35
Der Lincoln bog gerade in den Malibu Reserve Drive ein, als er plötzlich mit quietschenden Bremsen anhielt und eilig zurücksetzte. Da wusste Hickle, er war aufgeflogen.
Die Schrotflinte mit beiden Händen haltend, sprang er aus dem Gebüsch. Er hatte keine freie Schusslinie auf die Seitenfenster, deshalb schoss er auf die Windschutzscheibe und hoffte, den Fahrer zu erwischen. Die Scheibe bekam Risse, zersplitterte aber nicht. Durch das Spinnennetz der Risse sah er den Fahrer das Lenkrad herumreißen, während er auf die Gateway Road zurücksetzte. Wenn er den Wagen genau ausrichtete, konnte er die ganze Stecke bis zum Tor rückwärtsfahren. Und der Wachmann rief wahrscheinlich schon die Polizei.
Hickle feuerte noch zweimal auf die Windschutzscheibe. Dann war das Magazin leer. Die Scheibe wölbte sich nach innen, zerbrach aber immer noch nicht. Der Fahrer war durch die Schüsse abgelenkt und der Wagen schlitterte schräg zur Seite weg. Einen Augenblick lang steckte das rechte Hinterrad im Schlamm neben der Fahrbahn fest.
Hickle ließ die Tasche liegen, stürmte auf den Wagen zu und lud im Laufen nach. Er sah, dass sich auf dem Rücksitz etwas bewegte. Zwei Gestalten, eine davon Kris.
Der Fahrer schaltete in den Vorwärtsgang und wollte lospreschen, aber Hickle war schon längst neben dem Wagen. Er feuerte drei Schüsse auf die Seitenwand. Die Geschosse müssten sie auseinanderreißen. Aber nichts. Der Wagen bekam nur ein paar Kratzer ab.
Panzerplatten. Kugelsicheres Glas. Davon hatte JackKeck nie etwas erwähnt. Entweder hatte er es nicht gewusst oder das Ganze war eine Falle. Hickle hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Fahrer versuchte umständlich, in mehreren Zügen Richtung Tor zu wenden. Hickle schoss auf einen Vorderreifen. Der Schuss riss ein Loch, aber der Reifen verlor keine Luft. Sogar die Reifen waren kugelsicher.
Er holte Patronen aus der Jackentasche und lud nach. Als der Wagen schließlich gewendet hatte, sprang Hickle auf die Motorhaube und starrte dem Fahrer ins Gesicht. Seine Ohren klangen, trotzdem hörte er, wie eine Männerstimme vom Rücksitz rief: »In Deckung!«
Hickle lud die Flinte durch, setzte die Mündung auf die Windschutzscheibe und drückte ab. Verkohlte Filzfetzen aus der Patrone flogen ihm ins Gesicht und er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er das Loch in der Windschutzscheibe. Er schob den Lauf der Flinte hindurch und feuerte zweimal ab, jedoch ohne zu zielen. Er hoffte auf einen Glückstreffer oder einen Querschläger.
Der Wagen bremste scharf. Er dachte, er hätte den Fahrer getroffen, doch dann setzte der Lincoln mit quietschenden Reifen zurück und er fiel rücklings von der Motorhaube auf die Straße. Der Wagen hielt an. Ein Scheinwerfer war erloschen. Der andere warf einen grellen Lichtkegel auf ihn.
Er wusste, was geschehen würde, schon bevor der Wagen nach vorn schoss.
Seine Reflexe retteten ihn. Er hechtete zur Seite und flüchtete sich in das Gehölz. Der Wagen verfolgte ihn, blieb aber ruckartig am Rand des Waldstücks stehen. Hickle warf sich ganz flach auf den Boden, wo ihn der intakte Scheinwerfer nicht erfassen würde. Wie durch ein Wunder hielt er immer noch die Flinte in der Hand und jetzt hatte er das Fahrgestell des Wagens im Blick.
Er feuerte einen einzelnen Schuss ab.
Funken sprühten und zerfetzte Metallstücke fielen zu Boden. Da wusste er, welcher Teil des Lincoln nicht gepanzert war.
Der Wagen fuhr rückwärts auf die Straße zurück, aber Hickle rannte hinterher und lud nach. Er zielte nach unten und drückte viermal hintereinander ab. Der Wagen drehte ab und begann zu schlingern. Hickle sah unter den Rädern etwas Nassglänzendes. Er hatte den Benzintank getroffen.
»Fickt euch«, schnaufte Hickle. »Jetzt habe ich euch!«
Er lud nach und feuerte immer wieder, während er durch Benzinpfützen stapfte. Immer hinter dem angeschlagenen Wagen her, der auf durchlöcherten Reifen und schiefen Rädern rückwärts über die Gateway Road rumpelte. Plötzlich beschleunigte er, immer noch im Rückwärtsgang, und Hickle dachte einen Moment, er würde davonkommen.
Doch dann entzündete sich das Benzin.
