3
Als die Barwoods weg waren, ließ sich Abby in einen Sessel in der Ecke des Büros fallen und fragte: »Was meinst du? Wie ist es gelaufen?«
»Es war ein voller Erfolg«, sagte Travis.
»Bist du sicher?«
»Absolut. Sie waren sehr beeindruckt von dir.«
Travis stand auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Er war hochgewachsen, vierundvierzig Jahre alt und hatte pechschwarzes Haar, das über seiner hohen Stirn langsam lichter wurde. Unter seinem marineblauen Sakko trug er ein Oberhemd mit offenem Kragen, dazu beige Slacks ohne Gürtel und schwarze Halbschuhe. So wie immer. Er besaß ein Dutzend marineblaue Sakkos, ein Dutzend Oberhemden, ein Dutzend beige Slacks und ein Dutzend Paar schwarze Halbschuhe. Er trug jeden Tag das Gleiche. Das war eine seiner Marotten. Er wollte keine Zeit damit verschwenden, sich Gedanken über seine Kleidung zu machen.
»Schön, dass du wieder da bist, Abby«, sagte er.
»Ich war mir nicht sicher, ob du nach dem, was beim letzten Mal passiert ist, jemals wieder mit mir arbeiten würdest. Übrigens danke, dass du meine Kompetenz gelobt hast.«
»Das meinte ich auch so. Seit vier Monaten machst du dich wegen der Sache mit Corbal verrückt. Lass es endlich gut sein.«
Sie wandte ihren Blick ab. »Ich hätte sie nicht aus den Augen lassen dürfen.«
»Du musstest doch anrufen, um zu sagen, wo du bist.«
»Ich hätte eben versuchen müssen, sie trotzdem im Auge zu behalten.«
Travis setzte sich auf ihre Sessellehne. »Eine kleine Unachtsamkeit.«
»In unserem Metier können wir uns nicht leisten, unachtsam zu sein.«
»Abby, wenn du diesen Job länger machst, wirst du auch hin und wieder einen Rückschlag einstecken müssen.«
»Einen Rückschlag? So nennst du das, was mit Corbal passiert ist?«
»Corbal war ein verdammter Narr. Wir haben ihm gesagt, er soll seine Stammlokale meiden, das Lizard Maiden und auch alle anderen Clubs auf dem Sunset Strip. Das Risiko, dort Sheila Rogers über den Weg zu laufen, war einfach zu groß.«
»Es war meine Aufgabe zu verhindern, dass so etwas passiert.«
»Ich will nur sagen, Corbal war ein sturer Bock. Er wollte nicht auf uns hören. Er wollte sich unbedingt in Gefahr begeben und er hat dafür bezahlt. Aber er wäre noch rechtzeitig weggekommen, wenn der VIP-Raum schneller geräumt worden wäre. Er hatte jede Menge Freunde dabei und es hat eine Ewigkeit gedauert, die alle rauszuschleusen. Die meisten sind über die Tanzfläche rausgegangen, was noch mehr Zeit gekostet hat, weil der Club gerammelt voll war. Dann sind unsere Leute zurück, um Devin durch den Hinterausgang rauszubringen …«
»Weil ich ihnen geraten hatte, den Hinterausgang zu nehmen.«
»Das war auch taktisch richtig. Und wenn er versucht hätte, durch den Vordereingang rauszukommen, wäre er jetzt auch nicht lebendiger. Dann hätte Sheila ihn direkt auf der Tanzfläche abgeknallt.«
»Vielleicht. Aber vielleicht hätte sie ihn in dem ganzen Durcheinander gar nicht gesehen. Oder vielleicht … vielleicht hätte ich sie aufhalten können.«
»Es wäre dir ja auch fast gelungen.«
»Aber eben nur fast.«
»Du hast getan, was du konntest. Es ist nicht deine Schuld.«
Abby sagte darauf nichts.
»Wie bist du vom Flughafen hergekommen?«, fragte Travis.
Überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel, kniff sie die Augen zusammen. »Mit dem Taxi.«
»Und wie kommst du nach Hause?«
»Auch mit dem Taxi.«
»Nein, ich fahre dich. Dann kann ich dir unterwegs mehr über den Barwood-Fall erzählen. Heute Morgen am Telefon war ja nicht viel Zeit, um ins Detail zu gehen.«
»Okay. Danke, Paul.«
Sie holten Abbys Tasche am Empfangsschalter ab und verließen das Büro. Im Aufzug zur Tiefgarage fragte Abby schließlich: »Wie läuft’s denn so? Geschäftlich, meine ich.«
Er zuckte mit den Schultern. »Könnte besser laufen. Freitag haben wir schon wieder einen Klienten verloren. Immer die gleiche Geschichte. Er hatte kein Vertrauen mehr zu TPS.«
»Wegen Devin Corbal.« Meinetwegen, wollte sie sagen.
