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Abby Sinclair war spät dran. Eilig verließ sie den Aufzug im siebzehnten Stock des Hochhauses in Century City, wo sich die Büros von Travis Protective Services befanden. Sie hatte im Aufzug, so gut es ging, ihre Haare in Ordnung gebracht, allerdings waren T-Shirt, Jeans und Nike-Schuhe nicht gerade das passende Outfit für eine Geschäftsbesprechung.

Am Ende des Flurs verharrte sie kurz vor der Doppeltür mit dem TPS-Firmenlogo. Die Tür war verspiegelt und Abby fand sich trotz ihrer Aufmachung ganz akzeptabel. Der kühle Blick, mit dem ihre hellbraunen Augen ihr entgegenstarrten, verriet wenig von dem, was in ihr vorging. Und in letzter Zeit war sie ganz froh, dass niemand ihre wahren Gefühle erahnte.

Sie betrat den Empfangsbereich, passierte den Metalldetektor, und übergab dann dem Sicherheitsmann am Empfangsschalter eine Reisetasche. »Komme direkt vom Flughafen. Passen Sie bitte gut darauf auf, ja?«

Der Mann sah sie stirnrunzelnd an. »Ich wusste nicht, dass Sie immer noch für Travis arbeiten.«

»Ich war eine Weile weg, aber jetzt bin ich wieder dabei.«

Sein Stirnrunzeln blieb. »Na, was für eine erfreuliche Neuigkeit.«

Seine Feindseligkeit und die kühlen Blicke, als sie durch das Labyrinth der Flure eilte, überraschten sie nicht. Nur wenige TPS-Mitarbeiter wussten, welche Rolle sie im Devin-Corbal-Desaster gespielt hatte, aber in der Firma war allgemein bekannt, dass sie seinen Tod verschuldet hatte.

Sie ging am Konferenzraum, an Arbeitstischen und Büroräumen vorbei. Etwa die Hälfte der Büros, so stellte sie mit schlechtem Gewissen fest, stand jetzt leer. Die Firma baute Personal ab. Man machte drastische Einsparungen, um die finanziellen Verluste auszugleichen. TPS beschäftigte nur noch gerade genug Leute, um die wichtigsten Aufgaben wie Bedrohungsanalyse, Personenschutz und Ermittlungen bewältigen zu können. Und vielleicht würden auch diese Mitarbeiter bald nicht mehr da sein und die Büros von Versicherungskaufleuten oder Börsenmaklern übernommen. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken.

Als sie den Vorraum zu Travis’ Eckbüro erreichte, nickte sie seiner Assistentin Rose zu, die sie mit zusammengekniffenen Augen fixierte. »Sie kommen zu spät«, sagte Rose in einem Ton, der zu besagen schien, dass dies nur die geringste ihrer Sünden war.

»Sagen Sie ihm einfach, dass ich da bin.«

»Moment.« Rose ließ sich Zeit damit, die Gegensprechanlage zu aktivieren. »Mr Travis? Miss Sinclair ist da.«

Über den billigen Lautsprecher hörte Abby, wie Travis ihr mit blecherner Stimme sagte, sie solle sie hineinschicken.

»Ja, Sir.« Rose sah sie an. »Sie können jetzt rein.«

»Besten Dank.«

Abby ging zur Bürotür. Als sie den Türknauf umdrehte, sagte Rosie: »Diese Klientin ist sehr wichtig für uns. Sehen Sie zu, dass sie am Leben bleibt.«

Abby gingen alle möglichen spitzen Bemerkungen durch den Kopf, aber sie verbiss sich eine Antwort. Manchmal war es einfach besser, den Mund zu halten.

Als sie das Büro betrat, unterhielt sich Travis gerade mit einer blonden Frau – Kris Barwood, wie Abby sofort erkannte – und einem etwas älteren, stämmigen Mann, wahrscheinlich ihr Angetrauter.

»Besser spät als nie«, sagte Travis und stand von seinem Schreibtisch auf.

Auch du, mein Sohn Paul?, dachte sie. Laut sagte sie nur: »Mein Flug hatte Verspätung.« Sie sah jetzt auch die anderen beiden an und fügte hinzu: »Tut mir leid, dass Sie warten mussten.«

Dann stellten sie sich einander vor. Howard Barwood hatte einen kräftigen und sehr nachhaltigen Händedruck. Und Kris sah genauso aus wie im Fernsehen, was Abby aber nicht überraschte. Sie hatte in den vergangenen zwei Jahren sehr viele Prominente kennengelernt und festgestellt, dass die schönen Menschen unter ihnen auch im wirklichen Leben schön waren. Dass die Kamera auf wundersame Weise Normalbürger in Superstars verwandelte, war nur eine Legende, mit der die missgünstigen Massen beschwichtigt werden sollten.

