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Abby hörte den Gnadenschuss draußen vor der Wand.
Ihre Strategie war aufgegangen. Jetzt hatte sie nur noch einen Widersacher. Hickle war tot. Eigentlich hätte sie darüber froh sein sollen, aber sie verspürte nur Übelkeit, kalt und brennend zugleich.
Denk jetzt nicht daran. Du musst dich noch um Travis kümmern. Wenn sie überleben wollte, musste sie ihn auch ausschalten.
»Gute Arbeit, Abby«, sagte Travis. Seine Stimme war sehr deutlich und ganz nah an der Wand. »Sicher hat Raymond an dich gedacht, als er starb.«
Sie antwortete nicht. Ihre Stimme würde ihm nur verraten, wo sie war, und sie wusste, Travis ließ sich nicht so leicht manipulieren wie Hickle. Er war viel zu klug und außerdem kannte er sie zu gut.
»Du hast mir sogar geholfen. Ich wusste nicht, wie ich der Polizei die Neun-Millimeter-Kugel aus meiner Beretta in deiner Leiche erklären sollte. Aber das ist jetzt kein Problem mehr. Und willst du wissen, warum nicht?«
Sie ließ sich nicht zu einer Antwort verleiten und wartete.
»Hast du deine Zunge verschluckt? Ich sag’s dir trotzdem. Wenn die Polizei dich findet, wirst du die Beretta in der Hand haben. Meine Fingerabdrücke wische ich ab. Das ist sowieso nicht meine eigene Waffe, die hat das Sheriff’s Department nach dem kleinen Scharmützel in Malibu konfisziert. Diese hier stammt aus der Ausrüstungskammer von TPS. Aber wenn sich die Polizei das Ausgabeformular ansieht, wird da deine Unterschrift stehen. Die kann ich fälschen, kein Problem.«
Das glaubte sie ihm gern. Er hatte viele Talente und von einigen hatte sie bis heute gar nichts gewusst.
»Sie werden glauben, dass dir deine Waffe mit ihren fünf Schuss nicht mehr gereicht hat und du dir bei TPS was mit ein bisschen mehr Power besorgt hast. Dann hast du Hickle gejagt und es gab eine wilde Schießerei. Überall Kugeln, aus seinem Gewehr, aus deiner Smith°&°Wesson, aus der Beretta. Der Tathergang lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, aber die Polizei wird sich auch keine große Mühe geben, denn eigentlich ist klar, was passiert ist. Schusswechsel mit zwei Toten. Und ich werde untröstlich sein, wenn ich davon erfahre.«
Sein Gerede ließ sie kalt. Doch immerhin hatte er ihr verraten, dass er vorhatte, sie mit der Büchse zu erschießen. Denn nur so konnte er die Tat Hickle in die Schuhe schieben.
Allerdings musste das Gewehr fast leergeschossen sein. Sie hatte nicht genau mitgezählt, aber Hickle hatte sicher sieben oder acht Mal abgedrückt, und die Heckler & Koch 770 hatte zehn Schuss. Hickle hatte möglicherweise noch mehr Munition bei sich gehabt, wahrscheinlich jedoch in seiner Reisetasche gelassen. Und die stand garantiert noch oben im neunten Stock. Demnach hätte Travis höchstens drei Schuss. Er konnte also nicht wild drauflosballern. Er müsste ziemlich nah herankommen. Und wenn sie einfach losrannte, würde er sie verfolgen und erst abdrücken, wenn er eine gute Schusslinie hatte.
»Abby«, rief Travis, »hab ich dir eigentlich jemals gesagt, wie sehr ich dich liebe?« Er lachte.
Sie ignorierte seine Worte. Sie waren bedeutungslos. Seiner Stimme nach zu urteilen, war er näher bei der zweiten Tür als bei der ersten. Mehr brauchte sie gar nicht zu wissen.