10
Abby parkte auf ihrem persönlichen Stellplatz unter dem Carport des Gainford Arms. Als sie den Motor abstellte, schüttelte sich ihr kleiner Kombi wie ein nasser Hund.
Den Dodge Colt, den sie für zweitausend Dollar gebraucht gekauft hatte, fuhr sie nur, wenn sie verdeckt arbeitete. Zu Hause stand ihr richtiges Auto, ein flotter kleiner Mazda MX-5, mit dem sie problemlos die Kurven des Mulholland Drive bewältigen konnte, während ihr Haar ihm Wind wehte. Dabei stellte sie sich immer vor, sie wäre wieder in den Hügeln von Arizona und würde auf einem der Appaloosa-Pferde ihres Vaters über einen steilen Pfad reiten.
Aber hier in dieser Gegend konnte sie nicht mit dem Mazda herumfahren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Deshalb fuhr sie im Moment lieber den Dodge. Sie schloss den Wagen ab und überquerte den Parkplatz.
Als sie laute Musik und Gelächter hörte, schaute sie nach, woher der Lärm kam. Auf der anderen Seite des Parkplatzes entdeckte sie ein kleines, umzäuntes Betonpodest mit einem sprudelnden Whirlpool. Darin saßen ein paar junge Leute und tranken Bier aus langhalsigen Flaschen, während aus einem Kofferradio ein Lied von Shania Twain erklang.
Der Hausverwalter hatte den Whirlpool zwar erwähnt, den einzigen Luxus, den der Wohnblock bot, aber sie hatte ihm nicht richtig geglaubt. Im Nachhinein fand sie ihre Zweifel unangebracht, denn dies war immerhin Los Angeles, wo man selbst in den unansehnlichsten Vierteln noch Schwimmbecken und Whirlpools fand.
Das Wasser wirkte zwar einladend, aber sie hatte keine Lust, sich unter die Menge zu mischen.
Sie wollte gerade wieder gehen, da bemerkte sie einer der Feiernden. »He, hast du einen Badeanzug?«, rief er.
Sie lächelte. »Ich bin nicht in Laune, danke.«
»Wir bringen dich schon in Laune«, grölte ein anderer betrunken.
»Das bezweifle ich. Viel Spaß noch. Und passt auf, dass keiner von euch da drin ohnmächtig wird.«
Als sie ging, flehten die jungen Männer sie an zu bleiben, und als das nichts half, begannen sie zu pfeifen und anzüglich zu stöhnen. Feingefühl war anscheinend nicht ihre Sache, wenn’s um Eroberungen ging.
Sie fuhr mit dem Aufzug in den dritten Stock. Vor Hickles Wohnung blieb sie stehen, um zu lauschen. Sie legte das Ohr an die Tür und hörte den Fernseher. Es war einundzwanzig Uhr, zu früh für die Nachrichten. Vielleicht ließ er den Apparat einfach laufen, weil er sich dann weniger allein fühlte.
Sie schloss ihre Tür auf und trat ein. Die muffige Luft und der Anblick der billigen, abgewetzten Möbel und schmuddeligen Wände verschlechterten ihre Laune noch mehr. Sie hatte in den letzten Jahren zu viel Zeit in solchen Buden verbracht.
Sie legte sich auf die Couch und hielt mit dem Diktiergerät fest, was sie von Wyatt erfahren hatte. Dann brühte sie sich eine Tasse Kräutertee auf und stieg damit hinaus auf die Feuertreppe, wo sie ihn langsam trank und in den Nachthimmel schaute.
Irgendwann sah sie eine Sternschnuppe, die über den fernen Dächern einen fahl leuchtenden Bogen beschrieb. Vielleicht ein Omen – ob ein gutes oder schlechtes, wusste sie nicht.
Vom Parkplatz hallten laute Stimmen herauf. Die Feiernden hatten den Whirlpool verlassen. Ihr trunkenes Lachen wurde langsam leiser.
Der Pool war demnach leer. Sie beschloss, ihn auszuprobieren. Sie konnte etwas Entspannung gebrauchen. Unter der Kleidung, die sie mitgebracht hatte, befand sich auch ein Badeanzug. Sie zog ihn an, nahm sich ein großes Badetuch und ging nach unten. Sie lief durchs Foyer und über den Parkplatz zum Whirlpool. Das Tor davor war zu, aber das Schloss war defekt und sie kam ohne Schlüssel hinein. Auf einem Schild stand, die Nutzung des Whirlpools sei ausschließlich den Bewohnern des Gainford Arms gestattet und nur von acht bis zweiundzwanzig Uhr. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war schon Viertel nach zehn, aber es war niemand in Sicht, der sich beschweren konnte.
