43
Obwohl Travis seit mehr als vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen hatte, fühlte er sich seltsam munter. Die ununterbrochene Adrenalinzufuhr seit Mitternacht hatte zwar sein Nervensystem überreizt, ihm aber auch immer, wenn seine Kräfte nachließen, neue Energie geschenkt. So gut hatte er sich seit Jahren nicht gefühlt.
Zum Teil war es auch die pure Aufregung, weil es in die Schlussrunde ging. Sein vor Monaten ausgeheckter Plan würde bald aufgehen. In ein, zwei Tagen wäre alles geregelt und das Spiel vorbei. Er spürte, dass er als Sieger daraus hervorgehen würde. Trotz einiger unvorhergesehener Wendungen und Rückschläge, die sein Improvisationstalent erfordert hatten, hatte er durchgehalten.
Um elf Uhr parkte er seinen Wagen vor dem Bungalow in Culver City und stieg aus. Die Straße war menschenleer. Die Anwohner waren wahrscheinlich alle auf der Arbeit oder gingen ihren häuslichen Pflichten nach. Auch wenn jemand aus dem Fenster schauen sollte, war das kein Problem. Wahrscheinlich hatte keiner der Nachbarn Howard Barwood jemals aus der Nähe gesehen und von Weitem sah ein gut gekleideter Weißer in mittleren Jahren aus wie der andere. Man würde ihn für den Hausbesitzer halten.
Außerdem hatte er einen Schlüssel. Als er Monate zuvor bei seinen Recherchen auf den Bungalow gestoßen war, hatte er sich schon gedacht, dass er irgendwann Zugang zu dem Haus bräuchte. Ursprünglich wollte er das Handy hier deponieren – das Handy, das er gekauft und auf den Namen Western Regional Resources angemeldet hatte –, aber dann hatte er einen viel besseren Ort dafür gefunden.
Auf jeden Fall wollte er vorbereitet sein, war eines Nachts hergekommen, als niemand da war und hatte im Licht einer Stifttaschenlampe mithilfe einer Impressions-Feile aus einem Rohling einen Schlüssel für die Vordertür hergestellt.
Damit schloss er jetzt auf. Im Innern war es ruhig, die Luft stickig. Eilig ging er ins Schlafzimmer. Von Abby wusste er, dass Howard in der Nachttischschublade eine Waffe aufbewahrte.
Und da war sie auch. Ein netter kleiner Colt .45.
Travis fasste ihn mit bloßen Händen an. Später würde er seine Fingerabdrücke sorgfältig abwischen und die Waffe zurücklegen, damit die Polizei sie fand.
Die Seriennummer war nicht herausgefeilt worden. Gut. Das bedeutete, die Waffe ließ sich leicht zu ihrem Besitzer zurückverfolgen. Travis ging davon aus, dass Howard sie ganz legal erstanden hatte. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, warum er Gitter vor den Fenstern angebracht hatte. Dies war eine Gegend mit hoher Kriminalität, und er wollte sich sicher fühlen.
Travis vergewisserte sich, dass die Waffe geladen war, und steckte sie ein. Bald würde sie zum Einsatz kommen. Er würde Hickle eine E-Mail schicken und ein Treffen an einem abgelegenen Ort vereinbaren, vielleicht irgendwo im Topanga State Park. Bei Sonnenaufgang, wenn der Park menschenleer war. Wenn Hickle kam, würde er sich an ihn heranschleichen und ihm dann – peng – eine Kugel in den Kopf jagen. Dann würde er die Waffe abwischen und Hickle in die Hand drücken. Simpel.
Aber zuerst musste Hickle sich um Abby kümmern. Sie sollte noch heute aus dem Krankenhaus entlassen werden. Zu Hause würde sie ein ganz besonderer Empfang erwarten.
Und die Polizei würde den Hergang der Ereignisse mit Sicherheit so interpretieren, wie er es geplant hatte. Sie würden annehmen, dass Hickle Abby umgebracht und sich dann im Wald selbst erschossen hätte. Sie würden behaupten, dass Howard Barwood, ein Bauunternehmer mit Zugang zu allerlei Immobiliendaten, Hickle Abbys Adresse gegeben hätte – genau wie die anderen Insiderinformationen. Und dass sogar die Waffe, die Hickle benutzt hatte, von Howard stammte.
Howard würde natürlich alles abstreiten, aber niemand würde ihm glauben. Eine rundum stimmige Geschichte, die keine Fragen offenließ. Die einzige, die das Spiel vielleicht durchschaut hätte, war Abby. Sie spürte diese Dinge intuitiv. Aber Abby würde in ein paar Stunden das Zeitliche segnen.
Er wünschte nur, er hätte die Möglichkeit gehabt, sie selbst umzubringen. Aber es ließ sich einfach nicht machen. Er musste sich damit zufriedengeben, die Strippen zu ziehen. Und Hickle war seine Marionette.
Abby musste sterben, weil sie ihn enttäuscht hatte. Sie hatte versagt.
Und Versagen war die einzige Sünde, die er nicht verzeihen konnte.
Travis verließ den Bungalow und schloss die Tür hinter sich ab. Die Sonne stand hoch am Himmel und blendete ihn. Mit gesenktem Kopf ging er zum Auto.
Früher einmal, da hatte er die Sonne Südkaliforniens geliebt. Später bevorzugte er die Dunkelheit. Er wusste nicht, warum.