20. Juni 2012, Hansestadt
Kollwitz
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland
Adriana sitzt in der Zelle am Tisch. Das Fenster ist vergittert, wie damals im Heim. Dahinter ein großer Hof. Grünes Gras, kurz geschnitten. Rundherum ein Gang aus hellgrauen Betonplatten. Ein paar Bäume, noch jung, sie haben kaum Blätter. Adriana ist unruhig.
Die Zeit steht still.
Sie wartet darauf, dass ihre Kleider trocknen. Die Wärterin hat ihr ein T-Shirt und einen Rock gebracht. Das T-Shirt ist zu groß und der Rock zu kurz. Sie fühlt sich nackt, setzt sich wieder aufs Bett, kriecht unter die Decke. Das Alleinsein macht sie müde, unendlich müde. Dauernd schläft sie ein, hat wilde Träume, wacht wieder auf. Sie kann sich nicht erinnern, jemals so lange in einem Raum gewesen zu sein.
Nachts liegt sie wach. Überall im Haus geht zur selben Zeit das Licht aus. Dann ist es dunkel. Kein Laut ist zu hören. Als läge sie tot in einem Sarg. Sie lauscht auf ihren Herzschlag. Und wartet auf den Morgen.
Die Frau, die ihr jeden Tag das Essen bringt, kommt herein. Sie stellt das Tablett mit dem Mittagessen auf den Tisch. Sie haben noch kein Wort miteinander gesprochen.
»Meine Tasche!« Ihre Stimme klingt heiser. Wie lange ist es her, dass Liviu sie besucht hat? Drei Tage? Drei Wochen? »Da sind Papiere drin. Wichtige Papiere.«
»Die Tasche ist in Verwahrung.« Die Frau ist schon wieder auf dem Weg nach draußen.
»Kann ich in den Papieren lesen? Bitte?«
»Wenn Sie lesen wollen, gehen Sie in die Bücherei. Da gibt’s genug zu lesen.«
Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Frau ist weg. Adriana geht zum Tisch und isst.
Beim nächsten Mal ist sie schneller.
Kaffeepause. »Kann ich einen Antrag stellen, um die Papiere zu lesen?«
Die Frau guckt sie an. »Können Sie.« Etwas Seltsames geht von ihr aus. Adriana versucht in ihrem Gesicht zu lesen. Ist es Hass? Nein, nicht nur. Hass hat sie schon oft gesehen. In Rumänien. In Spanien. In Deutschland. Es ist noch etwas anderes. Angst. Die Frau hat Angst vor ihr. Die Mörderin. Die Zigeuner-Mörderin. Adriana hat dieses schlechte deutsche Wort für Ţigani nicht vergessen. Die Erkenntnis, dass die Frau Angst vor ihr hat, gibt ihr den Mut, weiterzumachen.
»Wie stelle ich einen Antrag?«
Die Frau verschwindet und kommt kurz darauf mit einem weißen Blatt und einem Kugelschreiber zurück.
Die nächsten Stunden verbringt Adriana damit, aufzuschreiben, dass sie in dem Fahrtenbuch ihres Vaters lesen möchte. Zwischendurch legt sie immer wieder den Kopf auf die Arme. Als sie das Abendessen abräumt, nimmt die Frau ihren Antrag mit.
Am nächsten Morgen liegen die Seiten aus Vaters Fahrtenbuch auf dem Tisch neben dem Tablett. Das erste Mal seit Tagen fühlt Adriana etwas anderes als Einsamkeit und Angst. Vater ist bei ihr.
