26
Zurbriggens Augen waren weit aufgerissen. In seinem aufgesperrten Mund steckte ein gelber Ball als Knebel. Jetzt wussten sie, wo Zurbriggen abgeblieben war, zumindest sein Kopf. Im ersten Reflex hatten sie alle laut aufgeschrien. Söder und Selma hatten sich abgewandt. Bumann, der die Tasche geöffnet hatte, war schlagartig aus der Hocke zurückgeschnellt und dabei mit dem Rücken gegen die kahle Kellerwand geprallt. Wie eine Spinne an einer feuchten Glasscheibe hatten seine Hände an den schroff gemauerten Wänden des Kellerkorridors vergeblich nach Halt gesucht.
Söder hatte als Einziger noch einen weiteren Blick in die Kühltasche gewagt in der Zurbriggens Schädel in einer Lache aus Blut schwamm.
»Machen Sie das weg!«, sagte Selma entsetzt.
Sie stand von der Tasche abgewandt mit dem Bauch zur Wand und ihre Hände klebten flach am Mauerwerk, als ob sie das Gestein beiseiteschieben wollte, um dahinter einen sonnigen Tag hereinzulassen. Leider war es draußen stockfinster.
Söder klappte mit dem Fuß den Deckel zu. Dann nahm er die Tasche, öffnete die Tür zum Skiraum und stellte sie dort ab. Als er zurückkam, sah man trotz des spärlichen Lichts, dass sämtliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen war.
»Ich will sofort hier raus«, sagte Bumann mit zitternder Stimme. »Mir egal, ob ich draußen erfriere, aber ich muss jetzt auf der Stelle hier raus.«
»Jetzt drehen Sie nicht durch, Bumann«, sagte Söder. Seine Stimme war fest. »Zurbriggen war allein und unbewaffnet. Kaltenbach hat ihn wahrscheinlich hier unten erwischt, als der Direktor seinem ...« Söder sprach nicht weiter.
»Seinem was?«, fragte Selma jetzt.
Söder drehte den Kopf zur Seite. Offensichtlich war ihm etwas herausgerutscht, was er lieber nicht gesagt hätte.
»Das willst du nicht wissen«, entgegnete er schließlich. »Wahrscheinlich hat Zurbriggen den Schlüssel für den Keller im Aufzug stecken lassen, das war sein Fehler.«
»Jetzt lenk bloß nicht ab. Was hat der Direktor mitten in der Nacht hier unten gemacht?«
Söder zuckte nur mit den Achseln, sagte aber nichts.
Jetzt fuchtelte Bumann, hysterisch mit den Armen in der Luft herum. Als er zu reden begann, überstürzten sich seine Worte.
»Wir sind mit Ihnen hier runter gegangen, um nach der Telefonleitung zu sehen, und um das CB-Funkgerät zu holen. Aber wie es aussieht, macht es diesem Irren einen Heidenspaß, Menschen abzuschlachten. Glauben Sie nicht, dass Sie es uns schuldig sind, uns alles zu sagen, was Sie wissen?«
»Nein«, sagte Söder bestimmt. »Ich bin niemandem etwas schuldig. Wenn du gehen willst, Bumann, nur zu, mal sehen, ob du dich alleine rauf traust.«
Bumann senkte den Kopf und blickte auf den Boden. Söder wandte sich an Selma und nickte ihr zu.
»Was ist mit dir, Selma?«
Selma sah ihn fest an. Zum ersten Mal nahm Söder ihre hellblauen Augen anders wahr als sonst. Sie wirkten jetzt kalt wie das Wasser eines Gletscherflusses.
»Wir sind zu dritt und haben eine Pistole. Ich würde sagen, noch sind wir im Vorteil. Wenn wir uns trennen, sind wir definitiv ein leichteres Ziel«, sagte sie.
»Habt ihr Mal daran gedacht, dass es möglicherweise gar nicht Eddie Kaltenbach war, der Zurbriggen abgeschlachtet hat?«, fragte Bumann jetzt hämisch und mit einem gemeinen Grinsen im Gesicht.
Selma sah ihn mit einem wütenden Blick an.
»Ach ja, wer soll es denn deiner Meinung nach sonst gewesen sein, Mister dreimalschlau?«
Doch nicht Bumann antwortete, sondern Söder.
»Es könnte auch Waller gewesen sein?«, sagte Söder.
Bumann nickte.
Selma schüttelte den Kopf und winkte ab.
»Ihr kennt ihn nicht. Er ist zu so etwas gar nicht fähig«, sagte sie.
Doch in diesem Punkt war Söder auf Bumanns Seite.
»Wir wissen nicht, wann Zurbriggen, der Kopf abgeschlagen wurde. Waller ist früh zu Bett gegangen. Was, wenn er nicht geschlafen hat, sondern sich Zurbriggen vorgeknöpft hat?«
»Und aus welchem Grund soll er das getan haben?«, sagte Selma. Ihr Ton ließ keinen Zweifel darüber, dass die Wut in ihr kochte. »Kaltenbach wird wegen Mordes gesucht. Martin Waller ist ein guter Freund von mir und ein unbescholtener Bürger. Wenn er für diese Schweinerei in Frage kommt, dann kommen wir alle auch dafür in Betracht.«
Söder ging nicht weiter darauf ein.
»Das bringt uns jetzt nicht weiter. Wir sollten jetzt den gesamten Keller durchsuchen, und wenn es nur dazu führt, dass wir ausschließen können, dass Eddie noch im Keller ist. Dann holen wir das CB-Funkgerät und versuchen damit Hilfe ...« plötzlich brach Söder seine Ausführungen ab, als ob ihm etwas Wichtiges eingefallen wäre.
»Was ist denn?«, fragte Bumann.
Söder gab ihm keine Antwort. Stattdessen bewegte er sich in Richtung des Korridors, den sie bis jetzt noch nicht erkundet hatten.
Während sie weiter die Räume nach Kaltenbach durchsuchten, dachte Söder an Zurbriggens Kopf und fragte sich, wo wohl der Torso war, aber eigentlich wusste er es bereits.
Schließlich blieben nur noch zwei Türen am Ende des Ganges, an dessen Stirnseite ein altes Friedhofskreuz aus Holz an der Steinwand hing, übrig.
Über dem Kreuz hing eine einzelne schwache Glühbirne, so dass sie die Inschrift gut lesen konnten. Darauf stand: Armin, darunter 1890 bis 1943 und Lena Zurbriggen, darunter 1892 bis 1943. Selma sah Söder fragend an, als ob sie eine Erklärung erwartete. Söder seufzte.
»Zurbriggens Großeltern. Sie waren die ersten Pächter des Hotels«, sagte Söder schließlich.
»Und?«
»Und was?«
»Warum ist das Todesjahr gleich?«
Söder zögerte. »Weil sie ermordet wurden. Hier im Hotel. Der Mörder wurde nie gefunden.«