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Als Kris und ihr Kollege Matt Dale sich am Ende der Zehn-Uhr-Nachrichten von den Zuschauern verabschiedeten, sah sie Travis am anderen Ende der Tonbühne stehen.

Travis hatte sich schon seit Monaten nicht mehr bei KPTI blicken lassen. Seine Gegenwart machte sie nervös und sie verhaspelte sich bei ihren Schlussworten. Matt rettete die Situation mit einem Witz und sie beide lächelten strahlend in Kamera eins, während die Titelmusik erklang und das Set langsam dunkler wurde.

»Alles in Ordnung?«, fragte Matt und nahm die Hörmuschel aus dem Ohr.

»Ich war abgelenkt. Ich glaube, ich habe Besuch.«

Matt folgte ihrem Blick. »Ist das nicht der Typ von TPS?« Seit der Furore um Devin Corbals Ableben erkannte jeder Medienmensch in L. A. Travis auf Anhieb.

»Genau der.«

»Der nimmt den Personenschutz aber sehr persönlich.«

»Das wäre ein guter Slogan für ihn.« Kris stand von ihrem geschwungenen Pult auf. »Ich frage ihn besser mal, was er will. Bis Montag.«

»Schönes Wochenende.«

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Wochenende besonders schön werden würde.

Eilig ging sie an den Kameras vorbei und verließ das kleine Set mit der Videowand und dem Riesenfoto von L. A. bei Nacht, auf dem künstliche Großstadtlichter glitzerten wie Sternenstaub. Mit Jupiterlampen ausgeleuchtet und mit Diffusionsfilter aufgenommen, wirkte das Set wie eine verzauberte Insel, aber aus der Nähe sah es billig aus, fast kitschig. Das Pult war Kulisse, die Drehstühle unbequem und das Hintergrundfoto hatte einen Riss, der notdürftig geflickt worden war. Eine gezackte Naht zog sich durch das Bild wie eine Verwerfungslinie. Wenn die Scheinwerfer voll aufgedreht waren, wurden sie heiß und tauchten alles in grellstes Licht, aber das Studio selbst war kalt, denn die sperrigen Geräte, die überall herumstanden, sollten geschont werden.

Travis lächelte, als sie näher kam. Sein Lächeln machte ihr Angst. Es sollte offensichtlich beruhigend wirken. »Was ist los?«, fragte sie vorsichtig.

»Ich habe mir gedacht, wir fahren heute Abend mal zusammen mit einem unserer Firmenwagen.«

»Und warum nicht mit meinem?«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich lieber einen von unseren nehmen. Ich habe einen Lincoln ausgesucht, das gleiche Modell wie Ihrer.«

»Wenn es das gleiche Modell ist, warum können wir dann nicht meinen nehmen?«

»Dieser Wagen hat ein paar Extras.« Travis machte eine Pause, weil zwei Bühnenarbeiter vorbeischlenderten. »Schusssicheres Glas, Panzerung, das volle Programm.«

»Und wieso plötzlich diese zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen? Nur weil Hickle seine Routine geändert und heute mal nicht angerufen hat?«

»Auch deswegen.«

»Und weswegen noch?«

»Abby hat da einiges herausgefunden. Ich kann im Moment nicht ins Detail gehen.« Travis legte ihr eine Hand auf den Arm und sprach etwas leiser: »Es besteht akute Gefahr, dass er in Aktion tritt.«

»Das ist aber nett ausgedrückt. Dass er versucht, mich umzubringen, meinen Sie wohl.«

»Es ist vielleicht nur falscher Alarm. Jedenfalls wird Steve Drury den Wagen fahren und ich sitze hinten bei Ihnen. Alle Sicherheitsleute am Haus sind in Alarmbereitschaft, die Wachleute der Reserve in der Pförtnerloge und unsere Leute auch. Wir haben jede erdenkliche Sicherheitsvorkehrung getroffen. Ihnen wird nichts passieren, Kris. Ganz bestimmt nicht.«

Er hatte immer noch die Hand auf ihrem Arm. Sachte entzog sie ihn ihm. Sie wollte seine beruhigenden Worte nicht hören. Für ihn war es einfach, gelassen zu bleiben. Der Umgang mit Gefahr war sein Beruf. Er reduzierte das Problem auf eine Reihe zu treffender Maßnahmen, einen Aktionsplan. Es machte ihm sogar Spaß. Aber für sie war es ein einziger Albtraum, undurchschaubar, ohne jede Logik und ohne Ausweg.

Sie blickte zurück auf das Set. Von Weitem war seine Magie ungebrochen. In diesem Moment wollte sie am liebsten wieder zurück an ihr Pult unter den Scheinwerfern, weiter Meldungen vom Teleprompter ablesen und in die Kamera lächeln. Wenn sie dort hinter ihrem schützenden Pult saß und das tat, was sie am besten konnte, fühlte sie sich sicher. Aber die Scheinwerfer waren erloschen und ihr blieb nur, hinaus in die Dunkelheit zu gehen und zu hoffen, dass Travis und seine Leute sie beschützen würden.

