17. Juni 2012, Kreuzberg
Berlin, Deutschland

Heute hat sie das erste Mal gekocht. Spaghetti mit Pilzen und Salat. War nicht super, aber sie haben alle nett aufgegessen und keiner hat gemeckert. Bettina kennengelernt, die andere Anwältin. Durchtrainiert. Hart. Braungebrannt mit Fältchen um die Augen. Nicht so entspannt wie Volker. Jeder spielt eben seine Rolle, in so einem Laden genau wie im sonstigen Leben. Bettina hat Mattie ganz schön gegrillt. Wie sie eigenverantwortlich das Netzwerk aufbauen will für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Ob einem das Wort Eigenverantwortung irgendwann zu den Ohren rauskommt?

Nick hat ihr das Fahrrad von Jasmin gegeben. Die fährt zurzeit lieber S-Bahn, damit sie morgens und abends noch lesen kann. Alles für die Karriere. Das Fahrrad ist leicht wie eine Feder. Deswegen muss sie es auch überall mit reintragen. In die Kanzlei. In ihren Bus. »Auf keinen Fall draußen anschließen!« Dein Besitz macht dich ängstlich, Nick.

Sie schiebt das Fahrrad über die Schlesische und fährt an den Speichern vorbei. Hier hat Cal seine Bollywoodshow inszeniert. Cal. An dieser Ecke taucht er jedes Mal vor ihrem inneren Auge auf wie ein Hologramm. Außer Nick ist ihr vielleicht nie jemand so nahegekommen. Das Lied, das er ihr über Skype vorgesungen hat.

Isi Baat Pe.

Sie kriegt die Melodie nicht mehr richtig hin. Cal fehlt ihr von innen. Jeden Tag. Einer, mit dem sie sich vorstellen konnte irgendein mögliches Leben zu teilen. Mit Kindern? Ist doch Quatsch. Ist auch zu spät jetzt. Cal ist in Bombay. Cal liebt Männer. Überleg dir was anderes als diesen Kleinfamilienkram, Mattie. Lass dich nicht anstecken. Sei kreativ!

Sie biegt am Osthafen ab und atmet auf. Wind! Wellen. Mattie vermisst das Meer. Das Meer und das Kung-Fu-Training. Bei Kamal ist sie nicht so sicher. Der Schnitt ist noch zu frisch. Je schneller sie fährt, desto mehr Wind bläst ihr ins Gesicht.

In null Komma nix ist sie am Plänterwald. Der Parkplatz liegt verlassen da, mitten in der Woche verirren sich am Abend höchstens ein paar Jogger und Leute mit Hunden hierher. Die beiden Busse von Familie Liviu – so nennt sie sie für sich – scheinen verlassen. Mattie steigt ab, schließt den Bus auf und hebt das Fahrrad oben auf die Kisten. Lässt sich aufs Bett fallen. Vorne gibt es zwar noch ein paar Sitzbänke, aber das fühlt sich komisch an, wenn man nicht fährt. Wie lange kann sie so leben, ohne Wohnung, ohne Beziehung, als frei flottierender Himmelskörper in der Riesenstadt? Wonach suchst du, Mattie? Suchst du überhaupt irgendwas?

Sie klappt den Laptop auf, um die Aufnahme von Cals Song abzuspielen.

Es klopft. »Frau Mattie!«

Nein. Tot stellen. Nicht da.

»Frau Mattie! Sie sind da! Ich habe Sie gesehen. Bitte!«

Sie steht auf und öffnet die vordere Tür.

Liviu. »Kann ich reinkommen?«

Eigentlich ist es ihr nicht recht. Sie hat ja keinen Salon oder so. Schließlich rutscht sie rüber, so dass er auf dem Fahrersitz Platz hat. Er klettert die Stufen hoch und lässt sich keuchend in den Sitz fallen. Legt erst mal die Hände aufs Lenkrad. Brummt wie ein Bär.

»Was ist los, Liviu?«

»Arbeitest du wirklich bei einem abogado?«

»Ja.« Schön auf der Hut bleiben. Nicht zu viel sagen.

In seinem Euro-Kauderwelsch erklärt er umständlich, dass eine Freundin angerufen hat, die in Schwierigkeiten steckt und Hilfe braucht.

»Was für Schwierigkeiten? Mit der Polizei?«

Er wackelt mit dem Kopf, überlegt, was er sagen soll. »Ja, irgendwie schon. Ist aber alles ein Missverständnis.«

Mattie lächelt. Wahrscheinlich sitzt die Frau wegen Diebstahls oder so, braucht einen Anwalt und hat kein Geld. »Die Anwälte, bei denen ich arbeite, machen nur große Sachen. Politische Prozesse. Verstehst du?«

»Was ist das, politischer Prozess?«

Sie weiß nicht, wie sie es auf Spanisch-Englisch erklären soll. »Egal, sie haben genug Fälle, okay? Keine Zeit!«

Liviu starrt auf den Wald hinter der Frontscheibe. Eine ganze Weile sagt er nichts. Mattie überlegt, wie sie sich verabschieden kann, ohne ihn zu kränken.

»Ist eine große Sache«, sagt er plötzlich, ohne sie anzusehen. »Ist Mord.«

»Mord?« Sie glaubt erst, dass sie ihn falsch verstanden hat. Er wiederholt das Wort.

Ihr wird kalt. Zweimal hat sie mit Mord zu tun gehabt. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Man ist ein Scherbenhaufen, und wenn man Pech hat, fehlt irgendwo ein Stück, das sich nicht wieder ankleben lässt. Zweimal zu viel.

»Hat die Frau keine Familie? Können die ihr nicht helfen?« Dafür hat man schließlich Familie. Alle anderen jedenfalls.

»Ich hab ihren Mann angerufen. Der sagt, er bringt mich um, wenn ich sie nicht heil zurückbringe. Ist alles meine Schuld.«

Oh nein, nicht das. Das ist Emmas Masche. Alles meine Schuld.

»Frau Mattie, fahren Sie mit nach Kollwitz. Dann entscheiden Sie, ob Sie dem abogado davon erzählen. Bitte.« Keine Witze mehr. Kein Bärengebrumm. Es macht ihm zu schaffen, das kann sie sehen und fühlen.

»Die nehmen doch keinen Mandanten, nur weil ich einen anschleppe«, murmelt sie, eher zu sich selbst. Liviu sieht sie an. Er macht keine Anstalten auszusteigen.

Verdammt! Warum muss so was immer dir passieren, Mattie Junghans?

Andererseits ist morgen Samstag. Ihr erstes Wochenende in Berlin. Nichts steht auf dem Plan, außer vielleicht, ins Büro zu gehen und die Zeit mit Arbeit herumzubringen.

»Na gut. Aber wenn ich nein sage, gilt nein.«

Als die Fahrertür hinter ihm zufällt, stellt sie die Füße aufs Armaturenbrett und schlingt die Arme um die Knie. Bist du verrückt oder Emma? Das kann doch nicht dein Ernst sein, mit einem wildfremden Zi– äh, Roma durch die Gegend zu fahren und eine Mörderin zu besuchen?

Nick anrufen. Nick muss mitkommen. Sie springt nach hinten, zieht das Handy aus der Tasche, drückt die Kurzwahltaste –

Nein. Nick ist jetzt Vater und Ehemann. Der hat ein Privatleben, im Gegensatz zu dir. Wenn sie da zu viel aufreißt, gibt es eine Katastrophe. Für Nick und Jasmin. Und für Azim. Dem soll sein kleines Leben doch nicht jetzt schon um die Ohren fliegen.

Grenzfall
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