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Kris war so froh, dass sie in der Malibu Reserve wohnte. Die Sicherheitsvorkehrungen der geschlossenen Wohnanlage hatten ihr zwar keinen Schutz vor Hickle bieten können, aber heute Abend erfüllten sie eine fast ebenso wichtige Funktion: Sie hielten die Meute von Reportern fern, die vor dem Tor Stellung bezogen hatte.
Da sie selbst Reporterin war, hatte sie Verständnis für den Eifer ihrer Kollegen, die draußen auf dem Randstreifen des Pacific Coast Highway campierten, sechzig Mal in der Stunde ihre Privatnummer anriefen, bis Courtney den Stecker zog, mit dem Hubschrauber über dem Haus kreisten, um die Terrasse zu fotografieren, oder sich auf den Strand schlichen und durch Teleobjektive in ihre Fenster spähten. Am Anfang ihrer Karriere hatte sie so etwas oft genug selbst getan.
Vorsichtig öffnete sie den Lamellenvorhang am Schlafzimmerfenster weit genug, um ein kleines Stück Strand und die ruhelose Brandung im fahlen Mondlicht zu sehen. Eigentlich durfte sie nicht klagen. Schließlich lebte sie noch. Ihr Herz schlug weiter, und das Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, hatte den gequälten Ausdruck verloren. Sie war fast wieder sie selbst. Die ständige Angst, dass etwas passieren könnte, war von ihr gewichen. Nun musste sie sich nur noch mit den Nachwirkungen befassen, die Scherben auflesen und sie wieder zusammenfügen. Wo Howard wohl war?
Die Polizei hatte bestätigt, was Abby ihr offenbart hatte: Er hatte Teile ihres gemeinsamen Vermögens außer Landes geschafft. Er hatte Konten auf den Niederländischen Antillen eröffnet. Vielleicht war er schon längst dort, auf den Inseln. Aber natürlich musste er nicht dorthin geflohen sein. Er konnte in der ganzen Weltgeschichte herumreisen und hätte überall Zugang zu seinem Geld. Martin Greenfield, Howards Anwalt, hatte spekuliert, dass er sich nach Mexiko abgesetzt haben könnte, aber Kris konnte sich ihren Mann nicht in einem Entwicklungsland vorstellen. Er war viel zu sehr an ein gutes Leben gewöhnt.
Sie glaubte nicht, dass er seine Flucht überhaupt geplant hatte. Er hatte einfach in Panik das Weite gesucht. Es würde nicht lange dauern, bis sie ihn schnappten. Ihr Mann hatte seine Fähigkeiten, aber Flucht vor dem Gesetz gehörte nicht dazu. Und zu ihrem Glück hatte er sich auch bei seinem Plan, sie von einem Stalker umbringen zu lassen, nicht sonderlich geschickt angestellt.
»Mich umbringen lassen«; flüsterte sie. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Eine Affäre würde sie ihm jederzeit zutrauen. Aber ihren Mord zu planen … sich mit einem Mann wie Hickle zu treffen, einem Wahnsinnigen, einem Fanatiker …
Ihr Mann, das große Kind mit seiner Spielzeugeisenbahn und den ferngesteuerten Modellflugzeugen, war ein Mörder. Zumindest hatte er versucht sie zu ermorden und nur Travis’ Achtsamkeit hatte es vereitelt.
»Kris?«, rief Courtney von unten.
Kris ging hinaus auf den Flur und beugte sich über das Geländer, um nach unten ins Wohnzimmer zu schauen. »Ja?«
»Die Männer aus dem Gästehaus haben gerade übers Haustelefon angerufen.«
Die TPS-Leute. Sie blieben so lange, bis Hickle verhaftet war. »Und?«
»Mr Barwood ist zurückgekommen.«
Diese Nachricht war so befremdlich, dass Kris sie nicht auf Anhieb verstand. »Zurückgekommen?«, wiederholte sie.
»Ja, mit Polizei. Sie wollen ihn nur für eine Minute ins Haus lassen. Ich weiß auch nicht, warum.« Es klingelte an der Tür. »Das ist er.«
Es dauerte eine Weile, bis Kris wusste, was sie sagen sollte. »Nun, dann lassen Sie ihn rein.«
Langsam ging sie die Treppe hinunter, während Courtney die Tür öffnete. Davor stand Howard mit vier weiteren Männern. Martin Greenfield, zwei Polizisten in Uniform und ein Mann im Straßenanzug, wahrscheinlich ein Detective.
Kris blieb am Fuß der Treppe stehen und starrte ihren Mann am anderen Ende des Raums an. Sie sah Angst in seinen Augen und noch etwas, vielleicht den verzweifelten, wenn auch vergeblichen Versuch, Mut zu zeigen. Sie bemerkte, dass er keine Handschellen trug. So viel Würde hatten sie ihm belassen. »Howard«, sagte sie.
