52

 

Travis‘ Augen verengten sich zu Schlitzen und sein Mund war nur noch ein blutleerer Strich. »Du hast es gewusst?« Der Treppenschacht warf seine Stimme leise zurück.

»Ich hatte einen Verdacht«, sagte sie ruhig. »Aber ich war mir nicht sicher. Wahrscheinlich wollte ich es einfach nicht wahrhaben.«

Die Mündung seiner Waffe drückte ihr hart in die Rippen. Sie spürte die Waffe leicht beben, vielleicht durch ihre Armbewegungen, vielleicht war es auch Travis‘ Pulsschlag. Sie wartete. Was hatte er nun vor?

»Hände hoch«; sagte er schließlich. Sie gehorchte, hob die Hände aber bewusst langsam an, als würde sie eine Tai-Chi-Übung machen. »Nun gib mir die Taschenlampe.«

Sie hielt sie ihm hin und er nahm sie mit der linken Hand. Dann trat er einen kleinen Schritt zurück und schob die Waffe zwischen ihre Schulterblätter.

»Also los«, sagte Travis, »gehen wir.«

»Wohin?«

»Rauf.«

»Hat es irgendeinen Vorteil, wenn du mich oben umbringst?«

»Ja, hat es. Also los, geh schon.«

Die Waffe im Rücken, folgte Abby dem Strahl der Taschenlampe nach oben.

»Ich wette, die Waffe hat keinen Schalldämpfer«, sagte sie.

»Stimmt.«

»Wenn sie losgeht, hallt es durch das ganze Gebäude. Wenn Hickle den Schuss hört, gerät er in Panik und rennt davon. Und vielleicht über eine andere Treppe.«

»Und ich kann ihn nicht aufhalten. Stimmt. Eins plus.«

»Ich bin nicht mehr deine Schülerin, Paul.«

Sie hatten jetzt den zweiten Stock erreicht, aber Travis drängte sie weiter. Die Brandschutztüren waren noch nicht eingesetzt worden, und hinter den Türöffnungen sah Abby lange, dunkle Flure. Sie wirkten wie die engen Gänge in einem Pharaonengrab. Wie ein Ort, an dem Geister spukten. Aber hier waren keine Geister. Noch nicht.

»Das ist Howard Barwoods Waffe, nicht wahr?«, sagte sie ruhig. »Heute Morgen, nachdem du im Krankenhaus warst, hast du sie aus seinem Bungalow geklaut.«

»Genau.«

»War das bevor oder nachdem du das Handy im Haus der Barwoods deponiert hast?«

»Ach, das habe ich schon vor Wochen erledigt, als ich Kris besucht habe, um ihr Neues von dem Fall zu berichten. Wie du ja weißt, ist das Handy auf Western Regional Resources angemeldet. Der arme Howard hatte keine Ahnung.«

»Aber wenn du das Handy schon vor so langer Zeit bei den Barwoods deponiert hast, wie konntest du dann Donnerstagabend Hickle damit anrufen?«

»Das brauchte ich gar nicht. Ich habe einfach ein anderes Handy benutzt. Das habe ich vorher umprogrammiert und das von Howard geklont. Gar nicht so schwierig. Es gibt sogar Leute, die sich mit dem Klonen von Handys ihren Lebensunterhalt verdienen.«

»Und was hast du mit dem anderen Handy gemacht?«

»Das habe ich in den Canyon hinter meinem Haus geworfen. Ich hatte keine Verwendung mehr dafür.«

»Und für mich hast du auch keine Verwendung mehr … oder für Hickle.«

»Du kapierst schnell. Das hat mir immer an dir gefallen.«

Sie waren jetzt zwischen dem dritten und vierten Stock.

