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Nachdem Abby in ein Zimmer im zweiten Stock verlegt worden war, versuchte sie verzweifelt einzuschlafen, aber sie kam einfach nicht zur Ruhe. Sobald sie die Augen schloss, sah sie ein Wirrwarr von Bildern: Hickle mit der Flinte, Wyatt, der neben ihr auf der Feuertreppe kniete, zerrissene Fotos von Kris auf Hickles Schlafzimmerboden. Manchmal tauchte Travis in ihren Gedanken auf und sie stellte sich vor, wie er im Bach mit den Armem um sich schlug und die Polizisten auf der Brücke ihn veralberten und lachten … aber es war gar nicht lustig, denn in der Ferne sah sie schemenhaft eine gekrümmte, abgerissene Gestalt. Das musste wohl Hickle sein, der sich heimlich davonschlich.

Aber das war doch Unsinn. Sie war übermüdet und ihr Hirn stellte die unsinnigsten Zusammenhänge her. Sie wünschte, sie könnte das Denken abstellen. Zu Hause hätte sie sich einen Baldriantee gekocht, aber im Krankenhaus gab es sicher nur herkömmliche Medizin. Nun, jedenfalls bekam sie kein Beruhigungsmittel, denn alle zwei Stunden musste ihre Reaktionsfähigkeit getestet werden.

Es war schon nach sechs und die Morgendämmerung kroch in ihr Fenster, als sie endlich Schlaf fand. Sie hatte befürchtet Albträume zu bekommen, aber die Angst war unbegründet. Ihr Hirn war endlich zur Ruhe gekommen und schwerelos entschwebte sie in die Dunkelheit.

Und als sie aufwachte, beugte sich Travis über sie.

»‘tschuldigung«, flüsterte er. »Habe ich dich geweckt?«

Sie setzte sich rasch auf und merkte fast nebenbei, dass ihr gar nicht schwindelig wurde und ihre Kopfschmerzen verschwunden waren.

»Nein«, sagte sie. »Ich meine: Ja, du hast mich geweckt, aber es ist nicht schlimm. Wie spät ist es?«

»Halb neun.«

»Morgens?«, fragte sie unsinnigerweise.

Travis lächelte. »Ja, und wir haben Samstag, den sechsundzwanzigsten März. Wie fühlst du dich?«

»Eigentlich nicht schlecht, nur ein bisschen benommen. Ich habe nicht viel geschlafen. Und du?«

»Ich habe gar nicht geschlafen. Ich war die ganze Nacht im Sheriff’s Office Malibu Lost Hills. Der Captain hat sich sehr interessiert für das, was ich zu sagen hatte. Und die beiden Detectives dort auch.«

»Warst du nicht ein bisschen voreilig? Wir haben doch gar keine richtigen Beweise …«

»Doch, jetzt schon. Unsere Computerleute haben eine Verbindung zwischen Western Regional Resources und der Firma gefunden, der der Bungalow in Culver City gehört. Aber dem Captain gegenüber habe ich nicht alle Einzelheiten erwähnt. Den Bungalow habe ich erst mal außen vorgelassen. Ich wollte nicht, dass er Fragen zu illegalen Aktivitäten stellt …«

»Zum Beispiel dem Einbruch in den Bungalow …«

»Genau. Ich habe nur gesagt, dass Howard Barwood nach unseren Informationen mindestens eine Scheinfirma hat, nämlich Western Regional Resources, und ein Handy auf diese Firma angemeldet hat. Außerdem, dass er Hickle, falls er wirklich mit ihm unter einer Decke steckt, wahrscheinlich mit diesem Handy kontaktiert hat. Ich habe vorgeschlagen, die Anruflisten des Mobilfunkanbieters zu überprüfen.«

»Und?«

»Donnerstagabend hat jemand mit diesem Handy bei Hickle angerufen. Seitdem interessiert sich das Sheriff’s Department sehr für Howard, aber er weiß noch nichts davon.«

»Und wo ist er jetzt?«

»Er soll verhört werden. Aber sie werden ihn mit Samthandschuhen anfassen, denn er hat überall Beziehungen und sie wollen nichts überstürzen. Zuerst müssen sie herausfinden, was wirklich läuft.«

