20. Juni 2012, Turnu
Severin
Walachei, Rumänien
Diesmal hat Georgel sich den Wagen seiner Mutter geliehen, einen blauen Ford Ka, der aussieht, als wäre er ihm eine Nummer zu klein. Mattie wartet draußen vor dem Hotel, um sich die Blicke von hinter der Rezeption zu ersparen. Auch wenn der Hoteltyp ihr mittlerweile das Frühstück in eisigem Schweigen serviert, das Green Hotel hat immerhin WLAN. Die halbe Nacht hat sie im Internet verbracht, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Roma in Rumänien leben. Es ist kein schönes Bild.
»Warum kein Taxi heute?«
Georgel winkt ab. »Ich kann diese Scheiße keinen Tag länger ertragen.«
»Welche Scheiße?«
»Dieses Viertel ist gefährlich. Die Leute sind Verbrecher. Sehen Sie sich die Autos an! Alle geklaut. Und wenn schon!« Er haut mit der Faust aufs Lenkrad und dreht die Musik lauter. Hardcore.
Mattie kaut auf ihrer Lippe. »Du findest es okay, wenn die Autos geklaut sind?«
Georgels Blick sagt alles. Entfremdung. »Darum geht’s doch gar nicht.« Er schweigt. Sie fahren wieder über den Kanal. Der Ford beginnt zu hopsen. »Ja, ich find’s okay. Sollen sie den Reichen ihre Autos klauen. Guck doch mal, wie die Leute hier leben! Die Stadt kümmert sich einen Scheiß um die. Keine Straßen. Kein Licht. Kein Abwasser. Eine einzige Grundschule für das ganze Viertel.«
»Ich liebe meinen Bus. Wenn jemand ihn klaut, wäre ich unglücklich.«
»Besitz gehört umverteilt.« Georgel konzentriert sich auf die Schlaglöcher.
»Das sieht hier aber nicht danach aus.« Mattie zeigt auf die Gips-Paläste. »Weißt du, wie das für mich aussieht? Seht her. Dies ist meins. Das kann mir keiner nehmen. Auch wenn ihr uns jedes Recht absprecht, uns behandelt wie Abschaum. Dies ist das Zeichen unseres Stolzes.«
»Du siehst das zu romantisch.« Immerhin zeigt sich ein sarkastisches Lächeln auf seinem Gesicht. Mattie grinst zurück. Das Zusammensein mit Georgel macht ihr Spaß. Es erinnert sie an den turbulenten Beginn ihrer Freundschaft mit Cal.
»Und du romantisierst, jemandem einfach was wegzunehmen. Ohne zu fragen.«
Er schaltet in den ersten Gang und nimmt ein besonders tiefes Schlagloch in Angriff. »Was würdest du denn machen, wenn alle Welt sowieso von dir erwartet, dass du ein Dieb bist?«
Mattie überlegt. »Ihnen beweisen, dass ich anders bin.«
»Und was nützt das?« Georgel sieht sie an. »Es ändert gar nichts.«
»Wahrscheinlich hast du recht.« Sie wird darüber nachdenken müssen.
Georgel parkt direkt vor dem Tor des Voinescu-Hauses.
»Ist es okay, wenn wir es noch mal versuchen?«
Er nickt. »Es wäre gut, wenn diese Familie mal eine gute Erfahrung macht. Es würde etwas ändern. Für sie jedenfalls.«
Wieder Hunde und Kinder. Geduldig bleiben sie in der Mitte des Hofes stehen und warten darauf, dass ein Erwachsener auftaucht. Es kommt niemand. Plötzlich bildet sich eine Lücke, und das Mädchen steht vor ihnen. Heute ist sie geschminkt. Lolita mit dem tragischen Flair der zu frühen Abgeklärtheit. Wieder dieser eigenartige Blick. Erwachsen und mädchenhaft zugleich.
»Ich bin Lili«, sagt sie auf Englisch. Dann ein scharfer Befehl an die anderen Kids, und in kürzester Zeit stehen drei Plastikstühle auf dem Hof. Lili nimmt Platz wie eine Königin und bedeutet ihnen, sich ebenfalls hinzusetzen.
Georgel beantwortet geduldig ihre Fragen, während Mattie sie in Ruhe beobachtet und ab und zu freundlich nickt. Er hat eine gute Art mit den Kindern, ohne jede Herablassung und vor allem ohne lehrerhaften Unterton.
»Lili möchte wissen, wo du herkommst.«
»Aus Deutschland. Im Moment wohne ich in Berlin.«
Georgel übersetzt. Lili schüttelt unzufrieden den Kopf.