Die Jugendlichen hatten ein ziemliches Chaos hinterlassen. Rund um den Whirlpool standen leere Bierflaschen, überall waren Chips und Brezeln verstreut und neben einem der billigen Liegestühle lag ein angebissenes Twinkie.
»So was von schlampig«, murmelte Abby. Sie legte ihr Handtuch auf den Liegestuhl und darauf ihre Handtasche, nahm ihre Uhr ab und zog ihre Turnschuhe aus. Schließlich sank sie ganz langsam in den Whirlpool. Das Wasser sprudelte und gurgelte noch, denn die Jugendlichen hatten die Düsen nicht abgestellt.
Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich gegen den Betonrand und ließ sich den Nacken vom warmen, blubbernden Wasser massieren.
Sie hatte schon so lange nicht mehr ausgespannt – so richtig ausgespannt. Der Fall in New Jersey war ziemlich verzwickt gewesen und sie hatte ihn gerade erledigt, da hatte Travis sie auch schon nach L. A. zurückgerufen. Sie hatte praktisch keine Zeit für sich gehabt.
Sie fragte sich, ob es vielleicht ein Fehler war, den Fall von TPS zu übernehmen. Natürlich wollte sie Travis unbedingt beweisen was sie konnte und die Sache mit Devin Corbal wiedergutmachen, wenn das überhaupt möglich war. Aber vielleicht hatte sie sich zu viel zugemutet. In einem Beruf wie ihrem war Übermüdung der allergrößte Feind. Übermüdung konnte tödlich sein.
Nach diesem Fall, das versprach sie sich, würde sie Urlaub machen. Vielleicht würde sie nach Phoenix fahren und alte Freunde besuchen, in den Superstition Mountains wandern, über staubige Pfade reiten, wieder Kind sein.
Ja, all das würde sie tun … wenn dieser Auftrag erst erledigt war …
Sie spürte, wie sie in den Alphazustand abdriftete, an die Schwelle zum Schlaf. Ihre Gedanken wurden immer verschwommener und verflüchtigten sich. Alle Anspannung fiel von ihr ab und zurück blieb ein meditatives Gefühl der Ruhe.
Plötzlich bekam sie von hinten ein Stoß, Wasser schwappte über ihren Kopf, kochend heiße Düsen trafen sie am Hals … Ihr ganzer Körper war unter Wasser, die Oberfläche nur wenige Zentimeter entfernt, aber unerreichbar. Sie kam einfach nicht hoch.
Jemand drückte sie hinunter. Eine kräftige Hand hatte sie am Kopf gepackt und hielt ihr wirres Haar fest im Griff.
Sie griff nach der Hand, die sie hinunterdrückte. Sie wusste, wenn sie ihrem Angreifer einen Finger umknickte oder seinen Daumenballen quetschte, würde er augenblicklich einen scharfen Schmerz verspüren, aber er wehrte sie mit seiner freien Hand ab.
Wenn sie ihn nur sehen könnte …
Aber sie war unter Wasser und die Lichter an der Innenwand des Pools blendeten sie. Über ihr war alles schwarz. Sie konnte überhaupt nichts erkennen und bekam keine Luft.
Sie versuchte, sich tiefer zu ducken, um sich zu befreien, aber er hielt sie am Haar fest und ließ nicht los. Sie stemmte sich mit beiden Füßen vom Boden des Pools ab, aber ihr Angreifer drückte sie mit solcher Kraft nach unten, dass es aussichtslos schien.
In einem Schwall von Blasen, die sich mit dem sprudelnden Strom der Düsen vermengten, ließ sie einen wütenden Schrei los.
Das kostete sie fast ihre letzten Sauerstoffreserven. Sie würde jeden Moment das Bewusstsein verlieren und dann bräuchte er sie nur noch so lange hinunterzudrücken, bis sich ihre Lungen bei einem letzten unwillkürlichen Atemzug mit Wasser füllten.
So wollte sie jedoch nicht sterben, nicht in einem Whirlpool, mit dem Gesicht nach unten, umgeben von Müll und leeren Bierflaschen …
Bierflaschen.
Waffen.
Mit letzter Kraft hob sie einen Arm aus dem Wasser und tastete hinter sich am Rand des Pools entlang.
Ihre Hand schloss sich um einen Flaschenhals.
Sie zerschlug die Flasche an der Betonwand, dann stieß sie mit dem scharfkantigen Flaschenhals nach oben.
Sofort zog sich die Hand zurück, die sie hinunterdrückte.
Sie stieß noch einmal blindlings zu – nicht sicher, ob sie ihn beim ersten Mal erwischt hatte – und tauchte keuchend und Wasser spuckend auf.