»Aber sie sollen ihn bloß gut im Auge behalten. Wenn sie ihn an die lange Leine legen, haut er vielleicht ab. Und dann musst du ihnen von dem Bungalow erzählen.«

»Warum? Meinst du, da will er hin? Was soll er da?«

»Er bewahrt dort im Nachttisch eine Pistole auf. Vielleicht fährt er hin, um sie zu holen. Vor allem, wenn er vorhat, sich mit Hickle zu treffen.«

»Eine Pistole? Hast du nie erwähnt.«

»Es schien nicht so wichtig. Es ist ein kleiner Colt .45.«

Eine Schwester erschien in der Tür und erinnerte Travis daran, dass sie ihm nur fünf Minuten erlaubt hatte, und die seien jetzt um.

»Ich wollte gerade gehen«, sagte Travis mit einem Lächeln.

Aber die Schwester war immun gegen seinen Charme. »Ich bitte darum. Miss Sinclair hat beim Racquetball-Spiel eine böse Gehirnerschütterung erlitten.« Sie sah Travis mit zusammengekniffenen Augen an. »Sie waren nicht zufällig ihr Spielpartner, oder?«

»Abby und ich spielen keine Spielchen«, sagte Travis. »Jedenfalls nicht miteinander.«

Die Schwester runzelte die Stirn. Sie merkte, dass die Aussage einen versteckten Scherz enthielt, verstand ihn aber nicht. »Also, verabschieden Sie sich jetzt bitte und lassen Sie die Patientin schlafen.«

Als die Schwester weg war, lächelte Abby. »Siehst du, wie gut ich beschützt werde?«

»Die könnte ich bei TPS gebrauchen. Sie würde eine erstklassige Leibwächterin abgeben. Und mach dir wegen Howard keine Sorgen. Männer in seiner Position machen sich selten einfach aus dem Staub. Die engagieren lieber ein paar clevere Anwälte. Die denken immer, sie könnten sich irgendwie rauswinden. Und oft gelingt es ihnen auch.«

»Da hast du wahrscheinlich recht.«

»Aber falls er doch abhaut, werde ich der Polizei von dem Bungalow erzählen.« Er berührte nur kurz ihre Hand und zog seine dann weg. »Ich gehe besser, bevor der Wachhund wiederkommt. Außerdem muss ich hier auf dem Flur noch jemanden besuchen. Kris ist nämlich auch hier.«

»Kris? Hier?«

Er nickte. »Bei ihr bestand Verdacht auf neurogenen Schock. Sie wurde mit dem Rettungswagen hergebracht.«

»Aber Saint John’s Hospital wäre doch näher gewesen, oder UCLA Medical.«

»Ihr Hausarzt macht heute hier Bereitschaftsdienst, deshalb wollte sie her. Und einer Kris Barwood schlägt man nichts ab. Jetzt erst recht nicht mehr. Wenn du bisher schon dachtest, sie wäre ein Superstar, dann müsstest du den Medienrummel jetzt erst mal erleben.«

Sie wusste, woran er dachte. »Könnte das ein Comeback für TPS bedeuten?«

»Hoffen kann man ja.«

»Und vielleicht … vielleicht komme ich endlich darüber hinweg«, sagte sie leise, mehr zu sich selbst.

»Du meinst Corbal?«, fragte Travis.

Sie nickte. »Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich nicht versuche irgendetwas zu beweisen oder mich zu rehabilitieren. Aber das war gelogen. Ich habe die letzten vier Monate an nichts anderes denken können. Nur daran, wie ich versagt habe … und was ich tun könnte, um es wiedergutzumachen.«

»Du hast getan, was du konntest«, sagte Travis sanft. »Versuch zu schlafen. Du brauchst jetzt ganz viel Ruhe, die hast du dir verdient.«

»Ja, mache ich. Danke, Paul.«

Sie wurde von Müdigkeit übermannt und ließ ihren Kopf aufs Kissen sinken. Als sie die Augen schloss, beugte er sich über sie und küsste sie auf die Stirn. Eine zärtliche Geste, ungewöhnlich für ihn.

»Ganz viel Ruhe«, wiederholte er leise.

Sie schlief schon, bevor er das Zimmer verließ.