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Abends, nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatte, ging Abby nach unten in den Fitnessraum neben dem Foyer. Sie trainierte eine halbe Stunde lang auf dem Stairmaster und ging dann raus, zum Westwood Village. Dort stöberte sie in einer Buchhandlung herum und kaufte ein Buch über forensische Psychopathologie und eine Sammlung alter Calvin-und-Hobbes-Comics. Sie hatte Bill Watterson nie ganz vergeben, dass er die Serie eingestellt hatte.

Burn-out hatte er als Grund angegeben. Sie fragte sich, wie lange er in ihrem Job durchhalten würde.

Meistens waren ihre Besuche im Village nur ein Vorwand, um Leute zu beobachten. Das war nicht nur ihr Beruf, sondern auch ihr Hobby. Sie hatte Psychologie studiert, weil es ihrem Naturell entsprach. Sie wollte Leute beobachten und Diagnosen erstellen, ohne ihnen zu nahe kommen zu müssen. Ja, sie hätte es nicht einmal gedurft.

Hätte sie ihr Studium fortgeführt, wäre sie nun zugelassene Psychologin. Aber im Sommer nach ihrem Masterabschluss hatte sich alles geändert. Sie hatte Travis kennengelernt.

Er hielt im Arizona Biltmore Hotel in Phoenix einen Vortrag. Sein Thema: Warnzeichen für Gewaltbereitschaft bei psychopathischer Persönlichkeitsstörung. Er war zwar kein Psychologe, aber seine praktische Erfahrung als Chef einer führenden Sicherheitsfirma wog viel mehr als angelesenes Wissen. Sie hatte in der Arizona Republic ein Porträt über ihn gelesen. Die Zeitung wurde noch immer zur Ranch ihres Vaters geliefert, obwohl der sie nicht mehr lesen konnte. Er war im Juni gestorben, eine Woche nachdem sie ihren Master gemacht hatte, und wurde neben ihrer Mutter im Familiengrab beigesetzt. Abby war nach Hause zurückgekehrt, um die Ranch zu verkaufen, wofür sie länger als erwartet brauchte. Ihr Verlustschmerz und die gnadenlose Hitze des Sommers hatten ihr ziemlich zugesetzt, und sie suchte nach einem Vorwand, um mal von der Ranch wegzukommen. Travis’ Vortrag war öffentlich und ihre Rettung.

Auch ohne Zulassung kannte sie sich mit Psychologie gut genug aus, um zu wissen, was Freud zu dem gesagt hätte, was dann kam. Sie hatte ihren Vater verloren und suchte nach einem neuen. Travis war älter als sie, eine Autoritätsfigur, und er trat zum richtigen Zeitpunkt in ihr Leben.

Wie dem auch sein mochte, sie ging zu dem Vortrag. Travis wirkte charmant. Keine Eigenschaft, die er besonders häufig zur Schau stellte, aber an diesem Abend gab er sich alle Mühe und war sehr beredt. Er erzählte faszinierende Geschichten von seinen Fällen und mischte Spannung mit Humor, ließ seine Zuhörer aber nie vergessen, dass es bei seiner Arbeit um Leben und Tod ging.

Anschließend blieb sie noch und gesellte sich zu einer Gruppe von Leuten, die mit Travis plauderten. Als der Ballsaal sich langsam leerte, machte sie zum ersten Mal den Mund auf: »Sie beurteilen Personen anhand von Briefen und Telefonanrufen. So würde ich keine Therapie angehen. Für eine Diagnose braucht man persönlichen Kontakt, normalerweise über längere Zeit und mit vielen Sitzungen.«

»Je länger, desto besser – jedenfalls für das Bankkonto des Therapeuten«, sagte Travis und einige Leute lachten.

Abby ließ nicht locker: »Nun, obwohl ihre Methoden anscheinend statistisch fundiert sind, können Ihre Beurteilungen trotzdem nicht so zuverlässig sein wie die eines praktizierenden Therapeuten, oder?«

Es sollte eigentlich gar nicht so angriffslustig klingen, aber Travis verstand die Frage als Herausforderung und begann, seine Arbeitsweise zu verteidigen. Er redete ziemlich lange. Anschließend löste sich die Gruppe auf und Abby begab sich zum Ausgang. Irgendwie hatte sie das Gefühl, versagt oder eine Chance vertan zu haben.