Sie atmete tief ein, wirbelte herum und suchte nach ihrem Angreifer, aber sie sah nur das Tor, das scheppernd zufiel.
Sie hörte jemanden über den Parkplatz rennen. Die Schritte entfernten sich.
Sie lehnte sich gegen den Rand des Pools und versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Dann merkte sie, dass sie immer noch den Flaschenhals in der Hand hielt.
Sie untersuchte das abgebrochene Ende nach Blutspuren, fand aber keine. Auch auf dem Betonboden um den Whirlpool konnte sie keine entdecken.
Die Flasche hatte ihm nur Angst eingejagt. Verletzt hatte sie ihn nicht. Schade, denn eine Blutspur ließe sich untersuchen und später vielleicht einem Verdächtigen zuordnen. Außerdem hätte sie den Dreckskerl mit Wonne für das, was er getan hatte, bluten lassen.
Sie stellte die Flasche ab und stieg aus dem Pool. Die kühle Luft ließ sie erzittern. Sie wickelte sich in ihr Handtuch und stellte sich die große Frage:
Wer zum Teufel war das?
Sie war sich ziemlich sicher, dass es ein Mann gewesen war. Seine Hände waren groß und kräftig gewesen, typische Männerhände. Aber wem gehörten sie? Hickle? War er ihr auf die Schliche gekommen, oder hatte er sie vielleicht in seiner Vorstellung mit Jill Dahlbeck gleichgesetzt, von der er früher besessen gewesen war?
Er hatte sie gefragt, ob sie Schauspielerin sei – so wie Jill. Vielleicht hatte sie etwas an sich, das in ihm die gleichen Gefühle auslöste wie damals, als er Jill auf einer dunklen Straße in Hollywood mit Batteriesäure überschüttet hatte.
Vielleicht hatte dieser Überfall auch gar nichts mit Hickle und ihrem Fall zu tun. Sie erinnerte sich an Wyatts Worte: Wir sind hier in Hollywood. Hier spielen die Leute so oft scheinbar grundlos verrückt. Hickle ist bei Weitem nicht der einzige Irre, der hier rumläuft.
Dann kam ihr ein absurder Gedanke. Wie gut kannte sie Vic Wyatt wirklich?
»Ach, komm schon«, murmelte sie, »das ist doch paranoid.«
Natürlich war es paranoid. Sie arbeitete in einer paranoiden Branche und war darauf geschult, äußerst wachsam zu sein. Aber Tatsache war, dass jemand gerade versucht hatte, sie umzubringen. Knapp zwei Stunden, nachdem sie sich mit Wyatt getroffen hatte. Und so gut kannte sie Wyatt eigentlich gar nicht.
Sie waren sich am Vorabend zufällig in dieser Bar in Westwood begegnet, oder? Wirklich zufällig? Vielleicht hatte er sie verfolgt. Vielleicht war er auch ein Stalker … Schließlich kannte sie sich mit solchen Verhaltensmustern aus.
Angenommen, er war ihr nach ihrem Restaurantbesuch wirklich nachgefahren, und als er sah, wie sie in den Whirlpool stieg …
»Hat er versucht, mich umzubringen?«, fragte sie sich laut. »Warum sollte er?«
Sie wusste es nicht, aber es war zumindest eine Möglichkeit. Das Schloss am Tor war defekt, jeder hatte Zugang zum Whirlpool.
Sie glaubte es aber trotzdem nicht. Wyatt wirkte einfach überhaupt nicht psychisch labil, aggressiv oder zwanghaft.
Aber es gab eine Möglichkeit, ihn als Verdächtigen auszuschließen.
Sie nahm ihr Handy aus der Handtasche und rief Wyatts privaten Festnetzanschluss an. Er wohnte in Mid-City in der Nähe der Kreuzung La Brea Avenue und Washington Boulevard. Falls er noch vor wenigen Minuten hier gewesen wäre, könnte er jetzt noch nicht zu Hause sein.
Sie ließ es dreimal klingeln. Ihr Magen krampfte sich leicht zusammen. Sie wollte Wyatt nicht verdächtigen. Sie hoffte, dass ihr Angreifer niemand war, den sie kannte und mochte.
