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Die Notaufnahme im Cedars-Sinai Medical Center war erst kürzlich renoviert und vergrößert worden. Abby kam sich fast vor wie in einem Hotel. Andererseits würde sie in einem Hotel nicht auf einem Bett mit Rollen sitzen, das gleichzeitig als Untersuchungstisch diente, und ein Plakat über die Grippesaison anstarren, während sie sich einen Eisbeutel an den Kopf hielt.

Wyatt hatte sie am Eingang abgesetzt. Sein Angebot, mit hineinzukommen, hatte sie abgelehnt, denn es war für sie beide besser, nicht zusammen gesehen zu werden. Die Krankenschwester in der Aufnahme hatte sich ihre Geschichte angehört, wie ihr Racquetball-Partner sie beim Ausholen versehentlich am Kopf getroffen hatte. Sicher fand die Schwester es seltsam, dass jemand um Mitternacht Racquetball spielte oder dass der Spielpartner nicht mitgekommen war oder dass Abby keine Sportkleidung trug, aber sie stellte keine Fragen. Sie hielt die Geschichte offensichtlich für eine Lüge und ging davon aus, dass Abby von ihrem Freund oder Ehemann verprügelt worden war.

Für eine Freitagnacht herrschte in der Notaufnahme nicht viel Andrang und Abby hatte nicht lange warten müssen. Der Arzt hatte ihr in die Augen geleuchtet, ihre Reflexe getestet und vorsichtig das Riesenei auf ihrem Kopf betastet. »Haben Sie sich erbrochen?«, hatte er gefragt. »Gedächtnisschwund? Benommenheit? Kopfschmerzen?«

Sie hatte mit Nein, Ja, Nein, Ja geantwortet und dass es ihr schon besser gehe.

Er hatte ihr ein Schmerzmittel und einen Eisbeutel gegeben. Seine Diagnose lautete auf leichte Gehirnerschütterung und er erwartete eine vollständige Genesung. Er wollte sie über Nacht zur Beobachtung dabehalten. Er hatte gesagt, sie dürfe schlafen, aber eine Schwester würde sie regelmäßig wecken, um ihre Reaktionen zu testen. Und sie würde bald aus der Notaufnahme verlegt. »Ruhen Sie sich so lange aus«, hatte er ihr geraten und hinzugefügt, dass vor ihrer Verlegung noch jemand kurz vorbeischauen würde. Jemand vom sozialen Dienst, nahm Abby an, wegen des Verdachts auf häusliche Gewalt.

Nun wartete sie ungeduldig, rutschte auf dem Bett hin und her und ließ die Beine baumeln. Sie war eigentlich überhaupt nicht müde. Nachdem sie so knapp dem Tod entronnen war, rauschte einfach noch zu viel Adrenalin durch ihre Adern. Außerdem hatte sie Angst. Travis hatte immer noch nicht angerufen.

Wie sie so den Blick durch den Raum schweifen ließ, bemerkte sie neben dem Bett etwas, das aussah wie ein Fernseher an einem Schwenkarm. Bei näherem Hinsehen stellte sie fest, dass es tatsächlich ein Fernseher war. Sie fragte sich, ob er einen Kabelanschluss hatte. »Für meinen nächsten Urlaub buche ich hier ein Zimmer«, entschied sie.

Während sie überlegte, ob sie im Fernsehen eine Nachrichtensendung suchen sollte, kam aus ihrer Handtasche ein Surren. Sie wühlte, bis sie ihr Handy fand, und antwortete beim fünften Klingeln. »Ja?«, rief sie aufgeregt und betete, dass es Travis war.

»Abby … ich bin’s.«

Der Knoten in ihrem Bauch löste sich und zum ersten Mal seit über einer Stunde konnte sie wieder richtig durchatmen. »Paul. Alles in Ordnung?«

»Ja, mir geht’s gut. Und dir?«

»So gut wie nie«, log sie. »Was ist denn in Malibu passiert? Wo ist Kris?«

»Sie hat nicht mal einen Kratzer abgekriegt. Aber es war ganz schön knapp.«

»Ich habe übers Telefon Schüsse gehört.«

»Ja, unser Freund hat mit der Flinte auf uns geschossen. Zum Glück saßen wir in einem gepanzerten TPS-Wagen. Aber er hat in der Panzerung eine Schwachstelle gefunden. Der Fahrer hat eine Fleischwunde abbekommen, nichts Ernstes.«

»Und du?« Sie war sich bewusst, dass sie ihn schon gefragt hatte, aber sie musste es noch einmal hören.