Sofort stand das gesamte Vorderteil des Wagens in Flammen – Reifen, Fahrgestell, benzintriefende Chromteile. Während der Lincoln schlingernd zum Stehen kam, lud Hickle seine letzten Patronen in die Flinte und sprang, den Tod im Sinn, auf den Wagen zu.
Von dem Moment an, da Travis Abbys Warnung gehört und Drury zugeschrien hatte, er solle zurückfahren, hatten im Innern des Wagens nur noch Chaos und Panik geherrscht. Kris hatte ihn mit fragendem Blick angestarrt, als aus der Dunkelheit heraus die ersten Schüsse krachten. Gewehrschüsse.
Türen, Dach, Seitenwände und Säulen des Wagens waren mit Aramidfaserplatten gepanzert, leichter als Stahl, doch fast ebenso undurchdringlich. Alle Fenster bestanden aus mehrschichtigem Polykarbonat-Verbundglas. Die kugelsicheren Notlaufreifen behielten ihre Form, selbst wenn sie platzten. All diese Vorkehrungen boten ein relativ hohes Maß an Sicherheit, aber es gab auch Schwachstellen. Das Verbundglas konnte zwar Kugeln von Handfeuerwaffen aufhalten, aber dem Beschuss mit einer hochkalibrigen Schrotflinte würde es auf Dauer wahrscheinlich nicht standhalten. Und die Panzerplatten schützten zwar Dach und Seiten, aber Unterboden und Fahrgestell boten Angriffsflächen. Ein voll gepanzerter Wagen wäre sicherer, ab auch schwerer und nicht so manövrierfähig. Es war eine Kompromisslösung.
Als die Windschutzscheibe unter den ersten beiden Schrotsalven splitterte, fragte sich Travis allerdings, ob dieser Kompromiss eine so gute Idee gewesen war.
Und dann war keine Zeit mehr, sich Gedanken zu machen. Es ging nur noch ums Überleben und darum, Kris zu retten. Er schrie, sie solle in Deckung gehen, aber die Worte drangen nicht zu ihr durch. Blanke Panik stand ihr im Gesicht, jeder Muskel war angespannt. Als der Wagen ein Stück von der Straße abkam und ein Reifen stecken blieb, spürte er, wie es sie vor Angst schüttelte. Dann kamen sie wieder auf die Straße, standen jedoch quer, und der panische Drury verlor mehrere Sekunden bei einem umständlichen Wendemanöver. In dem Moment begann Hickle, auf die Seite des Wagens zu schießen. Kris fing an zu schreien. Das Türblech wölbte sich unter dem Beschuss mehrere Zentimeter nach innen, aber die Panzerung hielt. Drury gelang es, den Wagen gerade auf die Fahrbahn zu bringen, aber in dem Moment, als er aufs Gas trat, warf sich Hickle auf die Motorhaube.
Travis sah, wie die Flintenmündung die angeknackste Scheibe berührte, und wusste, dass sie noch einen Schuss nicht überstehen würde. Er packte Kris und drückte sie auf den Boden, während im Wageninnern zwei Flintenschüsse widerhallten.
Dann ging alles unglaublich schnell. Er beugte sich über Kris, um sie mit seinem Körper abzuschirmen, und merkte nur, dass der Wagen ein paar Mal stoppte und wieder anfuhr, bremste und zurücksetzte, dann nach vorn preschte und wieder bremste, und dann hörte er wieder einen Schuss, der den Wagen weit unten traf, und noch mehr flache Schüsse, während der Lincoln zurücksetzte und mit quietschenden Reifen rückwärts die vierhundert Meter zum Tor fuhr.
Die flachen Schüsse machten Travis besonders Angst. Er dachte an die ungeschützte Unterseite des Wagens. Und an den Benzintank.
Er hielt Kris fest und hörte, wie sie leise und eindringlich immer wieder dieselben Worte vor sich hin betete: »Gotte helfe uns … Gott helfe uns … Gott helfe uns …«
Und dann sah er das Feuer.
Er hörte noch das Zischen des sich entzündenden Benzins, bevor plötzlich grelles Orange die Wagenfenster erfüllte. Durch Glück oder Geschick hatte Hickle den Tank leck geschossen, und die Funken seiner nachfolgenden Schüsse hatten das Benzin entzündet.
Der Lincoln würde innerhalb von Sekunden von Flammen umringt sein. Auch wenn der Wagen nicht in die Luft flog – Benzin war nicht so explosiv wie Hollywoodfilme einem weismachen wollten –, würde er auf jeden Fall zu einem Häufchen Asche verbrennen, mitsamt seinen Insassen.
Er zog Kris zu sich hoch und brüllte Drury zu, er solle sich in Sicherheit bringen. Der Wagen hielt schräg auf der Gateway Road, halbwegs zwischen Malibu Reserve Drive und Tor, und Drury sprang hinaus. Oder zumindest nahm Travis es an. Er bekam es nicht mit, denn er hatte alle Hände voll damit zu tun, seine Tür aufzubrechen und Kris aus dem Wagen zu ziehen, weg von dem Feuer, das sich immer weiter ausbereitete.