Als sie ihren Wagen auf dem an einem Kanal gelegenen Parkplatz aufschloss, tauchte Travis plötzlich aus dem Dunkeln auf. Er kam so schnell auf sie zu, dass sie ihn zuerst für einen Straßenräuber hielt, aber dann fiel das Licht einer Laterne auf sein Gesicht.

»Das war eine sehr gute Frage«, sagte er in ruhigerem Ton als eben vor all den Leuten. »Und um ehrlich zu sein, hatte ich keine richtige Antwort darauf.«

Sie erwiderte, er habe sich sehr gut geschlagen.

Er lachte und lud sie auf einen Kaffee ein.

Sie blieben bis nach Mitternacht in einem Café in der Camelback Road und als er sagte, er bleibe noch ein paar Tage in der Stadt, lud sie ihn zu einem Besuch auf der Ranch ein. »Dann sehen Sie mal das echte Arizona«, sagte sie. »Das Arizona, das es bald nicht mehr gibt.«

»Seltsam, dass uns immer alles dann besonders echt vorkommt, wenn wir es verlieren«, sagte er sanft. Er konnte eigentlich nichts vom Tod ihres Vaters wissen, aber seine Bemerkung passte verblüffend gut.

Am nächsten Tag besuchte er sie auf der Ranch und blieb über Nacht. Sie hatte noch nicht viele Liebhaber gehabt. Nur Greg Daly und einen anderen Jungen – sonst niemanden, nur Travis. Und auch niemanden wie ihn. Nie. Er war kein Student. Er war vierzig, ein Mann von Welt. Und ja, er hatte verschiedene Eigenschaften ihres Vaters. Wie dieser wirkte er manchmal distanziert und abweisend, geradezu griesgrämig. Und er konnte sehr hart sein. Aber während ihr Vater immer durchscheinen ließ, was ihn bewegte, verbarg Travis seine innersten Gefühle. Er war ein lebhafter, unkomplizierter Mensch oder zumindest hatte es den Anschein. Aber im Grunde wusste sie nie ganz genau, wer er eigentlich war. Er gab ihr Rätsel auf. Und wahrscheinlich fand er sie ebenso geheimnisvoll. Keinem von beiden fiel es leicht, sich zu öffnen und etwas von sich preiszugeben.

Als er nach L. A: zurückkehrte, blieben sie in Kontakt. Er flog ein paar Mal nach Phoenix, um sie zu treffen, während sie den Verkauf der Ranch über die Bühne brachte. Dann kam der September und es war Zeit, ihre Doktorarbeit in Angriff zu nehmen. Aber seltsamerweise langweilte sie das Studium plötzlich. Sie hatte häufig mit Travis die Vorteile diskutiert, die ein direkter Kontakt zu den Stalkern mit sich bringen würde, die seine Firma bisher nur von Weitem observierte. Sie hatte sich auch überlegt, wie es anzustellen wäre. Bei einem Besuch in L. A., als sie in einem Fischrestaurant zu Abend aßen, schnitt sie das Thema wieder an.

»Das wäre aber gefährlich, Abby«, sagte Travis.

»Ich weiß.«

»Dazu musst du richtig geschult werden. Es gibt da eine ganze Reihe von Fertigkeiten, die du dir erst mal aneignen musst.«

»Ich habe schon einige Fertigkeiten. Ganz abgesehen von einem Master in Psychologie, einer überdurchschnittlich hohen Anzahl schnell kontrahierender Muskelfasern und einem einnehmenden Naturell.«

Travis lächelte, war aber offensichtlich nicht überzeugt. »Warum willst du so was überhaupt machen? Als Therapeutin bist du schon qualifiziert. Mach deinen Doktor, dann bekommst du deine Zulassung, eröffnest eine private Praxis und scheffelst Geld ohne Ende.«

»Aber das interessiert mich nicht mehr.«

»Warum denn nicht?«

»Das ist mir nicht aufregend genug.«

»Ein ruhiges Leben hat auch viel für sich.«

»Ja, aber dein Leben sieht anders aus.«

»Seit wann nimmst du dir mich zum Vorbild?«

Sie antwortete nicht.

Nach einer langen Pause sagte Travis: »Wenn du willst, helfe ich dir, auch wenn ich Bedenken habe. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt.« Etwas so Liebes hatte er noch nie zu ihr gesagt, bis dahin nicht und seitdem auch nicht.

