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Abby hatte in ihrer Handtasche nach dem Speedloader getastet, zwei Kugeln herausgefingert und in den Zylinder ihrer Waffe geschoben. Aber auch fünf Schuss konnten gegen zwei bewaffnete Männer nicht viel ausrichten.

Sie hatte auch ihr Handy in der Handtasche, aber Hilfe zu rufen, war nicht möglich. Wenn die beiden ihre Stimme hörten, wussten sie, wo sie war, und würden durch die Wand schießen. Außerdem würde die Polizei sowieso nicht rechtzeitig eintreffen. Sie war auf sich allein gestellt. Normalerweise legte sie viel Wert auf Eigenständigkeit, aber nicht heute.

Im Flur wurde es dunkel. Sie hörte Bewegungen. Es klang, als würden die anderen beiden sich aufteilen. Sie lauschte aufmerksam und machte sich ganz klein, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Sie konnte ihren Herzschlag in ihren Ohren hören. Wenn es nur nicht so dunkel wäre! Was für ein Unsinn. Wenn es Licht gäbe, könnten die anderen sie doch sehen. Trotzdem hätte sie es gern heller gehabt. Sie wollte einfach nicht im Dunkeln sterben.

In der ersten Türöffnung leuchtete violettes Mündungsfeuer auf und sie hörte Gewehrschüsse krachen. Hickle. Sie feuerte zweimal auf die Tür und kroch schnell über den Boden an eine andere Stelle, während Travis durch die andere Tür einen einzelnen Schuss aus seiner Pistole abgab. Sie wirbelte herum und schoss in seine Richtung. Dann hechtete sie in eine andere Ecke und wartete. Die Waffe zitterte in ihren Händen.

Sie waren nicht hereingekommen. Sie war sicher gewesen, dass sie den Raum stürmen würden. Doch jetzt verstand sie. Sie sollte in Panik geraten und ihre Munition aufbrauchen. Es hatte funktioniert. Und es würde wieder funktionieren. Sie musste ihr Feuer erwidern, um sie von den Türen fernzuhalten, sonst könnten sie einfach drauflosschießen, bis sie sie erwischten.

Sie nahm die leeren Hülsen aus der Waffe und steckte drei neue Patronen hinein. Fünf Schuss, mehr hatte sie nicht mehr.

Durch die erste Tür kam wieder Gewehrfeuer. Der Schuss verfehlte sie knapp und sie hörte, wie er in die Gipswand einschlug. Sie kroch nach links und gab wieder einen Schuss ab, nicht auf Hickle, sondern auf die andere Tür. Vielleicht stand ja Travis dort, um auf sie zu schießen. Vielleicht gelang ihr ein Glückstreffer.

Leider nein. Ein Schuss aus Travis‘ Beretta. Er zielte in Richtung ihres Mündungsfeuers, aber sie war schon in eine andere Ecke gerollt und auch dieser Schuss ging daneben.

Sie hatte noch vier Kugeln. Ihre Chancen standen gar nicht gut. Aber vielleicht ließ sich das ja ändern.

»Raymond!«, schrie sie. »Dich bringt er als Nächsten um!«

Gleichzeitig bewegte sie sich in eine andere Ecke des Raums, denn sie wusste, sie würden in Richtung ihrer Stimme zielen.