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Abby hatte geglaubt, das Glück stets auf ihrer Seite zu haben, doch dann hatte Travis ihren Trick durchschaut und ihr die Waffe aus der Hand geschossen. Sie selbst hatte zwar nichts abbekommen, aber die Waffe war weg und sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte. Ihre Zeit lief ab.
Sie rannte durch einen Flur, der vom Treppenabsatz im neunten Stock abging, und weiter durch einen breiteren Flur. Der mündete in einen großen Raum, der die ganze vordere Hälfte des Gebäudes einnahm. Die Wand zur Straße hin bestand komplett aus deckenhohen Fenstern, von Straßenlampen, Sternen und dem diffusen Licht der Stadt erhellt. Wenn das Gebäude fertig war, würde hier ein Großraumbüro mit abgetrennten Schreibtischnischen entstehen. Doch jetzt war es nur ein riesiger leerer Raum mit Betonboden.
Keine Versteckmöglichkeiten. Sie rannte zur Fensterfront, zum Licht. Vielleicht würde ihr im Licht das Sterben leichter fallen.
Hinter sich im Flur hörte sie schnelle Schritte.
Durch die Fensterfront konnte sie den Wilshire Boulevard und ihre Wohnung sehen. Hier irgendwo hatte Hickle gehockt und vergeblich darauf gewartet, ihr aus der Entfernung den Todesschuss zu versetzen. Mit dem Gewehr, das Travis jetzt hatte.
In der Nahe konnte sie in der Dunkelheit vage eine Werkbank ausmachen.
Wahrscheinlich hatte Hickle sie ans Fenster gerückt, um sich draufzusetzen. Sie hatte seinen Schießstand gefunden.
»Abby!«
Travis stürmte in den Raum, die Taschenlampe am Gewehrlauf befestigt wie ein Bajonett. Er schwenkte das Gewehr und der Lichtstrahl der Lampe stocherte in der Dunkelheit umher.
Er hatte sie noch nicht entdeckt. Sie duckte sich und rannte auf die Werkbank zu, um darunter Deckung zu suchen und ein paar zusätzliche Sekunden zu erhaschen.
Der Lichtstrahl glitt über die breiten Fenster auf sie zu. Sie ließ sich auf die Knie fallen und kroch unter die Werkbank.
Die Taschenlampe suchte den Raum ab, ihr Licht bohrte sich in die hintersten Ecken, schwenkte dann wieder herum, verharrte auf der Werkbank und beleuchtete ihre zusammengekauerte Gestalt darunter.
»Du bist tot, Miststück«, flüsterte Travis‘ Stimme unheilvoll in der Dunkelheit. Er kam auf sie zu.
Rasch kroch sie unter der Werkbank hervor und stieß an einen schweren, unförmigen Gegenstand.
Hickles Reisetasche. Und sie war nicht leer.
Auf der Treppe hatte er die Büchse verwendet. Aber auf kurze Distanz bevorzugte er eigentlich die Schrotflinte. Er hatte sie nicht benutzt, weil er sie hier oben gelassen hatte. In der Tasche.
Travis stürmte auf sie zu. Der Lichtkegel wurde größer.
Sie holte die Flinte aus der Tasche, setzte sich den Kolben auf die Brust, drehte sich in der Hocke blitzschnell herum und lud durch. Als sie den Zeigefinger auf den Abzug legte, schien ihr plötzlich die Taschenlampe ins Gesicht.
Sie konnte Travis nicht sehen, denn das Licht blendete sie. Das machte es einfacher.
Sie schoss auf das Licht.
Durch den Rückstoß verlor sie das Gleichgewicht und fiel rückwärts auf ihr Steißbein. Um sie herum drehten sich grelle Lichtkreise. Sie dachte, sie hätte einen Schwindelanfall, doch dann verstand sie, dass sie den rotierenden Lichtstrahl der Taschenlampe sah, die mit der Büchse über den Betonboden rutschte.
Das Gewehr stieß gegen eine Wand und blieb liegen. Der Strahl der Taschenlampe fiel auf Travis, der leblos am Boden lag.
Er war tot. Das wusste Abby, auch ohne nachzusehen. Sie hatte ihn aus knapp zwei Metern Entfernung erwischt. Die Schrotkugeln hatten ihn fast entzweigerissen. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen. Sie wollte es auch nicht. Aber sie stellte sich vor, dass er eine überraschte Miene machte.
Er hatte nie geglaubt, dass jemand ihn besiegen könnte, und ganz bestimmt nicht sie. Er war schließlich ihr Mentor gewesen und sie sein begabter Schützling.
Sie stand auf und ließ die Flinte liegen, wo sie nach dem Schuss hingefallen war. Sie brauchte sie nicht mehr. Es gab keine Übeltäter mehr zu töten.
Sie war etwas wackelig auf den Beinen und wäre beinah in die Knie gesunken, konnte sich aber wieder fangen. Auf dem Weg nach draußen bückte sie sich, um die Taschenlampe vom Gewehrlauf zu zerren, und leuchtete sich den Weg zur Treppe. Auf einer Stufe unterhalb des achten Stocks fand sie ihre Handtasche.
Sie nahm ihr Handy heraus und setzte sich auf die Treppe, um sich zu sammeln, bevor sie Wyatt auf der Wache anrief.
»Hickle ist tot«, sagte sie, als er ranging. »Und es gibt noch einen Toten. Aber mir geht’s gut. Das wollte ich Ihnen nur sagen.«
»Abby, was zum Teufel reden Sie denn da? Wo sind Sie überhaupt?«
»Das spielt keine Rolle. Ich wähle gleich anschließend die Notrufnummer. Ihre Kollegen werden sich schon um alles kümmern. Aber Sie müssen sich raushalten, okay? Ich meine, vollkommen raushalten. Besuchen Sie mich nicht und rufen Sie mich auch nicht an, jedenfalls vorläufig nicht. Ich will nicht, dass Ihr Freund Cahill sich zusammenreimt, was los war. Und das tut er bestimmt, wenn man Sie mit mir in Verbindung bringt.«
»Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was los ist.«
»Versprechen Sie mir, dass Sie auf Abstand bleiben?«
»Ja, verdammt, meinetwegen. Aber jetzt sagen Sie schon, was los ist.«
Sie ließ den Kopf nach hinten gegen die kalte Betonmauer fallen. »Nichts, Vic. Ehrlich«, sagte sie. »Wieder nur ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag.«
Sie legte auf, bevor er weitere Fragen stellen konnte.