Ihre Ausbildung dauerte zwei Jahre. Sie wohnte in einem kleinen Apartment in einem der weniger angesagten Viertel von Los Angeles. Durch den Verkauf der Ranch hatte sie genug Geld für ihren Lebensunterhalt. Von Travis wollte sie keins. Und keiner von beiden machte je den Vorschlag, sie solle bei ihm einziehen. Sie wollte nach wie vor ihre Unabhängigkeit. Was Travis wollte, war schwer zu sagen.

Er schickte sie zu einer Kampfsportschule, die auf die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga spezialisiert war. Die meisten Kampfsportkurse waren kaum mehr als Fitnessprogramme mit Tanzelementen und bei tatsächlichen körperlichen Auseinandersetzungen nicht sehr hilfreich. Aber Krav Maga war anders. Es hatte nichts Elegantes an sich. Es ging nur ganz brutal um ein Ziel: den Gegner sofort und unnachgiebig mit allen verfügbaren Mitteln außer Gefecht zu setzen. Abby hatte noch nie gegen einen anderen Menschen Gewalt angewendet und als sie zum ersten Mal den gepolsterten Oberkörper ihres Lehrers mit Fußtritten und Faustschlägen traktieren sollte, zitterte sie vor Widerwillen und konnte vor Tränen kaum etwas sehen. Aber nach einer Weile gewöhnte sie sich das Weinen ab. Jemandem Schmerz zuzufügen war ein notwendiges Übel. Sie würde schon damit fertig werden. Sie konnte hart sein. So wie Travis. So wie ihr Vater. Sie nahm Schauspielunterricht in Hollywood. Sie fuhr im Überwachungswagen eines Privatdetektivs mit und hörte Funkfrequenzen ab. Sie machte alle möglichen Gelegenheitsarbeiten – Kellnerin, Kassiererin, Büroangestellte, Hamburgerbraterin –, auch um sich etwas dazuzuverdienen, aber hauptsächlich, um Erfahrungen zu sammeln, die ihr nützlich sein könnten, wenn sie verdeckt arbeitete.

Und vor zwei Jahren, mit sechsundzwanzig, hatte sie ihre Ausbildung beendet. Sie bekam ihren ersten Auftrag von Travis Protective Services. Und weitere Aufträge folgten. Sie teilte ihre Zeit zwischen TPS und anderen Sicherheitsfirmen. Wie üblich blieb sie auf Distanz. Sie legte Wert auf ihren Status als selbstständige Auftragnehmerin. Selbstständig war das Schlüsselwort. Sie gehörte niemandem. Und niemand kontrollierte sie. Zumindest sah sie es so.

Sie verließ die Buchhandlung, ging ein paar Meter weiter in eine Bar und bestellte eine Piña Colada, ihre einzige Schwäche. Normalerweise trank sie nicht allein, aber ihr neuer Auftrag von TPS war ein Grund zum Feiern.

Als sie ihr Glas halb geleert hatte, setzte sich ein junger Mann neben sie, dessen schütterer Schnauzbart seine Akne kaum verbergen konnte. Er bestellte Tequila und zeigte als Altersnachweis seinen Führerschein vor. Dann blickte er auf ihre Einkaufstasche. »Haben Sie Bücher gekauft?«

Sie antwortete nicht.

»Ich stehe total auf Marcel Proust. Kennen Sie den?«

Abby ignorierte die Frage. Sie zeigte ihm die Waffe in ihrer Handtasche. »Los Angeles Police Department«, flüsterte sie ernst.

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die Waffe, offensichtlich unsicher, ob er Angst haben oder angetörnt sein sollte. »Ist das etwa eine verdeckte Ermittlung?«

Sie nickte. »Wir haben gehört, hier soll Alkohol an Erstsemester mit falschen Papieren ausgeschenkt werden.«

Die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er murmelte etwas und setzte sich woanders hin. Seinen Tequila ließ er stehen. Abby lächelte selbstzufrieden. Dann hörte sie hinter sich eine Stimme: »Ich könnte Sie verhaften lassen.«

Sie drehte sich um. Nur einen Meter entfernt stand ein Mann und sah sie an. Er war Anfang dreißig, hatte breite Schultern, sandfarbenes Haar und legere Kleidung. Dunkler Pullover und Baumwollhose. »Weswegen?«, fragte sie.