»Nicht so sehr wegen des Vorfalls an sich, sondern wegen der ständigen Berichte in den Medien. Anscheinend fällt denen kein neues Thema ein. Letzte Woche stand wieder so ein Hetzartikel über uns in der Times. Das Übliche eben: Was wir alles hätten besser machen können. Im Nachhinein ist so was ja einfach. Unsere Klienten lesen diesen Mist natürlich auch und eine ganze Reihe sind kurz davor, uns den Laufpass zu geben.«
»Und viele sind schon weg«, sagte sie leise und dachte an die leeren Büros und die Entlassungen. Sie wusste, Travis hatte immer Wert darauf gelegt, den Betrieb möglichst übersichtlich zu halten, aber mit exklusivem Service. TPS hatte nie mehr als fünfzig Klienten gleichzeitig gehabt. Mit dieser Geschäftspolitik konnte er sich nicht viele Fehler erlauben. Und jetzt, da Monat für Monat die Auftraggeber absprangen, bestand die Gefahr, dass das Geschäft, das er selbst gegründet hatte, eingehen würde.
»Wir haben einige Verluste erlitten«, gestand er ein, »aber wir werden die Sache schon überstehen. Und am Ende werden wir erfolgreicher sein als vorher.«
Er schien tatsächlich daran zu glauben. Sie wünschte, sie wäre auch so zuversichtlich.
Sein Mercedes C43 wartete in der Tiefgarage. Travis hievte Abbys Tasche in den Kofferraum und öffnete ihr die Beifahrertür. Bevor er die Tür wieder schloss, beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie kurz, aber so heftig, dass ihr Herz schneller schlug.
Im Büro hatte er sie nicht geküsst. Es war eine ihrer Regeln, vor Mitarbeitern und Klienten keine Zärtlichkeiten auszutauschen.
Travis hatte eine Hand am Steuer, während er mit der anderen ihre hielt. Als er sich in den Verkehr auf der Avenue of the Stars einfädelte, fragte er. »Wie gefällt es dir, wieder in L. A. zu sein?«, fragte er.
»Ganz gut. Es ist warm heute.« Sie hatte das Fenster ein wenig heruntergelassen und der Fahrtwind strömte ihr ins Gesicht.
»Über zwanzig Grad. Sicher wärmer als New Jersey.«
»Ich musste mir einen Mantel kaufen. Ich habe ihn nur ein paar Tage getragen und ihn dann einem wohltätigen Verein gespendet. Er passte nicht in meine Tasche.«
»Und deine Waffe? Wie hast du die transportiert?«
»Die habe ich heute Morgen vom Flughafen aus mit FedEx verschickt. Lieferung noch am selben Tag. Die dürfte schon zu Hause auf mich warten.«
»Für wen hast du in New Jersey eigentlich gearbeitet?«
»Für Gil Harris. Er ist vor ein paar Monaten von San Diego aus dort hingezogen und hat in Camden eine Sicherheitsfirma aufgemacht. Ein Betrieb dort hatte Probleme mit einem ehemaligen Mitarbeiter namens Frank Harrington. Er hat die Firma bedroht und ihr eigener Sicherheitsdienst war damit überfordert. Ich sollte herausfinden, ob er es ernst meinte.«
Travis fuhr Richtung Westen auf den Santa Monica Boulevard. »Und? Meinte er es ernst?«
»Aber hallo! Auf seinem Computer habe ich einen Abschiedsbrief gefunden. Er hatte vor, durch das Fabriktor zu preschen und mit zwei vollautomatischen Gewehren im Dauerfeuer um sich zu ballern.«
»Wie bist du denn an seinen Computer rangekommen?«
»Nun, zuerst habe ich mich in einer Bar von Frank anbaggern lassen und bin mit ihm nach Hause gegangen. Wir haben noch was getrunken und ich habe ihm K.-o.-Tropfen in den Drink getan. Es hat ihn sofort umgehauen. Dann habe ich die ganze Wohnung durchsucht und auf dem Computer die Nachricht gefunden. Die habe ich ausgedruckt und so in der Wohnung deponiert, dass sie sofort ins Auge fiel. Dann habe ich die Polizei angerufen und gesagt, in Franks Wohnung sei eingebrochen worden. Als ich mich aus dem Staub gemacht habe, war er immer noch bewusstlos.«
»Keine Probleme?«
»Die Polizei war ein bisschen schneller da als erwartet. Ich musste mich durch die Hintertür davonmachen. Davon abgesehen lief alles glatt.« Sie lächelte. »Ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag.«
»War der Abschiedsbrief datiert?«
»Ja, auf Mittwoch, den dreiundzwanzigsten März«.
