Eine schöne Tasse Tee

Wir begannen unsere Erkundung der Relativität mit einem Getränk. Kommen wir nun zu einem anderen Getränk, das Ihnen vielleicht an Bord serviert wird und von dem Sie ein wenig enttäuscht sein könnten. Ich meine hier nicht, weil Sie es aus einer Plastiktasse trinken müssen. Es handelt sich um die schöne Tasse Tee. Teeliebhaber ziehen es vor, wenn ihr Tee mit kochendem Wasser gebrüht wird – was Wasser mit 100 °C bedeutet. Das kann im Flugzeug nicht geschehen. Das liegt nicht daran, dass die Flugbegleiter kein Interesse haben, einen ordentlichen Tee zu kochen, sondern weil es unmöglich ist, an Bord eines Flugzeugs Wasser auf 100 °C zu erhitzen.

Schuld daran ist der Luftdruck. Bedenken Sie, was passiert, wenn eine Flüssigkeit wie Wasser kocht: Die Moleküle in der Flüssigkeit bewegen sich so schnell, dass sie in die Luft entweichen können. Gäbe es keine Luft, könnten sie bei jeder Geschwindigkeit entweichen – würden Sie Wasser mit ins Vakuum des Weltalls nehmen, würde es trotz der ungeheuren Kälte kochen. Normalerweise hindert der Luftdruck die meisten Wassermoleküle am Entweichen. Stellen Sie sich die Luft als ein Bombardement mit Milliarden von Bällen vor, die alle herunterstoßen, um das Wasser im Zaum zu halten. Verringern Sie nun den Luftdruck, haben Sie eine geringere Zahl von Bällen zur Verfügung, die auf die Wasseroberfläche treffen, so dass die Wassermoleküle nicht so schnell sein müssen, um sich den Weg durch die Bälle hindurch zu erzwingen und entweichen zu können.

Beim Luftdruck in der Kabine – der 2400 Meter über dem Meer entspricht – kocht Wasser bei etwa 90 °C, und heißer wird Ihr Tee nicht. Egal, wie viel Hitze die Kabinencrew in den Kocher pumpen würde, die Temperatur würde nicht über 90 °C steigen, ehe das gesamte Wasser verdampft ist. Das ist der Fall, weil jede zusätzliche Energie, die man dem Wasser auf dem Siedepunkt zuführt, genutzt wird, um die Bindungen aufzubrechen, die Wasser als Flüssigkeit zusammenhalten, so dass mehr in den gasförmigen Zustand übergeht und nicht die Temperatur des Wassers erhöht wird. Erst wenn alle Bindungen aufgebrochen sind, steigt die Temperatur.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen der Wasserkocher aus der Bordküche bei sich außen auf dem Flugzeugflügel. Eine Tasse Tee aus diesem Wasser wäre wenig ansprechend. Angesichts des verringerten Luftdrucks in rund 12000 Metern Höhe kocht Wasser bei nur 53 °C.

Wenn Sie aber nur Tee mögen, der »richtig« mit Wasser von 100 °C gebrüht wurde, sollten Sie bei Ihrem Flug besser auf Kaffee ausweichen oder auf Tomatensaft mit viel Salz und Pfeffer. Hinter dessen unglaublicher Beliebtheit in luftiger Höhe steckt die Tatsache, dass der niedrige Luftdruck die Geschmacksschwelle steigen lässt. Es verlangt einen im Flieger also nach deutlich mehr Würze, wie Andrea Burdack-Freitag am Fraunhofer Institut Holzkirchen nachwies. Der Zeit sagte sie, man rieche die Speisen und Getränke »als habe man einen Schnupfen«. Da kommt der streng duftende rote Saft gerade recht.

Warum Tee im Flugzeug nicht schmeckt und Wolken nicht vom Himmel fallen: Eine Flugreise in die Welt des Wissens
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