»Amtsanmaßung.«

Sie wandte sich wieder der Theke zu und nahm ihr Glas in die Hand. »Seien Sie bitte nachsichtig. Es ist mein erstes Vergehen.«

»Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll.« Er setzte sich neben sie und legte seine Hände auf den Tresen. Er hatte klobige Finger und dicke, muskulöse Handgelenke.

Sie nippte an ihrem Drink. »Halten Sie mich etwa für kriminell?«

»Ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen. Vielleicht war es ja nur ein harmloses Versehen, aber das glaube ich nicht.«

»Und warum nicht?«

»Sie sehen eben nicht so harmlos aus. Aber seien Sie deswegen nicht beleidigt. Harmlos ist langweilig.«

»Na, wenigstens bin ich nicht langweilig. Ich würde Sie nur ungern anöden.«

»Aber Sie doch nicht, Abby. Niemals.«

Er bestellte ein Bier vom Fass. Und eine Minute lang schwiegen sie, während er sich seinem Bier widmete und Abby ihr Glas leerte.

»Wie geht’s denn so, Vic?«, fragte sie.

»Eigentlich nicht schlecht? Und bei Ihnen?«

»Kann nicht klagen. Und? Sind die Straßen sicherer geworden?«

»Angeblich, aber ich merke davon nichts.«

Abby kannte Vic Wyatt seit etwa einem Jahr, seit dem Fall Jonathan Bronshard. Bronshard war ein Börsenmakler, der eine Website mit Bildern seiner Familie und einer Beschreibung seines trauten Heims ins Netz gestellt und anschließend Drohanrufe erhalten hatte. Daraufhin hatte er sich an Travis gewandt. Normalerweise nahm Travis nur Aufträge von Prominenten an, aber für Bronshard, der sein Büro auf demselben Flur wie die TPS hatte, machte er eine Ausnahme.

Die Anrufe wurden zu einem Münztelefon in Hollywood zurückverfolgt. Die Leute von TPS überwachten den Apparat bis zum nächsten Anruf, dann folgten sie dem Anrufer nach Hause und identifizierten ihn als Emanuel Barth. Er hatte schon wegen Vandalismus, Einbruch und verschiedener ähnlicher Delikte im Gefängnis gesessen. Abby wandte sich an den Patrol Sergeant, der Barth hinter Gitter gebracht hatte, um ihm Fragen zu dem Verdächtigen zu stellen. Dieser Sergeant war Vic Wyatt von der Hollywood Division.

Mr Barth, so erfuhr sie, hegte einen Groll gegen Familien der oberen Mittelschicht. Er hatte keine Freunde, war nicht verheiratet und ständig arbeitslos. Er machte andere, die mehr hatten als er, für seine Lage verantwortlich und ließ seinen Frust an ihnen aus. 1998 war er in eine Villa in Toluca Lake eingebrochen und hatte alles kurz und klein geschlagen. Aufgrund seiner Fingerabdrücke, die die Polizei schon von einer früheren Festnahme hatte, spürten sie ihn in seiner Behausung in Hollywood auf. Da er sich schuldig bekannte, wurde seine Haftstrafe reduziert und mittlerweile war er wieder auf freiem Fuß.

Wyatt hatte dies alles Abby erzählt, die ihn im Glauben gelassen hatte, es gehe nur um ganz allgemeine Recherchen im Auftrag von TPS. Die Informationen waren ihr später zugutegekommen, als sie sich in Barths Leben eingeschlichen hatte. Schließlich war es ihr auch gelungen, ihn wieder hinter Schloss und Riegel zu bringen, diesmal für drei bis fünf Jahre. Wyatt hatte mit dieser Festnahme nichts zu tun gehabt. Er wusste zwar, dass Barth wegen einer erneuten Verurteilung wieder im Gefängnis saß, hatte aber nie erfahren, welche Rolle Abby dabei gespielt hatte. Oder zumindest hoffte sie es.

Seitdem hatte sie sich öfter wegen Informationen an Wyatt gewandt. Denn in Hollywood gab es die höchste Konzentration von Verrückten in der ganzen Stadt und aus seinem langjährigen Polizeidienst kannte er die meisten. Vielleicht kannte er sogar Hickle. Sie überlegte, ihn zu fragen, entschied sich aber dagegen. Nicht heute.

»Sie sind heute Abend aber nicht sehr gesprächig«, sagte Wyatt.