»Hallo, Kris.« Selbst auf die Entfernung sah sie, dass er schlucken musste. »Es stimmt nicht.«
»Was stimmt nicht?«
»Dieser ganze Mist, der im Fernsehen erzählt wird. Die Anschuldigungen. Ich habe noch nie mit Hickle gesprochen, ich habe ihm nicht geholfen und ich wollte dir nie ein Leid zufügen.«
»Aber warum hast du ihn denn angerufen?«
»Das war ich nicht. Und dieses Handy gehört mir auch nicht.«
»Und wieso lag es dann in einem Schrank in unserem Haus.«
»Ich weiß nicht. Jemand versucht, mich reinzulegen. Das ist meine einzige Erklärung.«
Kris hatte genug Straftäter interviewt. Fast alle sagten, sie seien reingelegt worden. »Aber warum bist du dann weggerannt?«, fragte sie mit tonloser Stimme.
»Ich habe Angst gekriegt. Ich dachte, dass diese Dreckskerle mir das Handy untergeschoben haben, um mir die Sache anzuhängen, und wusste nicht, wie ich mich wehren sollte.«
Warnend sagte der Detective: »Mr Barwood.«
Er und seine uniformierten Kollegen waren nicht erfreut, als Dreckskerle tituliert zu werden. Howard schien ihn gar nicht zu bemerken.
»Aber ich bin zurückgekommen«; sagte er. »Das ist doch das, was zählt.«
»Weil sie dich geschnappt haben.«
»Nein. Ich habe mich gestellt. Das hätte ich nicht tun müssen. Ich war schon fast in Arizona, aber ich bin umgekehrt und schnurstracks zur Polizeiwache in West L. A. gegangen.«
»Arizona? Was wolltest du denn da?«
»Nichts. Das ist mir klar geworden. Deswegen bin ich auch zurückgekommen. Ich habe Martin angerufen«, er sah seinen Anwalt an, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da war, »und er hat einen Deal mit der Polizei gemacht: Wenn ich mich stelle, darf ich noch einmal herkommen.«
»Warum?« Sie versuchte, hart zu klingen, aber es kostete sie viel Mühe. »Hast du deine Zahnbürste vergessen?«
»Ich wollte dich sehen … hier, in unserem Zuhause. Und ich wollte, dass du mich anhörst.«
Kris schweig einen Moment lang, dann sagte sie: »Das war der ganze Deal? Dass sie dich herbringen?«
»Ja.«
»Und anschließend?«
»Bis Martin alles geregelt hat, muss ich einsitzen. Wer weiß, wie lange das dauert …«
Kris konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. »Eine Nacht im Knast? Ich wette, Arizona wäre dir doch lieber, was?«
»Nein. Ich bin da, wo ich hingehöre. Ich will nur, dass du mir glaubst.«
»Du hast unser Vermögen ins Ausland geschafft, oder etwa nicht?«
»Doch.«
»Und du hattest eine Affäre.«
»Ja.«
»Mit wem?«
Immerhin brachte er es fertig, ihr in die Augen zu sehen. »Amanda.«
Kris‘ Augen verengten sich. Sein schlechter Geschmack schockierte sie fast ebenso wie alles andere. »Die Amanda? Die, mit der ich arbeite? Die magersüchtige Amanda?«
»Es tut mir leid, Kris.«
Sie dachte an Amandas mitfühlendes Getue, als sie ihr erzählt hatte, dass sie Howard verdächtigte, sie zu betrügen. Wie Amanda ihr ein intimes Gespräch von Frau zu Frau versprochen hatte. Sie würde dafür sorgen, dass dieses Miststück rausflog. »Du hättest was Besseres abkriegen können«, sagte sie nur.
»Aber das hatte ich doch schon längst, ich war nur zu dumm, es zu sehen.«
Er hoffte offensichtlich, sie würde sich versöhnlich zeigen oder ihm gar verzeihen. Aber den Gefallen tat sie ihm nicht. »Ich glaube, du gehst jetzt besser«, sagte sie leise.
»Ich war es nicht«, sagte Howard.
Martin riet ihm, kein Wort mehr zu sagen.
Mit schmerzerfüllter Miene wandte er sich ab und die beiden Uniformierten führten ihn zur Tür. »Ich wollte sie gar nicht. Es war einfach nur … na ja, sie war zu haben und sie war …«
»Jung«, sagte Kris. Es klang wie ein Nachruf.
Howard und seine Eskorte zogen ab. Bevor Courtney die Tür hinter ihnen schloss, konnte Kris von oben die Rotoren eines Hubschraubers hören. Irgendjemand bekam gerade sensationelle Aufnahmen von Howard Barwood, wie er aus seinem Haus zu einem Polizeiwagen geführt wurde.
Das würde die Titelstory in den Spätnachrichten irgendeines Lokalsenders werden. Nur hoffentlich nicht KPTI.