»Na, dann läuft ja alles nach Plan«, sagte Abby. »Ich werde bald tot sein und Hickle auch. Howard kommt in den Knast oder haut ab. Und wenn deine Glückssträhne weiter anhält, heiratest du am Ende auch noch Kris.«

Travis war zwar hinter ihr, und sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber an seinem Tonfall merkte sie, dass er schon wieder einen kleinen Schock erlitt: »Das weißt du auch schon?«

»Ja, dazu musste ich nicht mal meine Intuition bemühen. Kris hat mir erzählt, dass du ihr Avancen gemacht hast. Sie glaubt, sie ist die Einzige. Ich habe sie in dem Glauben gelassen.«

»Danke, Abby. Ich weiß deine Diskretion zu schätzen.«

Sie waren jetzt im vierten Stock, fast auf halbem Weg zu Hickles Schießstand.

»Kann ich mir vorstellen«, sagte sie ruhig. »Wenn Kris rausfinden würde, dass es da noch jemanden gab, wäre der Teil deines Plans dahin. Den Heiratsantrag könntest du dir dann jedenfalls sparen. Aber so wichtig ist es dir ja auch gar nicht, oder? Kris zu heiraten wäre nur das Sahnehäubchen, richtig?«

»Richtig.«

»Ihr Geld, ihr Lebensstil, ihre Verbindungen … all das könnte dir schon gefallen, was? Und da Howard nicht mehr im Weg wäre, hättest du auch gute Chancen. Aber im Grunde ging es dir doch nur darum, den Ruf deiner Firma zu retten. Und der Fall Barwood war die Chance für dich. Wann bist du eigentlich auf die Idee gekommen, dich an Kris ranzumachen? Als du Howards Geschäfte unter die Lupe genommen hast?«

»Genau. Es war offensichtlich, dass er eine andere hatte und alles für eine Scheidung vorbereitete. Und dann habe ich nachgedacht. Was wäre, wenn die Polizei glauben würde, Hickle hätte einen Komplizen? Der Verdacht würde doch sofort auf Howard fallen.«

»Und dann hast du angefangen, Kris schöne Augen zu machen.«

»Sagen wir, ich habe ein bisschen Vorarbeit geleistet. Für später. Um dem Ganzen das Sahnehäubchen aufzusetzen, wie du so schön sagst.«

Sie hatten den fünften Stock erreicht. »Dann habe ich angefangen, Hickle E-Mails zu schicken. Ich habe ihm Informationen zugespielt und ihn für den Anschlag weich gekocht.«

»Hast du von der Sache mit Jill Dahlbeck gewusst?«

»Nein, sonst hätte ich vielleicht doch nicht Hickle benutzt. Ich wusste, er könnte gefährlich werden, aber ich hatte keine Ahnung, dass er so instabil ist, so impulsiv. Ich wäre niemals das Risiko eingegangen, dass er Kris Säure ins Gesicht schüttet.«

»Oder dass er ihr eine Kugel in den Kopf jagt … Der Anschlag durfte auf keinen Fall gelingen.«

»Nein, natürlich nicht. Er sollte es versuchen, aber es musste schiefgehen. Kris durfte nichts geschehen, sonst wäre mein ganzer Plan ruiniert gewesen. Ihre Sicherheit war für mich das Wichtigste. Deshalb habe ich ja auch den gepanzerten Wagen genommen und bin selbst mitgefahren.«

»Und TPS würde plötzlich in den Medien ganz anders dastehen. Du und deine Leute, ihr wärt die Helden der Stunde. Vor allem Channel Eight würde sich auf die Story stürzen und das Desaster mit Devin Corbal wäre vergeben und vergessen. Deine Firma wäre wieder obenauf und du wärst der Golden Boy, so wie früher.«

»Ja, so ungefähr. Aber wir brauchten einen Sündenbock. Wenn die Polizei Hickle lebend geschnappt hätte, hätte er ihnen doch erzählt, dass er einen Informanten hatte. Jemanden mit Insider-Informationen. Und selbst wenn er den Anschlag nicht überlebt hätte, hätten sie vielleicht das E-Mail-Konto gefunden, das ich für ihn eingerichtet habe. Dann wären sie vielleicht darauf gekommen, dass er einen Komplizen hatte. Der Verdacht durfte auf keinen Fall auf TPS fallen und vor allem nicht auf mich.«

