschied zu nehmen und ihre Erinnerung an den Verstorbenen in Worte zu fassen. Doch den Riss, der durch diese Familie ging, kann wohl selbst der Tod nicht kitten.

Gesine biegt vom Deich in Richtung Kirche ein und lässt sich das letzte Stück rollen. Sie streift die Kapuze ab, es hat aufgehört zu regnen. Ach du liebe Güte! Sie steigt in die Bremsen. Es geht wieder los. Nach zwanzig Jahren.

Jemand hat vor dem Eingang zum Pfarrhaus einen riesigen Haufen Müll abgeladen. Am helllichten Tag. Eine nasse Pampe aus Essensresten, Plastik und Papier türmt sich vor der Haustür. Davor lehnt ein Pappschild, von Hand beschrieben. »Wir wollen keinen Dreck in Fichtenberg.«

Ihr erster Gedanke gilt dem Mädchen. »Nadina!« Sie rennt ums Haus herum. Das Fenster des Arbeitszimmers steht offen. Gesine ruft noch einmal.

Nichts.

Um Gottes willen. Das Mädchen ist in ihrer Obhut. Wenn ihr etwas zustößt, wird sie sich das nie verzeihen.

Weiter. Nach hinten. Das Gartentor ist offen. Durch das nasse Gras. Muss gemäht werden. Die Hintertür ist abgeschlossen. Der Schlüssel liegt wie immer unter dem Stein. In Fichtenberg kennt man sich doch.

Wohnzimmer. Nichts.

Küche. Nichts.

Gästezimmer. Gäste-WC. Arbeitszimmer –

»Nadina!«

»Hey, Gesine!« Sie steckt hinter dem Computer, die Kopfhörer in der Hand. »Was ist los?«

»Hast du keine Ohren?« Die Angst verwandelt sich in Wut. Sie sollte doch die Fotos sortieren. Wozu braucht man da Kopfhörer?

»Sorry. Hab geskypt.« Sie will die Kopfhörer wieder aufsetzen, aber da hat sie die Rechnung ohne Gesine gemacht. Zwei, drei Schritte, sie hat das Mädchen am Arm und zieht sie mit zur Haustür.

»Lass mich los!« Nadina wehrt sich, erstarrt jedoch, als sie den Haufen sieht. »Was ist das denn? Was steht auf dem Schild?«

Gesine kommt langsam wieder zu sich. »Kind, bin ich froh, dass dir nichts passiert ist. Sie müssen gerade erst hier gewesen sein.«

Was alles hätte passieren können! Man darf nicht drüber nachdenken. Man kann nur handeln. Erst mal muss die Sauerei hier weg.

»Hilf mir mal. Im Schuppen sind Schaufel und Schubkarre.« Sie macht kehrt. Vorne ist kein Durchkommen. Der Müll stinkt bestialisch.

»Kann das nicht jemand anders machen?« Statt mitzukommen, steckt die sich doch in aller Seelenruhe eine Zigarette zwischen die Lippen. »Ist ja ekelhaft.«

Jetzt reicht’s aber. Gesine pflückt ihr die Zigarette aus dem Gesicht. Ab auf den Haufen damit. Das Mädchen starrt sie fassungslos an.

»Geht’s vielleicht heute noch? Oder soll ich das alles alleine aufräumen?«

Gemeinsam schaufeln sie den matschigen Müll in die Karre und von der Karre in den Müllcontainer an der Kirche. Die naheliegende Frage bleibt unausgesprochen. Sie wissen beide, wer hinter diesem feigen Anschlag steckt.

»Kümmere du dich um die Fotos. Ich muss noch mal los.« Die nötige Ruhe für die Trauerrede hat sie jetzt sowieso nicht.

In der Tür dreht Nadina sich um. »Das Schild. Was steht drauf?«

Gesine seufzt. »Einfach nur dummes Zeug.«

»Das stimmt nicht.« Sie verschränkt die Arme vor der Brust. »Ich will es wissen.«

Sie übersetzt es ihr. Das arme Ding.

