USS Reuben James
O’Malley zog an der Steuersäule und ging auf fünfhundert Fuß. Aus dieser Höhe konnte er im Südwesten den Nordrand des Geleitzuges ausmachen. Es waren mehrere Hubschrauber in der Luft – jemand hatte eine gute Idee gehabt. Viele Handelsschiffe trugen Hubschrauber als Deckfracht, und mit diesen stiegen die Besatzungen auf und suchten die Umgebung des Konvois nach Sehrohren ab. Auf allen Schiffen hielten Soldaten Ausschau und hatten Befehl, alles, aber auch alles, was sie sahen, zu melden; eine Prozedur, die zwar zu vielen Fehlsichtungen führte, aber die Männer wenigstens beschäftigt hielt. Und es war ja auch möglich, daß jemand irgendwann ein echtes Periskop erspähte. Der Seahawk flog zwanzig Meilen und begann dann zu kreisen, um nach dem möglichen U-Boot zu suchen, das vom Passivsonar der Fregatte entdeckt worden war.
»Okay, Willy. LQFAR abwerfen.«
Der Maat drückte auf einen Knopf, worauf aus der Seite der Maschine eine Sonoboje ausgestoßen wurde. Der Hubschrauber flog weiter, warf im Abstand von zwei Meilen vier weitere Bojen ab und errichtete so eine zehn Meilen lange Barriere. Dann hielt O’Malley die Maschine in einem weiten Kreis und spähte die See ab, während der Maat das Sonar-Display überwachte.
»Sir, ich hab ein schwaches Signal von Nummer Vier.«
O’Malley zog die Maschine nach Nordwesten.
»Vier hat inzwischen mittlere Signalstärke, Sir, und an Fünf rührt sich etwas.«
»Romeo, hier Hammer. Ich glaube, wir haben hier etwas. Werfen zwischen Vier und Fünf ein weiteres LOFAR ab, Designation Sechs.«
»Hammer, hier Romeo!«, rief der Controller von der Fregatte. »Von uns aus gesehen scheint sich der Kontakt nördlich der Linie zu befinden.«
»Roger, sieht hier auch so aus. In einer Minute sollten wir mehr wissen.«
»Sir«, rief Willy, »mittelstarkes Signal von Sechs!«
»Romeo, hier Hammer. Wir checken das jetzt mal mit dem Tauchsonar.«
Auf Reuben James wurde die Position des Hubschraubers zusammen mit der Sonobojen-Linie eingetragen.
O’Malley ging tiefer, bis der Helikopter fünfzehn Meter über dem Wasser schwebte. Willy machte das Tauchsonar frei und senkte es auf zweihundert Fuß ab.
»Sonarkontakt, Sir. Wahrscheinlich U-Boot, Richtung drei-fünf-sechs.«
»Dom hoch!« befahl O’Malley.
Der Seahawk stieg auf, raste eine Meile nach Norden und ließ das Sonar ein zweites Mal eintauchen.
»Kontakt in eins-sieben-fünf! Doppelschraube, klingt nach zehn Knoten.«
»Den haben wir in der Zange«, sagte der Pilot. »Rechnen wir das mal aus.« Ralston gab die Werte in den taktischen Computer ein.
»Er scheint nach Backbord abzudrehen – ja«, bestätigte Willy. »Dreht ab nach Backbord.«
»Hat er uns gehört?« fragte Ralston.
»Vielleicht hat er den Geleitzug geortet und kehrtgemacht, um ihn anzupeilen. Willy, Dom hoch«, befahl O’Malley. »Romeo, hier Hammer. Wir haben ein manövrierendes Ziel, wahrscheinlich U-Boot. Bitten um Freigabe der Waffen.«
»Roger, Hammer, Waffen frei.«
Der Pilot flog tausend Yards nach Südosten und senkte erneut das Sonar ab.
»Ich hab ihn wieder, Sir!« rief Willy aufgeregt. »Richtung drei-fünf-fünf, wandert leicht nach links aus.«
»Kommt direkt an uns vorbei«, meinte Ralston und schaute aufs TACNAV.
»Romeo, hier Hammer. Kontakt ist eindeutig ein U-Boot, und wir greifen es an.« O’Malley ließ die Maschine schweben. »Angriffssequenz.«
»Gesamtsystem scharf.« Ralston ließ die Finger über die Knöpfe gleiten. »Torpedowähler: Position eins.«
»Anfangssuchtiefe 250; Kursmodus: Schlange.« Ralston nahm die entsprechenden Einstellungen vor.
»Eingestellt.«
»Okay, Willy, klar zur Yankee-Suche.« O’Malley befahl so den Einsatz des Aktivsonar.
»Klar, Sir. Kontakt nun in zwo-null-null, wandert rasch von rechts nach links.«
»Drauf!« O’Malley schaltete die Sonarsignale auf seinen Kopfhörer um.
Willy drückte auf den Knopf, und der Sonar-Wandler stieß eine Serie von Schallimpulsen aus, die vom Rumpf des U-Boots zurückgeworfen wurden. Jäh erhöhte der Kontakt die Leistung seiner Maschinen.
»Eindeutiger Kontakt in eins-acht-acht, Distanz achthundert Yard.«
Ralston gab die letzten Werte in das Feuerleitsystem ein. »Eingestellt!«
Der Pilot drückte auf einen Knopf rechts der Steuersäule. Der Torpedo Mark-46 löste sich von seiner Aufhängung und stürzte ins Meer. »Torpedo los.«
»Willy, Yankee-Suche einstellen.« O’Malley knipste das Funkgerät an. »Romeo, wir haben gerade auf ein tauchendes Doppelschrauben-Boot abgeworfen; Distanz von uns rund achthundert Yard in eins-acht-acht. Torpedo im Wasser. Bitte warten.«
Der Mark-46 lief wie eingestellt in Schlangenlinien nach Süden. Das U-Boot, vom Aktiv-Sonar des Helikopters alarmiert, fuhr mit äußerster Kraft und versuchte, dem Torpedo auszuweichen.
»Hammer, hier Romeo. Hatchet ist unterwegs für den Fall, daß Ihr Torpedo sein Ziel verfehlt. Over.«
»Roger«, bestätigte O’Malley.
»Er hat ihn!« rief Willy erregt. Der Torpedo war nun bei der Annäherung ans Ziel auf automatische Sonarsuche gegangen. Zwar versuchte der Kommandant eine radikale Wendung nach rechts, doch der Hai war zu nahe, um sich noch abschütteln zu lassen.
»Treffer!« schrie Willy und klang fast so laut wie der Lärm der Explosion. Direkt vor ihnen schien die Oberfläche einen Satz zu machen, aber es stieg kein Schaum auf – dazu war der Torpedo in zu großer Tiefe detoniert.
»Tja«, meinte O’Malley, der zum ersten Mal einen scharfen Torpedo auf ein echtes U-Boot abgefeuert hatte. Die Geräusche des sterbenden Bootes klangen bedrückend. An der Oberfläche tauchten Ölblasen auf. »Romeo, das war eine Versenkung. Richten Sie dem Bootsmann aus, er soll den Pinsel holen. Wir suchen jetzt nach Wrackteilen und Überlebenden.« Am Vortag hatte eine andere Fregatte die ganze Crew eines abgeschossenen russischen Bear gerettet. Doch hier war niemand davongekommen. O’Malley flog noch zehn Minuten lang Kreise und wandte sich dann zurück zur Fregatte.