»Sie möchte wissen, woher du stammst. Deine Heimat.«
Mattie seufzt. Schon klar, wo der Hase hinläuft. »Mein Vater ist Inder.«
Georgel lässt sich seine Überraschung nicht anmerken. Lili klatscht in die Hände. »Sie sagt, sie hat es sofort gewusst. Gestern schon.«
Es folgt ein langer Vortrag von Lili via Georgel darüber, dass die Roma vor knapp tausend Jahren aus Indien nach Europa gekommen sind. Also ist man verwandt. Sie springt auf und rennt überhaupt nicht mehr damenhaft ins Haus. Kurz darauf kommt sie mit einer älteren Frau zurück. Die wirkt erschöpft. Matties Emma-geschulter sechster Sinn für Depressionen spürt die Düsternis, die über der Frau schwebt wie eine Wolke. Trotzdem strahlt sie eine gewisse Würde aus, als sie sich vorsichtig auf Lilis Stuhl setzt. Dann kommt die obligatorische Vorstellungsrunde.
»Sie ist Angelica, die Frau von Marius Voinescu.«
Mattie steht auf und gibt ihr die Hand. »Es tut mir sehr leid, was Ihrem Mann in Deutschland geschehen ist.«
Angelica schaut sie lange an und nickt. Der Blick geht Mattie durch und durch. Schnipsel aus alten Kinofilmen schießen ihr durch den Kopf.
»Sie ist Inderin!«, sagt Lili stolz, als wäre Mattie ihr persönliches Eigentum.
Um von sich abzulenken, fragt Mattie, ob Angelica sich an die Zeit in Deutschland erinnert. Georgels Übersetzung ist vorsichtig, bereit, jederzeit abzubrechen, wenn die Frage eine Grenze überschreitet. Mattie schickt ihm einen dankbaren Blick. Er ist wirklich ein Geschenk.
Angelica beginnt zu sprechen. Erst ganz leise, dann lauter. Sie richtet sich auf, und Mattie erahnt für einen Moment die Schönheit, die diese Frau verloren hat.
»Sie erinnert sich nicht genau, wie es war. Alles ist verschwommen in ihrem Kopf. Jemand hat ihr die Nachricht gebracht, dass ihr Mann getötet wurde. Sie ist ohnmächtig geworden. Immer wieder. Dann ist sie zurückgefahren mit dem Sarg. Am offenen Grab hat sie die Täter verflucht. Sie hofft, dass sie bis heute im Gefängnis schmoren.«
Mattie zögert, dann sagt sie ihr, dass die Täter niemals im Gefängnis waren. Georgel seufzt, bevor er für Angelica übersetzt. Die ist sichtlich erschüttert. Ein Befehl an die Kinder, ein Junge rennt in die Küche und kommt mit einer Schachtel Zigaretten wieder. Angelica raucht schweigend. Lili steht hinter ihrer Großmutter, die Hand auf deren Schulter. Sie sieht Mattie an und sagt etwas.
»Sie fragt, ob du ihr versprichst, dass ihre Mama zurückkommt.«
Mattie will gerade antworten, als ohne Vorwarnung Ştefan auf der Bildfläche erscheint. Von einem Moment auf den anderen sind alle Kinder weg, ebenso Angelica und Lili. Ştefans Blick spricht Bände. Mattie und Georgel sollen verschwinden.
Auf dem Weg hinaus guckt sie wieder in die Küche. Eine Melodie erregt ihre Aufmerksamkeit. Auf einem großen Fernseher läuft Don 2. Sie kann nicht anders, sie muss stehen bleiben. Frauen und Kinder, die gebannt auf den Bildschirm starren.
Georgel zerrt sie fast mit Gewalt mit zum Ausgang. »Komm jetzt! Es kann hier verdammt ungemütlich werden, wenn wir nicht verschwinden.«
Die Angst ist schlagartig wieder da. Vor Liviu, vor den Brüdern Voinescu, vor den Blicken auf der Straße. Erst im Auto spürt Mattie, wie die Anspannung von ihr abfällt.
Selbst Georgel scheint erleichtert zu sein. Auf dem Rückweg kommt er für seine Verhältnisse in richtige Plauderlaune und erzählt ihr, dass es früher in Turnu Severin ein Kino gab, das fast ausschließlich Bollywoodfilme zeigte. »Meine Großmutter, also die Mutter meines Vaters, hat mich regelmäßig dahin mitgenommen.«
»Aber warum gerade indische Filme?«
»Na, ist doch klar. Die Filme sind wie Botschaften aus der Heimat. Alle sind hingegangen. Sie haben sich aufgebrezelt und die Lieder auf Hindi mitgesungen. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Hindi und Romanes, weißt du das nicht?«
Woher soll sie das wissen? Und dass die Roma nach tausend Jahren immer noch Indien als ihre Heimat ansehen.
Georgel zwinkert ihr zu. »Du hast auch nicht so viel mit Indien am Hut, stimmt’s?«
Darauf hat sie keine einfache Antwort. »Gibt’s das Kino noch?«
Er schüttelt den Kopf. »Hat Mitte der neunziger Jahre geschlossen. Das Publikum war ja komplett weg. Alle im Westen.«
Schade. Sie hätte Cal gern berichtet, wie es ist, in einer rumänischen Kleinstadt den indischen Kinohit der letzten Saison zu gucken.
Apropos Cal. In ihrem Hinterkopf meldet sich ein kleiner grüner Funke. Eine Idee. Operation Letzte Hoffnung.