»Das ist morgen.«
»Stimmt.«
»Dann hast du ihn also noch rechtzeitig aufhalten können.«
»Sieht so aus.«
»Du hast vielen Leuten das Leben gerettet, Abby.«
»Ja. Wenn ich nur genug Menschen das Leben rette, kann ich vielleicht wiedergutmachen, dass es bei einem nicht geklappt hat.« Sie seufzte. »Und dieser Raymond Hickle? Erzähl mir alles über ihn.«
»Er ist weiß, vierunddreißig Jahre alt, war noch nie verheiratet. Lebt allein, keine Haustiere, niedriges Einkommen. Arbeitet in Zack’s Donut Shack an der Ecke Pico Boulevard und Fairfax Avenue.«
»Als Bedienung oder in der Küche?
»Beides, aber hauptsächlich als Bedienung.«
»Dann hat er zumindest eine gewisse soziale Kompetenz.«
»Geht so. Jedenfalls läuft er nicht in der Gegend rum und führt Selbstgespräche oder zieht vor Kindern auf dem Spielplatz blank.«
»Schade, dann könnten wir ihn leicht aus dem Verkehr ziehen.«
»So einfach wird es nicht. Alle seine ehemaligen Arbeitgeber halten große Stücke auf ihn. Er hat zwar oft die Stelle gewechselt, aber alle Arbeitgeber, die wir ausfindig machen konnten, haben gesagt, Ray Hickle sei der beste Mitarbeiter gewesen, den sie je hatten.«
»Warum haben sie ihn dann nicht behalten?«
»Es lag an ihm. Er hat immer wieder gekündigt.«
»Warum?«
»Weil sie ihn befördern wollten. Das scheint jedes Mal der Auslöser gewesen zu sein.«
»Um was für Stellen ging es dabei denn?«
»Immer um leitende Stellen. Er hat offenbar Angst vor Verantwortung.«
Abby schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. Und was waren das für Jobs, die er gemacht hat?«
»Alles einfache Tätigkeiten: Autowäscher, Kartenabreißer im Kino, Spülhilfe in einem Café, Verkäufer in einem Fotoladen, Hausmeister in einem Bürohaus.«
»All diese Job haben eins gemeinsam: Man muss nicht großartig nachdenken. Man wird eingearbeitet und dann macht man vollkommen mechanisch seinen Job. Aber wenn man eine leitende Position bekommt, muss man auf einmal nachdenken.«
»Ich halte Hickle aber nicht für dumm.«
»Das habe ich auch nicht gesagt. Ich glaube, er will sich einfach den Kopf freihalten. Für Kris Barwood zum Beispiel, die Nummer eins unter den Nachrichtenmoderatoren der Stadt … Hickles einzige wahre Liebe.«
»Und eine Klientin, die wir auf gar keinen Fall verlieren dürfen.«
»Wieso?«
»Weil sie die einzige Medienpersönlichkeit ist, die wir auf unserer Seite haben. Channel Eight hat sich der Meute noch nicht angeschlossen. Da ist Kris davor. Sie hat in aller Öffentlichkeit gesagt, die Berichterstattung über TPS sei ungerecht. Wenn sie uns fallen lässt, sind wir geliefert.«
Jetzt begriff Abby. »Andererseits, wenn TPS ihr Problem ohne Zwischenfälle aus der Welt schafft und Channel Eight groß darüber berichtet …«
»Das wäre die beste Werbung. Genau.« Er machte ein leicht betretenes Gesicht, so als fühlte er sich ertappt.
»Also dann erzähl mir mal alles.«
»Vor etwa fünf Monaten fing Hickle an, Kris persönliche Brief zu schicken. Sie sind uns aufgefallen, als wir die Post überprüft haben. Anfangs waren sie nicht weiter besorgniserregend. Nur Briefe von einem Fan, nichts Außergewöhnliches.«
»Hat er sie unterschrieben?«
»Ja, er hat sie immer mit seinem Namen unterschrieben. Er hat sogar ein Foto von sich dazugelegt, so als würde er an eine Partnervermittlung schreiben. Er hat nie versucht seine Identität zu verbergen.«
»Das macht ihn aber nicht weniger gefährlich.« Abby wusste, dass sich Leute, die Prominente stalken, selten Mühe gaben, anonym zu bleiben. Im Gegenteil, ihre Opfer sollten genau wissen, mit wem sie’s zu tun hatten. Und wenn die Zeit kam zuzuschlagen, sollte die ganze Welt Bescheid wissen.