»Okay.« Sie fand, dass Travis für seine Mühen ein Lächeln verdient hatte, aber sie brachte keins zustande. »Ich muss mich erst noch abschminken. Wir treffen uns anschließend in meinem Büro. Sie wissen ja, wo das ist.«

»Kris … es tut mir leid. Vielleicht schätzen wir die Situation ja falsch ein, aber wir dürfen kein Risiko eingehen.«

Sie sagte, sie verstehe. Und so war es auch. Der vernunftbegabte Teil ihres Hirns verstand sehr gut, aber es gab da noch einen anderen Teil, nicht so nüchtern und beherrscht, der schreien wollte, dass es unfair war und dass sie müde war und warum konnte Hickle sie nicht in Ruhe lassen und jemand anderen drangsalieren?

In der Garderobe beugte sie sich über das Waschbecken und wischte sich die Schminke mit einem Handtuch ab. Anschließend musterte sie sich im Spiegel. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war schön, hochmütig und ängstlich. Das war nicht ihr Gesicht. Denn ihres zeigte niemals Angst.

Hickle hatte ihr nun endgültig alles geraubt. Ihren inneren Frieden, ihr normales Leben, ihren Komfort, möglicherweise auch ihre Ehe. Und selbst das Gesicht im Spiegel gehörte ihr nicht mehr.

Es gab nichts mehr, was er ihr hätte nehmen können. Außer ihrem Leben.

 

Es war Viertel nach elf, als Howard den Wagen in die Garage stellte. Er war später nach Hause gekommen als beabsichtigt, denn er hatte bei Amanda die Dinge wieder ins Lot bringen müssen, was einige Zeit gedauert und mit zerwühlten Laken geendet hatte.

Trotzdem hatte er es noch rechtzeitig nach Hause geschafft. Kris würde frühestens in einer halben Stunde kommen.

Er lief am Gästehaus vorbei, wo ihn zwei TPS-Mitarbeiter begrüßten. Sie hießen Pfeiffer und Mahoney, aber er konnte sich nie merken, wer wer war. Die beiden Männer wirkten an diesem Abend besonders wachsam. Während sie mit ihm sprachen, spähten sie hinaus in die Dunkelheit zur anderen Seite des Malibu Reserve Drive. »Stimmt was nicht?«, fragte Howard.

Sie versicherten ihm, alles sei völlig normal. Aber er glaubte ihnen nicht so richtig. Irgendetwas war da los. Dann erwähnte einer der beiden, dass Kris heute in einem Wagen von TPS nach Hause gebracht würde, was seinen Verdacht bestätigte.

»In einem Wagen von TPS? Warum?«

»Reine Routine«, sagte Pfeiffer oder Mahoney.

»Wenn es Routine wäre, dann wäre es ja wohl schon öfter vorgekommen.«

»Es ist nur eine Standardmaßnahme«, antwortete der andere. Beide Männer hatten den Blick fest auf die dunklen Büsche auf der anderen Straßenseite gerichtet.

Das war überhaupt keine Antwort. Er hatte einfach das Gleiche gesagt wie sein Kollege, nur mit anderen Worten. Howard überlegte, ihn darauf aufmerksam zu machen, ließ es dann aber. Kris war Travis‘ Klientin und die TPS-Leute erzählten ihr alles, was sie wissen wollte. Howard gegenüber waren sie selten so offen.

Er wünschte den beiden Männern eine gute Nacht und ging weiter zum Haus. Als er die Treppe hochging, öffnete ihm Courtney die Tür. Wahrscheinlich hatte sie gehört, wie die TPS-Leute ihn hereingelassen hatten. »‘n’ Abend, Mr Barwood.«

Er nickte der Haushälterin zu und bemerkte, wie sie zurückwich, als er das Foyer betrat. Seit dem Tag vor einigen Monaten, als er Courtney über ihr langes dunkles Haar gestrichen hatte, ging sie auf Abstand. Es war eine reine Impulshandlung gewesen, dumm und unbedacht. Sie war zurückgeschreckt und hatte angefangen zu weinen. Er war sich wirklich mies vorgekommen. Das hatte ihn aber nicht daran gehindert, ihr zu drohen, für den Fall, dass sie etwas ausplauderte, vor allem Mrs Barwood gegenüber.

Jetzt fragte er sich, ob sie Kris nicht doch etwas erzählt hatte. Vielleicht verdächtigte Kris ihn deshalb, sie zu betrügen.

Courtney machte die Tür zu. »Wie war Ihre Spritztour?«, fragte sie.

