9. Juni 2012, Braşov
Transsilvanien, Rumänien

»Mist!« Draußen ist es ja hell! Da vorne um die Ecke, dann kommt das Fußballstadion. Nadina Lăcătuş reißt die Kopfhörer aus den Ohren und stopft das Handy in die Tasche ihrer Trainingshose. Sie tritt dem Opa neben ihr auf die Füße.

Der Alte schreckt aus dem Schlaf. »Was?«

Doch Nadina ist schon weiter. »Stopp!«

Der Fahrer steigt auf die Bremsen. Gerade noch geschafft.

Der Rollkoffer knallt auf die Straße. Ihr restliches Geld ist dafür draufgegangen, auf dem chinesischen Markt in Bucureşti. Darin ihre Sachen, die sich über die letzten vier Jahre angesammelt haben, Stifte, Haarspangen und ein Plastikfußball für die Kleinen von ihren Brüdern. Jeden Leu abgespart vom lausigen Almosen für die Stipendiaten. Taschengeld nennen sie das. Ein Witz. Raluca, die das nur für den Kick macht, hat ihr gezeigt, wie man bei H&M die Sicherungen aus den Klamotten fummelt. Sonst würde Nadina heute noch denselben Rock tragen wie an dem Tag, als sie wegging.

Der Bus hustet schwarzen Qualm und verschwindet in Richtung Innenstadt. Auf einmal kriegt sie den Horror. Hinterherrennen. Wieder einsteigen. Irgendwohin fahren. Zu spät. Nadina setzt sich auf die Bank vor dem Stadion. Die langen Haare nerven. Nachts im Bus hat sie das Haargummi abgemacht und eingesteckt. Ach ja, linke Tasche. Hier will sie sowieso nicht mit offenen Haaren rumlaufen. Da sind ja auch die Kopfhörer. Nur noch einmal. Rihanna und Eminem.

Just gonna stand there and watch me burn
But that’s all right because I like the way it hurts
Just gonna stand there and hear me cry
But that’s all right because I love the way you lie

Kann sie gar nicht oft genug hören. Der Wind auf den nackten Schultern. Ganz schön kalt hier oben in den Bergen. Voll die Tussi ist sie geworden. Sie steckt sich eine Kippe an, um das kribbelige Gefühl in der Magengrube loszuwerden. Alles easy, sie war doch alle paar Monate hier. In den Ferien. Heute kommt sie für immer zurück.

Sie ist nicht mehr die kleine Doofe aus der Provinz. Sie weiß Bescheid. Das Ţiganikind für die Quote auf dem Internat. Irgend so ein Schwachsinns-Modellprojekt aus Brüssel. Wenn es Kohle von der EU gibt, machen in Rumänien alle Männchen. Ihre alte Klassenlehrerin hat sie vorgeschlagen, damals nach der achten. Mama wollte sie hierbehalten. Die Brüder wollten, dass sie bei Mama blieb. Nadina wollte auch bei Mama bleiben. Die Lehrerin ist immer wieder bei ihnen aufgekreuzt. Bis Mama zugestimmt hat. »Du wirst vier Jahre lang zu essen haben, Tochter.« Als das Auto kam, um sie abzuholen, konnte Mihai sie trotzdem nur mit Gewalt reinbefördern.

Es war schlimmer als erwartet. Sie musste sich jeden Millimeter Respekt von den Gadjes erkämpfen. Mit Schreien und Spucken und oft genug mit den Fingernägeln. »Halt immer den Kopf hoch.« Mamas Lieblingsspruch. »Und heul nicht vor den Weißen.« Wie oft hat sie das Stipendium verflucht. Ihre Sachen gepackt, um abzuhauen. Die Tränen runtergeschluckt. Weitergemacht.

Bringt nichts, hier rumzuhängen. Sie zieht den Griff von dem Koffer raus und macht sich auf den Weg nach Hause. Immer an der Ausfallstraße nach Osten, unter der Stromtrasse. Der Koffer poltert über die uralten Platten des Bürgersteigs. Oh Mann. In Bucureşti lief der noch wie geschmiert. Autos rasen an ihr vorbei. Wochenende, die Reichen fahren raus in ihre Datschen.

Endlich. Sie bleibt kurz stehen. Noch ’ne Kippe. Wollte sie eigentlich für später aufheben. Wer weiß, wann sie Arbeit findet. Aber das Kribbeln geht nicht weg. Die letzten Häuserblocks hier links, dann ist die Stadt zu Ende. Die Brücke über den Fluss, links die Sandpiste rein. Ihre Siedlung.

Neben ihr tauchen sofort die Kinder, die Hunde und ein Ferkel auf. Haben die hier gewartet oder was? Voll das Ghetto. Zusammengezimmerte Hütten hinter Wellblechzäunen. Überall Müll. Verdammt, holt den hier keiner ab? Blöde Frage. Was irgendwer zu Geld machen kann, wird rausgesammelt, der Rest bleibt liegen.

»Nadina!« Ist das nicht der Älteste von Mihai, der sich da zu ihr durchboxt?

»Lass mich mal durch.« Sie versucht schneller zu laufen, aber der blöde Koffer wird immer schwerer auf dem Sand. Vor ihr das Umspannwerk, mitten im Mais, direkt hinter den letzten Hütten. Was stehen denn die ganzen Leute da rum?

Die Bretterpforte geht auf. Mama tritt auf die Straße. Obwohl sie so klein ist, der Rücken krumm, bildet sich sofort eine Gasse. Sie hat diese Wirkung auf die Leute.