»Er hat immer wieder um ein Foto gebeten«, sagte Travis. »Also haben wir KPTI erlaubt, ihm so ein Hochglanzfoto mit falschem Autogramm zu schicken. Es sollte nicht zu persönlich wirken, weil wir ihn nicht noch anspornen wollten.«
»Okay.« So weit nichts Ungewöhnliches.
»Nur hörte er leider nicht auf. Seine Briefe wurden immer länger und immer persönlicher. Er schrieb Dinge, die man höchstens einem sehr guten Freund anvertrauen würde. Manches war ziemlich heftig. Er hat auch Geschenke geschickt.«
»Ach, was denn?«
»Schmuck meistens. Aber billigen Modeschmuck. Einmal hat er ihr Duftkerzen geschickt, weil er gelesen hatte, dass sie Aromatherapie praktiziert.«
»Und seine Vergangenheit? Irgendwelche Gewaltvergehen?«
»Nein.«
»Ist er je in einer Anstalt gewesen?«
»Nein.«
»Hatte er schon mal mit der Polizei zu tun? Ist er vielleicht mal verhaftet worden?«
»Wir können nicht ausschließen, dass er schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, aber soweit wir wissen, ist er noch nie vor einem Richter gelandet.«
Abby nickte. Stalker lernten von klein auf zu hassen, aber anders als gewöhnliche Kriminelle lernten sie auch Selbstbeherrschung. Sie waren in der Lage, ihren Hass zu kontrollieren. Von den wirklich gefährlichen Stalkern, denjenigen, die wie Attentäter dachten, hatten die wenigsten jemals Probleme mit der Polizei. Dazu gingen sie viel zu vorsichtig und überlegt vor. Sie warteten den richtigen Zeitpunkt ab.
»Seit drei Wochen schickt er keine Briefe mehr«, sagte Travis, »aber er ruft an.«
»Er hat ihre Nummer …« Es sollte eigentlich eine Frage werden, aber sie war nicht wirklich überrascht.
Travis nickte. »Die private und die geschäftliche, obwohl beide geheim sind. Anfangs haben wir ihre Anrufe nicht gefiltert, deshalb ist er auch durchgekommen. Und sie hat den Fehler begangen, mit ihm zu reden. Das hat die Sache natürlich nur noch verschlimmert.«
»Klar, ihm geht’s ja um den Kontakt.«
»Ich habe es ihr auch erklärt. Und ich musste bei ihr zu Hause einen zweiten geheimen Telefonanschluss legen. Die eingehenden Telefonate auf dem ersten haben wir mit einem Anrufbeantworter gefiltert, aber es hat nichts gebracht. Er hat sich wohl gedacht, dass sie einen neuen Anschluss hat. Und die Nummer hat er auch rausgefunden.«
»So ein hartnäckiger kleiner Fiesling.«
»Und schlau ist er auch.« Travis fuhr in nördlicher Richtung auf den Westwood Boulevard. »Kris hat ihn gefragt, wie er ihre Adresse herausbekommen hat, und er hat es ihr gesagt. Er hat im Internet nach dem Namen ihres Mannes, Howard Barwood, gesucht und den Sitzungskalender der kalifornischen Küstenkommission für April 1999 gefunden. Alle Sitzungsprotokolle sind im Internet einsehbar. Und in dem Monat hat die Kommission über einen Antrag von Howard Barwood aus Malibu beraten, der ein Gästehaus an seine Garage anbauen wollte. Seine Adresse stand in der Zusammenfassung des Bauantrags.«
Abby seufzte. Man konnte heutzutage nichts mehr geheim halten. »Wurde der Antrag genehmigt?«
»Ja, natürlich, und das Gästehaus ist für uns sogar ganz praktisch. Wir haben dort einen Kommandoposten eingerichtet.«
»Und wie oft ruft Hickle an?«
»Im Schnitt sechs Mal am Tag.«
»Hat er versucht, sie persönlich zu treffen?«
»Ja, öfter. In gewisser Weise haben wir Glück, weil Kris in der Malibu Reserve wohnt. Sie ist vor ein paar Jahren dorthin gezogen, weil es da sicherer ist. Das ist für jemanden in ihrer Position ganz normal. Die Anlage wird sehr streng bewacht. Hickle ist noch nie an den Wachposten am Tor vorbeikommen. An ihrem Arbeitsplatz ist es ähnlich. Das KPTI-Gelände ist umzäunt und hat ein Tor mit Wachleuten, die ein Foto von Hickles haben.«
»Er hat also versucht, in ihr Haus zu kommen? Und ins Studio? Wie oft denn insgesamt?«
»Weit über zwanzigmal.«
»Und immer häufiger?«
»Ja.«
»Klingt gar nicht gut.«
Travis bog nach links auf den Wilshire Boulevard ab. Die breite, stark befahrene Straße wurde zu beiden Seiten von Hochhäusern mit Eigentumswohnungen und ein paar Bürotürmen flankiert, und Abby wohnte ungefähr in der Mitte.