»Ach, ich versuche nur auszuspannen. Was führt Sie überhaupt hierher?«

»Ich komme manchmal einfach abends nach Westwood, um mir die Zeit zu vertreiben. Hier ist es netter als in dem Drecksviertel.« Damit meinte er Hollywood. »Und Sie?«

»Ich wohne in der Nähe. Im Wilshire Royal.«

»Wow, schicker Kasten. Diese Sicherheitsfirmen zahlen aber gut für Recherchen.«

»Ich überlebe irgendwie.«

»Bis jetzt«, sagte Wyatt ernst.

Sie wandte ihren Blick ab. Sie hatte ihm nie erzählt, was sie eigentlich tat, aber er war nicht dumm.

Er war jahrelang Streife gefahren und verfügte über entsprechend gute Menschenkenntnis. Sicher dachte er sich seinen Teil. Aber wenn er jemals die ganze Wahrheit über sie erfahren würde, müsste er sie wahrscheinlich wirklich verhaften.

Sie lenkte die Unterhaltung in eine unverfängliche Richtung. »Ich glaube, ich weiß warum Sie hier sind.«

»Ach ja?«

»Sie wollen eine Studentin aufgabeln. Manche von denen stehen sicher auf Polizisten.«

»Ich bin über dreißig, viel zu alt für Studentinnen. Und auf junge Mädchen bin ich sowieso nicht aus.«

»Ach so. Keine Sorge, Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.«

»Ich meinte, ich will lieber eine Frau, eine erwachsene Frau.«

»Davon gibt’s im Großraum Los Angeles drei Millionen.«

»Frauen ja, aber erwachsen? Da bin ich mir nicht so sicher. Das ist das Problem mit L. A.« Er nahm einen Schluck Bier. »Hier muss man nicht erwachsen werden, man kann für immer Kind bleiben. Zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt letztens, die hat mir erzählt, ihre Zimmerpflanzen könnten Gedanken lesen. Und wenn sie unglücklich ist, blühen sie nicht. Und damit ihre Pflanzen gedeihen, lässt sie nur positive Gedanken zu. Sie sendet positive Gedanken an ihre Azaleen.«

»Die wird sicher mal Atomphysikerin«, sagte Abby.

»Die wird sicher mal gar nichts. Sie ist fünfunddreißig. Das war’s. Erwachsener wird sie nicht mehr.«

»Vielleich hat sie andere Vorzüge.«

»Das ist mir egal. Was für Vorzüge sollen das sein? So jemand kann mir gestohlen bleiben.«

»Sie haben aber sehr hohe Ansprüche.«

»Ja, und?«

»Und wenn Sie niemanden finden, der Ihren Ansprüchen gerecht wird?«

Er sah sie an. »Ach, da wüsste ich schon jemanden.«

Die Richtung, die ihr Gespräch nahm, war doch nicht so unproblematisch. »Ich mache mich besser auf den Weg«, sagte Abby.

»Nett, Sie so unverhofft zu treffen.«

Sie rutschte von ihrem Hocker und nahm ihre Handtasche. »Eventuell melde ich mich demnächst bei Ihnen.«

»Beruflich? Sie brauchen nicht zu antworten. Es ist ja immer beruflich. Nun, Sie wissen ja, wo Sie mich finden. Aber eigentlich hatte ich gehofft, Sie hätten diesen Beruf an den Nagel gehangen.«

Sie hängte sich die Handtasche an die Schulter. »Was, die Recherchen?«

»Nein, nicht die.«

»Was dann?«

»Das versuche ich schon seit einiger Zeit herauszubekommen. Es raubt mir bereits den Schlaf.«

»Lassen Sie sich meinetwegen nicht um den Schlaf bringen. Das bin ich nicht wert.«

»Das sehe ich anders.«

»Bye, Vic.«

»Bis dann, Abby.«

Sie verließ die Bar und tauchte in den Trubel des Westwood Village ein. Zwei Anmachen in einer halben Stunde, ein neuer Rekord. Aber der Junge mit dem gefälschten Führerschein war natürlich, na ja, nur ein Kind. Und was Wyatt anging, wusste sie nicht so richtig, was sie von ihm halten sollte. Wahrscheinlich war er einsam. Vielleicht war sie auch einsam. Trotz Travis. Oder wegen Travis. Wegen ihrer seltsamen Beziehung, in die Vorsicht und Distanz von vornherein eingebaut zu sein schienen.