Travis lachte leise. »Mein Stolz ist verletzt worden, sonst nichts. Und ich bin nass geworden. Triefnass.«

»Nass?« Sie verstand nicht.

»Hickle ist in die Malibu Lagoon geflohen und ich bin hinterher. Dann dachte ich, ich hätte ihn unter der Brücke gesehen. Ich wollte mich anpirschen und bin in den verdammten Bach gefallen. Die Cops auf der Brücke haben herzlich gelacht.«

»Und war Hickle da? Unter der Brücke?«

»Nein, da war niemand. Nur eine optische Täuschung. Ich habe mich umsonst lächerlich gemacht.«

»Er ist also entwischt?«

»Ja, sieht so aus. Die Polizei durchkämmt das Gelände und sie haben die Küstenstraße gesperrt, aber wahrscheinlich zu spät. Von einem Parkplatz in der Nähe der Lagune ist ein Wagen gestohlen worden. Das war mit Sicherheit Hickle. Aber bei dem ganzen Medienrummel wird er wahrscheinlich nicht weit kommen.«

Abby war da nicht so sicher, aber sie wollte nicht weiter darauf eingehen. »Ich habe die ganze Zeit versucht, dich zu erreichen …«

»Ich habe in dem Durcheinander mein Handy verloren. Wahrscheinlich ist es geschmolzen, als der Wagen ausgebrannt ist.«

Sie sog hörbar die Luft ein. »Der Wagen hat Feuer gefangen?«

»Lange Geschichte.«

»Hast du Verbrennungen?«

»Nein, ich hab nichts. Mir geht’s gut, ehrlich.«

»Und wo bist du jetzt?«

»Im Gästehaus der Barwoods. Die TPS-Leute haben immer Kleidung zum Wechseln hier und Mahoney hat meine Größe. Ich musste mich unbedingt umziehen, bevor ich mir noch was hole. Als Nächstes muss ich zur Sheriff’s Station in Agoura und dem zuständigen Captain erklären, was hier läuft.«

»Du meinst, wegen Howard?«

»Genau. Dich werde ich so lange wie möglich raushalten. Du bist doch nicht mehr in Hollywood, oder?«

»Nein, natürlich nicht. Ich habe mich ganz schnell aus dem Staub gemacht.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Bist du wieder in Westwood? Du bleibst besser vorerst in deiner Wohnung. Wenigstens bis …«

»Ich bin nicht in meiner Wohnung.«

»Nein?« Seine Stimme klang seltsam enttäuscht.

»Ich bleibe über Nacht im Cedars. Ich habe eins über den Schädel bekommen.«

»Ach so. Mann, ich dachte, du hättest nichts abgekriegt.« Er klang eher ärgerlich als besorgt.

Abby zuckte mit den Schultern. »Ach, es ist nichts. Ich bleibe nur zur Beobachtung hier. Mein Gehirn brauche ich noch für meinen Job, da kann ich kein Risiko eingehen.«

»Sicher brauchst du jetzt ein bisschen Ruhe. Ich mache besser Schluss. Aber morgen früh besuche ich dich als Erstes. Hast du dich als Abby Sinclair angemeldet?«

»Ja, ich bin wieder ich selbst.«

»Bis Morgen, Abby.«

»Paul?«

»Ja?«

»Es tut gut, deine Stimme zu hören.«

»Deine auch, Abby. Wie immer.«

Sie legte auf und saß eine Weile regungslos da, in der einen Hand den Eisbeutel, in der anderen ihr Handy. Sie spürte, dass ihre Gesichtsmuskeln seltsam angespannt waren. Zuerst wusste sie nicht, warum. Aber dann verstand sie. Sie lächelte. Bis jetzt hatte sie sich selbst nicht eingestanden, wie besorgt sie gewesen war.

Nun brauchte sie keine Angst mehr zu haben. Paul war am Leben. Und Kris auch.

Die Guten hatten tatsächlich gewonnen.