7

 

Der Teig war geschmeidig und weich wie eine Frau. Wie ein Liebhaber bearbeitete George Zachareas die Masse mit seinen schwieligen, altersfleckigen Pranken. Er knetete und zerrte, faltete und zwirbelte. Nach und nach verfiel er in einen Rhythmus. Arme, Schultern und Oberkörper drückten in einem langsamen, einstudierten Tanz immer wieder zu.

Zachareas – oder Zack, wie ihn alle nannten –, Besitzer und Betreiber von Zack’s Donut Shack, merkte, dass er lächelte. Er genoss die Sinnlichkeit seiner Arbeit.

»Danke, dass du länger bleibst«, sagte er zu dem großen jungen Mann neben ihm, der die gleiche rote Schürze und Kappe trug wie er und denselben Teigberg bearbeitete.

»Kein Problem«, sagte Raymond Hickle.

Zack war allein mit Hickle in der Küche. Er hatte Susie Parker, eine Schulabbrecherin, die nicht viel taugte und kaum lesen und schreiben konnte, an die Kasse gestellt. Nachmittags war nicht viel los. Am besten lief das Geschäft morgens und spätnachts. Normalerweise kam Zack tagsüber gar nicht in den Laden, aber Hickle hatte ihn eine halbe Stunde zuvor angerufen, weil die neunzig Kilo Teig, die der Bäcker aus der Nachtschicht zubereitet hatte, aufgebraucht waren. Und Zack hatte beschlossen, selbst vorbeizukommen und noch einmal zwanzig Kilo herzustellen. Man konnte den Teig auch mechanisch kneten. Dazu musste man nur einen Teighaken in eines der Rührgeräte stecken. Aber Zack machte es lieber per Hand. Und Hickle hatte sich bereit erklärt zu helfen.

»Das ist wirklich nett von dir, Ray«, sagte Zack so laut, dass man den Eindruck hatte, Gott würde höchstpersönlich vom Himmel herabrufen. Zack wurde seit Jahren immer schwerhöriger, weigerte sich jedoch, es zuzugeben. »Länger zu bleiben, obwohl du Feierabend hast. Und das nach acht Stunden Arbeit. Du bist bestimmt froh, wenn du endlich hier raus bist.«

»Eigentlich nicht.«

»Und hast du heute Abend schon was vor?«

»Nein.«

»Und am Wochenende? Ist ja nicht mehr lange. Schon Pläne?«

»Samstag arbeite ich. Vertretung für Emilio.«

»Schon wieder?«

»Es macht mir nichts aus. Ich kann das Geld gut gebrauchen.«

»Das Leben kann doch nicht nur aus Arbeit bestehen, Ray. Vor allem, wenn man in einem Laden wie dem hier arbeitet.«

»Ich hatte ja gestern frei.«

»Ja, stimmt. Und hast du was unternommen?«

»Ich war am Strand.«

»Da bin ich aber froh. Hör mal, versteh mich nicht falsch, du machst deine Arbeit wirklich gut. Du bist der Beste. Aber in einem Donut-Laden Teig kneten, das ist kein Leben für dich. Denkst du nicht an deine Zukunft?«

»Ich bin ganz zufrieden.«

Zack schüttelte den Kopf. Er war ein großer, kräftiger Mann von vierundsechzig, aber Hickle, gut dreißig Jahre jünger, war noch größer als er, eins sechsundachtzig, und mit ein bisschen Training könnte er eine Figur haben wie ein Boxer. Er war blass, immer ernst, hatte einen nachdenklichen Blick und einen dichten Schopf schwarzer Haare, oben auf dem Kopf ganz zerzaust, aber im Nacken kurz geschoren. Er hätte gut aussehen können, dachte Zack, hat die Gelegenheit dazu aber irgendwie verpasst. Sein Gesicht war zu fahl, seine Augen tief liegend und klein unter schweren Brauen und es war schwer zu sagen, woran es lag, aber die Proportionen seines Gesichts stimmten nicht so richtig.