Sie schob den Gedanken daran schnell beiseite. Es spielte keine Rolle. Wie ihre wahren Gefühle auch aussehen mochten, sie würde schon damit fertig. Sie wurde mit allem fertig. Sie war zäh.

Sie hatte noch nie Probleme mit Jetlag gehabt. Um Mitternacht schlief sie ein und um sieben Uhr morgens wachte sie erfrischt wieder auf. Zum Frühstück briet sie sich vegetarische Würstchen und ein Eiweiß-Omelett. Kaffee mied sie, denn in ihrem Beruf war es nicht gut, aufgekratzt zu sein. Stattdessen goss sie sich einen Kräutertee auf.

Vor dem Duschen machte sie ein paar einfache Routineübungen aus der YMCA-Fitness-Fibel: Sit-ups, Knieliegestützen, Dehnübungen und Oberkörperdrehungen. Das ganze Programm einschließlich Auf- und Abwärmen dauerte nur dreißig Minuten. An manchen Tagen machte sie alternativ Tai-Chi oder Schattenboxen. Es gab viele Möglichkeiten, sich fit zu halten.

Erst nachdem sie saubere Kleidung angezogen und ihr Haar frottiert und ausgebürstet hatte, erlaubte sie sich einen Blick auf die Fallakte. Hinten an der Akte war mit einer Büroklammer ein zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter großes Farbfoto befestigt. Das Bild war mit einem Teleobjektiv aufgenommen worden. Der Hintergrund war verschwommen. Wahrscheinlich hatte jemand das Foto aus einem fahrenden Wagen geschossen. Es war ein Drive-by, wie so etwas im seltsamen Jargon der Sicherheitsbranche hieß.

Es war natürlich eine Aufnahme von Hickle. Er kam gerade aus einer Tür. Vielleicht war es der Eingang seines Wohnhauses oder auch des Donutladens, wo er arbeitete. Das wusste sie nicht, aber es war auch egal. Das Wichtige war der Mann selbst. Er hatte ein schmales Gesicht mit kleinen Augen, die argwöhnisch dreinschauten. Er war ziemlich dürr und wirkte recht groß. Sein schwarzes Haar war zerzaust und ungepflegt.

Sie versuchte anhand des Fotos einige erste Schlüsse zu ziehen. Hickle schien nicht viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres zu legen, oft ein Zeichen von Depressionen oder sozialer Entfremdung. Er wirkte fast krankhaft blass, wahrscheinlich, weil er sich nicht viel im Freien aufhielt. Er trug ein lappiges, braunes Sweatshirt und verwaschene Jeans. Unauffällige Kleidung. Er wollte offensichtlich keine Aufmerksamkeit erregen. Seine Körpersprache – gesenkter Kopf, Augen und Mund zusammengekniffen – wirkte abweisend und ängstlich und erinnerte Abby an einen herrenlosen Hund, der auf der Straße gelernt hatte, für sich selbst zu sorgen.

Sie hielt sich das Foto direkt vor die Augen, um sein Gesicht genau zu studieren. Da war etwas in seinem Blick, in der Art, wie er den Mund verzog …

Wut. Hickle war ein wütender Mensch. Er hatte vom Leben nicht das bekommen, was ihm seiner Meinung nach zustand, und suchte jemanden, dem er die Schuld dafür geben konnte.

»Falsch«, sagte sie laut. »Er sucht nicht. Er hat sie schon gefunden.«

Den ganzen Morgen über studierte sie die Akte. Schließlich blätterte sie zur ersten Seite zurück, wo Hickles Adresse stand. Er wohnte auf der Gainford Avenue in Hollywood, südlich des Santa Monica Boulevard. Wohnung 420. Dritter Stock. Wahrscheinlich ein großer Wohnkomplex, in dem die Mieter ständig ein- und auszogen.

Wenn sie in der Stadt war, bekam sie jeden Morgen die LA Times zugestellt. Sie ging die Kleinanzeigen durch. Als sie gefunden hatte, was sie suchte, sagte sie »Bingo« – wie die Leute im Film.

In seinem Haus gab es freie Wohnungen. In der Annonce standen zwar keine Wohnungsnummern, aber vielleicht hatte sie ja Glück und es war etwas im dritten Stock frei. Die Wohneinheiten waren möbliert und sie konnte sofort einziehen.

Wenn alles glatt lief, wäre sie abends Raymond Hickles neue Nachbarin.