50
Kenny sah das Messer, und dann sah er Jonathan. Er sagte nichts. Das Atmen fiel ihm schwer.
»Wer zum Teufel war das?«, krächzte Jonathan.
Kenny hustete. Seine Kehle war wund. Das Sprechen tat ihm weh. »Das weiß ich auch nicht genau«, flüsterte er heiser.
Jonathan nickte, als wäre das einleuchtend. Er lehnte sich an die Wand. »Er wollte uns beide umbringen.«
Kenny nickte, so weit ihm das möglich war.
»Warum?«, fragte Jonathan.
»Wegen des Cottages, glaube ich. Ich habe ihm in meinem Testament das Cottage vermacht.«
»Aber du kennst ihn nicht?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Jonathan warf Kenny einen Blick zu, als hielte er ihn für verrückt. Dann kniete er sich hin und hielt Kenny das Messer ans Auge. »Du weißt gar nichts über mich.«
»Nein.«
»Oder über sie.«
»Nein.«
»Also, wer zum Teufel bist du? Woher kanntest du Caroline?«
»Wir waren zusammen in der Schule. Als wir klein waren.«
»Wie klein?«
»Grundschule.«
Jonathan kicherte. Sein Lachen wurde zu einem Grunzen, dann zu einer Art Heulen. Blut tropfte aus seiner aufgeschlitzten Handfläche auf Kennys Gesicht. Kenny lag verrenkt auf der Seite, die Handgelenke an die Fußknöchel gefesselt, er war unfähig, tief Luft zu holen.
Jonathan drückte das Ende der Klinge auf die Haut unter Kennys Auge. Sie machte eine blasse Kerbe mit hellrosa Rändern.
Er drückte fester zu. Die Messerspitze glitt einen Millimeter unter Kennys Haut. »Willst du wirklich wissen, was passiert ist?«, fragte Jonathan in leisem, vertrauensvollem Ton.
Kenny blinzelte. Ja.
Jonathan sagte: »Was ich glaube: Sie hat einen Zug oder eine Fähre genommen und ist einfach nie mehr nach Hause zurückgekommen. Ich weiß nicht, ob sie es geplant hatte oder ob es ein spontaner Entschluss war. Ich glaube, sie hat davon geträumt, einfach abzuhauen. Wie auch immer.« Er lachte in sich hinein. »Sie hat ihren Pass nicht benutzt, also habe ich immer vermutet, dass sie in Europa geblieben ist. Vielleicht ist sie irgendwie nach Paris oder Barcelona gekommen. Das waren ihre Lieblingsstädte. Das hat sie zumindest behauptet. Ich glaube, sie mochte vor allem die Klischees.« Aus seiner Kehle kam ein Knurren, wie bei einem Hund, der gleich anfängt zu bellen. »Du denkst vielleicht, dass du sie geliebt hast oder dass du ihr etwas schuldig warst. Aber ich habe sie wirklich geliebt. Ich hab’s vermasselt, aber ich habe sie geliebt. Und jetzt sieh, was es mir gebracht hat. Sieh, was es dir gebracht hat.«
Kenny wusste nicht, was er sagen sollte, außer: »Es tut mir leid.«
»Wie heißt du?«
»Kenny.«
»Kenny und wie weiter?«
»Drummond.«
Jonathan fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. »Sie hat dich nie erwähnt. Ich hab deinen Namen noch nie gehört.«
»Nein.«
Sie schwiegen eine Weile.
»Wie lange hast du noch?«, fragte Jonathan.
»Nicht lange.«
Jonathan hockte sich hin und dachte nach.
Dann schnitt er Kenny los. Er legte ihm einen Arm um die Schultern und half ihm beim Aufstehen.
Sie humpelten in die Küche und stützten sich dabei gegenseitig. Jonathan goss sich ein Glas Wasser ein. Er trank es in einem Zug aus, dann ergriff er den Rand der Spüle und beugte den Kopf hinunter, als müsste er sich gleich übergeben. Er blieb so stehen, bis es vorbei war.
Dann goss er ein weiteres Glas ein und gab es Kenny, der sich an die Wand lehnte. Die grobe Schnur hatte an seinen Handgelenken Spuren hinterlassen. Kenny massierte sich die wunde Kehle, trank das Wasser.
Sie standen nebeneinander und sahen aus dem Fenster.
Jonathan sagte: »Niemand darf je erfahren, was hier geschehen ist. Nichts davon. Ich lasse nicht zu, dass diese Frau mein Leben noch mehr zerstört.«
»Nein«, sagte Kenny. »Ich auch nicht.«