Im Büro von Nordhaus Immobilien sitzt die Sonnenbanksüchtige. Sie arbeitet schon eine Ewigkeit für Wedemeier, wohnt aber selbst nicht hier in der Siedlung.

»Frau Matthiesen.« Sie kann den Blick kaum von ihren Fingernägeln losreißen. »Was kann ich für Sie tun?«

»Es geht um die Trauerrede für Uwe Jahn.« Gesine nimmt auf dem Stuhl für Kunden Platz. »Ich brauche ein paar Informationen.«

»Ach, der Jahn. Schreckliche Sache.« Der Sinn ihrer Worte erreicht die Augen nicht. »War ja eher ein Stiller. Wir haben kaum einen Satz miteinander geredet.«

»Könnten Sie mal für mich nachsehen, seit wann genau er hier in Kollwitz gearbeitet hat?«

»Na, wird wohl in Ordnung sein. Ihn kann das ja nicht mehr stören.« Gesine studiert das Namensschild auf dem Tisch. Frau Lüthje klappert mit den langen Nägeln auf der Tastatur. »Also soweit ich das hier sehen kann, war der Jahn schon bei Nordhaus, bevor unser Büro hier in den Ostseeterrassen aufgemacht hat. Tut mir leid, da müsste ich in der Hauptverwaltung nachfragen.«

»Sparen Sie sich die Mühe.«

Gesine fährt herum. Hinter ihr hat Jochen Wedemeier das Büro betreten. »Uwe Jahn war bis zu dem Jagdunfall auf Honorarbasis für unsere Jagdreisen-Agentur tätig. Danach hat die Nordhaus Immobilien GmbH ihn in Festanstellung übernommen. Die Jagdreisen haben wir aufgegeben.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung. »Nicht rentabel.«

Sie hat nicht gewusst, dass Wedemeier auch Veranstalter dieser unglücklichen Jagdreisen war. Er ist hinter seine Mitarbeiterin getreten. Die Lüthje sitzt wie erstarrt vor ihrem Computer. Der Makler ist ein Machtmensch. Er tut nichts ohne Absicht.

Gesine ist seine zynische Ader zuwider. Und die Einschüchterungsmasche zieht bei ihr nicht. »Sie haben Jahn eingestellt, bevor er vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen wurde?«

»Aber natürlich, Frau Matthiesen. Sie sind doch die Erste, die gern humanitäre Gründe ins Spiel bringt. Die Leute aus dem Dorf, sein eigener Jagdverband, alle haben den Mann fallen lassen, dabei war er weiß Gott genug gestraft. Ich wollte ihm eine Chance geben.« Jetzt legt er der armen Frau auch noch eine Hand auf die Schulter. »Nordhaus ist wie eine große Familie. Da hält man zusammen. Nicht wahr, Frau Lüthje?« Eine Warnung, ohne Zweifel.

Sie lächelt verkrampft. »Ja, Herr Wedemeier.«

Sein Blick richtet sich wieder auf Gesine. »Und als ich nach dem Brand des Heims das Projekt Ostseeterrassen gestartet habe, wurde Jahn hier Hausmeister. Ein paar Jahre später dann der Freispruch, woran ich im Übrigen nie gezweifelt habe. Ende gut, alles gut.«

Gesine steht auf, um mit dem Mann auf Augenhöhe zu sein. »Ja, und der Brand kam dann auch recht passend, nicht wahr, Herr Wedemeier?«

Sein Politikerlächeln gefriert. Gesine dreht sich um und verlässt das Ladenbüro. Erst als die Tür hinter ihr zugefallen ist, wagt sie einen Blick zurück.

Wedemeier hat sich nicht von der Stelle gerührt. Ohne die Augen von ihr zu wenden, zieht er sein Handy aus der Tasche.

Nun hat sie sich einen der mächtigsten Männer von Kollwitz endgültig zum Feind gemacht. Lieber Gott, steh mir bei.

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