»Also hast du die Sache Howard angehängt.«

»Ja, warum auch nicht? Der perfekte Kandidat. Er hat Kris betrogen und war jeden Abend aus, hatte jedoch kein richtiges Alibi. Er hat Geld beiseitegeschafft und wollte sich offensichtlich scheiden lassen. Alles sprach gegen ihn. Vor allem, wenn die Polizei auch noch seinen Colt in Raymond Hickles toter, kalter Hand fände.«

»Und eine Kugel aus besagtem Colt … in meiner Leiche.«

»Genau. Und eine Kugel aus deiner Waffe in der Leiche des armen Raymond. Peng, peng. Du hast Hickle ganz allein verfolgt, er hat auf dich geschossen, du auf ihn. Zwei Tote. Schluss, aus, Ende.«

Sie hatten den sechsten Stock erreicht. Jede Treppe hatte achtzehn Stufen – sie hatte mitgezählt –, also noch vierundfünfzig.

»Nicht ganz«, sagte sie. »Du hast mir noch nicht erklärt, warum du mich in die Sache mit reingezogen hast.«

»Kannst du dir das nicht denken? Aus zwei Gründen. Erstens aus praktischen Erwägungen. Ich musste Hickle dazu bringen, endlich zuzuschlagen. Ich hatte versucht, ihn zu reizen und anzustacheln, aber es passierte einfach nichts. Ich wollte ihn richtig verrückt machen, noch verrückter, als er sowieso schon ist. Ich wusste, dass er paranoid ist, und habe mir gedacht, wenn er herausfindet, dass die neue Frau in seinem Leben ihn bespitzelt …«

»Dann dreht er vollends durch.«

»Deshalb habe ich dich auf ihn angesetzt … und ihn auf dich.«

»Wie nett von dir. Aber warum? Du hast gesagt, es gab zwei Gründe. Darf ich raten?«

»Bitte.«

»Devin Corbal.«

»Richtig.«

»Aber du hast mir hundert Mal versichert, dass es nicht meine Schuld war.«

»Ich habe gelogen. An dem Abend vor vier Monaten, da hast du echt Scheiße gebaut, Abby. Aber so was von Scheiße gebaut.«

Als sie die ungehemmte Feindseligkeit in seiner Stimme hörte, war sie an Hickles Schimpftiraden gegen die Menschen, die er so hasste, erinnert. Menschen, die den Look besaßen. Im Grunde waren sie gar nicht so verschieden, Paul Travis und Raymond Hickle. Beide wussten, was Hass war, aber darüber hinaus nicht viel.

»Du hattest einen Auftrag«, sagte Travis, »und du hast versagt. Nur eine kurze Unaufmerksamkeit, aber alles, was ich mir aufgebaut habe, stand auf dem Spiel. Du hast mich fast in den Ruin getrieben. Ich bin in einem Sozialbau in Newark aufgewachsen und habe es so weit gebracht … und du hättest beinah alles zerstört. Hast du wirklich geglaubt, ich würde dir vergeben? Ich würde sagen: Ist schon okay, zerbrich dir dein hübsches Köpfchen nicht weiter? Du hast doch angeblich so viel Menschenkenntnis, Abby. Aber mich kennst du anscheinend gar nicht.«

»Nicht so gut, wie ich dachte«, sagte sie ruhig.

»So was kann man nicht verzeihen«, flüsterte Travis. »Eins habe ich vor langer Zeit auf der Straße gelernt: Ich lasse mir von niemandem am Zeug flicken. Ich lasse mir nicht alles kaputtmachen. Und wenn einer Scheiße baut, dann muss er dafür bezahlen. Du musst bezahlen, Abby.«

Siebter Stock. Abbys Schultern schmerzten, weil sie die ganze Zeit die Hände hochhalten musste. Nun, lange würde es nicht mehr dauern. Noch zwei Treppen – sechsunddreißig Stufen –, dann hatten sie die Endstation erreicht.