»Du könntest was Besseres finden«, sagte Zack. »Mann, du hast wirklich was drauf.« Er senkte den Kopf, um verschwörerisch, aber lauthals zu rufen: »Viel mehr als die Clowns, die die anderen Schichten machen. Vielleicht sollten wir uns in paar Monaten mal über eine bessere Stellung unterhalten …«

»Nein, danke.«

Zack unterbrach seine Arbeit. »Du hast keine Lust auf eine Beförderung?«

»Ich bin zufrieden mit meinem Job.«

Zack nahm wieder den Teig in Angriff. Aus Raymond Hickle wurde er einfach nicht schlau. Er war zufrieden? Wie war das nur möglich? Er hatte keinen Ehrgeiz, kein Privatleben, nichts, nur acht Stunden täglich, in denen er für gleichgültige Kunden niederste Arbeiten verrichtete.

Seine Arbeitszeit verbrachte er zum Teil hinter dem Tresen, wo er Kaffee kochte, Muffins in der Mikrowelle aufwärmte und Bagels toastete, und zum Teil in der Küche zwischen Edelstahlspülen, Küchengeräten und dem Behälter, in dem die riesigen Mengen Schmalz geschmolzen wurden, die man zum Ausbacken der Donuts brauchte. Hickle hatte auch den Umgang mit dem Donut-Füller gelernt, einem konischen, manuell betätigten Gerät, das Gelee in die gebackenen Donuts spritzte. Außerdem musste er häufig die Aufsätze der Mixer reinigen, die Milch und Puderzucker zu Zuckerguss verrührten. Nicht gerade ein Traumjob. Und trotzdem murrte Hickle nie, er drückte sich nie, war immer bei der Sache und wirkte nie gelangweilt. Das war einfach nicht normal.

Zack mochte Ray, wirklich, und er wollte seine Laune ein bisschen aufbessern. »Weißt du was, Ray«, sagte er ganz spontan, »du bist unser Mitarbeiter des Monats.«

Hickle sah noch nicht einmal auf. »Ich wusste gar nicht, dass es hier so was gibt.«

»Na ja, bisher nicht, aber jetzt schon. Okay?« Er gab Hickle einen männlichen Schlag auf die Schulter und eine Mehlwolke flog auf. »Und du kriegst fünfzig Mäuse zusätzlich.«

»Aber das ist doch nicht nötig.«

»Bei den ganzen unbezahlten Überstunden, die du machst, Ray, da hättest du zehn Mal so viel verdient. Ich schlage es am Freitag auf deinen Lohn auf. Und ich will keine Widerworte hören.«

»Okay. Danke, Zack.« Es lag kein bisschen Freude in seiner Stimme, nur teilnahmslose Akzeptanz.

»Also, wofür willst du das Geld ausgeben?«, fragte Zack tapfer, in der Hoffnung auf eine positivere Reaktion.

Er erntete nur ein Schulterzucken. »Keine Ahnung.«

»Hast du vielleicht jemanden, dem du gern was schenken würdest?«

»Ja.«

Als Zack die Antwort hörte, wurde ihm bewusst, dass er mit einem Nein gerechnet hatte. Er verbarg seine Überraschung hinter einem Lächeln. »Ach, das freut mich, Ray. Und seit wann geht das schon?«

»Seit ein paar Monaten.« Hickle bearbeitete den Teig mit seinen langgliedrigen Fingern. »Sie ist eine wunderschöne Frau. Wir sind Seelenverwandte. Füreinander bestimmt.« Das Seltsame war, dass er es so beiläufig sagte, als wäre es etwas völlig Alltägliches.

»Nun, das ist schön«, sagte Zack etwas skeptischer. »Und wie heißt sie?«

»Kris.«

»Wie hast du sie kennengelernt?«

»Es war kein direktes Kennenlernen, eher eine Begegnung. Ich war in Beverly Hills, bin einfach nur rumgelaufen. Da habe ich sie gesehen, wie sie aus einem Geschäft kam. Sie hat mich nicht gesehen. Ist einfach an mir vorbeigelaufen. Aber ich konnte meinen Blick nicht mehr abwenden. Denn in dem Moment wusste ich – irgendwie wusste ich es einfach –, dass sie die Einzige für mich ist. Ich wusste, wir sind füreinander bestimmt.«

»Also bist du ihr hinterhergegangen?«

»Ja, und jetzt sehe ich sie ständig.«

»Freut mich für dich. Dazu gehört ganz schön Mumm, einem Mädchen so einfach nachzujagen. Sag Kris doch, sie soll vorbeikommen, wenn sie das nächste Mal in der Gegend ist. Sie kriegt Kaffee und Krapfen aufs Haus.«