Es klingelte zum vierten Mal …
Und jemand meldete sich. »Wyatt.«
»Oh.« Sie atmete tief durch. »Hi Vic, ich bin’s. Hoffentlich rufe ich nicht zu spät an.«
»Nein, bei den Schichten, die ich in letzter Zeit arbeite, habe ich mich sowieso zur Nachteule entwickelt. Also, was gibt’s?«
Sie konnte schlecht sagen, dass sie anrief, um ihn als Verdächtigen für einen Mordversuch auszuschließen. Aber sie hatte noch keine Zeit gehabt, sich etwas zu überlegen, deshalb musste sie improvisieren. »Ich habe vergessen zu fragen, ob Hickle noch andere Frauen gestalkt hatte. Ich meine, außer Jill Dahlbeck. Gibt es da irgendwas in seiner Vergangenheit, Anzeigen vielleicht? Vorher oder seitdem?«
»Nicht dass ich wüsste. Aber ich habe das Gefühl, dass Sie etwas wissen.«
»Ich?«
»Warum sollte sich sonst plötzlich eine Sicherheitsfirma für ihn interessieren?«
»Nun … äh, kein Kommentar.«
»Hab ich mir schon gedacht. Und darf ich fragen, wer das neue Objekt seiner Begierde ist?«
»Kein Kommentar.«
»Sie hören sich an wie eine kaputte Schallplatte. Wollen Sie sonst noch was wissen?«
Sie hätte fast Nein gesagt, aber dann fiel ihr noch etwas ein. »Eins noch. Irgendwelche Berichte über Todesfälle durch Ertrinken in Hollywood?«
»Ertrinken? Meinen Sie kleine Kinder, die in einen Swimmingpool gefallen sind?«
»Nein, ich meine Erwachsene. Irgendwelche ungelösten Fälle? Ein Erwachsener, der in einem Schwimmbecken oder Whirlpool ertrunken ist. So was in der Art.«
»Und wenn, was sollte das mit Hickle zu tun haben?«
»Wahrscheinlich nichts, es gab da nur etwas, dem ich nachgehen wollte.«
»Nun, um Ihre Frage zu beantworten: Nein, es hat in Hollywood keine mysteriösen Fälle von Tod durch Ertrinken gegeben. Wenn, dann hätten doch die Lokalnachrichten darüber berichtet, glauben Sie nicht?«
»Klar. Natürlich. Entschuldigen Sie, dass ich gefragt habe.«
»Kein Problem, ich bin ja da, um zu helfen. Die Polizei, Ihr Freund und Helfer.«
»Okay, bis dann, Vic.«
»Machen Sie’s gut, Abby.«
Sie legte auf. So schnell wäre er niemals nach Hause gekommen. Außerdem hatte sie weder Zögern noch Angst in seiner Stimme bemerkt, als er ihre Frage nach Ertrunkenen beantwortete. Er schied als Verdächtiger aus.
Es blieb also nur ein Verdächtiger. Jemand, der viel eher infrage kam als Vic Wyatt.
Abby ging ins Haus und fuhr mit dem Aufzug in den dritten Stock. Sie ging in ihre Wohnung und stieg hinaus auf die Feuertreppe. Dann schlich sie sich ganz nah an Hickles Schlafzimmerfenster heran.
Das Fenster stand offen. Sie hörte Geplapper aus seinem Fernseher im Wohnzimmer. Kris Barwoods Stimme. Sie sah auf ihre Uhr: 22:40 Uhr. Die Spätnachrichten auf Channel Eight liefen noch.
Sie lehnte sich über das Geländer der Feuertreppe, um in das Wohnzimmerfenster zu spähen, das nur einen halben Meter entfernt war. Die Jalousien waren hochgezogen und sie konnte Hickle deutlich sehen. Mit nacktem Oberkörper und zerlumpten Shorts saß er auf dem Sofa und starrte versunken auf den Fernseher. Er sah aus, als hätte er sich seit Beginn der Sendung vor fast einer Stunde nicht gerührt. Wahrscheinlich war es auch so. Wenn die Nachrichten kamen, hörte für ihn alles andere auf zu existieren.
Abby kehrte wieder zurück in ihre Wohnung und überlegte. Wyatt kam nicht infrage. Und sie glaubte auch nicht, dass Hickle sie überfallen hatte.
Aber wer dann?
Da hat einfach jemand verrückt gespielt, dachte sie und erinnerte sich wieder an Wyatts Worte. Wir sind hier in Hollywood. Jede Menge Irre hier. Sie war unvorsichtig geworden und einer dieser Irren hatte das ausgenutzt. Vielleicht wollte er sie ja nur umbringen, um ihre Handtasche zu stehlen. Und als sie sich wehrte, bekam er es mit der Angst zu tun und rannte weg.
Aber wirklich befriedigend fand sie diese Erklärung nicht. Sie glaubte eigentlich nicht an Zufälle. Aber Wyatt und Hickle schieden aus, und einen anderen Verdächtigen hatte sie nicht.
Oder?