»Tochter.«

»Mama!«

Ist das wirklich Mihais Großer, der an ihrem Koffer zerrt? Wird er schon sein. Sie lässt los. Nur noch ein paar Schritte. Mama riecht so gut. Nadina drückt ihr Gesicht an das kratzige Tuch, mit dem sie ihre Haare zusammenhält.

»Willkommen zu Hause, mein Kind.«

Neugierige Blicke bohren sich in ihren Rücken. Die mit dem Schulabschluss. »Silvia, sag ihr, sie soll ihr Gesicht zeigen!«, ruft jemand und lacht.

»Komm.« Mama zieht sie mit festem Griff hinter sich her und schließt die Pforte. »Heute gehörst du noch mir allein.«

Nadina lacht. »Wieso noch?«

»Na, na, du wirst sehen. Kaum vergeht der Tag, und schon sind die Kinder fort.«

Sie knufft ihre Mutter in die Seite. »Mama, deine Söhne wohnen um die Ecke. Deine Enkel sind mehr bei dir als bei ihren eigenen Müttern.«

Alles sieht enger aus als früher. Der rechteckige Hof mit dem Bretterverschlag und dem Klo. Ein Kinderfahrrad. Eine Puppe ohne Arme. Mama hält ihr den Vorhang auf, der ins Wohnzimmer führt. Es ist winzig, gerade genug Platz für das Sofa und den Tisch. Nadina schleudert ihre Flipflops von den Füßen.

»Ich hab alle weggeschickt«, sagt Mama und brüllt den Jungen an, der sich über den Koffer hermachen will. »Raus jetzt! Ihr könnt später wiederkommen. Am Abend!« Der Sandkastenrocker zieht eine verspiegelte Sonnenbrille aus der Hemdtasche, setzt sie auf und versucht einen coolen Rückzug. Als er sich umdreht, liest sie auf dem Portugal-Trikot: Ronaldo und die Sieben. Richtig, Cristi heißt er.

»Setz dich hierhin.« Ein Befehl, keine Widerrede. Sie lässt sich aufs Sofa fallen. Mama verschwindet nebenan in der Küche und kommt mit einem Tablett wieder. Brot, Käse und ein paar verschrumpelte Tomaten. Das soll alles sein? Dafür hat sie geschuftet wie ein Ochse und ein verdammtes Abschlusszeugnis mitgebracht? »Der Herd ist kaputt, Kind. Der letzte Regen ist durch das Dach gegangen und hat Löcher ins Eisen gefressen. Jetzt fällt das Holz durch.«

Nadina seufzt. Es hat nie was anderes gegeben. Als hätte das Haus auch Löcher im Boden, durch die das Geld fällt. Mama zieht wortlos ihr T-Shirt aus. Nadina muss den Blick abwenden. Es ist schlimmer geworden. Die Wirbelsäule sieht aus wie eine Schlange, die unter der Haut liegt. »Die Schmerzen.« Mama sagt das so, als würde sie über das Wetter reden. »Jede Nacht. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich kann nicht mehr arbeiten.« In den letzten Winterferien ist Mama noch einmal die Woche ins Fußballstadion gelaufen und hat ganz allein die riesige Tribüne, die Toiletten und die Kabinen für die Spieler geputzt.

»Ich gehe arbeiten. Die Callcenter suchen Leute, die Englisch und Französisch können. Du ruhst dich aus.« Sie nimmt das Zeugnis aus der Mappe und gibt es Mama.

Die Brille liegt noch in der Schublade. Sie setzt sie umständlich auf. Trotzdem hält sie das Blatt weit weg. Ihre Augen werden auch immer schlechter. »Du bist wie dein Vater. Immer wollte er noch mehr lernen über seine Maschine. Lernen, lernen. Und wen haben sie zuerst entlassen? Die Ţigani.«

Nadina seufzt. »Mama, das war damals. Heute zählen andere Sachen. Außerdem sehe ich nicht aus wie eine –«

Mamas Augen schießen grünes Feuer. Ohne ein weiteres Wort nimmt sie den leeren Teller und verschwindet. »Es ist besser, wenn deine Brüder dich nicht sehen«, ertönt die Stimme hinter dem Vorhang. »Sie kommen meistens zwischen vier und sechs, nach der Arbeit. Wenn es welche gibt.«

»Es tut mir leid, Mama!« Sie hat gelernt, die Tränen runterzuschlucken.

»Du bist jung und unverheiratet. Es wird sich herumsprechen, dass du wieder da bist.«

Nadina versteht. »Ich will nicht heiraten. Ich will noch keine Kinder.«

Als sie hochsieht, steht Mama wieder in der Tür. »Was ist daran schlimm?«, fragt sie, und ihre Stimme klingt wie Metall. »So ist es immer gewesen.«

»Ich will Architektur studieren.« Auf der Abschlussfeier haben alle so geredet. Ich mach dies und das. Ins Ausland gehen. Work and Travel. Und sie hat mitgemacht. Einfach irgendwas gelabert. Na ja, hier interessiert das sowieso keinen.

»Sicher«, sagt Mama. Ihre Gedanken sind schon ganz woanders. Das Zeugnis verschwindet in der Schublade, zusammen mit der Brille. Wertloses Zeug.

Nadina steht auf. In der engen Hütte hat sie das Gefühl, keine Luft zu kriegen. Raus in den Hof. Noch eine Kippe. Auch zu eng. Zu laut. Überall Stimmen. Geräusche. Gerüche. Armut. Sie versucht sich zu erinnern. Im Stadtzentrum gibt es Internetcafés. Das Wechselgeld vom Busticket reicht vielleicht noch für ein paar Stunden. Eine Weile verschwinden, zwischen Touristen und den Jugendlichen aus den Wohnblöcken.

Auszeit.

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