»Okay, mache ich.«

Dann schwiegen sie und kneteten weiter. Als der Teig schließlich nicht mehr klebte und bröckelte, sagte Zack: »Ich kann auch allein weitermachen. Geh du nach Hause zu deiner Kris. Ich wette, sie wartet schon.«

»Oh ja, sie besucht mich jeden Abend. Unter der Woche jedenfalls.« Hickle wusch sich das Mehl von den Händen und trocknete sie ab. Er drückte gerade die Tür auf, da rief Zack ihm hinterher: »He, Ray, erzähl Kris aber nichts von dem Bonus. Kauf ihr einfach eine Kleinigkeit und überrasch sie damit. Frauen lieben Überraschungen.«

»Komisch, dass du das sagst. Ich habe nämlich tatsächlich eine Überraschung für sie geplant.« Hickle nickte vor sich hin. »Eine Riesenüberraschung.«

Dann verschwand er durch die Tür und Zack schaute ihm nach. Schon ein komischer Kauz, dieser Raymond Hickle. Aber wenn er eine Frau gefunden hatte, die ihn liebte, hatte er mehr Glück als die meisten.

 

Hickle verließ den Donut-Laden um Viertel vor drei. Wie immer suchte er den Parkplatz neben dem Laden nach verdächtigen Fahrzeugen ab. Es war durchaus möglich, dass er beobachtet wurde. Kris beschäftigte Sicherheitsleute, die ihn vielleicht überwachten.

Er sah nichts. Trotzdem streckte er herausfordernd den Mittelfinger aus und drehte sich einmal um sich selbst, um allen eventuell versteckten Beobachtern seine Verachtung auszudrücken.

Daraufhin stieg er in seinen Golf und fuhr auf den Pico Boulevard Richtung Osten. Nach fünf Blocks wechselte er die Spur, dann ganz schnell noch einmal, und schaute in den Rückspiegel, um zu sehen, ob hinter ihm ein Fahrzeug das gleiche Manöver vollzog. Nichts. Er war sich ziemlich sicher, dass niemand ihm folgte.

An der Tankstelle auf dem Pico Boulevard hielt er an, um von dem Münztelefon dort eine von mehreren Nummern anzurufen, die er sich eingeprägt hatte. Wie üblich nur der Anrufbeantworter. Wenn es wenigstens eine Aufnahme von Kris gewesen wäre, aber es war eine Männerstimme, wahrscheinlich ihr Ehemann.

Nach dem Piepton sagte Hickle: »Hi, Kris, ich bin’s. Ich weiß, du bist gerade im Studio. Ich wollte dir nur sagen, dass ich an dich denke. Aber diese gelbe Bluse, die du gestern in der Sendung getragen hast … Nimm es mir nicht übel, aber ganz ehrlich, die mochte ich nicht besonders. Blau ist deine Farbe. Allerdings gefiel mir dein Schlagabtausch mit Phil, dem Sportmenschen, vor allem deine Bemerkung über die Dodgers. Ich wusste nicht, dass du auf Baseball stehst. Lass jedoch bloß die Finger von diesen Dodger Dogs. Die Dinger können einen umbringen und deine Gesundheit liegt mir am Herzen. Bye.«

Er stieg wieder ins Auto. Zwei Blocks weiter hielt er an einem Lebensmittelgeschäft und benutzte auch dort das Münztelefon. Er fand es wichtig, von verschiedenen Orten aus anzurufen. An einem Ort zu bleiben und länger zu sprechen hätte gefährlich werden können. Er wusste nicht genau warum, aber er wusste, dass er in Bewegung bleiben musste.

Diesmal rief er ihre Geschäftsnummer an, aber erreichte nur ihre Mailbox. »Hallo Kris, du bereitest dich sicher gerade auf die Sechs-Uhr-Sendung vor. Ich wollte dich nur fragen, ob du die Blumen bekommen hast, die ich dir letzte Woche geschickt habe. Hoffentlich haben sie dir gefallen. Ich habe genauso einen Strauß gewählt wie den, der in der Fotoserie im LA-Magazine auf deinem Schreibtisch steht. Es war nicht einfach, das Blumenarrangement so genau zu kopieren. Schneide am besten alle paar Tage unten die Stiele ab, dann bleiben sie länger frisch. Ach, übrigens, hier spricht Raymond, falls du mich nicht erkannt hast. Hals- und Beinbruch.«

Dann fuhr er noch einmal anderthalb Kilometer und parkte an einem kleinen Einkaufszentrum, wo er den Münzfernsprecher vor einem Submarine-Sandwich-Laden benutzte. Er rief die Telefonzentrale von KPTI an. »Ich möchte bitte mit Kris Barwood sprechen.”