»Und deshalb hast du mich im Whirlpool attackiert?«, fragte Abby.

»Ja. Das war nicht geplant, es ist einfach passiert. Ich habe das Haus beobachtet, um zu sehen, ob du schon eingezogen bist. Und dann habe ich gesehen, wie du in den Pool gestiegen bist. Und … na ja, ich habe mir gedacht, es ist ganz einfach. Ich drücke dich unter Wasser und in einer Minute bist du hinüber.«

»Und über die Folgen hast du dir keine Gedanken gemacht?«

»Was denn für Folgen? Die Polizei hätte es doch für einen Unfall gehalten. Und wenn nicht, hätte ich es eben Howard in die Schuhe geschoben. Schließlich war er jeden Abend unterwegs. Und für die fragliche Zeit hätte er kein Alibi gehabt, außer von seiner Freundin. Nicht sehr glaubwürdig.«

»Und was wäre aus deinem Plan geworden? Ich sollte doch Hickle zum Ausrasten bringen.«

»Ach, es wäre auch ohne dich gegangen. Aber daran habe ich nicht gedacht. Ich habe …«

»Du hast gar nicht gedacht, Paul. Du hattest einen Wutanfall, wie ein kleines Kind.«

»Ich hätte dich fast erledigt«, murmelte er verdrießlich. »Wenn nur diese verdammte Bierflasche nicht gewesen wäre …« Er seufzte. »Eine Schnittwunde konnte ich nicht riskieren. Es durfte keine Blutspuren geben. Aber ist auch egal, jetzt bist du trotzdem dran, Abby.« Als sie den achten Stock erreichten, drückte er ihr die Waffe noch fester in den Rücken. »Okay, hier ist Endstation für dich.«

»Du hast dich verzählt. Du wolltest doch in den neunten Stock.«

»Nein, hier sind wir richtig. Hier wirst du sterben. Wir sind weit genug oben. Hickle ist ja nur einen Stock höher. Es ist sogar besser, wenn die Polizei dich hier findet. Dann sieht’s so aus, als hätte Hickle dich erwischt, als du gerade hochkamst. Jetzt dreh dich ganz langsam um.«

Abby gehorchte. Sie wünschte, sie wären einen Stock höher gegangen. Sie wollte noch etwas Zeit.

»Ich bin beeindruckt, Paul«, sagte sie leise. »Ich hätte nicht gedacht, dass du den Mumm hast, mir in die Augen zu sehen.«

Die Taschenlampe beleuchtete sein Gesicht von unten, sodass die Konturen seiner Augenhöhlen scharf hervortraten. Er lächelte. »Wie kommst du darauf? Im Gegenteil, ich habe mich sogar darauf gefreut, deinen Gesichtsausdruck zu sehen. Wo willst du die Kugel hinhaben, in den Kopf oder ins Herz? Angesichts unserer Beziehung wäre vielleicht eine Kugel ins Herz angebracht.«

»Du wirst mich nicht erschießen«, sagte Abby leise.

»Nein? Und warum nicht? Aus Sentimentalität? Aus Zuneigung? Solche Schwächen erlaube ich mir nicht. Wenn du das bis jetzt nicht kapiert hast, dann musst du’s eben auf die harte Tour lernen.« Er betrachtete sie, wie ein Sammler ein exquisites Kunstwerk betrachtet, dann senkte er die Waffe leicht und zielte auf ihre linke Brust. »Ins Herz also.«

Er drückte ab.

Nichts.

Kein Schuss, kein Rückstoß, nicht einmal ein Klicken.

»Tut mir leid, Paul. Aber die Waffe funktioniert nicht.« In einer einzigen geschmeidigen Bewegung ließ Abby die Arme sinken und holte ihre Pistole aus der Handtasche. »Diese hier hingegen schießt einwandfrei.«