»Sie sind gerade erst mit dem Flugzeug angekommen?«, fragte Howard.

»Ja, deswegen bin ich auch nicht sehr geschäftsmäßig gekleidet. Ich hatte nur Freizeitkleidung mitgenommen.«

»Hoffentlich mussten Sie unseretwegen nicht ihren Urlaub abbrechen.«

»Nein ich habe bis gestern an einem anderen Fall gearbeitet.«

»Ich dachte, TPS arbeitet nur für hiesige Auftraggeber.«

»Das war kein Auftrag von TPS. Ich bin schon seit ein paar Monaten nicht mehr bei TPS angestellt.« Beinah hätte sie gesagt: seit Devin Corbal. »Ich bin jetzt als unabhängige Beraterin tätig, für verschiedene Unternehmen im ganzen Land. Paul hat gestern eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Daraufhin habe ich ihn heute Morgen sofort angerufen und er hat mir ein bisschen über ihre Unannehmlichkeiten erzählt.«

»Unannehmlichkeiten.« Kris Barwood beugte sich vor und legte die Hände sachte auf die Knie, eine Pose, die sie sich wahrscheinlich bei Interviews vor der Kamera angeeignet hatte. »So kann man es auch nennen.«

»Ich weiß, es kommt Ihnen eher wie eine Krisensituation vor«, sagte Abby, »aber es ist nichts, womit wir nicht fertig werden.«

Howard schnaubte verächtlich. »Erzählen Sie das Devin Corbal.«

Abby zuckte zusammen und überlegte kurz, wie sie herausgefunden haben konnten, dass sie etwas mit dem Fall zu tun gehabt hatte. Aber dann merkte sie, dass Howard bei seiner Bemerkung Travis angesehen hatte.

Gewandt ergriff Kris das Wort und ersparte so Abby und Travis die Peinlichkeit einer Antwort. »Paul wollte uns gerade erklären, wie ihre Arbeit für mich aussehen wird.«

»Mein Job ist ziemlich ungewöhnlich, Mrs Barwood.«

»Nennen Sie mich Kris.« Die Fernsehmoderatorin bedachte sie mit einem Lächeln, das eigentlich künstlich hätte sein müssen, aber gar nicht so wirkte.

»Okay, Kris. Ich heiße Abby.«

Howard meldete sich wieder zu Wort: »Abby, wenn ich fragen darf: Wie alt sind Sie?«

»Achtundzwanzig.«

Er machte große Augen und sah sie abschätzig an. »Ist das nicht ein bisschen jung für eine zugelassene Psychologin?«

»Ich bin keine zugelassene Psychologin.«

»Travis hier sagt«, Howard zeigte mit dem Daumen Richtung Schreibtisch, »Sie seien eine psychologische Beraterin.«

»So könnte man es auch nennen. Ich selbst nenne mich Expertin für die Bewertung zwischenmenschlicher Risiken. Man kann es aber auch einfacher ausdrücken: Ich bin ein Lotsenfisch.«

Kris und ihr Mann sahen sich verdutzt an.

»Ein Lotsenfisch«, sagte Abby noch einmal. Sie warf ihre Handtasche auf einen Stuhl, blieb aber stehen. »Sie wissen schon, diese Fische, die mit Haien mitschwimmen. Sie ernähren sich von Brocken, die bei den Haien abfallen. Auch ich habe mit Haien zu tun, aber meine haben zwei Beine, und einer davon ist Raymond Hickle. Und die Brocken, nach denen ich schnappe, sind Informationsbrocken.« Sie ging an Travis’ Schreibtisch vorbei und stellte sich vor das große Panoramafenster. »Sehen Sie, bei der Einschätzung einer Bedrohung ist man auf Hintergrundinformationen angewiesen. Man braucht ein Persönlichkeitsprofil der Person, von der die Bedrohung ausgeht. Aber dazu muss man diesen Menschen persönlich kennenlernen. Man muss ganz nah an ihn ran.«

»Wie nah?«, fragte Kris. »Wie persönlich?«

»Wenn alles glatt läuft, werde ich Hickles beste Freundin.«

Darauf folgte ein kurzes Schweigen, dann sagte Kris: »Vielleicht hat er gar keine Freunde.«