Die Telefonistin sagte, Ms Barwood sei nicht zu sprechen. Das stimmte ja vielleicht, aber wahrscheinlicher war, dass sie seine Stimme erkannt hatte. Schließlich rief er fast täglich bei der Telefonzentrale an. »Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?«, fragte die Telefonistin.

»Ja, bestellen Sie ihr bitte, Raymond Hickle habe angerufen. Ich habe eine wichtige Nachricht für sie, aber die kann ich ihr nur persönlich mitteilen. Ich muss unbedingt mit Kris selbst sprechen.«

»Ich werde es bestellen«, sagte die Telefonistin gelangweilt. Ihm fiel auf, dass sie nicht nach seiner Nummer fragte.

Er legte auf, fuhr drei Blocks weiter und parkte an einem Imbiss, wo er wieder das Münztelefon benutzte. Er rief noch mal Kris’ privaten Festnetzanschluss an und stapfte unruhig von einem Fuß auf den anderen, bis der Anrufbeantworter piepte. »Kris, hi. Raymond hier. Hör mal, ich wollte dir das eigentlich persönlich sagen, aber anscheinend verpassen wir uns immer wieder, deshalb muss ich auf Band sprechen. Ich habe nämlich von dir geträumt. Vielleicht war es ja ein hellseherischer Traum. Du hast gerade die Nachrichten moderiert und über einen Mord berichtet, so eine Drive-by-Schießerei, und dann kam plötzlich ein Auto durch die Wand in das Fernsehstudio gebrettert. Es fielen Schüsse und du wurdest getroffen. Es hat dich erwischt, Kris. Alles war voller Blut. Du warst mit But überströmt. Und ich glaube, den Täter haben sie nicht gekriegt. Ich fand nur, das solltest du wissen, denn manchmal sieht man im Traum die Zukunft voraus. Manche behaupten das wenigstens. Also, ich muss auflegen. Bye.«

Einen halben Block weiter parkte er am Straßenrand. Er ging das Risiko ein, zum selben Telefon zurückzukehren, denn ihm war noch etwas eingefallen. »Übrigens, noch etwas«, sagte er, als er ihren Privatanschluss erreicht hatte. »Die Blumen, die ich dir geschickt habe … weißt du, die würden sich auch sehr gut bei einer Beerdigung machen, meinst du nicht? Okay, bis bald.«

Eigentlich dachte er, er wäre fertig, aber drei Blocks weiter fuhr er auf den Parkplatz eines Supermarkts und rief mit seinen fünfunddreißig Cent noch einmal die Telefonzentrale von KPTI an. Dieselbe Telefonistin wie vorher meldete sich. »Ich möchte bitte mit Kris Barwood sprechen«, sagte Hickle.

Sie ließ einen Seufzer hören. »Es tut mir leid, aber Ms Barwood …«

»Ist nicht zu sprechen. Das wollten Sie doch sagen, oder?«

»Ja, Sir. Möchten Sie eine Nachricht …«

»Würden Sie ihr bitte, äh, sagen, Raymond hat angerufen? Einfach nur Raymond, ohne Nachnamen. Sie weiß, wer ich bin.«

»In Ordnung, Sir, das mache ich.«

»Und noch etwas? Hallo?«

»Ich bin noch dran. Was denn, bitte?«

»Bestellen Sie ihr, ich hoffe, dass ihr eine Ratte zwischen die Beine kriecht und sich in ihre verdammte Fotze verbeißt.«

Er legte auf. Zuletzt war er etwas lauter geworden. Eine Frau mit einem Kleinkind starrte ihn von der anderen Seite des Parkplatzes aus an. Als er zurück zu seinem Wagen ging, spuckte er in ihre Richtung. Sie eilte davon und der kleine Junge begann zu heulen.