»Du hast erwähnt, dass Kris Barwood immer noch zu dir steht«, sagte Abby, als sie ihren Wohnblock erreichten. »Aber wie hat sie denn damals auf die Sache mit Corbal reagiert?«
»Sie war erschüttert und hatte Angst. Und obwohl sie schon seit Jahren unsere Klientin ist, hätte sie uns fast den Laufpass gegeben. Howard hätte am liebsten den Vertrag zerrissen, aber Kris hatte das letzte Wort und ich habe es ihr ausgeredet.«
»Und jetzt ist sie deine größte Fürsprecherin. Da musst du ja mit Engelszungen auf sie eingeredet haben.«
»Sagen wir mal, wenn’s drauf ankommt, kann ich sehr überzeugend sein.«
Der Mercedes fuhr in die geschwungene Auffahrt vor Abbys Wohnturm, dem Wilshire Royal.
»Willst du mit hochkommen?«, fragte Abby betont beiläufig.
Travis zögerte. »Besser nicht. Ich habe heute noch einiges vor.«
»Ja, ich habe eigentlich auch alle Hände voll zu tun.« Es fiel ihr nicht schwer, ihre Enttäuschung zu überspielen.
Sie stiegen aus, und Travis holte Abbys Tasche aus dem Kofferraum. Dann nahm er einen dicken braunen Umschlag mit Papieren aus seiner Aktentasche. »Dein Exemplar der Fallakte.«
»Bettlektüre«, sagte Abby und steckte den Umschlag in ihre Reisetasche. »Danke für die Mitfahrgelegenheit, Paul. Und … danke, dass du mir noch mal eine Chance gibst.«
»Ich habe die nie die Schuld dafür gegeben, Abby. Niemals.«
»Und wenn TPS untergeht, wirst du dann auch noch so denken?«
»Die Firma geht nicht unter. Bald wird sich das Blatt wenden.«
»Ja, ich weiß.«
Sie wollte gerade gehen, da packte er sie bei den Schultern und küsste sie. Es war ein leidenschaftlicher, berauschender Kuss, aber viel zu kurz. Als er sich von ihr löste, sah er sie stirnrunzelnd an. »Weißt du, ich glaube, du könntest einen falschen Eindruck haben.«
Im ersten Moment war sie verwirrt. Aber dann wurde ihr klar, dass er nicht über ihre Beziehung sprach, sondern über den Fall. »Wie meinst du das?«
»Ich habe vor allem beschrieben, warum Hickle gefährlich werden könnte, er hat aber auch eine andere Seite. Er ist bei der Arbeit äußert zuverlässig und hat keine Vorstrafen. Aus der Vergangenheit sind keine psychischen Erkrankungen bekannt, auch keine Neigung zur Gewalt. Und er hat noch nie eine eindeutige Drohung gegen Kris ausgesprochen. Ich weiß, das hat nicht viel zu sagen, aber wenn man das alles berücksichtigt, wirkt er eher wie ein harmloser Exzentriker und nicht wie ein verrückter Mörder.«
»Kann schon sein.«
»Ich will nur nicht, dass du voreingenommen an den Fall herangehst.«
»Keine Sorge, ich muss ihn erst mal richtig kennenlernen. Er wird sich öffnen, mir verraten, wer er wirklich ist und was er vorhat. Risikoanalyse, das ist Teil meiner Strategie. Ich sammle Daten und werte sie aus.«
»Aus deinem Mund hört es sich fast banal an.«
Sie lächelte, aber es war ein schwermütiges, wissendes Lächeln. »Ist es auch … solange nichts schiefgeht.«