»Aber er möchte sicher einen. Jeder braucht Freunde. Und wissen Sie, warum? Weil man jemanden braucht, mit dem man reden kann. Jemanden, der zuhört.« Abby lächelte. »Und ich kann sehr gut zuhören.«

»Sie meinen, Sie analysieren ihn, ohne dass er was davon merkt?«

»Ich analysiere ihn nicht im psychologischen Sinn, sondern beurteile ihn nach Sicherheitskriterien. Versuche herauszubekommen was er vorhat und wann. Außerdem habe ich immer ein Auge auf ihn, und wenn er plötzlich beschließt zuzuschlagen, gehe ich dazwischen.«

»Und Sie glauben, das schaffen Sie alles?«

»Ich habe so was schon sehr oft gemacht.« Und es ist nur einmal schiefgegangen, fügte sie in Gedanken hinzu.

Howard richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie wollen verdeckt ermitteln?«

»Ja, so könnte man es nennen.«

»Also Sie machen sich unter falschem Namen an ihn ran und freunden sich mit ihm an. Und dann sind Sie ganz allein mit ihm?«

»Richtig.«

»Aber für den Fall, dass er durchdreht oder Ihnen auf die Schliche kommt, haben Sie bewaffnete Leute in der Nähe, mit denen Sie in Funkverbindung stehen, richtig?«

»Nein, ich bin auf mich allein gestellt. Ich habe nur mein Handy und eine Waffe dabei.«

»Sie machen das ganz allein? Warum denn, um Himmels willen?«

Travis beantwortete die Frage. »Weil Sie erwarten, dass wir Raymond Hickle quasi rund um die Uhr überwachen. So etwas ist fast immer unmöglich.«

»Die Polizei hat bei einem verdeckten Einsatz immer ein Verstärkungsteam im Hintergrund, das über Funk mithört«, warf Kris ein.

»Ja«, sagte Travis, »bei einem Drogendeal vielleicht, der zwanzig Minuten dauert. Aber Abby wird tage- oder wochenlang an Hickles Leben teilnehmen. Das ist was ganz anderes. Es bringt nichts, einfach ein, zwei Leute in einem Auto vor seinem Haus zu stationieren. Wahrscheinlich würden die Nachbarn innerhalb weniger Stunden misstrauisch werden und die Polizei rufen. Dann gäbe es ein großes Trara und Hickle würde Lunte riechen.«

»Hickle ist wahrscheinlich sowieso paranoid«; fügte Abby hinzu. »Solche Leute drehen schon bei dem geringsten Anlass vollkommen durch.«

Howard schüttelte den Kopf. »Sie müssen ja nicht unbedingt im Auto sitzen. Sie könnten Hickle auch vom Haus gegenüber aus beobachten.«

»Das Risiko, entdeckt zu werden, ist trotzdem zu groß«, sagte Travis. »Es ist extrem schwierig, jemanden über längere Zeit zu observieren. Es kann so leicht passieren, dass jemand ein Fernglas im Fenster sieht oder ein Funksignal aufschnappt. Vielleicht wundern sich die Nachbarn über den Pizzaservice vor einer leeren Wohnung. Und dann wird geredet, und bevor man sich’s versieht, ist das Überwachungsteam aufgeflogen.«

»Und damit wäre ich enttarnt«, sagte Abby.

»Aber es gibt noch einen anderen Faktor«, sagte Travis. »Was ist, wenn Hickle und Abby zusammen ausgehen? Dann müssen wir ihnen folgen. Aber so was geht nicht mit nur einem Wagen, nicht mal mit zwei oder drei. Um Hickle ständig im Auge zu behalten, ohne entdeckt zu werden, bräuchten wir ein halbes Dutzend Fahrzeuge, die ihn abwechselnd verfolgen.«

»Und wenn er mit mir irgendwo hinfährt, wo viele Leute sind, wie zum Beispiel die Third Street Promenade an einem Samstagabend«, sagte Abby, »dann bräuchten wir zwanzig Leute, um jede kleine Seitenstraße zu überwachen. Sie könnten uns jederzeit aus den Augen verlieren, und ich würde gar nicht merken, dass ich ohne Verstärkung dastehe. Außerdem, wenn es wirklich brenzlig wird, passiert alles meistens ziemlich schnell. Das Verstärkungsteam könnte gar nicht rechtzeitig eingreifen.«

»Das heißt also … manchmal passiert doch etwas?«, fragte Kris eher neugierig als beunruhigt.