Er zerrte sie in die Büsche am Straßenrand, dann zog er seine Walther, duckte sich, drehte sich um und suchte die Dunkelheit nach Hickle ab. Er musste da irgendwo sein, denn bei all dem Wahnsinn stand eins mit Sicherheit fest: Hickle würde erst aufgeben, wenn Kris tot war.
Der Wagen brannte lichterloh. Feuchte Hitze schlug Hickle entgegen, als er darauf zusprintete, die Flinte mit beiden Händen fest umklammert. Er merkte, dass er das linke Bein leicht nachzog. Wahrscheinlich hatte er sich den Knöchel verstaucht, als er von der Motorhaube gefallen war. War auch egal, er konnte noch laufen. Sie waren aus dem Wagen geflohen. Kris war im Freien, schutzlos. Ein Schuss würde reichen, um die Sache zu beenden.
Sie hatte hinten gesessen. Eine der hinteren Türen stand halb offen. Hickle rannte zu der Seite mit der offenen Tür, da sah er sie am Straßenrand, ein Häufchen Angst und Schock. Bei ihr war ein Mann, den er nicht kannte. Ein Mann mit einer Waffe.
Hickle sah, wie die Waffe hochschnellte und warf sich hinter den Wagen auf den Boden, dann spürte er eine Bewegung, ganz nah, drehte sich um und sah, wie der Fahrer hinter der offenen Vordertür eine Pistole auf ihn richtete. Hickle schoss und der Mann ging zu Boden. Getroffen? Schwer zu sagen. Hickle bewegte sich blitzartig um die Tür herum, bereit, erneut zu schießen. Aber es war nicht nötig. Der Mann lebte noch, war aber außer Gefecht. Er wand sich hin und her, die Pistole unbeachtet neben ihm auf dem Boden. Hickle ignorierte ihn. Er hatte kein Interesse daran, ihm einen Gnadenschuss zu verpassen. Der Mann war unwichtig. Er wollte nur Kris.
Geduckt eilte er zum Heck des Wagens. Die Hitze des Feuers war kaum auszuhalten. Er spähte seitlich hinter dem Wagen hervor und sah, wie Kris und ihr Beschützer sich tiefer ins Gebüsch zurückzogen. Er schickte ihnen zwei Ladungen Schrot hinterher und sah, wie sie zu Boden gingen. Aber wahrscheinlich hatte er sie nicht getroffen. Sie hatten sich nur vor den Schüssen geduckt.
Im Gebüsch Blitze aus einer Pistolenmündung. Kris‘ Beschützer schoss zurück. Hickle drückte noch einmal ab, dann eilte er zur Vorderseite des Wagens. Er hatte einen Plan. Sie glaubten, er wäre am Heck des Wagens. Mit einem Angriff von vorn würden sie nicht rechnen.
Als er hinter dem Wagen hervorsprang, stieß er mit etwas zusammen. Nein, mit jemandem, der vor ihm auf den Boden fiel.
Kris.
Sie war in Panik geraten und weggerannt. Ihm direkt in die Arme.
Ihr Gesichtsausdruck, als sie hoch blickte und ihn sah, war unbezahlbar, das schönste Geschenk, das er je erhalten hatte. Nackte Angst stand in ihren Augen, völlige Resignation und endgültige Unterwerfung. Ihr Blick bedeutete, dass er gewonnen und sie verloren hatte. Er war der Meister und sie das Opfer.
Dieser Blick dauerte kaum eine Sekunde, nicht länger, als er brauchte, um seine Flinte auf sie zu richten und ihr mit einem kalten Kuss die Mündung auf die Stirn zu setzen. Er drückte ab.
Nichts.
Das Magazin war leer.
Er hörte einen Schuss von der Straßenseite und spürte, dass die Kugel ihn nur um Zentimeter verfehlte.
Der Mann mit der Pistole. Er kam auf ihn zu. Hickle rannte weg.
Er hatte keine Wahl. Er hatte keine Patronen mehr in der Tasche.
Wieder ein Schuss von hinten. Als er die andere Straßenseite erreichte, rannte er in den Wald. Er stolperte über etwas, das sich an seinem Fuß verfing. Seine Tasche.
Vielleicht war darin noch mehr Munition, doch die zu suchen, würde zu lange dauern. Und da war auch noch die Büchse, vollgeladen. Aber er wurde von einem bewaffneten Mann verfolgt. Er hatte einfach nicht genug Zeit, die Büchse herauszuholen und zum Schuss anzusetzen.
Er hatte seine Chance sowieso vertan. Selbst wenn er Kris‘ Beschützer erschießen würde, waren wahrscheinlich schon längst die anderen TPS-Leute da. Und der Wachmann und die Polizei … alle.
Es war vorbei.
Hickle schulterte seine Tasche und hastete geduckt und schwer atmend zwischen den Bäumen hindurch.
Er versuchte, nicht an das zu denken, was passiert war, wie nahe er seinem Ziel gekommen war und wie schändlich er versagt hatte. Wenn er daran denken würde, würde er einfach stehen bleiben, hinfallen und heulen wie ein Kind, weil die Welt ihn betrogen hatte und das Leben so schrecklich unfair war.