»28/06/1992.« Der Abend, bevor er starb. Adriana sitzt aufrecht am Tisch. Sie ist nicht mehr müde. »Meine Tochter, als ich heute Nachmittag am Telefon deine Stimme hörte, musste ich fast weinen. Du klingst nicht mehr wie ein Mädchen, sondern wie eine erwachsene Frau. Und das bist du ja auch. Du hast für unsere Familie gesorgt, während ich weg war. Werde ich dir jemals genug dafür danken können?« Adriana sieht zum Fenster, als könne sie Vater dort draußen finden. Es ist gut, Vater. Dann liest sie weiter. »Im Moment sitze ich an den Bahnschienen, genau an der Grenze zwischen Polen und Deutschland. Ich schreibe in mein Buch. Einige stehen herum und unterhalten sich leise. Andere sitzen einfach auf einem Baumstamm und warten. Ich kann ihre Anspannung spüren, sie alle werden erleichtert sein, wenn sie es sicher auf die andere Seite geschafft haben. Besonders Nicu. Lass mich dir von ihm berichten.«
Die Tür geht auf. Zum ersten Mal hat Adriana die Frau nicht kommen gehört, so vertieft war sie in die Worte des Vaters. Hinter der Frau kommen zwei Polizisten in die Zelle, ein Mann und eine Frau. Die drei wechseln einen schnellen Blick. Hass und Angst.
»Frau Ciurar?«
»Ja.« Sie legt die Seite, die sie gerade liest, vorsichtshalber mit der Schrift nach unten auf den Tisch. Steht auf.
»Wir bringen Sie jetzt mit dem Auto zum Gericht. Sie werden dort dem Haftrichter vorgeführt.«
Sie versteht nicht.
Die Polizistin tritt zu ihr, schon hat sie die Handschellen von ihrem Gürtel gelöst. Adriana versucht, sich dem Griff zu entziehen.
»Fluchtgefahr«, murmelt die Polizistin mit zusammengepressten Lippen. Das Metall legt sich um ihre Handgelenke, sie ist gefangen. Die Prozession setzt sich in Bewegung. Die Wärterin voran, dann Adriana und die Polizistin, hinten der Mann. In der Eingangshalle kommen sie zum Stehen. Ein anderer Polizist erscheint. Sie flüstern. Adriana kann nur einzelne Worte verstehen.
Die Gefängniswärterin verschwindet. Stattdessen geht jetzt der andere Polizist voran. Draußen blendet sie das helle Licht. Der Lärm trifft ihre Ohren wie ein Schlag nach den Tagen und Nächten der Stille.
»Mörderin!«
»Zigeuner raus!«
Gesichter. Rot vor Aufregung.
Wut.
Hass.
Angst.
Der Polizist geht schneller. Die Polizistin zieht an ihrem Arm.
»Vorwärts!« Von hinten schiebt der andere Polizist. Adriana fühlt sich wie ein Tier.
Plötzlich trifft etwas Kaltes sie seitlich am Kopf.
Panik.
Sie wird hochgehoben. Als sie wieder denken und fühlen kann, sitzt sie in einem Transporter. Vergitterte Scheiben.
Adriana zittert am ganzen Körper. Sie bekommt keine Luft.
Die Großmutter. Kann nicht atmen. SCHEINASYLANTENZIGEUNER!
Die Polizistin telefoniert. »Wir brauchen bei Ankunft einen Arzt. So ist sie nicht vernehmungsfähig.«
Ihre Zähne klappern, als habe sie Fieber. Der Polizist kommt von vorne und bringt ihr eine Decke. Sie hüllt sich darin ein.
»Frau Ciurar!« Die Polizistin telefoniert nicht mehr. »Können Sie mich verstehen?«
Adriana nickt.
»Es ist ja nichts passiert, Frau Ciurar. Sie stehen im Verdacht, ein Tötungsdelikt an einem deutschen Staatsbürger begangen zu haben. Die Leute sind aufgebracht. Sie müssen das verstehen.«
Adriana schließt die Augen. Sie muss das verstehen. Und die Großmutter? Und Vater? Warum, warum nur musste sie an diesen verfluchten Ort zurückkehren? Sprich zu mir, Vater! Erkläre es mir!