In Abbys Erinnerung blitzte der Schuss in der Gasse auf und eine Stimme sagte: Wir haben ihn verloren.

»Ab und zu«, sagte sie gelassen. »Das liegt in der Natur der Sache.«

Howard schüttelte den Kopf. »Wie wollen Sie sich eigentlich vor einem Psychopathen wie Hickle schützen?«

»Ich bin in Selbstverteidigung ausgebildet. Wenn eine Zielperson gewalttätig wird, weiß ich mich zu wehren.«

»Abby kommt ganz gut allein zurecht«, sagte Travis. »Sie ist eine der kompetentesten Mitarbeiterinnen, die ich je hatte.«

Abby war überrascht. Sie warf Travis einen Blick zu und nickte zum Dank fast unmerklich.

»Nun«, sagte Howard, »das will ich auch hoffen.« Er fixierte Abby. »Wie viele solche Einsätze hatten sie denn schon?«

»In den letzten zwei Jahren über zwanzig.«

»Vielleicht wäre es besser aufzuhören, solange es noch geht.«

»Sie meinen, solange ich noch am Leben bin?« Sie lächelte.

Kris betrachtete sie eingehend. »Was ist mit Devin Corbal? Hatten Sie mit dem Fall auch etwas zu tun?«

Abby war auf diese Frage gefasst gewesen und hatte eine Antwort parat. »Nein, ich war damals gerade in San Francisco, wo ich einen umstrittenen Radiomoderator beschützen musste, der sich zu viele Feinde gemacht hatte.«

Sie log ihre Auftraggeber gar nicht gerne an, aber wenn sie die Wahrheit sagte, würde sie den Barwood-Fall nicht bekommen, und Travis würde wahrscheinlich Kris als Klientin verlieren. Und das konnte er sich nicht leisten.

Es konnte sowieso niemand beweisen, dass sie log. Sie hatte sich nach dem Vorfall aus dem Staub gemacht, noch bevor die Polizei den Tatort sichern konnte, und die TPS-Leibwächter hatten sie gar nicht erwähnt. Sheila Rogers, die derzeit in Untersuchungshaft auf ihren Prozess wartete, hatte sich beim Sturz von der Treppe eine Gehirnerschütterung zugezogen und konnte sich nicht daran erinnern, dass Abby sie gestoßen hatte. Der Barmann wusste zwar noch, dass Sheila in Begleitung einer Frau gewesen war, aber ihren Namen kannte er nicht. Er hatte auch ihr kurzes Gespräch nicht erwähnt, wahrscheinlich, weil niemand wissen sollte, dass er Sheila auf Devins Anwesenheit aufmerksam gemacht hatte. Kurzum, es gab nichts, das Abby mit dem Fall in Verbindung brachte.

Nichts außer ihrem Gewissen, das sie Nacht für Nacht mit Bildern von Devin Corbal quälte, wie er auf dem Asphalt ausgestreckt lag, während die Blutlache um ihn herum immer größer wurde.

»Trotzdem …«, Howard verschränkte die Arme und sah an Abby vorbei Travis an, »ich möchte hier eindeutig klarstellen, dass ich dagegen bin.«

»Ihre Frau ist meine Auftraggeberin«, sagte Travis gelassen.

»Das weiß ich. Es geht um ihre Sicherheit, also ist es auch ihre Entscheidung. Aber wenn es nach mir ginge …« Er beendete den Satz nicht.

»Howard«, sagte Abby, »ich kann ihre Besorgnis ja verstehen, aber ich bin ein Profi. Ich …«

»Sie sind ein Lotsenfisch, ich weiß«, sagte er und schaute sie mit ernster Miene an. »Aber eins haben sie vergessen. Manchmal kommt so ein Fisch dem Hai zu nah und wird gefressen.«

Abby erwiderte seinen Blick. »Ja, das ist die Kehrseite dieser Metapher.«

Es war plötzlich ganz still im Büro. Nur das Summen der Klimaanlage war zu hören.

»Also, Kris«, fragte Travis, »geben Sie uns grünes Licht?«

»Ja«, sagte Kris und schaute dabei Abby an. Howard hatte die Arme verschränkt, die Finger in die Oberarme gekrallt, und wandte trotzig seinen Blick ab.

Abby nickte Kris zu. »Danke.«

»Ich habe Ihnen zu danken«, sagte Kris sanft. »Sie gehen schließlich ein großes Risiko ein.«