»Fantastisch. Ich bin ganz hin und weg von diesem Wagen. Ich bin bis Santa Barbara hochgefahren«, sagte er mit betont fröhlicher Stimme.

Sie murmelte nur: »Klingt toll.«

Sie glaubte ihm nicht. Sie wusste, er war nicht die Küstenstraße entlanggefahren, und konnte sich denken, was er gemacht hatte. Und Kris auch. Das war ihm jetzt klar. Wenn er einfühlsamer wäre, hätte er es vielleicht schon viel früher gemerkt.

»Ich gehe ein bisschen raus auf die Terrasse«, sagte Howard. »Es ist so ein schöner Abend.«

»Stimmt.« Sie schien froh, ihn los zu sein.

Auf dem Weg zur Terrasse dachte er, wie irrsinnig es doch war, seiner Haushälterin oder seiner Frau etwas vormachen zu wollen. Frauen hatten für so etwas einfach einen sechsten Sinn. Sie witterten Untreue bei einem Mann, so wie Hunde herannahende Erdbeben spürten. Es war schon unheimlich, was im Kopf einer Frau vorging. Am besten würden sie alle zur Polizei gehen oder als Wahrsagerinnen oder Psychologinnen arbeiten.

Und trotzdem hatte Kris nicht all seine Geheimnisse erraten.

 

In einem erbitterten Rennen gegen die Zeit war Hickle von einer Schnellstraße auf die andere gerast: von der 101 auf die 110, dann auf die 10. Jetzt fuhr er mit durchgedrücktem Gaspedal über den Santa Monica Freeway durch West L. A., die Tachonadel konstant auf hundertdreißig Stundenkilometer.

Die Zeit war gegen ihn. Er musste spätestens um 23:50 Uhr vor ihrem Haus Position beziehen.

Er sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Sie zeigte 11:21 Uhr an. Er war noch immer über sechs Kilometer vom Pacific Coast Highway entfernt. Es würde knapp werden.

Er überholte einen anderen Wagen auf der rechten Spur. Zwar verboten, aber das war ihm egal. Doch dann sah er im Rückspiegel einen blaurot aufleuchtenden Lichtbalken.

Highway Patrol. Sie waren hinter ihm her.

Eine Katastrophe.

Er hatte jetzt keine Zeit für Strafzettel. Wenn sie ihn anhielten, würde ihn das mindestens fünf bis zehn Minuten kosten, und er würde niemals rechtzeitig nach Malibu kommen. Und wenn sie wissen wollten, was in der Reisetasche war? Der Besitz der Waffen war zwar nicht strafbar, aber die Polizei würde sich sicher etwas einfallen lassen, um ihn festzuhalten und zu vernehmen. Und mittendrin würde die Meldung von der Explosion in seinem Wohnblock kommen.

Nein.

Alles, was er jemals angefangen hatte, war gescheitert. Doch heute Nacht würde er keine Niederlage einstecken. Heute Nacht konnte ihn nichts und niemand aufhalten. Wenigstens dieses eine Mal würde er gewinnen.

Er trat aufs Gas, wechselte von Spur zu Spur und schlängelte sich zwischen den langsameren Fahrzeugen hindurch. Der Polizeiwagen beschleunigte ebenfalls und eine Lautsprecherstimme rief ihm irgendwelche Anweisungen zu, die er nicht verstehen konnte.

»Fickt euch«, murmelte er. Er hatte sein ganzes Leben Anweisungen entgegengenommen. Sich immer den Wünschen anderer gefügt, ob Autowaschanlagenbesitzer, Supermarktfilialeiter oder Mr Zachareas von Zack’s Donut Shack. Er war immer ruhig, pünktlich und zuverlässig gewesen und hatte nie widersprochen. Aber jetzt, jetzt würde er widersprechen und die ganze gottverdammte Welt sollte ihn hören.

Die Cops versuchten mitzuhalten, während er von Spur zu Spur schlitterte, aber sie mussten Rücksicht auf die anderen Autos nehmen. Er musste auf niemanden Rücksicht nehmen und die Kennleuchte des Polizeiwagens im Rückspiegel wurde immer kleiner. Direkt vor ihm tauchte eine Abfahrt auf.

Er zog nach rechts, schnitt die anrollenden Fahrzeuge, die mit wütendem Hupen reagierten, und fuhr ab.

Die Cops würden sicher versuchen, ihm zu folgen, aber als er sie zuletzt gesehen hatte, waren sie auf der linken Spur, und er bezweifelte, dass es ihnen gelingen würde, rechtzeitig vor der Abfahrt die Spur zu wechseln.

Und selbst wenn, würden sie ihn nicht finden. Er war viel zu schlau, um die direkte Strecke zu nehmen. Er fuhr kreuz und quer durch Wohngebiete, kleine Seitenstraßen und Gassen, bis er sicher war, dass er den Streifenwagen abgehängt hatte.